Die Kreuzritter von Narnia

Söhne Adams, Töchter Evas: Evangelikale Netzwerke vor den Toren Hollywoods

Bibel und Business gehen Hand in Hand: Mit Disney's Kriegskitschfantasy "Der König von Narnia", setzt Amerikas Christliche Rechte pünktlich vor Weihnachten zu ihrem neuesten Kreuzzug an. Das Sündenbabel Hollywood soll geschliffen, die USA und der Rest der Welt mit militanter Sanftheit zum wahren Glauben bekehrt werden. Denn noch deutlicher als der dumpf-reaktionäre "Herr der Ringe" und der postmoderne "Harry Potter" verkündet "Narnia" eine Message. Und nebenbei lässt sich mit der Verfilmung des Kinderbuchs von Margaret Thatchers Lieblingsautor C.S. Lewis (1898-1963) auch noch kräftig Geld scheffeln.

Gucken wir doch alle mal in unseren Wandschrank. Vielleicht ist dort ja auch ein Eingang in eine andere Welt. Edmund, Peter, Susan und Lucy, den vier Londoner Mittelklasse-Kindern und Hauptfiguren des Films, gönnt man jedenfalls die Flucht in eine Parallelwelt. Schließlich befinden wir uns im Jahr 1941, in der Zeit des "Blitz", als Hitler die Luftschlacht um Engelland zwar schon verloren hatte, aber mit Luft- und später Raketenangriffen noch immer die Zivilbevölkerung der britischen Hauptstadt terrorisierte. Autor Clive Staples - C.S. - Lewis (1898-1963), der die Romanvorlage des Films erst Ende der 40er Jahre schrieb, wusste allerdings sehr wohl um den glücklichen Ausgang des Krieges, sein siebenteiliger Fantasy-Romanzyklus "Narnia Chronicles" ist daher kein Eskapismus vor demselben, sondern eher vor der bitteren britischen Nachkriegszeit - auch in seiner altväterlichen Moral, der behäbigen Feier des Wahren, Schönen, Guten, recht passend zum Zeitgeist der 50er.

Es beginnt mit Untergangsstimmung: Auf der Flucht vor dem Krieg, voller Angst um den kämpfenden Vater, verschickt aufs Landgut eines verschrobenen Professors - ein Selbstportrait Lewis' -, entdecken die vier Kinder in einem Schrank den geheimen Zugang zu einer anderen Welt, einem Reich der Phantasie. Natürlich treten sie ein und entdecken ein verschneites Zauberreich, wo "immer Winter und nie Weihnachten" herrscht, bevölkert mit einer boshaften, aber charmant-verführerisch-androgynen Femme-Fatale-haften teuflischen Weißen Hexe (gespielt von Tilda Swinton, der bekanntesten Darstellerin des Films), einer Art Fantasy-Nazi, die Abtrünnige eiskalt in Stein verwandelt, bevölkert daneben von allerlei digital animiertem mythischem Fabelgetier, das vage aus der antiken und nordischen Sagenwelt stammt: Zentauren, Gnomen, ein Faun, der Bücher über den "Mythos Mensch" liest, und sprechende Tiere: Biber, Wölfe und Füchse.

Man darf bei alldem an "Alice in Wonderland" ebenso denken, wie an "The Wizard of Oz", und ganz grundsätzlich hat C. S. Lewis gegenüber seinem Oxforder Saufkumpan J.R.R. Tolkien den angenehmen Vorzug, dass er sich selbst und seine Texte, die ihm übrigens weitaus leichter von der Hand gingen, als Tolkien die seinen, nicht ganz so ernst nimmt. Lewis' Romane besitzen Humor, sind weitaus weniger verbissen, spießig-pedantisch, raunend und sendungsbewusst. Tolkien und Lewis zerstritten sich folgerichtig über den "Nonsense" des Letzteren, und noch nach Lewis' Tod schrieb Tolkien bitter(bös): "Es ist traurig, dass 'Narnia' und jener ganze Teil des Werkes von C.S.L. außer Reichweite meiner Sympathie bleibt, so wie vieles von mir außerhalb seiner Sympathie lag." Jahre zuvor, 1929, hatte der Rechts-Katholik Tolkien noch den Atheisten Lewis zur Römischen Kirche bekehrt - freilich nicht für lange Zeit, dann kehrte Lewis zur anglikanischen Kirche zurück und hielt während des Krieges jeden Mittwoch um viertel vor acht am Abend für die BBC Radio-Ansprachen über Lebensfragen. Ähnliche Distanz hielt Lewis zum rivalisierenden Freund auch in Bezug auf beider Romane: "Narnia" ist nicht Mittelerde und sollte es auch nie werden.

