"Die Krise des Journalismus ist eine Krise der Journalisten"

Bild: Tages-Anzeiger

Interview mit Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeigers

Wen hat es in den Redaktionen zu Zeiten, als es noch kein Internet gegeben hat, wirklich interessiert, ob Leser mit der gebotenen journalistischen Leistung zufrieden waren? Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeigers , hat im Interview mit Telepolis eine klare Antwort auf die Frage, nämlich: "niemanden". In der Vor-Internetzeit, so Marti, habe es keinen gekümmert, wie ein Leser das Medium bewerte, sofern nur die Auflage hoch genug war.

Ein Interview mit dem "Leiter Digital Newsnet" über Bewertungskultur, Datenanalysen, überforderte und nichtüberforderte Journalisten sowie Medien, die ihre Leserforen dicht machen. Für Marti sind Medien, die ihre Leserforen abschalten, nicht mehr interaktiv und "dann ist das so, als ob Sie mit einem Farbfernseher nur schwarz-weiß gucken".

Herr Marti, in einem aktuellen Artikel schreiben Sie: "Es gibt kaum einen zweiten Berufsstand, der die Bedürfnisse seiner Zielgruppen so lange und so skrupellos ignorieren konnte wie derjenige der Journalisten." Was führt Sie zu dieser Aussage?
Michael Marti: Ich frage zurück: Wen von uns Schreibern interessierte es in der Print-Epoche wirklich, wie viele Leserinnen und Leser einen Zeitungsartikel lasen? Wen von uns interessierte es, ob sie bis zum letzten Satz dranblieben - oder schon nach dem Lead absprangen? Wen hatte es zu kümmern, ob die Leser zufrieden sind und sich kompetent informiert fühlten nach der Lektüre eines Beitrages? Ich würde mal sagen: niemanden.
So lange die Auflage hoch war, so lange die Inserate-Einnahmen flossen, war das alles egal. Und wenn es einer doch hätte wissen wollen, dann wären die Messungen, etwa durch einen Copy-Test, fürchterlich kompliziert und teuer gewesen. Pointiert ausgedrückt: In der Print-Epoche galt vor allem das Urteil, der Applaus der Journalisten-Kollegen. Oder dann eine Reaktion der Politiker oder Experten, über die man schrieb.
Der Wandel in den Medien macht sich an vielem bemerkbar - auch an den Daten, die heutzutage über die Mediennutzer und ihr Verhalten zur Verfügung stehen.
Michael Marti: Das trifft zu. Die Digitalisierung bedeutet für Journalisten und Medienhäuser, dass sie immer mehr über ihre Nutzer und deren Verhalten wissen. Die Menge und die Dichte von Nutzerdaten wächst stetig, dieser Datenbestand wird zum zentralen Faktor für zukunftsfähige Geschäftsmodelle - sei es bei der Herstellung, dem Vertrieb oder der Vermarktung publizistischer Inhalte.
Michael Marti. Bild: Rita Palanikumar

