Die Industrialisierung des Denkens

Über den Verfall politisch-kultureller Information

Hype als Dauerzustand, Banalisierung und Populismus prägen die politisch-kulturelle Öffentlichkeit der Gegenwart. Anstatt Aufklärung über die soziale Wirklichkeit zu leisten, fungieren Medien in ihrer Realität heute als Amüsierbetrieb und Ruhigstellmaschine. Information dagegen ist zum Infotainment mutiert, und nicht einmal die banalste Grundversorgung für den Bürger ist gewährleistet. Der in der Öffentlichkeit stilbildende Maßstab ist heute der Analphabet, der kulturfreie, politisch desinteressierte und bildungsunwillige Mensch - statt die Befähigung des Publikums zur politischen Entscheidung zu steigern, funktioniert der Mainstream der Medien als ein kulturloser universaler Verblödungszusammenhang und wird in der Konsequenz zum Instrument der Selbstzerstörung westlicher Demokratien.

Das Nachdenken beginnt immer erst, wenn etwas verlorenging. … Geht aber die Öffentlichkeit verloren, so geht die Formenwelt für das Nachdenken ebenfalls verloren.

Alexander Kluge

Dass Öffentlichkeit sich wandelt und Popularisierungstendenzen unterliegt, ist nicht neu. Aber wohin? Das Bild, das sich in den Demokratien des Westens derzeit zeigt, ist erschreckend: Hochkultur wird in vielen gesellschaftlichen Bereichen marginalisiert und zu einem Refugium der Eliten. Die neuesten Ereignisse im Leben von Britney Spears oder Paris Hilton sind auch in Deutschland allemal wichtiger als die Politik der Bundesregierung oder die Iran-Politik der US-Regierung. Wer hätte geahnt, dass die demokratischen Öffentlichkeiten Europas massive Brüche internationalen Rechts und skandalöse, noch nicht einmal notdürftig verbrämte Menschenrechtsverletzungen, für die das Lager Guantanamo symbolisch steht, undiskutiert dulden könnte? Die täglichen Exzesse der Trash-Kultur und die Ergebnisse der PISA-Studie sind nur einige weitere auf der Hand liegende Folgen.

Am 16. Mai 2007 veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Feuilleton einen Aufsatz des Philosophen Jürgen Habermas. Unter dem Titel "Keine Demokratie kann sich das leisten" setzte der Denker Überlegungen seines erstmals 1962 veröffentlichten medienwissenschaftlichen Klassikers "Strukturwandel der Öffentlichkeit" fort. Dort verweist Habermas unter Hinweis auf Zeitungskrise, Aufkäufe renommierter US-Blätter durch Großkonzerne und die zunehmende Reduktion journalistischer Qualität auf "die besondere Natur der Waren Bildung und Information" und folgert:

Keine Demokratie kann sich ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten.

Mit dem Hinweis darauf, dass Leser, Hörer und Zuschauer nicht nur Konsumenten seien, "sondern zugleich Bürger mit einem Recht auf kulturelle Teilhabe, Beobachtung des politischen Geschehens und Beteiligung an der Meinungsbildung" verbindet Habermas die Erinnerung daran, dass der durch die Verfassung garantierte Rechtsanspruch auf mediale Grundversorgung auch die Unabhängigkeit von Werbung und Sponsoreneinfluss einschließt. Genau diese Unabhängigkeit sieht Habermas heute in Gefahr.

Noch einen Schritt weiter geht Matthias Greffrath. In einem Essay "Macht's wie die BBC" in der Le Monde Diplomatique schreibt der Publizist und Jean-Amery-Preisträger seit langem ein scharfer Beobachter der Mediengesellschaft:

Man könnte die Sorge noch alarmistischer formulieren: Wir werden die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte nur halbwegs demokratisch bewältigen, wenn die nationalen Regierungen und Parlamente wieder handlungsfähig werden und wenn es gelingt, unter den Bürgern einen Konsens über die Umverteilungen von Lasten und Opfern herzustellen.