Trotz aller großbürgerlichen Gelassenheit gibt es aber auch in "Narnia" viel Soupcon und Spott über eine angeblich rationalistisch verarmte Zivilisation, viel Sendungsbewusstsein - erst recht wenn man den Stoff nun für den Film zeitgemäß aufpeppt. Mag es von Lewis nun so beabsichtigt sein, oder wohl eher nicht, ist das Ergebnis doch in wesentlichen Punkten die reine Ideologie: Denn Kinder lernen hier, dass auch sie einen Krieg zu führen haben: Naschwerk kommt in diesem Fall von der Hexe, der Weihnachtsmann bringt lieber Waffen: Schwert und Schild für den Jungen, Pfeil und Bogen sowie ein Zaubertrank für die Mädchen. Den Frieden bekommt man eben nicht geschenkt. Die totale Mobilmachung erreicht das Kinderzimmer - was man angesichts der Nazibedrohung gut verstehen kann, das Buch aber erschien wie erwähnt erst 1950.

Geistige Grundlage ist zudem wie bei Tolkien die Gnostik mit ihrer Idee eines absoluten Kampfes zwischen Gut und Böse, ihrer Ablehnung von Verbindungen zwischen beidem, sowie, ebenalls wie bei Tolkien, die nordische Mythologie und eine heilsgeschichtlich-apokalyptische Vision: das Ende ist nah, jetzt oder nie ist die Welt vor dem Untergang zu retten. Einer alten Prophezeiung zufolge können in der Story nämlich nur vier Kinder, "zwei Söhne Adams und zwei Töchter Evas", den schrecklichen Fluch brechen, die eisige Welt wieder hübsch grün zum blühen bringen und den rechtmäßigen Herrscher, den milden Löwen Aslan wieder auf den Thron setzen. Dies passiert auch, aber davor muss der Löwe den christlichen Jesus-haften Märtyrertod sterben, um als bald a la Jesus wiederaufzuerstehen. Davor kommt es auch wie im letzten Buch der Bibel zu wilden, ultimativen Schlachten zwischen Gut und Böse - die Kinofassung ist in deren Ausführung weitaus martialischer, als das Buch, obwohl - wohl der FSK zuliebe - selbst Schwerverwundete nicht bluten.

Auch sonst strotzen Roman wie Film vor christlicher Motivik: Es geht um Schuld und Sühne, Sündenfall, das Motiv von Herodes' Kindermord und Judas' Verrat - "Narnia" ist das Neue Testament als Märchen. Bei Lewis selbst findet man kaum fundamentalistische Tendenzen und auch keine disneyfizierenden. Jede "Andeutung von Disney-ähnlichem Humor", schrieb er einmal, wäre in Bezug auf den Löwen Aslan "Blasphemie". Trotzdem gelingen Lewis auch christliche Glaubensreflexionen, die durchaus Scharfsinn und Ironie besitzen, in ihrer Leichtigkeit entzücken können. Die Erlösung ist vor allem ein Zaubertrick, und Gott einfach der größte Special-Effekt-Meister.

Ob Kinderbuchautor Philip Pullman also recht hat, der dem Buch "rassistische, frauenfeindliche, reaktionäre Propaganda" vorwirft, sei eher dahingestellt. Dass das alles aber eine christliche Botschaft transportiert, darf man jedenfalls festhalten. Als Film dominiert die Überwältigung durch Bilder, doch in Händen von "Shrek"-Regisseur Andrew Adamson und dem produzierenden Disney-Konzern, der bekanntlich nichts dem Zufall überlässt, ist "Narnia" ein großspuriger, leerer Blockbuster geworden: Öde und kitschig. Denn wieder einmal passiert, was so oft im Hollywood-Mainstream der letzten Jahre geschieht: Wer alle will, kriegt keinen. Weil Disney gleichzeitig ein harmloses Märchen für Kinder und ein Fantasy-Massaker für Teenies auf die Leinwand ringen will, ist das Ergebnis ein Zwitter dazwischen.

Man könnte sich jetzt damit begnügen, dass es nun mal die Institution des "Weihnachtsfilms" gibt, die seit Jahren vor allem von der Firma Disney bedient wird. Sie ist - trotz der "tollkühnen Hexe in ihrem fliegenden Bett", und "Schneewittchen" - selten wirklich große Kinokunst, sondern zuckersüße, harmoniegetränkte, lebkuchenduftende Unterhaltung der primitiveren Sorte, bei der man sich auch das herumchristeln gern mal gefallen lässt - so wie der eine oder andere, der das sonst nie tut, an Heiligabend ja auch in die Kirche geht, um in die rechte Stimmung zu kommen. Daneben gibt es die zweite Institution des Weihnachtsgeschäfts.

