Die Kinder der Flüchtlinge sind vielleicht die größte Chance

An den Schulen kommen die ersten Flüchtlingskinder an. Die Schulbehörden und Lehrer versuchen sich auf die neue Situation einzustellen

Auch wenn immer noch nicht völlig geklärt ist, wie viele Flüchtlinge bislang nach Deutschland gekommen sind, ist klar, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil davon schulpflichtige Kinder sind. An manchen Schulen herrscht daher eine gewisse Ratlosigkeit vor, wie nun mit dieser neuen Situation umgegangen werden soll.

In Baden Württemberg versucht das Kultusministerium (KM) die Schulen in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Allerdings scheint alles noch am Anfang zu stehen.

Was genau auf die Schulen im Südwesten und im Rest der Republik zukommt, ist unklar. Klar ist derzeit nur, alle diese neuen Schüler brauchen massive Unterstützung, um an den Schulen Fuß fassen zu können und möglichst schnell in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Stephanie Fritsche, Pressereferentin am Kultusministerium in Stuttgart äußerte gegenüber Telepolis folgende Aussicht:

Aufgrund der derzeit gültigen Prognose des BAMF geht das Kultusministerium davon aus, dass rund 100.000 Flüchtlinge in 2015 nach Baden-Württemberg kommen, darunter rund 1/3 Kinder und Jugendliche.

Bis zu einer neuen Prognose des BAMF könne das Kultusministerium keine weiteren Aussagen zur Zahl der künftig in Baden-Württemberg zu erwartenden schulpflichtigen Flüchtlinge treffen: "Die auf Basis der aktuellen BAMF-Prognose bereitgestellten Ressourcen sind aktuell ausreichend und werden laufend mit Rückmeldungen aus der Schulverwaltung abgeglichen bzw. bei Bedarf ggf. kurzfristig angepasst."

Derzeit stelle das Ministerium den Lehrern eine Broschüre zum Thema "Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge in der Schule" zur Verfügung. Diese möchte für die besondere Situation von Flüchtlingskindern und jugendlichen Flüchtlingen sensibilisieren und enthielte praxisnahe Anregungen für die Unterstützung der Integration der Kinder und Jugendlichen.

Darüber hinaus habe Kultusminister Andreas Stoch insgesamt 30.000 pensionierte Lehrerinnen und Lehrer angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Von diesen hätten 518 (Stand 18.12) ihre Bereitschaft erklärt, befristet wieder im Schuldienst tätig zu werden.

Weiter würden entsprechende Fortbildungen angeboten werden. Вereits im Schuljahr 2014/15 haben schulpsychologische Beratungsstellen in allen Regierungsbezirken schulartüberergreifende Fortbildungen zum Themenkomplex "Flüchtlinge in der Schule - Umgang mit belasteten Kindern und Jugendlichen" für Lehrkräfte aus Vorbereitungsklassen angeboten", so Fritsche. Diese Fortbildungen seien außerordentlich gut besucht. "Die Nachfrage ist sehr groß."

Markus Ganter, Gemeinschaftsschuldirektor an der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule in Freiburg-Gundelfingen, sagte zu Telepolis:

Erst nach einem halben Jahr beginnt für die Flüchtlingskinder die Schulpflicht. Das bedeutet, dass bislang noch sehr wenige überhaupt an meine Schule gekommen sind.

Bislang wisse er auch nicht, wie viele es letztendlich würden. "Die Gemeinde weiß nicht, wer kommt." Bis dato seien es sehr wenige Flüchtlingskinder gewesen, für die eine entsprechende Lösung gefunden werden konnte. "Ein Gespräch mit jungen Flüchtlingen, das ich bislang geführt habe, stimmt mich sehr positiv."

Es sei deutlich geworden, wie viel Interesse auf Seiten der Flüchtlinge vorhanden sei, möglichst schnell wieder an einem Unterricht teil zu nehmen.

Trotzdem sieht er noch dringenden Handlungsbedarf. So brauche es deutlich mehr entsprechend ausgebildete Lehrer. Dem Versuch des baden-württembergischen Kultusministers, pensionierte Lehrer einzustellen, steht Ganter eher skeptisch gegenüber.

Es ist ein Akt der Hilflosigkeit, ehemalige Lehrer anzuschreiben.

Vermutlich hat er mit dieser Aussage recht. Denn wer die Broschüre des Kultusministeriums aufmerksam durchliest, stellt schnell fest, dem Ministerium sind die Probleme der Kinder und Jugendlichen durchaus klar:

Durch das erlebte Trauma ist der Körper in einer permanenten Hochspannung. Wachsamkeit ist in einer Gefahrenlage lebensnotwendig und kann von den Kindern auch in Friedenszeiten nicht einfach abgestellt werden. Diese Übererregbarkeit kann sich durch motorische Unruhe, Schreckhaftigkeit, aber auch Aggressivität zeigen.

Inwiefern pensionierte Lehrer bei solchen Problemen helfen können, erschließt sich möglicherweise nur den Autoren innerhalb des Kultusministeriums.

Der Philologenverband fordert daher die Schaffung neuer Lehrerstellen. Wenn der aktuelle Verteilungsschlüssel von Lehrern und Schülern eingehalten werden solle, dann seien 20.000 bis 25.000 neue Lehrkräfte nötig, sagte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger gegenüber der Presse.

Ganter sieht die Situation derzeit noch als beherrschbar an. Es habe in der Vergangenheit bereits, insbesondere in der Schulpolitik, immer wieder große Umwälzungen gegeben.

Ich bin der Situation gegenüber sehr positiv eingestellt. Nichts ist so stetig wie der Wandel, und jetzt kommen die Flüchtlingskinder eben oben drauf.

Über positive Lehrer verfügt das Land im Südwesten also. Braucht es nur noch ein bisschen mehr Unterstützung durch das Kultusministerium. Denn mit einer Broschüre allein und der Bitte an pensionierte Lehrer, doch wieder in den Schuldienst zurückzukehren, wird es nicht getan sein.

Wenn Regierungen davon sprechen, dass die Flüchtlinge auch eine große Chance seien, müssen diese Regierungen diese Chance auch am Schopf fassen. Die Kinder der Flüchtlinge sind vielleicht die größte Chance. Viel hängt dieser Tage daher von den entsprechenden Fachministerien und ihrer Unterstützung für die Lehrer ab. (Ralf Heß)

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