Die Iran-Connection

Nach Aussagen eines Zeugen im zweiten Hamburger al-Quaida-Prozess wird bald die Weltgeschichte umgeschrieben werden müssen – zumindest, was den 11. September angeht.

Eigentlich sollte im zweiten Hamburger Terrorprozess vor dem OLG am vergangenen Donnerstag das Urteil im Falle Abdelghani Mzoudi gesprochen werden (Ein bisschen schuldig geht nicht). Dieser muss sich seit August '03 vor der Kammer im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September wegen Beihilfe zum Mord in über 3.000 Fällen sowie Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Überraschend brachte die Bundesanwaltschaft einen neuen Zeugen ins Spiel, dessen Aussage Mzoudi stark belasten soll. Das Gericht setzte daraufhin die Urteilsverkündung aus und stieg wieder in die Beweisaufnahme ein.

Zwei BKA-Beamte referierten am vergangenen Donnerstag vor der Kammer die Angaben eines Zeugen, der sich als ehemaliger hochrangiger Mitarbeiters des iranischen Geheimdienstes VEVAK vorstellte, und dem auf seinen Wunsch hin Anonymität zugesagt worden war. Der Mann habe von engen Verbindungen zwischen dem iranischen Sicherheitsdienst und den Drahtziehern der Anschläge gesprochen, so die Zivilfahnder. Der namentlich nicht Genannte setzte sich 2001 aus dem Iran ab, wurde von den BKA-Beamten aber als glaubwürdig eingeschätzt.

So haben laut dieser Aussage im Januar und Mai '01 zwei Treffen zwischen iranischen Politikern und al-Qaida-Vertretern, u.a. Bin Ladens Sohn Saad, stattgefunden. Der Zeuge will für die Sicherheit bei diesen Treffen verantwortlich gewesen sein. Außerdem will er ein Dokument besitzen, einen Brief des Ministers für Sicherheit, geschrieben wenige Tage nach dem 2. Treffen, in dem dieser den iranische Geheimdienst VEVAK anweist, Vorkehrungen für einen Schlag gegen die amerikanische Wirtschaft, das Ansehen der USA und deren Sicherheit, zu treffen. Dabei so vorsichtig und clever vorzugehen, dass keine Spuren hinterlassen werden, die negative Auswirkungen für die Zukunft des Iran hätten. Der Zeuge legte den BKA-Beamten dieses in Farsi geschriebene Schriftstück vor, lehnte aber ab, eine Kopie für die Beamten machen zu lassen.

Der Zeuge wollte seinen Namen nicht nennen, machte aber einige Angaben zur Legitimation seiner Person. U.a. verwies er auf einen Bericht des US-Magazins Insight, in dem er zitiert würde. Dort ist die von ihm geschilderte Geschichte zu lesen, erzählt von einem Mann namens Hamid Reza Zakiri. Dieser wirft dem Iran vor, al-Qaida-Ausbildungslager unterhalten, Terrorgruppen, nicht nur al-Qaida, finanziell und logistisch unterstützt, Fluchtwege ermöglicht und gefälschte Papiere besorgt zu haben. Auch die Besitztümer von al-Qaida, u.a. große Goldmengen, sollen über den Iran in den Sudan gebracht werden. Außerdem steht dort, in der Eingangshalle des VEVAK-Hauptquartiers hätten im Sommer 2001 Miniatur-Modelle des World Trade Centers, des Pentagon und des Weißen Hauses gehangen.

Laut Einschätzung von Fereydoun Gilanis, einem in der BRD lebenden iranischen Journalisten, handelt es sich bei Zakiri in der Tat um einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter. Dieser lebe in Los Angeles und habe sich den Monarchisten angeschlossen. Das deckt sich mit der Aussage des namentlich nicht bekannten Zeugen im Hamburger Prozess, der dem BKA gegenüber angab, der Kontakt zu Insight sei durch den Sohn des Ex-Schahs Reza Pahlevi hergestellt worden.

Die iranische Opposition, so Gilani weiter, habe Zakiri im Verdacht, als Doppelagent für den CIA und den iranischen Geheimdienst zu arbeiten. Der große Unbekannte gab dem BKA gegenüber an, engen Kontakt zu einer Person zu haben, die beim iranischen Geheimdienst "ganz oben" stünde. Beide hätten "etwas Großes" vor.

Sein Informant im Iran habe ihm im Dezember in einer Email Informationen über Mzoudi zukommen lassen, so der Zeuge gegenüber den Zivilfahndern. Demnach sei der Angeklagte verantwortlich für die Logistik und die Nachrichtenübermittlung der Terrorgruppe gewesen. Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Untersuchungshaft im Dezember gehe Al-Qaida davon aus, dass Mzoudi mit deutschen Behörden zusammen arbeite. Außerdem nehme man bei al-Qaida an, dass die Haftentlassung auf Druck des amerikanischen Geheimdienstes CIA geschehen sei, damit US-Fahnder sich an Mzoudis Fersen heften und so Spuren zu bisher noch nicht bekannten "Terrorhelfern" finden könnten. Deshalb stünde Mzoudi unterdessen auf der Todesliste der Al-Qaida. Eine Kopie der Mail liegt dem BKA vor, konnte aber bislang nicht übersetzt werden, da ein Code benutzt wurde.

Sollte dieser abenteuerlich anmutende Agententhriller der Wahrheit entsprechen, wird die Geschichte des 11. Septembers wohl umgeschrieben werden müssen. Laut dem Oppositionellen Gilani basiert sie vermutlich zumindest auf Teilwahrheiten, denn Kontakte des Iran zu Terrorgruppen, die im Nahen Osten operieren, seien seit langem bekannt. Der Iran gehöre zu George W. Bushs Achse des Bösen. Deshalb, so Gilani, sei Zakiri vermutlich ein Teil des Plan des CIA, den Iran zu diskreditieren und so Sanktionsmaßnahmen in der Öffentlichkeit salonfähig zu machen.

Wer immer der mysteriöse Zeuge sein mag, seine Angaben im Falle Mzoudi sind bis jetzt eher dürftig. Er bot den BKA-Beamten gegenüber an, mehr Informationen aus dem Iran zu beschaffen, aber vorher müsse er mit der Bundesanwaltschaft klären, wie er künftig seinen Lebensunterhalt bestreiten könne. Das Gericht entschied, sich selbst ein Bild von Mr. X zu machen und will ihn nächsten Donnerstag vorladen. Da wird sich dann herausstellen, ob der iranische 007 mehr zu bieten hat, als die Lizenz zum Lügen – falls er überhaupt kommt. (Birgit Gärtner)

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