Und die dritte, wesentlich neuere, der Weihnachtsfantasy, die zuletzt von den Mehrteilern "Der Herr der Ringe" und "Harry Potter" prächtig bedient wurde. "…nicht päpstlicher als der Papst sein … verzaubern lassen … den Bilderrausch genießen. Moralische Vorbehalte hin oder her. An der Kasse wird jedenfalls das Weihnachtsglöckchen silberhell klingeln." schreibt denn auch die Kritikerin des "Bayerischen Rundfunk" etwas allzu vergnüglich. Aber ganz so einfach ist es eben doch nicht.

Bleiben wir aber zunächst bei dem, was für Disney am wichtigsten ist: das Geld. Mit "Narnia" hat man endlich - analog zu "Harry Potter" und "Herr der Ringe" - ein eigenes Mega-Franchise - über 85 Mio. Bücher wurden seit dem Erscheinen des ersten Bandes verkauft -, das neben Millionen an den Kinokassen auch noch breitmöglichst vermarktbar ist: 60 Merchandise-Lizenzen wurden vergeben, von Danone über Cheerios, Virgin Atlantic, Oral-B, McDonald’s und Kodak bis Tempo. Die 150 Millionen Dollar Produktionskosten und viel viel mehr zurückzubekommen ist nur noch eine Frage des Marketing.

Und hier hat man sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Über die evangelischen Kirchen wird das Kommerzprodukt direkt an die Gläubigen herangetragen. Es gibt "Sneak Previews" in Gotteshäusern und "Informationsmaterial" für Priester und Religionsunterricht, "Narnia"-Gottesdienste sind in Planung, eine Spezialagentur organisiert das Marketing im frommen Milieu, Pfarreien verschenken Tickets an bedürftige Familien - Vorbild von alldem ist die Vermarktung von Mel Gibson "Passion of the Christ", der ein Zwölffaches seines Budgets einspielte. Schon gilt der Film vielen in der Branche als "Die Passion Christi für Kinder".

Doch nicht alles ist Vermarktung durch Disney. Umgekehrt wurde die Verfilmung von "Narnia" schon lange von verschiedenen Organisationen und Medien aus der christlich-fundamentalistischen Ecke als "wünschenswert" promotet. Und nun verkündet Floridas Gouverneur Jeb Bush, Bruder des Präsidenten, und zukünftiger US-Präsident(enkandidat), dass jedes Kind in seinem Bundesstaat bitteschön "Narnia" lesen soll. (Fragt sich nebenbei, wie viele Kinder dort Analphabeten sind?)

Was mag wohl Philip Anschutz alles seinem Wandschrank versteckt haben? Vielleicht den Direkteingang zum Paradies? Oder wenigstens - auch schon paradiesisch - ein paar von den Millionen, die er jetzt verdient. Der 66jährige Anschutz, ein sieben Milliarden schwerer Unternehmer aus Denver, ist mit "Walden Media", nur einer der vielen Firmen der "Anschutz Film Group", der Produzent von "Narnia" und Partner von Disney. Der Name "Walden" spielt übrigens auf den berühmten gleichnamigen Roman des "amerikanischen Grünen" D.H. Thoreau an, einen Apologeten antimoderner Weltflucht und Helden des heutigen, rechten bis rechtsradikalen Amerika - so wie vor 35 Jahren der Hippiebewegung. Zugleich gilt Anschutz Kritikern als einer der "gierigsten Manager Amerikas". Zu seiner Kinogruppe gehören 20 Prozent aller US-amerikanischen Leinwände, damit ist er der größte Kinobetreiber der USA. Bekannt wurde diese obskure Mischung aus Produzent und Prediger, der wenig in der Öffentlichkeit auftritt, als den Republikanern verbundener strikt konservativer Hardliner und bekennender christlich-presbyterianischer Fundamentalist. "Meine Filme sollen einen positiven Effekt für das Leben der Menschen und unsere Kultur haben. … Wir machen Filme, die grundsätzlich erzieherisch sind.", lässt er an seiner missionarischen Grundhaltung keinen Zweifel:

Vor vier oder fünf Jahren habe ich beschlossen, dass ich nicht länger die Finsternis verfluchen wollte - seit Jahren schimpfte ich über Filme und ihre Inhalte -, dass ich etwas dagegen tun würde. Ich ging ins Filmgeschäft.