Relevante und lange Texte über anspruchsvolle Themen funktionieren

Nun bietet der Tages-Anzeiger den Lesern die Möglichkeit, die Artikel zu bewerten. Unter jedem Beitrag der Redaktion befinden sich zwei Balken, die in Prozentangaben zeigen, ob die Leser den jeweiligen Artikel "lesenswert" finden. Weshalb diese Neuerung?
Michael Marti: Diese Neuerung steht für die Überzeugung, dass ein qualitatives Feedback entscheidend ist, um die Zufriedenheit unserer Leserinnen und Leser zu messen. Denn bisher wussten wir vor allem, wie oft ein Artikel angeklickt wird - das erzählt nur die halbe Geschichte. Wir wissen damit zwar, wie attraktiv das Thema ist, wie schnittig die Headline, wie zugkräftig das Bild. Aber ob unsere Leserinnen und Leser nach dem ersten Klick, nach der Lektüre des Artikels zufrieden sind mit der redaktionellen Leistung, ob sie den Text für "lesenswert" befinden, dies lässt sich aus den Klicks alleine nicht ableiten. Deshalb fragen wir am Ende des Artikels: "Ist dieser Artikel lesenswert?"
Welches Bild bietet sich Ihnen aus den bisher betrachteten Analysen?
Michael Marti: Wir erlebten eine Überraschung, und zwar eine erfreuliche. Wir konnten eine große Kongruenz von Nutzerfeedbacks und publizistischem Selbstverständnis der Redaktion feststellen. Denn die Wertungen der Leserinnen und Leser zeigen: Traditioneller Qualitätsjournalismus, relevante und lange Texte über anspruchsvolle Themen funktionieren sehr wohl, selbst auf dem Smartphone.
Die Kernressorts Wirtschaft, Ausland, Schweiz schneiden im Urteil der Leserinnen und Leser überdurchschnittlich gut ab - wohingegen die Wertungen bei Sport- und Panorama-Stoffen signifikant tiefer sind. Und Soft-Themen wie Fitness, Mode, Lifestyle bewerten unsere User am tiefsten, das heißt also: betrachten sie als am wenigsten lesenswert.
So genannte "Soft-Ressorts" und Boulevard-Themen schneiden schlecht ab, anspruchsvolle und relevante Themen hingegen gut: Was heißt das? Dass Journalisten mitunter ihre Leser unterschätzen?
Michael Marti: Das ist in vielen Fällen tatsächlich so, gerade im Online-Journalismus. Es heißt doch immer wieder: Stelle einen Text über Sex, Streit oder Skandale ins Netz - und die Leser sind zufrieden. Aufwändig recherchierte, lange, komplexe Texte werden online nicht gelesen, schon gar nicht auf dem Smartphone, so ein weiteres Vorurteil. Aber das Gegenteil ist wahr, das zeigen die Nutzerdaten.
Welchen Nutzen haben diese Resultate?
Michael Marti: Zum einen versuchen wir natürlich, unsere Berichterstattung in denjenigen Bereichen zu intensivieren, die eine hohe Wertung durch die Nutzer erzielen; wir ziehen die Daten also heran für redaktionelle Entscheide und den gezielten Einsatz unserer Ressourcen. Zum anderen lassen sich auch für die Umsetzung von Storys sehr spezifische Schlüsse ziehen. Nur die wichtigsten Learnings:
- Es braucht kein aufwändiges Storytelling, um gute Leserwertungen zu erreichen. Ein starkes Bild und ein solider Text reichen allemal für hohe Ratings.
- Wenn Storys multimedial mit Videos etwa oder interaktiven Grafiken angereichert werden, dann müssen diese Elemente tatsächlich textdienlich sein und vor allem einwandfrei funktionieren.
- Denn ist multimediales Storytelling nicht souverän umgesetzt, dann reagiert die Leserschaft negativ mit einem Downrating.
Wie wir sehen, helfen uns diese großen Datensätze, Beiträge auch formal zu optimieren, um im besten Fall so die Zufriedenheit der Leser zu erhöhen.
Bild: Tages-Anzeiger
Gibt es auch einen unmittelbar kommerziellen Nutzen dieser Analysen?
Michael Marti: Ja. Redaktionellen Nutzerdaten kommt eine direkt wirtschaftliche Bedeutung zu, es gibt einen Link von den Daten aus dem Newsroom zum Business. Eine naheliegende Frage ist doch: Lässt sich ein gut bewerteter Artikel gut als Premium-Content verkaufen?
Und in der Tat: Erste Auswertungen von Premium-Content-Käufen auf unseren Websites zeigen, dass zahlpflichtige Artikel mit hoher Leser-Bewertung eine gute Konversionsrate aufweisen, das heißt: öfter gekauft werden als Artikel mit einer schlechten Wertung. Es sind dies oft Storys, die nahe an den Leserinnen und Lesern dran sind: Service-Geschichten mit einem direkten Nutzen, aber auch lebensnahe Geschichten, Schicksal-Storys, die Identifikation und Learnings anbieten.
Ist die Zahl der Klicks gar nicht mehr wichtig?

Michael Marti: Mitnichten. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das alles bedeutet nicht, dass eine Redaktion sich nicht mehr um die Reichweite, um die Klicks, zu kümmern braucht. Damit ein Artikel überhaupt erst gelesen wird, um allenfalls dann für lesenswert befunden zu werden, muss er attraktiv genug präsentiert sein.
In einer Zeit, in der Redaktionen unter hohem Konkurrenzdruck stehen, müssen Journalistinnen und Journalisten möglichst viele Artikel publizieren, die beide Kriterien erfüllen: ein hohes Qualitätsrating und eine hohe Reichweite. Umgekehrt kann es sich eine Redaktion nicht mehr leisten, Beiträge zu publizieren, die wenige Leser erreichen und obendrein tief geratet werden.

