Die Jahrhundertpleite

1. Akt: Ein Münchner Bankhaus dreht am großen Rad

Dieser Artikel ist der erste Teil einer dreiteiligen Telepolis-Serie zum Finale des Untersuchungsausschusses zur Hypo Real Estate.

Wie teuer die Rettung des Münchner Bankhauses Hypo Real Estate (HRE) den Steuerzahler schlussendlich kommen wird, ist schwer zu sagen. Der Staat ist bereits mit 87 Milliarden Euro in Form von direkten Bürgschaften und Kapitalspritzen involviert und das Ende des Tunnels ist noch längst nicht in Sicht. Zusammen mit den - vom Staat garantierten - Krediten aus dem Bankensystem summieren sich die Rettungskosten bereits auf 102 Milliarden Euro. Die HRE-Pleite ist damit der mit Abstand größte Sanierungsfall der deutschen Geschichte, die Folgekosten werden noch ganze Generationen belasten. Während ansonsten jede Ausgabe von Steuergeldern öffentlich und parlamentarisch diskutiert wird, fand die Entscheidung über die Vergabe von Rettungsgeldern für die HRE in einer Größenordnung, die immerhin den Landeshaushalten von Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg zusammen entspricht, hinter verschlossenen Türen statt. Gab es bei der Bankenrettung wirklich keine Alternative, die für den Steuerzahler günstiger gewesen wäre?

Glaubt man den Verlautbarungen der verantwortlichen Banker und Politiker, gab es keine Alternative. Die HRE wurde ihnen zufolge vom Finanzbeben, das durch den Kollaps der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgelöst wurde, mitgerissen. Sowohl die Bankenaufsicht, als auch das Finanzministerium waren demnach von der Tragweite der transatlantischen Sogwirkung komplett überrascht. Wenn überhaupt jemand die Schuld an diesem Desaster habe, so sei dies der größenwahnsinnige und gierige HRE-Chef Georg Funke. Funke passt nur allzu gut in die Rolle des Bauernopfers - ein unprätentiöser Aufsteiger aus dem Ruhrgebiet, kein Mitglied der Old-Boys-Networks der Deutschland AG, schlecht vernetzt, großspurig und uneinsichtig. Ihm aber die alleinige Schuld an der Jahrhundertpleite zu geben, lenkt hingegen nur von den zahlreichen Mitschuldigen ab.

Die Finanzmarktpolitik hat genau die Vorraussetzungen gefördert, die der HRE das Genick brachen. Die Bankenbranche wurde durch die HRE-Rettung auf Kosten der Steuerzahler saniert. Die Finanzmarktaufsicht hat im besten Falle geschlafen. Wer die Jahrhundertpleite verstehen will, der muss seinen Blick auf die Zeit vor dem dramatischen Rettungsgipfel im Herbst 2008 richten. Die dramatische Schieflage war nur die Eruption einer Kette von Ereignissen, die bereits in den turbulenten Jahren nach der Wiedervereinigung ihren Anfang nahmen.

Die HRE ist das Produkt einer Bankenkrise, die ihren Ursprung in den Spekulationen mit ostdeutschen Immobilien nach der Wiedervereinigung hatte. Die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank hatte sich nach dem Mauerfall auf abenteuerliche Immobilienspekulationen eingelassen und saß Ende der 90er Jahre auf einem riesigen Portfolio unverkäuflicher Grundstücke. Nur durch die Fusion mit der Bayerischen Vereinsbank konnte sie 1998 vor dem drohenden Kollaps gerettet werden. Doch auch die neu entstandene HypoVereinsbank hatte immer noch die Altlasten in ihrer Bilanz. Nachdem sie rund 20 Milliarden Euro mit ostdeutschen Plattenbauten verloren hatte, lagerte sie 2003 große Teile ihres Immobiliengeschäfts in die vom Mutterhaus abgetrennte Hypo Real Estate aus und sicherte sich so das eigene Überleben. Schon die Geburt der Resterampe HRE stand unter einem schlechten Stern. Die HRE bekam von ihrer Mutter jedoch nicht nur ostdeutsche Ramschimmobilien, sondern auch das internationale Immobilienportfolio mit in die Wiege gelegt - der Grundstock für einen irrealen Aufwertungswettlauf, der aus der Resterampe einen Global Player machen sollte.

