Die Hooliganisierung der Gesellschaft

Schwarz-Rot-Blöd - Was die WM mit den Köpfen macht, von den Herzen nicht zu reden

Es ist nicht alles SchwarzRotGold was glänzt - manchmal ist es auch nur der Schweiß auf der geschminkten Stirn. Und in uns allen steckt natürlich irgendwo ein Materazzi. Aber müssen wir ihn rauslassen? Das "Volk" (Karl-Theodor zu Guttenberg) inszeniert sich während der WM selbst, das TV dient dazu als Verstärker. Was ist es aber, was hinter dem "neuen“ Patriotismus der schwarzrotblond geschminkten Alkopop-Mädels und der grölenden BWLer-Jungs steckt? Nur Medien-Quatsch? Oder doch das kollektives Unbewusste? Man kann nur etwas wecken, was schlummert. Ist der Fußball ein Wecker?

Die deutsche Nationalmannschaft wird immer das liebste Kind der Deutschen sein.

Berti Vogts

Noch immer das hölzern pedantische Volk, / noch immer ein rechter Winkel / In jeder Bewegung, und im Gesicht / Der eingefrorene Dünkel.

Heinrich Heine "Deutschland - Ein Wintermärchen"

Der Kopf wurde dick und dicker, bis er so dick war wie ein Fußball, dann plötzlich platzte er. Spontansex wäre möglich gewesen als mich das halbe Dutzend Alkopop-Mädels mitten auf der Fußgängerzone plötzlich umringte, kirchernd "Hurra, hurra, die Deutschen die sind da!" sang und die Tonnen von Farbe im Gesicht abbusseln wollte. In Berlin gibt es mehr Fahnen an den Autos als in München, die meisten in Zehlendorf; Rentner tragen schwarz-rot-gelbe Perücken; der Mob grölt. Alles gut. Fußball ist Fußball.

Aber es ist zuviel. Die Kombination aus romantischer Sehnsucht nach Evidenz im Augenblick sowie Identität durch Selbstverlust (Karl Heinz Bohrer) einerseits und andererseits keineswegs dummen Menschen, die während der WM doch alle Prinzipien über den Haufen werfen, um mal richtig auf Proll machen zu dürfen mit Sangria in Eimern und All-you-can-watch-Fußball-Buffet hat doch etwas überaus Sonderbares. Und wenn sich die Anzugträger aus den Büros auch noch unter die Fußballgucker mischen und Sprüche klopfen, wird es zur Klassenfrage. Zur ästhetischen versteht sich. Sollen sie doch zuhause gucken.

Ein paar weitere Momentaufnahmen aus den vergangenen Wochen: Die erste am letzten Samstag. Ein Biergarten in München, im "gutbürgerlichen" Glockenbachviertel, unmittelbar vor dem Anpfiff zum WM-Viertelfinale Argentinen-Deutschland. Es läuft die argentinische Nationalhymne. Ein junger Mann, so Anfang 30 zum ihm fremden Gegenüber im Argentinien-Trikot: "Na, jetzt will ich aber was hören..." Dann läuft die deutsche Nationalhymne: Der ganze Tisch steht auf, wie auch die meisten der Menschen an den übrigen Tischen, und singt im Stehen die Hymne mit. Immerhin die dritte Strophe.

Zweite Momentaufnahme: ebenfalls vergangener Samstag, nach dem Viertelfinale Spanien gegen Portugal, in der Münchner Bar "Schumann's". Das Schumann's ,muss man wissen, ist nicht nur der Ort mit der besten WM-Übertragung in München, sondern auch mit dem Anstand, Fahnenträger und Vuvuzuela-Tröter einfach nicht hineinzulassen. Nutzt aber nix, in diesem Fall. Denn drinnen pöbelte ein bekannter deutscher Dichter und bekennender FC-Bayern-Fan, flankiert von einem halben Dutzend SZ-Redakteuren, offenbar erfüllt von heimlicher Panik vor dem starken Halbfinal-Gegner, laut gegen die "Drecksspanier".

Dritte Momentaufnahme: Eine junge Deutsche, zu Besuch in der Schweiz, schaut unter lauter weiblichen deutschen Ex-Pats ein Spiel der Deutschen. Alle sind schwarz-rot-gelb geschminkt, haben weiße oder schwarze Trikots an, sie nicht. Sie bekommt zu hören: "Du arbeitest wohl nicht bei 'ner Bank, Du machts bestimmt irgendwas mit Medien."