Dem gläsernen Leser steht der gläserne Journalist gegenüber

Wie geht die Redaktion mit diesen Angaben um und finden diese Leserbewertung alle bei Ihnen im Haus gut?
Michael Marti: Nein, nicht alle. Es gibt Kollegen, die sich den Wertungen nur ungern aussetzen.
Warum?
Michael Marti: Manche Kollegen glauben, mit den Wertungen der Leser lasse sich journalistische Qualität nicht objektiv erschließen.
Was aber nicht falsch ist.
Michael Marti: Ja, aber darum geht es in ersten Linie auch nicht.
Sondern?
Michael Marti: Was wir messen, ist nicht eine objektive Qualität der Artikel, sondern die Leserzufriedenheit oder, wenn Sie so wollen, die Kundenzufriedenheit - wie dies in anderen Branchen auch geschieht. Man sollte sich gegen diese Entwicklung nicht stemmen. Im Journalismus etabliert sich nur, was in typischen Bereichen der Digitalwirtschaft bereits Norm ist: die Bewertungskultur. Bewertungen, und ich sehe das positiv, bringen auch jene auf Trab, die bisher geglaubt haben, sich um die Meinungen anderer nicht kümmern zu müssen.
Ist es verständlich, dass Journalisten sich skeptisch zeigen, wenn ihre Arbeit plötzlich auf diese Weise taxiert wird?
Michael Marti: Ja, das ist nachvollziehbar. Aber der Wandel lässt sich nicht aufhalten. Wenn Daten vorhanden sind, dann werden sie auch genutzt. Die Unternehmen wissen immer mehr über den Erfolg oder Misserfolg des einzelnen Journalisten - dem gläsernen Leser wird der gläserne Journalist gegenüberstehen. Dieser muss damit rechnen, dass seine eigene Leistung genauso mit Kennzahlen beschrieben wird wie die Performance von Artikeln.
Damit erleben Medienredaktionen derzeit eine Transformation, die in anderen Branchen (Buzzword "Industrie 4.0") schon weiter fortgeschritten ist. Wie immer man dazu steht, auch die größten Skeptiker werden zugeben: Besser, wenn journalistische Arbeit, oder Journalisten selbst, an einer differenzierten Metrik gemessen werden - und nicht bloß an den Klicks.
Schwingt in Ihren Ausführungen auch Kritik an der eigenen Branche mit?
Michael Marti: Machen wir uns nichts vor: Die sogenannte Krise des Journalismus ist in hohem Maße eine Krise der Journalisten. Zuwenig entschlossen ist in den vergangenen Jahren auf die Digitaltechnologie gesetzt worden, zu viel Widerstand wurde Neuerungen entgegengebracht.
Es gibt hierfür verschiedene Gründe: Viele Journalisten, gerade im deutschsprachigen Raum, sind geprägt von einem Misstrauen gegenüber der Technik, hinzu kommt die erwähnte Innovationsferne. Schließlich ist der Wandel, das muss gesagt sein, sehr fordernd für jeden einzelnen - im Grunde muss sich heute ein Journalist fortwährend weiterbilden.
Und wie sieht es mit den Verlegern aus?
Michael Marti: Die Verleger sind zu oft mutlos, wollen nicht investieren. Wie es anders geht, das zeigt Jeff Bezos mit der "Washington Post". Die "Post" setzt auf den Ausbau der Online-Berichterstattung, stellt Reporter ein, verstärkt den investigativen Journalismus und vermeldet steil ansteigende Abonnentenzahlen. Bei allen Vorbehalten gegen Amazon-Gründer Bezos: Dies ist ein erstaunlicher Turnaround, der seinen Anfang nahm mit einer eigentlichen Technologie-Revolution beim Traditionsbrand.
Nochmal zur Qualität im Hinblick auf die Messungen. Wir sind schon kurz darauf eingegangen, aber nochmal: Ob ein Artikel nun als "lesenswert" oder nicht bewertet wird, muss nicht zwangsläufig etwas über die Qualität bzw. die gelieferte journalistische Arbeit aussagen. Anders gesagt: Ein Artikel kann inhaltlich und thematisch gut sein, aber vielleicht gefällt Lesern einfach das Thema oder die Meinung nicht, die in dem Artikel enthalten ist.
Michael Marti: Dies ist ein wichtiger Punkt. Tatsächlich bedeutet ein tiefes Rating nicht zwangsläufig, dass ein Artikel handwerklich ungenügend ist. Aber, wie gesagt, es hat niemand behauptet, dass die Leserfeedbacks ein objektives Maß für journalistische Qualität sind. Vielmehr sind sie ein Gradmesser für die Userzufriedenheit. Zudem gibt es Wertungsmuster, die man interpretieren muss. 