Wenn also die Bürger – alle Bürger – nicht nur gut informiert werden, sondern sich als chancenreiche Teilnehmer an diesen Umwälzungen begreifen können. In den letzten drei Jahrzehnten sind die Medien dem Marktgesetz verfallen. Ihre neue "Vielfalt" ist passgenauer Überbau der ökonomischen Basis: Unterschichten lernen auf Unterschichtenschulen, schlucken Unterschichtenessen, sehen Unterschichtenfernsehen; Eliten gehen auf Privatschulen, essen und joggen mit Stil und lesen FAZ, SZ und notfalls Die Welt.

Greffrath setzt besonders auf den Ausbau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Dies sei "der wirksamste und letzte Hebel" der Politik, um im Internet die Machtergreifung durch kommerzielle Interessen wenigstens einzugrenzen. Analog zur BBC sollten die Öffentlichen ihre Sendungen und Archive möglichst komplett ins Netz stellen, um kommerziellen jugendnahen Internetplattformen Konkurrenz zu machen.

Eine gute Idee, welche die deutschen privaten Kommerzsender RTLSAT1PROSIEBEN endgültig auf die Palme bringen dürfte: Die klagen bereits jetzt gegen die Internet-Auftritte von ARD und ZDF, die tatsächlich weit mehr sind als Programm-Informationen - aber nichts im Vergleich zu denen der internationalen Konkurrenz. Man könnte auch auf das internationale Programm von CNN verweisen. Am 1. Juli 2007 öffnete der Sender sein Archiv und stellte Nachrichtenfilme aus 27 Jahren kostenlos zum download online.

Bei der ARD wird dagegen derzeit nicht einmal ein Prozent des Gebührenaufkommens für die Netzprogramme eingesetzt. "Angesichts der Medienpräferenzen der jüngeren Generation", so Greffrath, "ist das mehr als grob fahrlässig."

Popularisierungstendenzen und -prozesse in den Medien sind natürlich keineswegs neu. Bereits nach der "Leserevolution" um 1800 setzten sich seit 1850 populäre Wege der Wissensverbreitung für ein Massenpublikum durch: Illustrierte Zeitschriften kamen auf, Fotografie und später dann der Film. Sie wirkten als Popularisierungsmedien wie heute das Internet und brachten nicht nur neue Formen und Strategien der Wissenspräsentation hervor - sie veränderten auch die Produktions- und Rezeptionspraktiken maßgeblich.

Man muss noch einmal darauf hinweisen: Auch Drogen sind nicht frei verkäuflich, obwohl sich das ökonomisch rechnet, und auch Konsumentenwünsche, die Freiheit des Bürgers und der Wille der Bürger wären hier kein Gegenargument. Daraus folgt: Ökonomie und Mehrheitswille sind unter Umständen nicht das Maß aller Dinge. Wie nun, wenn Infotainment eine geistige Droge wäre?

Seit dem Mord an John F. Kennedy hat das Fernsehen die Printmedien als Leitmedium der Gesellschaft abgelöst. Nehmen wir daher einmal das öffentlich-rechtliche Fernsehen, per staatlichem Programmauftrag und Selbstverpflichtung zu Information, Kultur und Bildung verpflichtet, unter die Lupe. Denn auch wenn sich die "Fernsehnation", die soziale Konsensbildung per TV-Leitmedien einstweilen aufgelöst hat, wird der Konsens nun durch gemeinsame Verfahren und Rituale der Vermittlung und des Konsums hergestellt.

Noch ist Fernsehen weiterhin das Leitmedium. Trotz der bereits beobachteten Veränderung der Mediennutzung - für 24 Prozent der Deutschen gehört das Internet inzwischen zu den wichtigsten Informationsquellen über das aktuelle Geschehen (Quelle: Allensbacher Computer- und Technikanalyse (Acta) 2007) - gehört das Fernsehen immer noch für 78 Prozent zu den wichtigsten Quellen, Zeitungen noch für 53 Prozent.

Doch Selbstverpflichtung hin, Programmauftrag her: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen verrät derzeit seine Kernaufgaben. Statt sich programmatisch deutlich vom Privatfernsehen abzusetzen, verludert der eigentliche Auftrag, werden private und öffentliche TV-Formate zunehmend ununterscheidbar.