Die Leitung der HRE wurde einem Außenseiter aus der zweiten Reihe anvertraut. Georg Funke war eher ein Parvenü als ein klassischer Banker. Vor seinem Einstieg ins Bankgewerbe verwaltete der gebürtige Gelsenkirchener Sozialwohnungen. Als Mitarbeiter der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank arbeitete er sich schnell nach oben und leitete in den 90ern mit Erfolg ihre Londoner Dependance. Da er - allein aufgrund seiner Abwesenheit vom Münchner Standort - einer der wenigen Bankmanager war, der den Immobilienskandal schadlos überlebte, und ein Topbanker nach dem anderen absagte, bekam Funke bei der HRE die Chance seines Lebens.

Als Funke das Steuer bei der HRE übernahm, war die Bankenwelt um ihn herum außer Rand und Band. Ackermann verkündete sein Unternehmensziel von 25% Eigenkapitalrendite, Risiken wurden durch scheinbare Finanzinnovationen aus den Büchern herausgerechnet, an der Wallstreet und in der City of London wurden Kredite gebündelt, neu verpackt und als Wunderpapiere mit AAA-Rating weiterverkauft. Funke wollte es dem Establishment zeigen - 2005 übernahm er die Württembergische Hypothekenbank, die schon früh in den Markt der internationalen Immobilienfinanzierung eingestiegen ist. Abschreibungen auf Altlasten der Schwaben läuteten drei Jahre später dann auch den Zusammenbruch der HRE ein. Um auch beim hochprofitablen Geschäft mit gebündelten Ramschkrediten mitspielen zu können, gründete die HRE über eine irische Tochter im gleichen Jahr die "Collineo Asset Management". Risiken waren zu jener Zeit bei Bankern unbekannt, und wer Rendite machen wollte, musste auf den fahrenden Zug aufspringen. Die Bundesregierung störte das nicht im Geringsten - im Gegenteil, man wollte den einheimischen Instituten keine Steine in den Weg legen und versprach eine "Finanzmarktaufsicht mit Augenmaß".

Funke hatte es geschafft. Im Winter 2005 stieg die HRE in den DAX auf und verdrängte dort ausgerechnet die ehemalige Mutter HypoVereinsbank - welch Genugtuung für die Resterampe. Im April 2006 erreichte die HRE einen Börsenwert von gigantischen 7,7 Milliarden Euro, ab diesem Zeitpunkt ging es allerdings bergab. Die Vorzeichen hatten sich auf einmal geändert. Seit dem Platzen der Dotcom-Blase und 9/11 gab es eine lange Phase der Niedrigzinspolitik bei den Zentralbanken. Ab 2005 erhöhte die FED - und ein Jahr später auch die EZB - schrittweise den Leitzins, womit sich das Fremdkapital, das für das moderne "Turbobanking" dringend notwendig ist, verteuerte. Plötzlich wurde die HRE selbst zum Übernahmekandidaten und die Ratingagenturen setzten die Bank zusätzlich unter Druck. Wenn die HRE keine neuen Geschäftsfelder erschließen könne, drohe ihr binnen kürzester Zeit eine Abwertung. Da auf den "traditionellen" Märkten für die HRE keine Traumrenditen mehr zu erzielen waren, sollte sie nun über Zukäufe wachsen und Funke hatte schon bald ein geeignetes Übernahmeopfer im Visier.

An die altehrenwerte Deutsche Pfandbriefanstalt erinnerte bei der irischen Depfa Bank plc bestenfalls der Name. Früher war die Bank ein gemeinnütziges Staatsunternehmen, das kleinen Häuslebauern ihren Traum erfüllte und Kommunen über die Emission von Schatzbriefen finanzierte - grundsolide, langweilig und renditeschwach. Im damaligen Privatisierungswahn wurde die Bank 1991 an die Börse gebracht und dann auf Rendite und Shareholder Value getrimmt. Der Mann, der dieses Vorhaben ab dem Jahr 2000 in die Tat umsetzte, war Gerhard Bruckermann, neben dem Deutschbanker Josef Ackermann wohl der talentierteste Turbobanker der Republik. Bruckermann drehte am ganz großen Rad, trennte sich vom langweiligen und margenschwachen Immobilienbereich, verlegte den Unternehmenssitz des "Staatsfinanzierers" ins Bankenparadies Irland, wo sowohl die Steuern, als auch die Bankenaufsicht bestenfalls lax sind, übernahm in Personalunion den Vorstands- und den Aufsichtsratsvorsitz und startete mit Vollgas durch ins goldene Bankenzeitalter. Die Finanzierung von Staatsanleihen und die Refinanzierung über Pfandbriefe waren irgendwann nur noch eine Fassade, die allerdings für grundsolide Ratings sorgte und der Bank den Zugang zu Fremdkapital erleichterte.