Wie meinen Sie das?
Michael Marti: Ein Beispiel: Vergleichsweise tiefe Werte erhalten kontroverse Stücke oder Themen. Grund: Artikel dieses Clusters polarisieren mit ihren Inhalten die Gruppe der Wertenden stark, deshalb ist in solchen Fällen das Rating zwar tief, beziehungsweise ausgeglichen, die Gesamtzahl abgegebener Wertungen indessen sehr hoch. Das bedeutet nun keinesfalls, dass wir solche Texte nicht mehr wollen, im Gegenteil.

Leserforen zu schließen, ist der falsche Weg

Der Tages-Anzeiger bietet seinen Lesern auch ein Forum, das heißt, unter den Artikel kann auch diskutiert werden. Warum?
Michael Marti: Wir schalten pro Tag zwischen 5 bis 10 solcher Foren frei, in denen unsere Nutzerinnen und Nutzer jeweils zu einem Artikel diskutieren können; zudem publizieren wir jeden Tag ein halbes Dutzend Postings in unserer Blog-Sektion, auch hier kommentiert unser Publikum engagiert.
Wie sehen Sie es, dass zahlreiche große Medien die Leserforen geschlossen oder das Angebot, unter Artikeln zu kommentieren, stark eingeschränkt haben und nur noch bei bestimmten Themen ein Forum freischalten?
Michael Marti: Leserforen zu schließen, das ist der falsche Weg.
Warum? 

Michael Marti: Wenn ein Medium sein Leserforum schließt, gibt es eine entscheidende Qualität preis: die Interaktivität, die Ermöglichung von Partizipation, das Schaffen von Nähe und Loyalität. Wenn Online-Journalismus nicht mehr interaktiv ist, dann ist das so, als ob Sie mit einem Farbfernseher nur schwarz-weiss gucken.
Was ist das für eine Mentalität, die hinter diesen Entscheidungen steckt? Kommt da auch die von Ihnen bereits angeführte Ignoranz gegenüber der Leserschaft zum Ausdruck?
Michael Marti: Das kann man so sehen. Das Moderieren und Kontrollieren von User-Kommentaren auf Nachrichtenseiten ist eben ein Knochenjob. Aber ein lohnender. Ein professionelles Community-Management verlangt eine technische Infrastruktur, ein spezielles Know-how und vor allem: genügend Ressourcen. Das kostet natürlich etwas. Bei Tages-Anzeiger Online kontrollieren wir in zwei Schichten täglich mehrere tausend User-Kommentare.
Wer die Einlassungen der Redaktionen zur Schließung der Leserforen verfolgt, kann zu dem Eindruck gelangen, in manchen Redaktionen gibt es eine regelrechte Angst vor der Meinung des Lesers, oder? 

Michael Marti: Ich denke, als vor rund 10 Jahren, praktisch alle großen Newssites Kommentarforen eingeführt hatten, herrschte eine große Naivität. Die User-Post wurden in vielen Fällen nicht einmal kontrolliert. Das ist absurd: Man stelle sich vor, eine Redaktion würde unbesehen Leserbriefe abdrucken. Der verantwortliche Chefredakteur hätte ein größeres Problem.
Aber im Netz war dies der Fall.
Michael Marti: So ist es. Dies ist weiteres Beispiel, das zeigt, wie anspruchsvoll es für Journalisten war und ist, dieses Medium zu verstehen, sein Potenzial richtig einzuschätzen und den adäquaten Umgang zu finden - so auch mit den Leserkommentaren.