Im September 2004 verabschiedete die Hauptversammlung des öffentlich-rechtlichen Senderverbundes ARD eine sogenannte "Selbstverpflichtung". Diese solle, so der damalige ARD-Vorsitzende Jobst Plog, bei der Vorstellung der Richtlinien helfen, die Position der ARD in der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, ihr Profil zu schärfen und "den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Systems" fixieren. Laut diesen Leitlinien sind "Information, Kultur, Bildung, Beratung und Unterhaltung" die Kernaufgaben der ARD. "Die ARD pflegt investigativen Journalismus im Ersten zur besten Sendezeit", heißt es weiter in dem Leitlinien-Papier, in dem sich die ARD auf einen Informationsanteil von mindestens 40 Prozent für ihr Gemeinschaftsprogramm "Das Erste" verpflichtet.

Die Realität sieht, drei Jahre später und fast zwei Jahre nach dem Start der lange debattierten ARD-Programmreform, allerdings völlig anders aus: Noch nie war das Niveau der öffentlich-rechtlichen Sender so niedrig, die in den Staatsverträgen geforderte Grundversorgung mit Information und Kultur so miserabel wie heute. Ein paar ARD-Beispiele im Schnelldurchlauf: Der "Bericht aus Berlin" (früher als "Bericht aus Bonn" legendär) wurde aus dem Freitagabend-Programm verbannt und läuft nun am frühen Sonntagabend. Die politischen Magazine - laut ARD-Programmdirektor Günter Struve ("Quoten-Struve") ein "Farbtupfer" im Programm - wurden mit der Programmreform um immerhin ein Drittel von 45 auf 30 Minuten Länge gekürzt.

Auf dem 20.15-Uhr-Sendeplatz zur Primetime nach der Tagesschau laufen außer gelegentlichen "Brennpunkten" aus aktuellem Anlass vor 22.15 Uhr (einst 21.45 Uhr) auf der ARD überhaupt keine Informations- oder Kultursendungen mehr. Das sonntägliche Kultur-Magazin "Titel, Thesen, Temperamente" verschob man flugs auf einen noch späteren Platz im Spätprogramm, von 22.45 auf 23 Uhr, zugunsten von "Anne Will" und Tagesthemen. Als es "Sabine Christiansen" noch nicht gab, hatten die Kultursendungen an ihrem alten Programmplatz (21.45 Uhr) im Durchschnitt 2,36 Millionen Zuschauer geholt, jetzt kommen sie nur noch auf 800.000-1 Million.

Dabei ist der vom Gesetzgeber auferlegte Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen klar definiert: Er besteht aus dem Dreiklang "Bildung, Information, Unterhaltung" - in dieser Reihenfolge. Heute hat sich die Reihenfolge längst umgedreht.

Unterhaltung steht an erster Stelle, die Bildung fällt inzwischen zumeist völlig unter den Tisch - als Folge jahrelanger Salamitaktik zur Verschiebung anspruchsvoller und "anstrengender" Programme an die Ränder der Zeitschiene. Schon 2003 protestierten 13 bekannte Buchverleger in einem offenen Brief gegen diese "Marginalisierung der Kultur im deutschsprachigen Fernsehen" und kritisierten einen "verhängnisvollen Verstoß gegen den Programmauftrag."

Seit diesem Jahr ist solche Marginalisierung sogar offiziell: Laut einer 2005 veröffentlichten Studie der Agentur media-102 (anlässlich einer Anhörung der Enquete-Kommission des Bundestags zum Thema "Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien für die Kultur") zeigt das angebliche "Vollprogramm" ARD täglich im Schnitt nur 25 Minuten Kultur, das ZDF immerhin noch 50 - wozu dann allerdings auch ein geschmackloses "Schiller"-Biopic mit Matthias Schweighöfer genauso gerechnet werden wie Guido-Knopps historische "Dokus" im Stil von Landserheftchen. Angeführt wird die Statistik von 3sat, wo mit 372 Minuten täglich fast doppelt soviel Kulturprogramm läuft wie auf arte (210 Minuten). Damit liegt das Aushängeschild arte übrigens klar abgeschlagen nur auf dem vierten Platz, noch hinter BR alpha (273) und Phoenix (260).

