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"Die Kalifornische Ideologie hat einen faschistoiden Charakter"

Grafik: TP

Für Werner Seppmann spiegeln sich in der Nutzung des Digitalen nicht nur Klassenverhältnisse wieder, sondern es finden sich in der "Kalifornischen Ideologie" auch irrationale und faschistoide Tendenzen. Teil 3 des Gesprächs über sein Buch Kritik des Computers[1].

Herr Seppmann, inwiefern spiegeln sich in der Internetnutzung Ihrer Ansicht nach Klassenverhältnisse?
Werner Seppmann: Sehr deutlich zeigt sich das beim Internet als Informationsmedium. Soziale Differenzen werden nicht eingeebnet, sondern noch verstärkt. Bildungsbarrieren werden nicht abgebaut: Der Sohn aus guten Hause weiß, weil er angeleitet wurde, die Möglichkeiten des Netzes bei Wissensrecherchen und als Hilfsinstrument beim Lernen zu nutzen. Die Tochter einer Verkäuferin informiert sich jedoch vorrangig über die Beziehungsverhältnisse eines Schlagersängers und die Teilnahmebedingungen einer Casting-Show: Es dupliziert sich bei einer solch schichtenspezifischen Computernutzung, was schon vom Fernsehkonsum bekannt ist: Dass sich ein defizitäres Bildungsniveau durch die übliche selektive Mediennutzung verfestigt.
Dass vom Internet kompensatorische Wirkungen auf klassen- und schichtspezifische Benachteiligungen ausgehen könnten, ist illusorisch, zumal der sich selbst überlassene Nutzer in ständiger Gefahr schwebt, sich in den Weiten des Internets zu verlieren, weil ihm die nötigen Orientierungsmaßstäbe und Rechercheanleitungen fehlen. Ohne intellektuellen Kompass ist der Weg zu verlässlichen und die eigene Urteilsfähigkeit fördernde Informationen äußerst dornenreich, in der Regel auch vergeblich.
Können Sie diese Entwicklung spezifizieren?
Werner Seppmann: Zunächst einmal liegt die Besonderheit dieser Art von "Wissensarbeit" darin, dass gehaltvolle Information und Täuschung, rationale Erklärung und Obskurantismus eng beieinander liegen und sich oft in ihren Präsentationsformen kaum voneinander unterscheiden. Um nicht in der Informationsflut zu versinken, müssen entwickelte Kompetenzen vorhanden sein, denn vorherrschend ist eine Unschärfe, die eine Gleichrangigkeit von Banalem und Gehaltvollen vortäuscht.
Nicht nur, weil die Datenmengen weiter wachsen, wird es immer schwieriger, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Und prinzipiell steht die gewöhnliche Netzpraxis der Chance im Wege, solche Fähigkeit qualitativer Selektion überhaupt zu entwickeln. Durch die nicht abreißende "Informationsflut" wird ein intensives Nachdenken alleine nicht gefördert. Im Gegenteil: Weil die Aufmerksamkeitsräume weitgehend mit Botschaften und Signalen ohne direkten Lebensbezug und inneren Zusammenhang gefüllt werden, wird das Eigendenken und die Entwicklung alternativer Orientierungen erschwert. Niemandem ist das so deutlich bewusst, wie den konzeptionellen Köpfen der Internet-Industrie, die sich bei ihren Beeinflussungstrategien dieser Mechanismen bedienen.
Befinden Sie sich mit Ihrer Kritik der modernen Informationstechnologien nicht auf einer Linie mit Maschinenstürmern und Kulturpessimisten?
Werner Seppmann: Ohne auf die Implikationen dieser beiden Begriffe näher einzugehen, möchte ich eine Gegenfrage stellen: Was wären die angemessenen Reaktionen auf die fortschreitende Digitalisierung des Sozialen, auf die Tatsache, dass Computer und Internet zunehmend Apparate der Kontrolle und Manipulation sind, sich negativ auf die sozialen Beziehungen und kulturellen Standards auswirken, mit ihrer Hilfe die Arbeit verdichtet wird und sie sich auch auf das Verhalten, das Fühlen und Denken, aber ebenso auf die sozialen Identitätsformen negativ auswirken?