Dabei gab es Flops, wie das letztjährige Remake von Jules Vernes "in 80 Tagen um die Welt", das mit deutschem Geld finanziert bei 100 Millionen Dollar Kosten nur 42 Millionen wieder eingespielt hatte. Es kamen aber auch durchaus auch qualitätvolle Produkte heraus, etwa der diesjährige Oscar-Kandidat "Ray". Doch auch hier gab es Kontroversen: Anschutz bestand darauf, dass die Drogenvergangenheit des blinden Sängers Ray Charles im Film kaum eine Rolle spielte. Regisseur Taylor Hackford hatte damals mehrfach mit seinem Ausstieg gedroht.

Disney ist daher auch nicht die einzige Säule, auf die Anschutz sein Projekt zur Eroberung einer relevanten Position in Hollywood stützt. Neben Absprachen mit New Line unterzeichnete er 2004 einen Vertrag mit der Twentieth Century Fox zur Verfilmung von fünf Kinderbüchern - offenbar will er vor allem die Seelen der zukünftigen Generation für sich und sein "christliches" Gedankengut gewinnen.

In der Vergangenheit trat Anschutz bereits als Kritiker der Hollywood-Studios und ihrer sogenannten "Left Coast Politics" hervor, darunter des sogar eher um konservative moralische Correctness bemühten Disney-Konzerns - der etwa im Vorjahr dadurch auf sich aufmerksam gemacht hatte, dass er Michael Moores regierungskritischen, und on Disney selbst produzierten Film "Fahrenheit 9/11" in den USA nicht in den Verleih gebracht hatte. In der Perspektive von Leuten wie Anschutz ist Hollywood ein Sündenbabel, eine Welt des libertären Laissez-faire - doch daran glauben nur weltfremde Beobachter. Tatsächlich hat auch in der US-Filmindustrie bereits zur Zeit der "Reagan Revolution" Anfang der 80er Jahre eine Tendenzwende eingesetzt: "Family Values" und Anstand werden gepredigt, und bis heute ist es zum Beispiel abseits von Independent-Produktionen einen Tabu, einen schwarzen Mann eine weiße Frau küssen zu lassen.

"Narnia" ist nun das neueste und - nach "Passion of the Christ", der im Vergleich fast als Arthouse-Movie zu qualifizieren ist, - prominenteste Beispiel für den zunehmenden Bruch mit der ungeschriebenen Hollywood-Regel, in Filmen keine einseitigen religiösen oder weltanschaulichen Inhalte zu transportieren. Nun machen die christlichen Fundamentalisten aus ihren Absichten immer weniger ein Hehl. So hört man Sätze wie den von Lon Allison, Direktor des Billy Graham Centre am Wheaton College in Illinois: "Wir glauben, dass Gott seine Botschaft von Jesus Christus durch diesen Film verkünden wird."

Mit dem "Narnia"-Projekt steht die "Anschutz Film Group" an der Spitze des Kreuzzuges der christlichen Fundamentalisten im Kulturkampf gegen alles, was ihnen "liberal" scheint - wozu auch weite Kreise der konservativen Medien gehören. Ihre neueste Waffe ist globales Entertainment, das idealisiert und verklärt, eine Welt zeigt, die christlich durchwirkt ist, und so etwas wie eine zukünftige globale Leitkultur skizziert. Mit ersten Erfolgen: Früher galt es in Hollywood als Sünde, auch nur zuzugeben, dass man gläubig war, heute gibt es "Prayer Groups" und ein "Hollywood Prayer Network", das zuerst die Filmwelt und durch sie den Rest der Welt missionieren will. Evangelikale Beobachter bewerten Medieninhalte - christliche Gütesiegel für TV-Programme und Kinofilme sind Vorstufen zur Zensur.

Das Bemerkenswerteste an diesem ideologischen Projekt ist aber etwas anderes: Die Tatsache, dass auch dieses der Dialektik der Aufklärung nicht ausweichen kann. So mies jeder Liberalismus gemacht wird, so sehr feiert man den Kapitalismus, so sehr man das sinnleere Blockbuster-Teenie-Mainstreamkino verachtet, so klar setzt man ihm ein sinnhaltiges Blockbuster-Teenie-Mainstreamkino entgegen. Mal sehen, ob dabei am Ende das gewünschte Ergebnis herauskommt, oder nicht doch die liberale Popkultur endgültig auch in Fundamentalistenhirnen Einzug hält. Die Methode, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, klappt ja, wie Anschutz' Bruder im Geiste, Präsident George W. Bush gerade zu spüren bekommt, nicht immer.

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