Vierte Szene: Vor dem Spiel der Deutschen gegen Spanien, schnappe ich einem Berliner public-viewing-Ort folgenden Satz auf: "Klose macht zwei Tore, ich weiß es. Wenn nicht sogar drei." Je weniger Ahnung, um so mehr emotion. Emoción!

Das Wetter ist auch fast genauso schön wie vor vier Jahren. Vielleicht, dass die Mannschaft jetzt etwas besser spielt. Jeder hat irgendetwas Deutsches in der Hand. Eine Flagge, einen Fanschal, ein Bier. Ballack wirbt für Pepsi: "Jetzt erst recht". Die Milchwerbung vom ZDF-Milchmädchen Frau Müller-Reichsparteitag für die Molkerei Weihenstephan haben wir zwar verpasst, dafür aber nicht ihre groteske Ausrede: "Es war nie meine Absicht zu werben" und dazu den gesalzenen Kommentar von Stefan Niggemeier: "Wie dumm kann man eigentlich sein?"

Wenn ihre Mannschaft zu gut spielt, ticken die Deutschen aus, jeder auf seine Weise. Vielleicht ganz normal so. Vielleicht einfach die übliche Dummheit. Vielleicht aber auch doch was typisch Deutsches?

Vom "Sommermärchen" war schon vor vier Jahren die Rede, und manche wähnten sich plötzlich "in einem anderen Land", das den Fußball feierte "und sich selbst". Pädagogen mussten uns erklären, dass es alles ganz in Ordnung ist damit, Deutschland ganz in Ordnung zu finden und ganz viele Professoren schrieben und traten im Fernsehen und im Radio auf und redeten dort ganz viel über den neuen "unverklemmtem, weltoffenem Patriotismus" der Deutschen - solange, bis man es irgendwann nicht mehr glaubte. Denn was so oft betont werden muss, ist zumindest keineswegs unverklemmt.

Da liest man dann so Sätze, wie "Nur ein patriotisches Land ist wirklich bindungsfähig" ("Die Welt"), und hat gleich ein ganz schlechtes Gewissen, weil das irgendwie wie ein Vorwurf klingt. Nicht wegen der fehlenden Bindungsfähigkeit, das hatte einem die Ex-Freundin auch schon gesagt, sondern als sei man nicht patriotisch genug. Das eigene Land ist ja schließlich wichtiger als die Freundin, oder? Der Autor mit dem allzu sprechenden Namen Gerd Held (!!) schreibt dann noch den schneidigen Satz "Aber 'Bunt' ist als Flaggenfarbe so viel wert wie ein weißes Laken." Wow! Darauf muss man erstmal kommen. Der Mann ist bestimmt Reseveroffizier. Geht’s noch, Herr Major?

Aber bevor wir jetzt über Farbsymbolik nachdenken und uns zu viele Gedanken darüber machen, dass das deutsche Trikot einem weißen Laken ja auch recht ähnlich sieht, gehen wir lieber wieder auf die Fanmeilen und suchen nach der konkreten Gestalt des ach so entspannten deutschen Patriotismus. Die blendet das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen nach seiner Transmutation vom Berichts-Fernsehen ins Ereignis-Fernsehen schließlich auch immer häufiger ein. Sie sind auch nicht schlechter als die gewohnt nichtigen und sinnlosen Interviews, die Michael Steinbrecher führt. Aber alles wird medial grell bunt freudig angepinselt, die Fanmeilen-Besucher turnen dem Publikum zuhause vor, wie man Patriotismus inszeniert - eine Art Nationalgymnastik.

Was man davon, ist der Verstand einmal wieder in Betrieb, zu halten hat erläuterte drei Tage vor WM-Beginn der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer auf einer Veranstaltung der Böll-Stiftung zur "Ästhetik des modernen Fußballs". Gebauer, der unter anderem ein Buch über die "Poetik des Fußballs" verfasst hat, wies darauf hin, dass in keinem Land die Nationalmannschaft ähnlich wichtig ist wie in Deutschland.

Bei uns ist der Nationaltrainer eine ganz wichtige Figur. Das ist einmalig auf der Welt. Ähnlich wie die Ritale der WM-Vorbereitung: Alle erwarten von Löw und seinem Trainerstab, dass er ein Mastermind ist und eine ganz tolle Vorbereitung macht. Das ist auch klar, dass die erstmal Entspannungsübungen machen, dass die Frauen dabei sind, dass sie dann auf eine Mittelmeerinsel fahren, ohne Frauen, im Geheimen weiterarbeiten, in einem Bunker-artigen Hotel untergebracht werden, von Sicherheitsleuten beschützt, und dass die jetzt dort sich etwas ausdenken, und dann vier Wochen ohne Lagerkoller überstehen, nur mit Videospielen und mit Flipperautomaten beschäftigt: Männer unter sich.