"Es ist alles enorm unübersichtlich und komplex geworden"

Schon seit geraumer Zeit gibt es eine recht laute Kritik an Medien und an dem gelieferten Journalismus. Die Debatte über die Glaubwürdigkeit "der Medien" und die Qualität des Journalismus findet sowohl in Deutschland als auch der Schweiz statt. Was meinen Sie: Was sind die Ursachen dafür, dass eine beachtliche Zahl an Mediennutzern Journalisten so stark für ihre Arbeit kritisiert?
Michael Marti: Tatsächlich müssen die Journalisten derzeit viel ein- und wegstecken. Oft auch ungerechtfertigte oder gar unqualifizierte Kritik. Dafür gibt es viele Gründe, nur die wichtigsten: Es geht uns zusehends der Konsens verloren, was eigentlich Journalismus ist, was beispielsweise eine journalistische Analyse von einem Leserkommentar unterscheidet, worin die Differenz besteht zwischen einem Legacy-Titel und einem News-Aggregator, was Fakt ist, was Fake.
Es ist alles enorm unübersichtlich und komplex geworden, mit dem Resultat: Viele Leute fühlen sich überfordert, allenfalls schlecht informiert, sind verwirrt und prügeln in ihrem Frust auf die traditionellen Medien ein, wo sie - im Gegensatz etwa zum Globalplayer Facebook - zumindest noch einen konkreten Adressaten ausmachen und sich greifen können, an den sie ihre Kritik richten.
Und was man auch sagen muss: Bei allem Respekt vor der großen Mehrheit an interessierten, kompetenten und anständigen Lesern - in den Kommentarspalten tummeln sich natürlich auf Wirrköpfe und Randalieren, die sich unverhältnismäßig Gehör verschaffen können.
Ist dem tatsächlich so? Fühlen sich die Mediennutzer tatsächlich überfordert? Ist es nicht eher so, dass ein großer Teil der "User" eine beachtliche Medienkompetenz an den Tag legt, beispielsweise sehr gut zwischen einem Kommentar und einem nachrichtlichen Artikel unterscheiden kann und dann sauer reagiert, wenn er bemerkt, dass ihm unter dem Deckmantel eines scheinbar neutralen Berichts Meinung vorgesetzt wird?

Außerdem: Sie haben auch angeführt, was derzeit immer wieder zu hören ist, nämlich, dass "alles enorm unübersichtlich und komplex" geworden ist. 
Stimmt das denn tatsächlich? 
Große politische und gesellschaftliche Ereignisse waren schon immer komplex. Mir kommt es manchmal eher so vor, dass in den Kommentarspalten die Leser versuchen, auf die komplexe, mehrdimensionale Realität einzugehen, während oben in den Artikel eine zu einfache Wirklichkeit gezeichnet wird. 

Michael Marti: Der Einwand ist berechtigt. Aber ich beobachte, dass eben beide User-Typen, der kompetente und der überforderte, Realität sind. Man nannte das mal den digitalen Graben. Und wir haben dieses Phänomen ja auch bei den Journalisten festzustellen: Es gibt die kompetenten Kolleginnen und Kollegen, die mit der Entwicklung Schritt halten oder gar souverän die neuen Möglichkeiten nutzen. Und es gibt diejenigen, die dies nicht wollen oder können.

"Der Journalismus steht unter einem enormen wirtschaftlichen Druck"

Aber Sie wollten einige Gründe aufführen, was dem Journalismus so schwer zu schaffen macht.
Michael Marti: Genau. Die Tatsache ist doch: Der Journalismus steht unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. Nach einer langen Phase, in der die Verlage Jahr um Jahr hohe Gewinne einfahren konnten.
Ungemütlich ist die Lage deshalb, weil sich die Werbung vom Journalismus trennt, insbesondere von den traditionellen Titeln. Heute können Sie als Werbekunde dank Audience- oder User-Targeting irgendwo im Netz ihren Zielkonsumenten erreichen. Sie müssen dafür nicht mehr vergleichsweise teuer beim Tages-Anzeiger oder Spiegel Online inserieren.
Aufgrund dieser Entwicklungen gehen auch im Online-Bereich den Traditionstiteln immer mehr Anzeigen verloren, vom Print ganz zu schweigen. Und irgendwann wird deshalb auch der Journalismus schlechter werden. Guter Journalismus muss zwar nicht teuer sein - er wird aber wie jedes andere Berufshandwerk auch immer etwas kosten.
Der Qualitätsjournalismus ist also zusammengebrochen?
Michael Marti: Nein, soweit ist es noch nicht. Ich kann aber nur für die Situation in der Schweiz sprechen.