ARD und ZDF berufen sich im Hinblick auf solche Statistiken immer gern auf den "Bouquetgedanken" und verweisen auf die Spartensender arte und 3sat, wo es ja Kultur zur Hauptsendezeit gäbe. Genau solche Verschiebung widerspricht aber der Idee des "Vollprogramms" und damit der Grundlage der Finanzierung öffentlich-rechtlicher Sender durch Gebühren. Nach dieser Logik müsste es gar kein öffentlich-rechtliches Vollprogramm mehr geben, sondern nur noch Spartensender. Und man wartet weiterhin gespannt darauf, wann ein solcher Spartenkanal auch für den Sport, die Volksmusik und jene Programmteile geschaffen werden, die nachweislich nur von Zuschauern über 65 oder über 75 Jahren Durchschnittsalter gesehen werden.

Auch fragt man sich, warum ARD nicht längst einen Degeto-Spezial-Sender, und das ZDF einen Rosamunde-Pilcher-Kanal gegründet haben? In den dritten Programmen zeigt man immerhin auch jenseits der dominierenden Bond-Wiederholungen alte Filme sowie "Tatorte" früherer Jahre - Kultur und Information findet aber auch hier nur noch selten statt.

Beklagenswert ist aber mindestens genauso auch die schwindende Qualität dessen, was überhaupt noch gezeigt wird. Viele Fernsehnachrichten sind längst zu Parodien ihrer selbst mutiert: Die Sprecher hasten von News zu News, überschütten die Zuschauer mit sinnlosen - weil nicht kommentierten, erklärten, auf ihre Ursachen verwiesenen - Statistiken, es folgen atemlose Live-Schaltungen zu Reportern, die eigentlich nichts zu erzählen haben, wenn die "Schalte" technisch überhaupt gelingt. Angstmacherei, Übertreibung, Sensation und Aufregung dominieren, der Hype ist Dauerzustand. Und am Ende, direkt nachdem ein toter Dichter oder Darsteller gemeldet wurde, folgt die kleine Schmunzelei oder die angestrengt lockere Übergabe zum Wettermann, der oft genug auf dem Senderdach in der Sonne oder auf irgendeinem Gipfel im Sturm stehen muss, als ob das seine Informationen irgendwie glaubwürdiger machte.

Grundsätzlich dominiert auch bei den Öffentlich-Rechtlichen heute der von den Privaten übernommene Pseudojournalismus, der Ranschmeiße und Marketing kombiniert:

  1. Ranschmeiße: Alles so einfach wie möglich und dann noch etwas einfacher. Beiträge sind grundsätzlich populistisch, serviceorientiert, in Inhalt und zugrundeliegenden Werten konservativ. Vorurteile des Publikums sollten so bestätigt werden, dass sie wie kritische Auseinandersetzung wirken. Journalisten konstruieren eine Welt aus Betroffenen (vor allem Opfern, aber z.Tl. auch Tätern (das sind auch Betroffene) und treten als deren Teil auf - wo sie sich doch von Betroffenheiten jeder Art abgrenzen und Distanz wahren müssten.
  2. Marketing: Der Zuschauer wird von den Informationssendungen des Fernsehens primär gut neoliberal als Kunde und nicht als Bürger begriffen. Auch als Kunde des Staates und der Politik - die dann wiederum Dienstleister sind. Die den westlichen Demokratien verfassungsrechtlich zugrunde liegende Auffassung des Zuschauers als Bürger, der sich Teilhabe am Staat sichert, Mitakteur und damit allerdings auch Verantwortungsträger ist, wird dagegen gedanklich systematisch ausgehebelt. Zuschauer sind handelnde Individuen nur noch dort, wo sie Konsumenten sind.