Ähnlich äußerte sich zum WM-Auftakt bereits der Philosoph Detlev Claussen im Deutschlandfunk:

Da haben wir wieder mal den deutschen Sonderweg: In Deutschland wird die Rolle der Nationalmannschaft total überbetont. Das ist besonders bei Großereignissen der Fall. ... Fußball soll Spaß machen, das ist ein Fest. Das geht ein bisschen verloren. Was mich stört, ist nicht, dass Leute Flaggen hissen, sondern dass man das überhöht.

Claussen macht vor allem die Medien verantwortlich für das Schüren eines Sport-Nationalismus:

Das ist auch etwas Ärgerliches: Bei Großereignissen wie der Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften kommt ein großes Publikum; Personen, die sonst nicht zum Fußball gehen, die eigentlich nicht soviel Ahnung vom Fußball zu haben. Da wäre es eigentlich Aufgabe der Medien, zu informieren, was ein schönes Spiel ist, was ein taktisch gutes Spiel ist und die Leute für den Fußball zu interessieren und nicht diese Selbstbestätigung durch Fußball immer wieder durchzuziehen. Sport-Nationalismus ist eigentlich eine Geschichte der 50er Jahre. Das könnte man ein bisschen zurückschrauben. ... Das wird übertrieben mit diesem Schwarz-Rot-Gold. Ich würde niemals eine schwarz-rot-goldene Fahne aus meinem Balkon hängen. Sondern die Werder-Fahne. ... Ich finde, es ist wichtig, dass man es nicht aus dem Auge verliert: Der Fußball hat seine Wurzeln im Lokalen. Das Nationale ist ein sehr spätes Produkt im Fußball.

Claussen wie Gebauer sind sich einig darin, dass unter den Bedingungen der Globalisierung auch Zugehörigkeiten nicht per per Blut oder Genen oder Geburt manifestiert werden können, sondern Wahlverwandtschaften darstellen.

„Das Entscheidende beim Fußball ist ja, dass man in irgendeiner Weise Zugehörigkeit demonstriert. Es kann auch eine emotionale Zugehörigkeit sein: Man liebt eben Spanien, man liebt eben Holland, man kann auch Deutschland lieben, warum auch nicht?", so Gunter Gebauer. Ähnlich Claussen:

Es ist doch im Fußball sehr sehr wichtig, dass man weiß, zu wem man hält. Das kann man auch verschieben. Es muss überhaupt nicht so sein, dass man nur zu dem hält, aus welchem Teich man kommt. Das ist ja das Schöne: Man kann sich ja frei wählen, wen ich unterstütze. Deswegen kann ich mir auch die brasilianische Fahne an den Balkon hängen.

Bereits 2006 interpretierte der Soziologe Karl Otto Hondrich die seinerzeitigen emotionalen Wallungen eher als Äußerungen einer "Weltgefühlsgemeinschaft". Das Publikum wolle "dabei sein, mitfühlen können", aber nicht notwendig mit der Mannschaft der jeweiligen nationalen Herkunft.

Spanier sind ja schon deswegen sympathisch, weil ihre Nationalhymne keinen Text hat. Die Holländer haben einen Text, darin ist viel von deutschem Blut und dem spanischen König die Rede. Ziemlich un-PC. Dagegen ist der durch schwarz-rot-geilen Tankstellenmerchandising grundierte Schland-Patriotismus gerade in seiner Niedlichkeit auch wieder beunruhigend. "Schland", das ist verdruckst, klingt fast wie Schlumpf.

Der verschlumpfte Patriotismus aus dem Land der neuen Schlümpfe wird dann grundiert von jenen Leuten, die in der ARD zum Beispiel Sätze sagen wie: "Endlich sind wir wieder 'ne Gemeinschaft hier im Land. Also ich bin stolz auf Deutschland." Vorher waren wir also keine Gemeinschaft. Was dann? Gesellschaft?

Lektürehinweis:
Gunter Gebauer: "Poetik des Fußballs"; Campus Verlag, Frankfurt 2006 Volker Kronenberg: "Patriotismus in Deutschland. Perspektiven für eine weltoffene Nation"; VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006

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