Der Begriff "Kulturpessimismus" impliziert in unserem Zusammenhang in der Regel die Aufforderung, sich keine Gedanken darüber zu machen, wie produktiv mit den sich auftürmenden Problemen, die mit der Digitalisierung verbunden sind, umgegangen werden kann und welche realen Alternativen existieren. Auch der Vorwurf der Technikfeindlichkeit wird quasi als ein Appell eingesetzt, diese problematischen Dinge (von denen ich bisher nur einen kleinen Ausschnitt angesprochen habe!) nicht zur Kenntnis zu nehmen, weiter zu machen wie bisher. Gefordert wird eine Haltung des gläubigen Einvernehmens mit dem laufenden Geschäft. Das ist Ausdruck eines neuen Konformismus, wie ihn die Soziologin Cornelia Koppetsch in ihrem Buch Die Wiederkehr der Konformität[2] eindrucksvoll geschildert und dessen Ursachen analysiert hat.
Ein "Einvernehmen", das heißt die unreflektierte Netz-Begeisterung, bedeutet in der Regel den Verzicht auf kritische Reflexion und die Demonstration eines falschen Bewusstseins, wie sie von Adorno als Konsequenz der ideologischen Wirkung des kultur-industriellen Komplexes beschrieben wurde: "Du sollst dich fügen, ohne Angabe worin; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken." Es gehört zu meinen erschütterndsten Erfahrungen, dass regelmäßig bei Vorträgen zur Computerproblematik junge Leute mit Informatikerberufen sich zu Wort melden und sich darüber beschweren, dass meine kritische Analyse die Infragestellung ihrer Berufsperspektive bedeuten würden.
Sie kommen gar nicht mehr auf die Idee, für ihre Interessen zu kämpfen. Stattdessen bringen sie mit ihrer Intervention zum Ausdruck, dass es für sie beruhigender wäre, über die Probleme zu schweigen. Es manifestiert sich darin ein Verlangen nach Verdrängung der realen Probleme. Dieses Verdrängungsbedürfnis ist heute ein weit verbreitetes psycho-soziales Überlebensprinzip, das jedoch nur eine geringe Halbwertzeit besitzt, weil ja durch die Ignoranz die Probleme nicht verschwinden.
Sie machen eine Kohärenz zwischen der Gedankenwelt der Internet-Elite und der Philosophie Friedrich Nietzsches aus. Worin besteht diese?
Werner Seppmann: So wie bei Nietzsche seine Philosophie mit einem absoluten Geltungsanspruch verbunden ist ("Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber; sie sagen, 'so soll es sein!'", heißt es bei ihm), präsentiert sich auch die Fortschrittsgläubigkeit der Computer-Elite. Die IT-Milliardäre leiten aus ihrer ökonomischen und technologischen Sonder- und zunehmenden Monopolstellung einen ebenso exklusiven wie elitären Anspruch nach Zukunftsgestaltung ab. Würden sie diesen weltanschaulichen Kontext kennen, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass die führenden IT-Akteure sich auf das Übermenschen-Konzept Nietzsches berufen würden.
Aber auch ohne eine solche konkrete Nietzsche-Kenntnis sind dennoch in den Grundorientierungen der Kalifornischen Ideologie alle wesentlichen Elemente des philosophisch kaschierten Zynismus des Philosophen und seiner Verachtung der "Massen" allgegenwärtig. Bei den Gesellschaftsvorstellungen der IT-Kapitalisten handelt es sich um eine radikale Variante der neoliberalen Ideologie: Jegliche Regulation ökonomischer und technologischer Prozesse gilt ihnen nicht nur als höchst fragwürdig, sondern als geradezu obzön. Gesetzliche Beschränkungen (gleich welcher Art) und jede Regelsetzung werden diskriminiert. Regulationsgedanken sind für viele Computer-Ideologen ein Tabu-Thema.
Selbst gegenüber totalitären Positionierungen des IT-Establishments, wie sie beispielsweise der Netz-Multimillionär Peter Thiel (Mitbegründer des PayPal-Zahlungssystems) postuliert, sind die meisten IT-Ideologen sprachlos - auch wenn Thiel angesichts eines angeblichen "Kampfes zwischen Politik und Technologie auf Leben und Tod" (wie er es nennt) zum Zweck der Stabilisierung der herrschenden Gesellschaftsordnung von der Notwendigkeit der Umsetzung autoritärer Konzepte spricht: "Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der den Mechanismus der Freiheit erschafft oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen." (Thiel) - Um das richtig zu verstehen: Mit "Freiheit" ist die uneingeschränkte Handlungsvollmacht der IT-Milliardäre gemeint.
