"Die Intelligenz hat sich weitgehend aus der Politik zurückgezogen"

Interview mit Wolfgang Schömel über seinen Roman "Die große Verschwendung"

Während zum Beispiel die genderorientierte Avantarde-Literatur zu rot-grünen Zeiten ob des Besuchs im Bundeskanzleramt ihr Gymnasiastenglück kaum fassen konnte macht Wolfgang Schömel die desaströsen Privatisierungsorgien der damaligen Koalition zum Sujet seines lesenswerten Werks und zeichnet dabei die zunehmende Verberlusconisierung der Republik und Verblödung des Politbetriebs kritisch nach. Weil er seinen fiktiven Protagonisten, den grünen Kultursenator Dr. Georg Glabrecht als Zyniker beschreibt, der viel mehr als Politik Sex im Kopf hat, wurde sein Buch nicht nur mit Lorbeer bedacht.

Herr Schömel, in ihrem Roman wird eine norddeutsche Stadt beim Bau eines riesigen Aquariums und einer gigantomanischen Oper von einem global agierenden Glücksspiel-Unternehmen über den Tisch gezogen. Und ein grüner Politiker wird als zynischer, alternder, sexsüchtiger, von seiner Ehe gelangweilter und von Todesvisionen wie auch Flatulenzen geplagter Mann gezeichnet, der zur Kompensation Unmengen an Medikamente konsumiert, mit seinem Rotwein-Sortiment die eigene Garage blockiert und nicht zuletzt seinen politischen Opportunismus unter dem Mantel eines unideologischen Pragmatismus verbirgt. Zudem tauchen neben fiktiven auch die Namen echter Schriftsteller und Politiker auf. Mussten Sie Ihr Buch vor der Veröffentlichung zwecks Vermeidung rechtlicher Konsequenzen von einem Juristen lesen lassen?
Wolfgang Schömel: Nein, der Hinweis auf die umfassende Fiktionalität des Textes, der vor Textbeginn steht, ist eine juristische bewährte Schutzmaßnahme. Im Übrigen sind auch die Zitate zum Beispiel von Wowereit und von Henning Scherf belegt: Die Wirklichkeit schlägt häufig genug jede Satire. Aber erlauben Sie mir einige Widerworte zu Ihrer Frage: Als "alternd" empfindet der 49jährige, durchtrainierte Glabrecht sich vor allem selbst. Das ist vor allem seine eigene Sicht, nicht die Sicht seiner Umwelt. Dieser Mensch schont sich ja selbst am allerwenigsten.
Ist Sigmund Freud vergessen, ausradiert durch politische und feministische Korrektheit?
Über die angebliche "Sexsucht" - Sie sind ja nicht der Erste, der das so sieht - kann ich mich nur wundern. Was ist sexsüchtig an der Tatsache, dass Glabrecht unter seiner sexuell abgestorbenen Ehe leidet, dass er die Welt sehr häufig mit sexuellen Augen sieht, dass er auf die allgegenwärtige Internet-Pornografie stößt, die ihn mit gutem Grund fasziniert, die er aber auch abstoßend findet? Ist Sigmund Freud vergessen, ausradiert durch politische und feministische Korrektheit?
Wenn Glabrecht tatsächlich sexsüchtig ist, was waren dann Willy Brandt, John F. Kennedy, Marlon Brando, Grace Kelly, was sind Tiger Woods, Dieter Bohlen und und und? Ist diese Wertung für den sexuell überaus harmlosen Glabrecht nicht in Wahrheit ein deutlicher Hinweis auf die entsetzliche Enterotisierung unserer tatsächlichen Lebenswelt - bei gleichzeitiger Totalpornografisierung der Scheinwelt? Glabrecht ist nicht sexsüchtig, sondern süchtig nach Entgrenzung, Nähe, Intimität, Liebe und Erlösung. Und das begleitet er ständig mit selbstironischen und selbstverhöhnenden Gedanken. Er ist vollkommen ehrlich, aber auch völlig gnadenlos sich selbst gegenüber. Mir imponiert das in gewisser Weise.
Sehen Sie selbst Ihr Buch als einen Schlüsselroman oder sind Ihrer literarischen Phantasie zu schnell diverse Skandale und Pleiten - Stichwort Space-Park in Bremen und Elbphilharmonie in Hamburg - nachgefolgt? Wie sind Sie überhaupt zu der Idee gekommen, Ihr Buch zu schreiben?
Wolfgang Schömel: Das Buch ist nur in dem Sinn ein Schlüsselroman, dass es überall auffindbare Phänomene beispielhaft in einer Geschichte vorführt. Es waren die Verwischung der Grenzen zwischen Eventindustrie und Kunst, die umfassende Verblödung des politischen Sprachgebarens, die zunehmende Stromlinienförmigkeit des politischen Personals, die ich aufgreifen wollte. Hinzu treten sowieso immer und ausnahmslos die großen Themen des Lebens und der Literatur. Hinzu treten außerdem meine persönlichen Themen: Schuld, die Suche nach Erlösung und die Formen der Ich-Entgrenzung.
