Die Jungfrauenfabrik

Foto: Leonhard Lenz / CC0

Greta Thunberg: Die Medien lieben protestierende junge Frauen, weil unschuldiger Zorn so erfrischend sein kann

Nichts passt der veranstalteten Öffentlichkeit besser in den Kram als Kindfrauen, die emotional und folgenlos für oder gegen irgendwas engagiert sind. Diese Authentizität! Diese Jugend! Darüber könnte man fast den Zynismus eines spätkapitalistischen Zustands vergessen, der in seiner Flexibilität und Resistenz einer Gummizelle gleicht.

"Malala". Da war doch was. Ein pakistanisches Mädchen, das von den Taliban in den Kopf geschossen wurde, überlebte, weiter für Kinderrechte kämpfte und 2014 den Friedensnobelpreis bekam. Meine Güte, wie lang das schon her ist. Was ist mit ihr heute? Die junge Frau hat eine Menge Auszeichnungen und Preise bekommen, sie setzt sich noch immer ein. Was haben die Medien sie geliebt - und wie wenig interessiert heute der Stand der Kinderrechte in Pakistan.

Emma Gonzalez. Ihr bewegender Auftritt bei dem "March For Our Lives" - unvergessen wäre zu viel gesagt, aber wenn man sich anstrengt, erinnert man sich, doch. Die teenVogue titelte damals sogar: "Gun Violence Will Be Stopped By These 9 Young Activists". Well, apparently not.

Denken wir zurück an "Winter", die junge Frau, die so aufgewühlt und aufwühlend von ihrer Zeit im Hambacher Forst sprach, nachdem ihr Baumhaus geräumt worden war. Es ist ja erst fünf Monate her, da kann man sich noch erinnern.

Greta Thunberg und die Klimakatastrophe

Die aktuelle Johanna von Orleans heißt Greta Thunberg, ist erst sechzehn Jahre alt und klärt die Welt über die Klimakatastrophe auf. Sie bestreikt ab und an ihre Schule und reist möglichst klimaschonend durch die Gegend, um davon zu berichten, dass so eine Klimakatastrophe eine ernste Sache ist. Den UN-Generalsekretär hat sie schon getroffen; Christine Lagarde, Bono und Jane Goodall auch.

Es kann nicht mehr lang dauern, bis Bono ihr einen Song widmet und die Chefs der großen Autohersteller zum Pflichttermin anpilgern, womöglich auch klimaneutral. Die schönen Reden sind so gut wie geschrieben. "Sie ist ein junges Politiktalent, ohne Frage. Und wir nehmen ihr Anliegen ernst, oder etwa nicht? Prima Klima mit Elektromobilität! Ein Foto für die Presse, Frau Thunberg?"

Die Medien jubeln. Nachrichtenkrawall ist die letzte krisensichere Währung überhaupt und Remmidemmi ist hier für eine Weile absolut garantiert. Die einen sind gerührt und ergriffen, weil "die Jugend doch was tut". Ihre Gegner ereifern sich über Schulverweigerung und Erziehungsfragen, sie trauen sowieso nur Leuten mit Anzügen und Tränensäcken.

Die Trottel von der Klimaleugnerfront reden ihren üblichen Stuss daher und spotten zusätzlich über Thunbergs Asperger-Syndrom. Das ruft selbstverständlich wieder Leute auf den Plan, die gegen Ableismus kämpfen. Und so geht das immer im Kreis herum, bis Greta Thunberg auf den Aufmerksamkeitsfriedhof kommt, wo Malala Yousafzai, Emma Gonzalez und "Winter" schon ruhen.

Ein paar Anmerkungen zu der Idee, dass Thunbergs Aktivismus doch vielleicht irgendwie, irgendwo, irgendwann etwas nützen könnte. Dass es sich hier um Moral-, Symbol- und Ersatzpolitik handeln könnte, legt schon die Aktionsform nahe, die Thunberg selbst gewählt hat. Schulstreiks sind gegen die Hauptursache des Klimawandels, den Kapitalismus, genauso wirksam wie ein Gebet an Manitu.

Die Streikenden in Ungarn

Die aktuell Streikenden bei Audi Ungarn tun - ungewollt - mehr für das Klima als alle Schulstreiks der Welt zusammengenommen: Immerhin haben sie für eine Weile auch die Bänder bei Audi Ingolstadt zum Stehen gebracht.

Es ist unwahrscheinlich, dass die ungarischen Arbeiter nach Davos eingeladen werden. Was die Reisetätigkeit Thunbergs angeht, so wäre es wahrscheinlich klimatechnisch sinnvoller, wenn sie einfach daheim Youtube-Videos aufnehmen würde. Bei den Schülerdemos, die sie inspiriert hat, kommen auch eine ganze Menge Emissionen zusammen - CO2 und heiße Luft dürften die Hauptbestandteile sein.

Aber Greta Thunbergs treffende Worte? Ihre bewegenden Appelle? Die Plattitüden, die sie äußert, sind nicht deswegen besser, weil sie aus dem Mund einer Sechzehnjährigen kommen. Sie scheint wirklich daran zu glauben, dass sie die erste ist, die den Ernst der Lage erkennt. Es wird nicht genug gegen den Klimawandel getan? Was für eine umwerfende Erkenntnis.

Greta Thunberg liefert am laufenden Meter Neuigkeiten für eine Welt, in der Zeitungen und die Wikipedia nicht existieren. Jeder Mensch mit Zugriff auf diese Ressourcen kann heute wissen, dass die Klimakatastrophe schon längst begonnen hat, weil alle Klimakonferenzen der Vergangenheit nichts genützt haben. Den Grund dafür allerdings erfährt man auch von der jungen Klimaprophetin nicht: Mit dem Kapitalismus ist eine sinnvolle Lösung der Klimakrise und der gesamten Umweltproblematik nicht zu haben.

Das liegt auch auf der Hand, wenn man erkennt, dass der Kapitalismus inhärent unnachhaltig ist, weil Ausbeutung von Mensch und Natur für ihn keine Exzesse, sondern die Bedingung seines Funktionierens sind. Der Kapitalismus kann viel. Er kann sich ein grünes Mäntelchen umhängen oder sogar ein rotes wie in China. Er kann die Religion mobilisieren oder den Faschismus.

Er kann die Mark in den Euro verwandeln, den Euro in den Bitcoin und den Bitcoin in den Frutti oder den Totalo, es spielt ja keine Rolle. Er kann nach Davos zum WEF rufen, endlos Klimakonferenzen veranstalten oder die Parteien von Klimaleugner-Trotteln finanzieren. All das ist möglich. Nur "sozial", "ökologisch" und "fair" wird er nie.

Aber die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels und ihre mediale Verbreitung schaffen einen gewaltigen Gewissens- und Handlungsdruck. Dieser Druck begünstigt neurotische Ersatzhandlungen wie zum Beispiel die Debatte über ein Verbot von Plastik-Trinkhalmen, Gebete an Manitu, und Heiligenverehrung. Am Klimawandel ändert dieses Getue nichts. Aber die Jungfrauenfabrik bleibt aktiv, denn die Nachfrage ist ja da. Irgendeine Johanna von Orleans findet sich immer. (Marcus Hammerschmitt)

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