Dass demokratische Partizipation ausgedient, selbst ihre Modellfunktion verloren hat, wird immer unmissverständlicher nicht nur vom Spitzenmanagement der IT-Industrie betont, sondern ist immer deutlicher auch aus den Denkfabriken des Silicon Valley zu hören: Demokratie sei "eine veraltete Technologie … - sie hat Reichtum, Gesundheit und Glück für Milliarden Menschen auf der ganzen Welt gebracht. Aber jetzt wollen wir etwas Neues ausprobieren." (Randolph Hencken) Die Kalifornische Ideologie besitzt also unübersehbar einen tendenziell faschistoiden Charakter.
Sie vertreten in Ihrem Buch die These, dass sich der Kapitalismus über die Computertechnologie genau die Subjekte schafft, die er aktuell braucht. Ist das nicht ein wenig ökonomistisch gedacht?
Werner Seppmann: Die Realität ist manchmal ökonomistischer, als es dem kritischen Gesellschaftstheoretiker recht sein kann. Wir können auf vielen Feldern die Ökonomisierung zunehmender Gesellschaftsbereiche, verbunden mit dem Zwang für die Individuen, eine marktkonforme Identität auszubilden, beobachten. Computer und Internet forcieren diese Entwicklung: Nicht zuletzt werden entfremdete und kapitalismuskonforme Sozialnormen gerade bei der manischen Verwendung der "Neuen Medien" automatisch eingeübt, denn der Netz-Kosmos ist eine Welt der Zeichen und Marken, deren Prägekraft man sich unterwerfen muss, wenn man soziale Randständigkeit vermeiden und "kommunikationsfähig" bleiben will. Der sicherste Weg ist die Selbststilisierung gemäß konsumptiver Lebensstil-Schablonen im Rahmen der elektronischen "Kommunikations"-Rituale.
Es geschieht auf diesen, wie auch auf allen anderen alltagskulturellen Feldern, zwar nichts, was nicht auch ohne den Computer geschehen würde, aber durch die Universalisierung seiner Verwendung geschieht das in besonderer Intensität und mit größerer Effektivität.
Können Sie das konkretisieren?
Werner Seppmann: Ein sehr aussagekräftige Beispiele finden wir im Bereich der "Digitalisierung des Lernens". Die Kinder sollen "zukunftsfähig" gemacht werden, so heißt es. Aber was sind die tatsächlichen Konsequenzen einer solchen Mechanisierung pädogogischer Prozesse? Es wird von den Softwareverkäufern versprochen, dass die elektronischen Lernmaschine den Kindern zugute kommen würde: Deren schulischen Leistungen würden verbessert und ihre intellektuelle Entwicklung gefördert. Tatsächlich muss aber bei den vorherrschenden Varianten der Computer-"Pädagogik" das Gegenteil konstatiert werden: Kognitive Entwicklungen werden ebenso behindert, wie emotionale Prozesse gestört. Am allerwenigsten wird soziale Kompetenz entwickelt, dafür aber ökonomisch gewünschte Funktionalitäten gefördert.
Es geht nicht um den Verzicht auf den Computer in der Schule, aber um einen pädagogisch reflektierten Umgang mit ihm. Der ist in den tonangebenden Konzepten, die von der IT-Industrie und nicht vom pädagogischen Sachverstand definiert werden, jedoch nicht vorgesehen. Für die Protagonisten der "Digitalen Bildung" handelt es sich um ein Trojanisches Pferd, um endlich neoliberalistische Prinzipien im Bildungssektor durchzusetzen. Schon lange bemüht man sich um dessen kommerzielle Prägung - und ist doch noch nicht so richtig voran gekommen. Die "Digitalisierungsoffensive" bietet eine neue Chance der Einflussnahme, Bildung zu privatisieren und auch zu zentralisieren. Es stehen keine pädagogischen Konzepte im Vordergrund, sondern die Vermarktungsstrategien der Softwareverkäufer.
Es geht um eine zunehmende Zentralisierung des Bildungssystems mit Hilfe der von ihnen entwickelten Lernprogramme. Schleichend soll der Lehrer durch die Software abgelöst werden: Es geht um die systematische Umstellung auf digitale Bildungsinhalte - und zwar von Beginn an: Frau Merkel hat bei ihrer Parteinahme für diese neoliberale Offensive sich regelrecht verplappert, als sie im Wahlkampf sagte: Die "Lerninhalte sollen in einer digitalen Cloud bereitgestellt", also zentral zu Verfügung gestellt werden. Das entspricht den Wünschen und Vorstellungen des IT-Komplexes, über die sie aber normalerweise schweigen und nur in ihren internen Positionspapieren sprechen.