Die Journalisten wiederum sind weder Stellvertreter des Publikums, noch Helfer, Anwälte, mitunter privilegierte Informanten und Lehrer. Sie verstehen sich nicht länger als neutrale oder gar parteiische Unterstützer des Publikums und seiner Aktivität, sich in der Gesellschaft zu beteiligen. Sie wollen keine Dialoge organisieren, Probleme aus Bürgersicht lösen oder die Bürger mobilisieren. Sie wollen auch keine Themen gewichten, die Relevanz eines Gegenstandes bewerten. Im Gegenteil: Alles ist gleich viel wert, bzw. dann am meisten wert, wenn das Interesse des Publikums am größten ist. Sie sind heute einerseits Dienstleister, andererseits Verkäufer ihres eigenen Produkts: Der Sendung. Ihr Ziel ist Aufmerksamkeit und die Zufriedenheit der Zielgruppe. Entpolitisierung prägt die Informationsangebote der Öffentlich-Rechtlichen.

Unabhängige Beobachter sprechen ein eindeutiges Urteil: Vom "Trend zur Banalisierung" spricht der "Medien-Tenor", ein Bonner Medienforschungsinstitut, das seit zehn Jahren die Meinungsführer-Medien analysiert. Fazit: Zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Fernsehnachrichten sei inhaltlich "kaum noch ein Unterschied festzustellen".

Der Kulturauftrag wird, wo man ihn nicht in die Zeit nach 23 Uhr verbannt, zur Gänze mit Alibiproduktionen erledigt: "Harald Schmidt" ist so eine, eine andere "Living History"-Retro-Soaps wie "Abenteuer Sommerfrische", "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus", wo Fernsehen Menschen von heute dabei zuguckt, wie sie versuchen, mit den Existenzbedingungen vergangener Epochen klarzukommen - ein Dschungelcamp für Akademiker.

Übrigens: 44 Prozent aller Bundesdeutschen sagen, an dem Themenbereich Kunst und Kultur sehr (19%) oder zumindest etwas interessiert (25%) zu sein. Trotzdem geht man mit Kultur im Fernsehen schon stilistisch in einer Weise um, dass der Warnruf "Vorsicht, Kultur!" sehr berechtigt scheint. Fernsehmacher, offenbar immer noch komplex- und ressentimentgeladen wie Leute, die als Kinder nie zum Kindergeburtstag eingeladen wurden und mit ihrem kleinen Schmuddelmedium Fernsehen nie richtig zum großen Feuilleton dazu gehören durften, behandeln Kultur, als sei diese Pornographie: Verschämt schmunzelnd oder ernst und weihevoll, unbedingt nach 22 Uhr und konsequent lieblos. Die Studios sind postmodern gestylt, doch der verdrießlich-schwerblütige Ton ist asbach-uralt. Die Beiträge selbst sind allzu oft hastiger Mix aus Information und Emotion - das Gegenteil von Geistesgegenwart.

Nur ja nicht nachdenken und innehalten, lautet die unausgesprochene, formal aber immer vermittelte Botschaft. Sichtbar wird darin vor allem das tiefe Misstrauen der meisten Macher ihrem Gegenstand gegenüber. Mehr noch als andere Themenbereiche wird Kultur in den Sendungen des Fernsehens bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht. Die einzige Alternative dazu lautet "Serviceorientierung" - noch so ein Schreckenswort aus der Folterkammer der TV-Direktoren und BWL-studierten Jungspunde der Geschäftsführungsetagen. Oder es zeigt der WDR fünf Stunden Karneval, denn schließlich handele es sich um "authentische Landeskultur". Oder nehmen wir in paar Passagen aus einem Interview mit WDR-Kulturchef Helfried Spitra, die das Selbstverständnis eines heutigen Machers recht gut illustrieren:

Ich bin ein Vertreter des breiten Kulturbegriffs, also Lebenskultur, Architektur, auch eine Trinkkultur, Diskussionskultur, Gesprächskultur. Also nicht nur Hochkultur, auch wenn sie ganz, ganz wichtig ist. … Ich glaube, es behauptet sich ein Kulturprogramm, das inhaltlich intelligent gemacht ist und das auch die Gefühlsebene des Zuschauers anspricht. Auch deswegen muss man halt über Machart reden. Farbkomposition oder die Frage, in welches Licht tauche ich ein Studio: all das ist sehr wichtig. Wie wird moderiert? … Ich glaube, es ist möglich, derart Inhalte und Emotionen zusammenzubringen, ohne dass wir uns dem Vorwurf aussetzen müssten, nur Emotionen zu transportieren und die Inhalte zu vernachlässigen. … In früheren Jahrhunderten hat Kultur auf dem Jahrmarkt stattgefunden. Fürs Volk. War das falsch? Ich sage nein. … Kultur ist ja nicht nur Fernsehen. Kultur ist ein Fluidum, in dem wir uns tagtäglich bewegen. Das fängt an mit unserer Essenskultur." (In: epd medien, 16. Januar 2002)

Die entscheidende Frage ist hier gar nicht einmal die, ob dies auch der Kulturbegriff ist, der Spitras Programmauftrag zugrundeliegt, sondern eher, ob Spitra damit eigentlich jene Personen unter seinen Zuschauern repräsentiert, die seine dann Programme sehen und hören sollen - oder nicht eher jene, die das gerade nicht tun.

Wer es vor 40 Jahren nicht wahrhaben wollte, als Hans Magnus Enzensberger das Fernsehen als "Nullmedium" verächtlich machte, muss ihm heute zähneknirschend zustimmen. Auf die Realität des Gegenwartsfernsehens trifft die These zu. Eine Industrialisierung des Denkens scheint die Verhältnisse zu prägen und die Macht in den Köpfen der Macher übernommen zu haben. Der kulturlose universale Verblödungszusammenhang namens Fernsehen scheint tatsächlich zum entscheidenden Instrument eines Selbstzerstörungsprozesses der westlichen Demokratien zu werden, und mit dem Abendprogramm geht auch das Abendland endgültig unter.

Mitte der 70er-Jahre sprach der US-Denker Richard Sennett vom "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens". Tatsächlich kann das sich zunehmend fragmentierende Fernsehen schon länger nicht mehr als Agora und Forum einer telepolitanen Demokratie fungieren. Dafür kommt es auf den gläsernen Psychocouches der Trash-Talkmaster zu der von Sennett beschriebenen "Verdrängung der res publica durch die Annahme, gesellschaftlicher Sinn erwachse aus dem Gefühlsleben von Individuen", zur "Rückkehr zum Stammesleben", zur Dominanz von Individuen, die als "glaubwürdig" und "wirkungsvoll" eingeschätzt und dadurch in den Rang von "Führern" befordert werden - nicht etwa nur Politiker von Stoiber bis Lafontaine, sondern beispielsweise auch Talkmaster, ob "politisch" wie Christiansen und Will, oder "unpolitisch" wie Kerner.

Fernsehen leistet heute kaum noch Aufklärung über die soziale Wirklichkeit. Vielmehr reduziert es ihre Komplexität bis auf eine Stufe, in der von ihr nicht mehr übrig bleibt. Ausgerechnet in einer sich globalisierenden Welt wird Erfahrung durchs Fernsehen lokalisiert und personalisiert. Zugleich wird sie - wie überhaupt Politik mit ihren Fragen nach Interessen, Machtverhältnissen und Zusammenhängen - personalisiert, emotionalisiert und skandalisiert. Der Versuch, Politik durchschaubar zu machen, wird kaum noch unternommen - Entpolitisierung dominiert auch die Darstellung von Politik. Damit ist diese nicht mehr, als ein weiteres Puzzlestück im Amüsierbetrieb Fernsehen.

Wer gegenüber dieser sanften, einschmeichelnden Tyrannei Maßstäbe, Kriterien oder gar Qualität einfordert, sein Gehirn beim Einschalten des Geräts nicht ausschalten möchte und bestreitet, dass Inhalte nur Geschmackssache sind, gilt nicht nur als Spaßverderber, sondern vor allem als Snob. Nun ist es noch die Frage, warum man dort, wo der bildungsfreie Mensch zur stilbildenden Gruppe erhoben werden soll, nicht womöglich ein bisschen elitär argumentieren darf. Nur sind vielleicht umgekehrt gerade jene die Elitären, die ein Programm verantworten, das sich vor allem danach ausrichtet, was man dem Publikum alles angeblich nicht zumuten darf, die der "breiten Masse" jedes aufklärerische Ideal vorenthalten wollen und sich mit den Diagnosen jener Soziologen trösten, die seit Jahren konstatieren, Fernsehen sei nun mal ein "Unterschichtenmedium".

