Die Karten werden neu gemischt

Die 80e und 90er Jahre waren durch eine schwere Schuldenkrise vieler Entwicklungsländer gekennzeichnet, 2006 steigt ein Entwicklungsland zu einem der größten Gläubiger der USA auf: China

Eigentlich sind Gold, Silber und Papergeld ja nicht magnetisch. Dennoch gibt es weit im Osten eine starke Kraft, die die Zahlungsmittel des Westens anzieht, und zwar nicht erst seit gestern. Schon bei den alten Römern beklagte sich Plinius der Ältere vor rund 2000 Jahren, dass viel zu viel Gold und Silber abfloss. Ersteres wurde für chinesische Seide gezahlt, letzteres ging für Pfeffer nach Indien. Das Geld wurde im Römerreich knapper und knapper. Mag sein, dass dies einer der Gründe für seinen wirtschaftlichen Niedergang war, der es im fünften Jahrhundert so verwundbar für die Überfälle der Germanen machte.

Tausend Jahre später erging es dem mexikanischen und bolivianischen Silber, das die Spanier aus ihren Kolonien raubten, nicht viel anders. Die spanischen Eliten nutzten die kolonialen Reichtümer fast ausschließlich zum Einkauf von Luxuskonsumgütern im Ausland. Diesmal landete das Silber – über einige Zwischenstationen – vor allem im Land der Mitte, während Indiens Weber mit Gold bezahlt wurden.

So ging es über viele Jahrhunderte: Wann immer der internationale Warenaustausch florierte, hatte das kleine, unterentwickelte Europa das Nachsehen, weil es den handwerklich weiter fortgeschrittenen Staaten auf dem indischen Subkontinent und vor allem dem chinesischen Reich nichts außer Edelmetall anzubieten hatte. Dann kam die industrielle Revolution, Indien wurde vom britischen Empire besetzt und für China entdeckte man das Opium, mit dem man dem Riesenland das Silber wieder aus der Nase ziehen konnte. Gelegentlich musste die britische Regierung zu diesem Zweck mit Kanonenbooten und Militärexpeditionen das Recht chinesischer Opiumsüchtiger auf freien Rausch gegen Eingriffe der kaiserlichen Regierung verteidigen. Wie es den USA heute wohl gefiele, wenn Boliviens neuer Präsident Evo Morales ähnliche Einfälle haben sollte?

Nun, die Zeiten des Opiumkrieges sind passé und China ist gerade dabei, seinen 200jährigen Rückstand gegenüber Westeuropa und Nordamerika aufzuholen. Noch hat sich das Pro-Kopf-Einkommen nicht über Dritte-Welt-Niveau erhoben, und in den chinesischen Dörfern leben noch immer einige 100 Millionen Menschen unter der von der UNO definierte Armutsgrenze von zwei US-Dollar pro Person und Tag. Aber in Sachen Devisenflüssen hat sich schon wieder der welthistorische Normalfall eingestellt: Rund 820 Milliarden US-Dollar betragen derzeit die Reserven der Pekinger Zentralbank, bis zum Jahresende werden sie beim derzeitigen Tempo auf eine Billion US-Dollar angewachsen sein. Dann wäre Japan überrundet und das Land der Mitte zum Besitzer des weltweit größten Devisenschatzes aufgestiegen.

Allerdings ist anders als zu Zeiten des römischen Kaiserreichs und des spanischen Kolonialimperiums bisher dieses Ungleichgewicht im Zahlungsverkehr nicht so sehr Ausdruck eines Handelsbilanzüberschusses. Der war bisher, sieht man einmal vom letzten Jahr ab, als er erstmalig über 100 Milliarden US-Dollar kletterte, eher klein. Diese Feststellung mag angesichts der chronischen Nörgelei aus den USA über billige chinesische Importe verwundern, erklärt sich jedoch dadurch, dass der Exportüberschuss im Austausch mit den USA durch einen Importüberschuss gegenüber vielen Rohstoff exportierenden Staaten, aber auch mit Technologie-Lieferanten wie Deutschland aufgewogen wird. Bzw. wurde, denn was Deutschland angeht, sind die chinesischen Einkäufe bei hiesigen Maschinenbauern, Stahlwerken und Chemiekonzernen im letzten Jahr kaum noch gewachsen. Im Gegensatz dazu nimmt die Nachfrage nach chinesischen Produkten zwischen Flensburg und dem Allgäu weiter ungebremst zu.