Was halten Sie bei dieser Tendenz zur Digitalen Bildung für besonders problematisch?
Werner Seppmann: Die Fakten sprechen hier eine deutliche Sprache: In Vergleich mit Kindern, die selektiv und sparsam mit Computern als Lernmedium umgehen, schneiden Lernende mit intensiver Computernutzung auf allen relevanten Feldern (mit Aussnahmen einiger mathematischer Aneignungsprozesse) negativ ab. Bei Kindern, die mit Computer-Software traktiert werden, ist beispielsweise eine geringere Verarbeitungstiefe des Lernstoffes festzustellen: Weil spezifische Gehirnverknüpfungen beim Computerlernen nicht stattfinden, bleibt das Wissen oberflächlich, um nur einen Aspekt zu nennen.
In der Regel ist computervermittelte Wissensaneignung kaum geeignet, ein intensives Nachfragen zu fördern, weil herausgelöst aus kommunikativen Zusammenhängen (die nur reales Lehrpersonal und ein miteinander interagierender Klassenverband garantieren kann) die Lernenden einer abstrakten Faktizität verpflichtet bleiben: Lernarbeit vor dem Bildschirm stellt deshalb in wesentlichen Belangen ein Gegensatzprinzip zur gedanklichen Erfassung und Durchdringung von Sachverhalten dar und auch von in Gemeinschaften organisierten Lern- und Abstimmungsprozessen dar, die vor allem auch bei der Entwicklung sozialer Kompetenz unverzichtbar sind.
Einer der problematischsten Aspekte ist, dass beim Computerlernen nur ein enges Spektrum mentaler und emotionaler Fähigkeiten stimuliert werden. In einer OECD-Studie aus dem Jahre 2015 wird die Problematik digitalisierter Wissensvermittlung pointiert auf den Punkt gebracht: Auch die stärkste Technik kann selbst schwachen Unterricht nicht ersetzen, heißt es dort, weil Computer-Lernen regelmäßig hinter der Intensität herkömmlicher Formen, durch Menschen vermittelter Prozesse der Wissensarbeit, zurückbleibt.
Der Hintergrund der Defizite des Computerlernen ist die Tatsache, dass Lernerfolge vor allem in jungen Jahren von Verständnis und Vertrauen lebendiger Menschen abhängig sind. Technische Anordnungen sind nicht geeignet, das Selbstvertrauen und die Fähigkeit zum Selbstdenken bei jungen Menschen zu stärken. Einer der Gründe dafür ist, dass die digitalen Lernprogramme nach technologischen und nicht lernpsychologischen Kriterien entwickelt werden. Sie sind nur geeignet, Abläufe abzuspulen, an denen vor allem auch regelmäßig die sozial schwachen Kinder scheitern. Die Softwareverkäufer reden zwar von einer Individualisierung des Lernens, intern jedoch von den Profitchancen, die sich aus der faktischen Zentralisierung ergeben.
Im Blick hat man auch den prosperierende Nachhilfemarkt, wo das Abkassieren besorgter Eltern am einfachsten möglich sein dürfte. Die Schulen sollen nach den Worte des Interessenarbeiters für die IT-Industrie Professor Mayer-Schönberger "zu Keimzellen eines Big-Data-Ökosystems" werden. Das sind unmissverständliche Worte aus der Höhle des Löwen.
Gibt es auch Gegenpositionen?
Werner Seppmann: Oh ja, die gibt es. Während Frau Merkel den Computer schon in die Kindergärten hineindrücken will, gibt es aus berufenem Mund sehr ernst zu nehmende Einschätzungen, die diese Absicht als leichtfertig und verantwortungslos erscheinen lassen: Bill Gates und Steve Jobs wurden gefragt, wann sie ihre Kinder mit Computer vertraut gemacht haben. Beiden waren der Meinung, dass Computer in den Händen von Kindern nichts zu suchen haben. Sie sprachen sogar von einer Altersgrenze von 10 Jahren, die heute sicherlich nur noch schwer durchzusetzen sein dürfte, weil schon seit frühen Jahren die Kinder mit werbepsychologischen Methoden intensiv beeinflusst werden und sie auch durch das Vorbild ihrer Eltern nach dem Computer gieren.