Egalitär ist, wer den Menschen gleiche Chancen geben will und das nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner - also auch gleiche Chancen, um eine Folge von "Kulturzeit" zu verstehen. Demgegenüber beschleicht einen mitunter der Verdacht, als hätten manche das Fernsehen der Zukunft primär als Ruhigstellmedium für die arbeitslosen Massen im Sinn. Wenn die Gesellschaft immer weiter auseinander driftet, liegt das auch an einem Fernsehen, das sie spaltet, nicht zusammenfügt, das die Dummen dümmer und die Klugen nicht klüger macht. Dagegen Oberschichtsfernsehen für alle - das wäre doch was!

Für den Rest und alle anderen Interessen blieben dann ja immer noch die Privaten. Wozu müssen ARD und ZDF für 180 Millionen jährlich Fußballrechte einkaufen? Warum für 120 Millionen pro Jahr Boxkämpfe? Damit könnten doch die Privaten ihre Rendite verbessern.

Man kann es sich natürlich auch gaaanz einfach machen und augenzwinkernd kapitulieren, wie der "Medienkritiker" Kurt Scheel in der taz:

Das Pack macht, was es will, und so ist es eben auch beim Fernsehen. Wir sollten deshalb mutig dem Entsetzlichen ins Auge blicken und anerkennen, dass spätestens mit dem Fernsehen die Massen ihr eigenes Medium bekommen haben: von Hinz für Kunz. (…) Hören wir mit dem ressentimentgeladenen Gerede übers Fernsehen auf und dem ewigen Gejammer darüber, dass es so viele niveaulose Titten- und Comedy- und Stadlsendungen gibt.

Ok. Hören wir auf. Dann aber bitte auch mit dem Gebührenzahlen.

Die wirkliche Krise der Öffentlichkeit ereignet sich aber jenseits des Fernsehens: Es ist das Verschwinden einer gemeinsamen politischen Vision, eines politischen Willens. Öffentlichkeit bedeutete ursprünglich die Fähigkeit, den gemeinsamen Willen der Civitas herzustellen und durchzusetzen. Das Verschwinden dieses Politischen, der Idee eines Staates als politischem Gemeinwesen (Polis), ist die eigentliche Krise der Öffentlichkeit. Und so verstandene Öffentlichkeit existiert nicht einfach, man muss sie schon herstellen. Und es sind die Bürger, die dem stattfindenden Enteignungs- und Verwertungsprozeß Widerstand entgegensetzen müssen.

Aber paradoxerweise ist es nicht das Verschwinden von Pluralität, sondern gerade ihre Zunahme, der Zerfall der Gesellschaft in viele Gemeinschaften, in Szenen und Lebensstile, der die Krise des Öffentlichen befördert. Öffentlichkeit sollte also nicht bedingungslos dem Chaos des Marktes überlassen werden. Welche demokratischen und kulturellen Chancen lägen dagegen in einem marktunabhängigen öffentlichen Fernsehen. Es muss dann auch nicht 20 Sender haben, zwei, drei, vier gute genügten vollkommen.

Am kommenden Wochenende (23./24.11.2007) findet im Berliner "Zentrum für Literatur- und Kulturforschung" (Schützenstr. 18, 10117 Berlin-Mitte, Raum 308) ein öffentlicher Medienforschung-Workshop zum Thema "Wissenspopularisierung im medialen Wandel seit 1850" statt. Dabei geht es aus interdisziplinärer Perspektive unter anderem um die Frage, wie Medien die Auswahl, Verknüpfung und Perspektivierung von Wissensbeständen lenken, wie sich Medienkonkurrenz auf Popularisierungsstrategien auswirkt, und wie Massenkommunikationsmedien die Rezeptionsformen einer Öffentlichkeit steuern.

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