Die Kinderreim-Polizei

Auf der britischen Insel will man Eltern zum Vorsingen zwingen

In England hat man dem "antisozialen Verhalten" schon länger den Kampf angesagt (vgl. Einmal fluchen und ab ins Gefängnis). Kaum ein Land in Europa überrascht so sehr mit radikalen Maßnahmen - Respekt durch Überwachen und Strafen - zur Prävention von respektlosem Verhalten. Man ist dort einiges an orginellen Vorschlägen zur Erziehung von heranwachsenden "Problemfällen" gewohnt: Ärger verhindern - schon vor der Geburt. Doch der Vorschlag, den die Fachministerin ("Children's Minister") Beverley Hughes ihren Landsleuten aktuell präsentiert, könnte manche britische stiff upperlip aus der Fassung bringen: einige könnten vor Zorn erbeben, andere sich zum Grinsen verziehen, und die Lippen der Einsichtigen werden singen: Hey diddle, diddle, the cat and the fiddle...

Geht es nach Hughes sollen nämlich alle britische Eltern ihren Kindern künftig Kinderreime vorsingen. Bis dahin ein Vorschlag, der als nett gemeint verbucht werden kann und je nach Musikalität, Gedächtnis und Lust der Eltern wohl auch ohne ministeriellen Rat täglich in vielen Familien praktiziert wird. Aber wenn tatsächlich nach der Geige der Ministerin getanzt werden soll, dann könnten manche Eltern, die sich dem Vorschlag verweigern, dazu gezwungen werden:

Jene Eltern, die ihren Kleinen keine Geschichten vorlesen oder ihnen nicht vorsingen, bedrohen die Zukunft ihrer Kinder und der Staat muss sie korrigieren ("put them right").

Man müsse handeln, so Beverley Hughes, sonst sei das Wohl der Kinder in Gefahr. Zur Durchsetzung ihrer sehr detaillierten familienpolitischen Maßnahme will die Ministerin eine neue "parenting workforce" ausbilden lassen. Nach Informationen der Daily Mail soll die "Work Force" sicherstellen, dass Eltern, die ihre Kinderlieder-und Vorlese-Pflichten vernachlässigen, "gefunden und unterstützt" werden.

Diese Eltern müssen dann spezielle Kurse besuchen, um dort das Vorsingen zu lernen, so die Zeitung, die dem Vorhaben kritisch gegenübersteht und die geplante Einsatztruppe als "Kinderreim-Polizei" bezeichnet. Es sei das erste Mal, dass sich derartige Verordnungen ("parental orders") auch gegen Eltern richten, deren Kinder keinen Verstoß gegen das Gesetz begangen hätten, stellt die Daily Mail fest. Die Ministerin habe ein nationales Kurrikulum entworfen, das bis zum Zähneputzen der Kinder alles regeln will.

Da Premierminister Blair die Entwicklung der ASBO (Anti-Social-Behaviour Orders) zur "FASBO" (Fetus Anti-Social-Behaviour Orders - vgl. Ärger verhindern - schon vor der Geburt) grundsätzlich decke, würde man diesen Herbst wahrscheinlich eine Ausweitung der Verordnungen für Eltern erwarten können. So sei auch die Androhung der Ministerin, Eltern, die Kinderlieder verschmähen, zum Besuch von Elternkursen zu verdonnern, nur ein Detail. Größeres sei dann von dem Programm der "National Parenting Academy" zu erwarten, die Lehrer, Psychologen und Sozialarbeiter ausbilden will, damit sie sich "in das Leben der Familien einmischen" und zur "parenting workforce" werden.

Hughes untermauerte ihre Vorschläge mit der Feststellung, dass Kinder emotionale Intelligenz, Flexibilität und Fähigkeiten zum problemlösenden Denken entwickeln sollten, wofür "gute Erfahrungen in der Familie, starke, liebende und ehrgeizige Eltern" die Voraussetzungen wären. Sollten Eltern nicht begreifen, dass Lesen und Vorsingen ihren Kindern einen guten Anfang - "a flying start" - bescheren, so müsse der Staat eben handeln:

Für Eltern, die dieses Erbe nicht haben, sind diese Techniken ein Mysterium und bleiben es wahrscheinlich - außer wir handeln und lenken ihre Aufmerksamkeit darauf.

(Thomas Pany)