Dennoch ist die Sinnhaftigkeit der Auffassungen von Gates und Jobs für jeden Pädagogen und Entwicklungspsychologen, der sich nicht der IT-Ideologie verschrieben hat, evident: Kinder brauchen zuerst eine Verwurzelung in der Realität, eine unmittelbare Welterfahrung und ein geeignetes pädagogisches Umfeld. All dies kann Technik nicht ersetzen. Jede Minute vor den Bildschirmen ist verlorene Zeit für die sensomotorische Entwicklung von Kindern. Die Software-Verkäufer, flankiert von einem durchsetzungsfähigen Propagandaapparat und ein auf die Öffentlichkeit einwirkendes Beeinflussungssystem (dem sich vor allem die Politiker bereitwillig unterworfen haben), erzählen erfolgreich etwas anderes. Erfolgreich sind aber nur ihre Bilanzzahlen.
Gibt es noch andere Gegentendenzen zu dieser Offensive der Computerisierung des Lernens?
Werner Seppmann: Den Drang zur Computer-Pädagogik gibt es weltweit. In vielen Ländern schon seit vielen Jahren. Aber in nicht wenigen werden verstärkt aus den negativen Erfahrungen - teilweise radikale - Konsequenzen gezogen. So wurden in den USA die ersten Tablet-Klassen wieder geschlossen. Auch in Norwegen wurde gerade eine Initiative zur flächendeckenden Ausstattung der Schulen mit Computern und Internetanschlüssen nach gravierenden Negativerfahrungen nach nur drei Monaten wieder gestoppt.
Auch in Australien hat es diese Entwicklung gegeben. Nach schlechten Plätzen im Pisa-Ranking wurden im Jahre 2012 circa 2,4 Milliarden Dollar für die Laptop-Ausstattung der Schulen investiert. Seit 2016 wurden sie wieder eingesammelt, weil die Schüler alles mit ihnen gemacht, nur nicht gelernt haben. Alleine schon, wenn Schülerinnen und Schülern das Mitbringen von Handys in den Schulen erlaubt wird, sind signifikante Leistungsabfälle festzustellen.
Aufschlussreich ist auch die Erfahrung einer deutschen Lehrerin, die in ihrer Klasse mit Laptops zu arbeiten versucht hat. Die Ergebnisse waren erschreckend. Beispielsweise beim Aufsatzschreiben: Denn sofort verfielen die Schülerinnen und Schülern in den Schrumpfstil, den sie bei der Kommunikation in den Sozialen Netzwerken verinnerlicht haben.
Übrigens gehen die Kinder der IT-Elite in Kalifornien in der Regel in Waldorf-Schulen, in denen die Computer-Pädagogik verpönt ist, während die Bundeskanzlerin fordert, schon Grundschüler "spielerisch" mit den Grundlagen des Programmierens vertraut zu machen. Interessant wäre es zu erfahren, auf Kosten welcher Fächer (denn der schulische Zeitrahmen ist ja nicht grenzenlos) das geschehen soll.
Hängen die in Ihrem Buch dargestellten Negativentwicklungen wie etwa öberflächliche Aneignung von Inhalten, fragmentarisiertes Denken, Konformitätszwang, Realitätsverlust und Abnahme der Subjektfähigkeit gar nicht so sehr mit der Technik zusammen, die wir benutzen, als mit der auf ökonomische Prozesse ausgerichteten Gesellschaft, die auf die Technologie zurückwirkt?
Werner Seppmann: Auf diese Frage ist es mir möglich, mit einer klaren Antwort zu reagieren: ja und nein. Es gibt natürlich ein Wechselverhältnis: Der Computer (beziehungsweise seine Programme) sind von den Widersprüchen dieser Gesellschaft geprägt - aber sie werden von ihm auch verstärkt. Fraglos wird mit dem Computer zwar kaum etwas organisiert, was nicht auch ohne ihn praktiziert würde. Jedoch geschieht dies nun mit größerer Intensität, mit umfassenderen Absichten und zunehmend auch mit einem effektiveren (um nicht zu sagen totalitäreren) Wirkungsgrad.