Ursache des Anschwellens der chinesischen Devisenreserven ist bisher vor allem der stetige Strom von ausländischen Direktinvestitionen und in letzter Zeit auch spekulativen Anlagekapitals, das auf eine Aufwertung des chinesischen „Volksgeldes“ (Renminbi, die Währungseinheit heißt Yuan) setzt. Die rasche Akkumulation technischen Know-hows könnte aber in den nächsten Jahren dazu führen, dass entgegen der erklärten Absicht der chinesischen Regierung der massive Handelsbilanzüberschuss aus 2005 – um knapp 102 Milliarden US-Dollar überstiegen die Exporte die Importe – zu einer dauerhaften Einrichtung wird.

Doch in Deutschland hat keiner Grund, sich darüber zu beklagen. Hierzulande erwirtschaftet man seit vielen Jahrzehnten regelmäßig Handelsbilanzüberschüsse. 2005 waren es 160,5 und 2004 156,1 Milliarden Euro (etwa 189 und 184 Milliarden US-Dollar nach derzeitigem Kurs). Anders als deutsche Konzerne haben chinesische Unternehmen allerdings noch nicht soviel Gelegenheit, ihre Gewinne im Ausland zu reinvestieren, daher häuft sich bei der chinesischen Zentralbank, wo die Dollars gegen Yuan eingetauscht werden müssen, ein Devisenvermögen an.

Unterdessen braucht man nicht anzunehmen, dass das Politbüro der Kommunistischen Partei jeden Morgen ein kollektives Bad im Geldspeicher nimmt. Die Valuta werden nicht gehortet, sondern in Aktien, Staatsanleihen und anderen Wertpapieren angelegt. Auch handelt es sich nicht allein um US-Dollar. Nur zwischen 60 und 70 Prozent des chinesischen Devisenschatzes besteht aus Guthaben in der Weltwährung. Der Rest wird in Euros, Schweizer Franken, britischem Pfund, südkoreanischen Won und sicherlich auch ein wenig in Gold gehalten. Peking ist in den letzten zwei Jahren dem Trend in Asien gefolgt, die Devisenreserven zu diversifizieren. Anfang Januar hatten auch lateinamerikanische Banken damit angefangen, ihre Devisenreserven umzuschichten und damit kurzzeitig für Unruhe an den Märkten gesorgt. China könnte ebenfalls mehr auf den Euro setzen, hieß es, aber aus Peking gab es rasche Entwarnung: Bestenfalls werde man in Zukunft verstärkt andere Währungen kaufen, doch die bestehenden Dollarbestände würden nicht aufgelöst. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Peking hat kein Interesse daran, dass der US-Dollar abstürzt, weil alle Welt in den Euro flüchtet. Das würde nicht nur dem Hauptabnehmer chinesischer Exporte die Konsumlaune verderben, sondern auch die halbe Billion oder mehr, die Peking in Dollars angelegt hat, entwerten.

Derweil nutzt Peking seinen Devisenschatz auch, um seinen expandierenden Unternehmen bei den ersten Gehversuchen auf dem Weltmarkt zu helfen. Seit etwa zwei Jahren befinden sich junge chinesische Konzerne auf einer internationalen Einkaufstour. Objekte der Begierde sind meist alte Unternehmen, deren Besitzer in Schwierigkeiten gekommen sind oder aus anderen Gründen das Interesse verloren haben. Gut eingeführte Markennamen, Patente und internationale Vertriebnetze reizen die Aufkäufer. Im Dezember 2004 kaufte zum Beispiel der chinesische PC-Hersteller Lenovo die entsprechende Sparte von IBM. Das Geschäft wurde vor knapp einem Jahr wirksam, doch schon jetzt kann der chinesische Konzern melden, dass die Einnahmen um fast 400 Prozent und der Gewinn vor Steuern, Abschreibungen und Rückstellungen um knapp 160 Prozent gestiegen ist.

Nun lehrt man die Konkurrenten mit einer neuen Desktop- und Notebook-Serie das Fürchten. Sie zielt auf kleine Unternehmen, die mit spitzem Bleistift rechnen müssen. Und auch Microsoft, das einst mit IBM PCs laufen gelernt hatte, hat Grund zur Sorge: In Amerika, Australien und Südostasien sollen die neuen Lenovo-Produkte nicht mit den Office-Produkten von Bill Gates, sondern mit dem Corel Small Business Center ausgeliefert werden. Im PC- und Softwaregeschäft könnte Chinas Aufstieg also, wie anderswo in der Weltwirtschaft, in den nächsten Jahren die Karten neu mischen. (Wolfgang Pomrehn)