In der Süddeutschen Zeitung wurde Ihnen vorgeworfen, Sie würden Ihre Polit-Protagonisten zu eitlen und verblödeten Hampelmännern degradieren. Wir hingegen könnten uns vorstellen, dass Ihre Darstellung durchaus der Realität entspricht. Wie schwierig ist es aus dem Politikermetier literarisch glaubhafte und lebensechte Figuren zu erschaffen, wenn die Karikaturen eben der Empirie entsprechen und das Klischee ständig von der Realität überholt wird? Würde hier ein Protagonist, dessen Charakter weniger ausrechenbar und grob gestrickt und insgesamt sympathischer wäre zu sehr der Realität widersprechen? Mittlerweile sehen ja Politiker so aus, wie sie wohl tatsächlich sind ...
Wolfgang Schömel: Nun, zum angesprochenen Artikel in der Süddeutschen Zeitung muss ich jetzt ein paar Sätze sagen, das lässt sich nicht vermeiden, weil der Vorgang tatsächlich äußerst ungewöhnlich ist. Herrn Briegleb aus Hamburg habe ich unter anderem als publizistischen Kritiker der Hamburger Kulturpolitik, besonders des Projekts "Elbphilharmonie" schätzen gelernt. Dass seine sogenannte Rezension derart überdeutlich gegen jede saubere literaturwissenschaftliche Technik, zum Beispiel gegen die Unterscheidung von Erzähler und erzählter Figur, und in vieler Hinsicht gegen absolut jeden Anstand verstößt, hat mich deswegen sehr gewundert. Es mag vielleicht daran liegen, dass ich literarisch in sein markiertes Revier vorgedrungen bin.
Während der Lektüre der harten moralkritischen Gedanken des Protagonisten scheint Herr Briegleb dann von einer intellektuellen Schüttellähmung befallen worden zu sein. Seine Wut treibt ihn sogar dazu, meinen Namen zu verunstalten, was mit Sicherheit Vorsatz ist. Dabei zeigt er mehr von sich selbst und seinem Charakter, als ihm lieb sein kann, zum Beispiel dann, wenn er behauptet, es gäbe in dem Buch nicht den geringsten Hauch von Komik, und wenn ihn die maximal durchschnittlich sexualisierte Weltwahrnehmung Glabrechts derart unsagbar hormonell aufrührt, dass man sich um seine Gesundheit Sorgen machen muss. Der ganze Vorgang verrät übrigens auch vieles über das sogenannte Großfeuilleton und seine Regenten, über den Zustand der Literaturkritik. Schließlich haben vor der Veröffentlichung noch andere Augen auf diese Kritik geschaut als diejenigen Herrn Brieglebs. Mein Buch hat jene Kollegen sehr tief unter ihr Niveau gedrückt, offenbar hat es Gewicht.
"Nietzscheanischer Immoralismus"
Zu Ihrer eigentlichen Frage. Wir könnten froh sein, wenn meine Darstellung der "Realität" häufiger entsprechen würde. Senator Glabrecht ist nämlich immerhin ein Mensch, der auf der Suche nach Wahrheit, der sensibel und leidensfähig ist. Und, was noch viel wichtiger ist: Er ist ein Mensch, der an die Worte und die Wörter glaubt. Das ist ganz entscheidend. Er kann sich nicht spalten in einen politischen und in einen privaten Menschen. Das unterscheidet ihn ganz wesentlich von seinen Politikerkollegen, die im Grunde "zweisprachig" sind: Eine Sprache für die Wähler, eine andere, in der sie untereinander sprechen, mit der sie denken.
Glabrecht ist, wenn man so will, in dieser Hinsicht ein Künstler. Sein Ausweg aus der Zwangsspaltung, der er unterliegt, ist ein habitueller und verzweifelter nietzscheanischer oder gracianischer Immoralismus, der ihm aber hinten und vorne nicht gelingt, denn er ist viel zu weich. Zum Beispiel müsste er die "mimetischen Arschkriecher" um sich herum aus machtpolitischen Gründen belohnen, aber er tut es nicht. Er verachtet sie. Er mag vielmehr die intelligenten Selbstdenker. Das politische Geschäft treibt ihn fast in den Wahnsinn, er leidet unter Tourette und allen möglichen psychischen und psychosomatischen Bedrängungen. Er säuft zu viel.
"Grob gestrickt" ist, da muss ich Ihnen entschieden widersprechen, Glabrecht mitnichten, ganz im Gegenteil, er ist hochkomplex. Schauen Sie auf seine Naturexperimente! Glauben Sie seiner Frau und seiner Geliebten. Die beiden sehen das nämlich ebenfalls ganz anders. Glauben Sie auch seinem klugen Freund Christoph Madlé. Glabrecht ist ein Melancholiker, den es in die Macht sozusagen verschlagen hat. Ich selbst hätte keine Angst davor gehabt, unter einem Glabrecht zu "dienen". Ganz im Gegenteil. Die Macht erzeugt den Machiavellismus aus sich selbst heraus.
Sie verdirbt dabei aber nicht den Charakter, sie zeigt ihn vielmehr, genauso wie das Geld es tut. Die Macht legt die Zerbrochenheit von Glabrechts Charakter zutage. Er ist ein Möchtegern-Zyniker, ein Not-Zyniker. Die sind mir tausend Mal lieber als die echten Zyniker, von denen wir in der Politik, der Wirtschaft und den Medien umgeben, umzingelt sind.
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