Aber als naheliegende Frage drängt sich doch letztendlich auf, ob die von Ihnen beschriebene Tendenz zur Entmündigung und auch zur manipulativen Subjektprägung nur aus der Technologie resultiert. Hängt es nicht auch daran, dass viele sie nicht adäquat zu nutzen wissen? Oder anders gefragt: Ist der Gebrauch dieser Technologie im Grunde ambivalent und wird erst durch den massenhaft unaufgeklärten Gebrauch negativ?
Werner Seppmann: Nun leben wir ja in dieser Gesellschaft, in der diese beschriebenen Prozesse stattfinden und bevor wir uns Gedanken darüber machen können, wie die größten Negativwirkungen zu neutralisieren wären oder gar in welcher Weise die Computer-Technik emanzipatorische Wirkungen zu entfalten vermöchte, müssen wir uns mit den konkreten Auswirkungen im Hier und Jetzt beschäftigten. Und die sind meist, wie ich geschildert habe, zumindest sehr ambivalent, auch wenn sie nicht eindeutig negativ sind:
Einerseits haben sich die Kommunikationsmöglichkeiten universalisiert, stellen aber im Alltagsleben zunehmend auch eine zusätzliche Fessel dar, weil beispielsweise die Präsenz in den sozialen Netzwerken mit einem beständigen Zwang zur Selbstdarstellung verbunden sind. Ein wesentliche Konsequenz der herrschenden "Kommunikationskultur" ist die Formierung von Marketingcharakteren; sie stimuliert die Entstehung selbstverwertungsorientierter Präsentationsformen nach dem Prinzip einer glücklichen und sorgenfreien Welt, die von den werbemedialen Vorbildern vermittelt werden.
Jeder Hinweis auf Probleme und Selbstzweifel, die eine wesentliche Rolle in Prozessen direkter Kommunikation spielen, wird ausgeschaltet. Hinweise auf Anstrengungen und Scheitern sind in einer Atmosphäre der Selbstobjektivierung und dem Zwang zur Perfektion deplatziert. In ihrem Streben nach Positionsvorteilen in den Konkurrenzfigurationen sind die Medien-Teilnehmer bemüht, makellos und perfekt zu erscheinen. Der Verbreiter dieser Bilder und Botschaften weiß, dass das Leben nicht so ist, wie es dargestellt wird. Aber dennoch ist er geneigt, die geschönten Bilder, die er von seinen "Freunden" erhält, für bare Münze zu nehmen, und blickt mit einem gewissen Neid und sehnsüchtig auf das "bunte Treiben" und die "Erlebnisvielfalt" der anderen. Ein permanentes Gefühl, etwas zu verpassen, wird am Leben gehalten und das Bedürfnis stimuliert, sich mit Hilfe der Smartphone-Kommunikation an diesem kontinuierlichen Prozess des "kommunikativen Austausches" einzuklinken. Doch minimiert sich das Gefühl, etwas zu verpassen, nicht, sondern wird zum Anlass, immer wieder zum Handy zu greifen, um am Ball zu bleiben.
Ja, das ist ein "massenhaft unaufgeklärter Gebrauch", wie Sie es nennen, aber mit bloßen Appellen, doch vernünftig zu sein, wird er nicht verhindert werden können. Dazu bedarf es gesamtgesellschaftlicher Initiativen, obwohl ich nicht weiß, wie sie aussehen könnten. Mit irgendwelchen rhetorischen Mätzchen sind die Probleme jedenfalls nicht zu bewältigen. Wir können nicht den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Nötig ist erst einmal eine schonungslose Bestandsaufnahme der problematischen Aspekte der Digitalisierung.
Auf der Grundlage eines solchen Wissens kann dann die Frage nach einem anderen Umgang mit dem Computer und nach seinen positiven Potenzialen als entwickelte Produktivkraft, die fraglos vorhanden sind, gestellt und diskutiert werden. Aber dann geht es nicht mehr allein um technische Fragen, sondern um die Einbettung der Technik in menschengemäße gesellschaftliche Verhältnisse. Es geht um Mitbestimmung im radikalen Sinne einer Selbstgestaltung der Lebensverhältnisse. Das Computersystem in seiner gegenwärtigen instrumentalistischen Prägung ist ein Schutzwall dagegen. Deshalb entspricht es den Interessen der herrschenden Kräfte.

Zu Teil 1: Der Mann, der vor Computern warnt[3]

Zu Teil 2: "Negative Langzeitkonsequenzen bis in die neuronalen Strukturen hinein"[4]


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[4] https://heise.de/-3855582