Im Jahre 2002 hatte die Depfa ein Kreditvolumen von 73,1 Milliarden Euro bei einem Eigenkapital von einer Milliarde Euro vergeben - ein Hebel von 73:1. Bruckermanns Jahressalär betrug damals stolze 7,4 Millionen Euro, unter ihm die gesamte Bankenwelt, über ihm nur noch der Himmel - und natürlich Josef Ackermann. Auch Ackermanns Zielvorgabe von 25% Eigenkapitalrendite war für Bruckermann kein Problem. Wenn Ackermann 25% sagte, legte Bruckermann 30% vor, zeitweise galt die Depfa sogar als renditestärkste Bank Europas. Wer so hohe Renditen erzielen will, muss auch ein sehr hohes Risiko eingehen, und das ist mit Staatsanleihen und Pfandbriefen natürlich nicht zu machen. Die Depfa war zu jener Zeit ein gigantischer Hedgefonds mit angeschlossener Pfandbriefausgabe, ein Gigant auf tönernen Füßen, dessen Finanzierung einem Schneeballsystem glich.

Um sogar aus Pfandbriefen und Staatsanleihen noch konkurrenzfähige Renditen herauszuholen, refinanzierte die Depfa sie mit kurzfristigen Krediten, die sie auf dem Interbankenmarkt aufnahm. So hatte die Depfa beispielsweise Staatsanleihen mit Laufzeiten von bis zu 30 Jahren im Werte von 200 Milliarden Euro vergeben, von denen sie die Hälfte mit Krediten vom Interbankenmarkt refinanzierte, deren Laufzeit nur wenige Monate, teilweise sogar nur wenige Wochen betrug. In den Zeiten, in denen die Märkte durch die niedrigen Leitzinsen mit Geld förmlich überflutet wurden, war das auch kein großes Problem.

Als die Notenbanken die Zinsen erhöhten, wurde das ehemals hochprofitable Geschäft jedoch auf einmal riskant. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn durch eine Finanzkrise auch noch der Interbankenmarkt austrocknen würde. Die Finanzierungsstruktur der Depfa war so aufgebaut, dass ihr bei einem Versiegen des Interbankenmarktes teilweise nur noch für 13 Tage Kapitalreserven bleiben würden. Ohne Garantien wäre die Depfa dann pleite und hätte bei einer Bilanzsumme von 230 Milliarden Euro den irischen Staat, der einen Schutzschirm für alle irischen Banken angekündigt hat, wohl in den Staatsbankrott getrieben. Dazu kam es natürlich nicht, denn im fernen München gab es einen Banker, der dumm genug war, die irische Zockerbude mit ernsthaften Liquiditätsproblemen zu übernehmen, und dafür auch noch einen fürstlichen Preis zu zahlen.

Für 5,2 Milliarden Euro übernahm Georg Funkes HRE am 23. Juli 2007 die irische Depfa. Gerhard Bruckermann konnte drei Kreuze machen - er kassierte bei dem Deal rund 100 Millionen Euro und machte sich nach Südspanien aus dem Staub, wo er seitdem Orangen züchtet. Vom Bankgeschäft konnte er allerdings auch als Privatier nicht lassen - als Direktor der kambodschanischen AMK-Bank vergibt er seit neuestem Mikrokredite mit Zinssätzen zwischen 28 und 32 Prozent. Gier kennt bekanntlich keine Grenzen.

Was hat Funke dazu bewogen, die irische Depfa zu übernehmen, wohl wissend, dass die unsolide Finanzierungsstruktur des Hauses auch die HRE in arge Probleme bringen würde, wenn sich die Lage auf den Interbankenmarkt nicht bald wieder verbesserte? Der ganze Deal war eine gigantische Wette. Eine Wette gegen die Krise, die zum Zeitpunkt der Depfa-Übernahme bereits die IKB und die SachsenLB samt ihrer irischen Töchter in den Ruin getrieben hatte. Funke setzte alles auf eine Zahl, er spielte vabanque - und verlor.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die HRE von der Krise überrollt wurde, die Bankenaufsicht wegschaute und die Regierung auf dem Höhepunkt der Finanzkrise versagte.

Kommentare lesen (72 Beiträge)
Anzeige