Die Juden sollen die Holocaust-Opferrolle ablegen

Eine Umfrage in europäischen Ländern weist auf die vertrackten Beziehungen zwischen Europäern und Juden bzw. Israelis hin

Die Beziehungen zwischen Juden und Europäern scheint verfahren zu sein. Juden in Israel, aber auch in den USA oder in Europa unterstellen den Europäern einen Antisemitismus, der sie auch die Situation in Israel nicht wirklich wahrnehmen lässt. Aber bei Europäern scheint der Unwille zu wachsen, Kritik an der Politik der israelischen Regierung gleich als antisemitisch verurteilt zu sehen. Eine Falle - für beide Seiten.

Verfahrene Situationen können sich aufheizen, weil beide Seiten blind gegenüber Argumenten der jeweils anderen Partei werden (Antisemitismus). Die Falle schnappt fatal zu, wenn die Konflikte eine lange und vor allem blutige Geschichte haben (Ist Israel schlimmer als der Iran oder Nordkorea?). Wollen die einen nichts vor ihr wissen oder deren Aussagekraft zumindest beschränken, um aktuelle Probleme als solche wahrnehmen zu können, so ist zumindest die ja nicht weit zurück liegende Geschichte des Holocaust bei den Betroffenen und ihren Angehörigen weiterhin präsent und ansonsten ein warnendes Beispiel, das für Stimmungen hellhörig macht und eine Haltung bestärkt, die eine Wiederholung des Völkermords unmöglich machen soll. Nicht zuletzt ist der Staat Israel auch eine Folge des deutschen Faschismus, während in der muslimischen Welt das Existenzrecht Israels oft bestritten wird.

Und ausbeuten lassen sich solche Stimmungen allzumal (Scharon sieht kollektiven Antisemitismus in Europa). Beispielsweise was die Mauer oder den Sicherheitszaun betrifft. Demnächst findet darüber eine Verhandlung im UN-Gerichtshof statt, den weder die USA noch Israel anerkennen (Das Internationale Recht und der israelische "Sicherheitszaun"). Die israelische Regierung sieht nur einseitige Behandlung, die EU-Länder gehen eher davon aus, dass die Mauer völkerrechtlich illegal ist.

Antisemitismus - eigentlich eher: Vorurteile gegen Juden - ist allerdings keine deutsche Erfindung, sondern eine noch immer erstaunlich weit verbreitete Haltung. Unlängst wurde deutlich, dass in Europa der eigene schwelende Antisemitismus verstärkt wird durch die wachsende muslimische Bevölkerung (Qualitätsmängel in Brüssel). Deren Misstrauen geht auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zurück, ist aber auch eine klassische Sündebockstrategie für die in sich zerrissene Kultur und bedient sich mancher Versatzstücke des historisch in Europa gewachsenen und auch exportierten Antisemitismus. Aber so überdecken sich eben auch antijüdische Ressentiments aus unterschiedliche Kulturen - mit einer durchaus auch berechtigten Kritik an der Politik der israelischen Regierung, die ebenso kritisierbar und bekämpfbar sein muss wie jede andere Regierung auch. Gleichwohl spüren Israelis einen neuen Antisemitismus, während auch in den USA lebende Juden bei allen Paradoxien die Nötigung empfinden, nicht nur hinter Israel, sondern auch hinter der jeweils existierenden Regierung zu stehen (Die amerikanischen Juden sind eher Bush-Gegner).

Eine vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos für die italienische Zeitung Corriere della Serra durchgeführte Umfrage in Belgien, Deutschland Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Luxemburg, Österreich und Spanien kam zu dem Ergebnis, dass 46 Prozent der Befragten der Meinung waren, dass Juden "anders" im Hinblick auf "Mentalität und Lebensstil" sind. Ein Drittel erklärte, die Juden sollten aufhören, die "Rolle des Holocaust-Opfers" zu spielen. Noch extremer sind die 9 Prozent, die sagen, dass sie Juden nicht mögen oder ihnen nicht vertrauen, bzw. die 15 Prozent, die der Meinung sind, dass es Israel besser gar nicht geben sollte.

Erstaunlich ist, dass alte Klischees unverändert die Zeit zu überdauern scheinen. Über 40 Prozent der Befragten meinen nämlich, dass Juden eine "besondere Beziehung zum Geld" haben. In Deutschland, Österreich, Italien und Spanien, also den ehemals faschistischern Ländern scheinen die Vorurteile noch immer am stärksten zu sein.

Kaum wirklich aufzudröseln sind diese Ressentiments aber mit den durchaus vernünftigen und nachvollziehbaren Einstellungen zum Nahost-Konflikt. So sind 71 Prozent nicht nur der Meinung, dass Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen soll, sondern auch, dass die Palästinenser die Terroranschläge beenden sollen. Und 68 Prozent sagen, dass Israel ein Existenzrecht hat, aber kritisieren die Regierung von Scharon, dass sie die "falschen Entscheidungen" trifft.

Wird die Kritik an der Scharon-Regierung nur als antisemitisch verurteilt, dann werden die antijüdischen Ressentiments verstärkt. Aber es gibt diese tatsächlich auch unabhängig von der Politik der israelischen Regierung. Manche sprechen noch immer von der zionistischen Weltherrschaft oder gar von der Macht des Jüdischen Zentralrats in Deutschlands, während andere wie Hohmann endlich eine Entlastung Deutschlands und der Deutschen von der Geschichte fordern (Der nächste Hohmann kommt bestimmt). (Florian Rötzer)

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