Das heißt?
Michael Marti: Wenn ich den heutigen Tages-Anzeiger, ob Print oder Online, mit Zeitungen aus den 1970er-Jahren vergleiche, dann stelle ich fest, dass heute die Meinungsvielfalt ungleich größer ist als in der erwähnten Zeit, in der in der Schweiz noch das Prinzip der Parteienpresse vorherrschte. Damals, als ein Abonnement den Entscheid für eine ideologische Weltsicht bedeutete, hatten wir tatsächlich ein Bubble-Problem.
Wie betrachten Sie den Meinungskorridor der großen Medien? Ist er groß genug?
Michael Marti: Was heißt heute "große Medien"? Sprechen wir von Bild, FAZ, NZZ und "Tages-Anzeiger", also ausschließlich von den traditionellen journalistischen Titel? Oder gehören zu den großen Medien auch Blog-Plattformen und Twitter? Wikipedia gar? Also die ganze Vielfalt der Content-Plattformen, auf die Nutzer und Nutzerinnen zugreifen können, in der Regel kostenlos. Ich denke, man muss diese zweite Perspektive wählen, um zu einer Antwort zu gelangen, die der heutigen Medienwirkung und Mediennutzung entspricht. Und dann würde ich sagen: Ja, der Meinungskorridor ist breit - sicherlich ungleich breiter als in der Zeit vor dem Internet.
Mag sein, dass heute bei den so genannten Leitmedien ein Konformitätsdruck besteht - auch angesichts der außergewöhnlich schwierigen wirtschaftlichen Lage, die für uns alle eine wirklich anspruchsvolle Herausforderung ist. Aber gerade die erwähnten neuen Plattformen und der gestiegene Anspruch der Leser, am Informationsgeschehen selbständig teilzuhaben, funktionieren als Korrektiv und garantieren eine Meinungs-, aber auch Themenvielfalt. Es ist doch so: Vielfältigste Meinungen und Behauptungen, dies haben wir mehr genug. Wenn wir uns Sorgen machen müssen, dann darüber, ob der Journalismus auf Dauer noch die ökonomische Kraft hat, anspruchsvolle Recherchen und intelligente Analysen zu finanzieren.
Diese Perspektive halte ich für problematisch. 
Natürlich, wenn Sie die von Ihnen angesprochenen neuen Plattformen bzw. auch das Internet in seiner Gesamtheit als großes, neues Medium hinzuzählen, dann ist der Meinungskorridor gigantisch geworden. 
Aber auch wenn die traditionellen Medien bzw. Leitmedien ihr Meinungsmonopol "verloren" haben, so ist es dennoch immer so, dass in aller Regel Nachrichten, die als Aufmacher von einer Vielzahl dieser Medien gebracht werden, eine ganz andere Reichweite und Auswirkung haben, als etwa eine Meldung, die, sagen wir: ein "Bürgerjournalist" auf Twitter absetzt oder sonst auf einem Blog veröffentlicht. 

Hinzu kommt: Der Zugang zu Akteuren, die aufgrund ihrer Position in der Lage sind, Weichenstellungen in der Gesellschaft vorzunehmen sind, ist in der Regel nach wie vor diesen "traditionellen" Medien vorbehalten. Daraus ergibt sich auch nochmal eine ganz andere Stellung und Macht in dem "Gesamtgefüge" aller Medien. 

Michael Marti: Zugegeben, die Diskursposition eines Legacy-Titels ist natürlich eine mächtigere als die eines Bloggers. Aber grundsätzlich bin ich Optimist und ich sehe die neuen Medien, die neuen Plattformen, in ihrer Wirkung als komplementär, als ergänzend zu den traditionellen Titeln.
Ein Beispiel aus der Schweiz: 2016 wurde in unserem Land die sogenannte Rückweisungsinitiative der rechten Volkspartei an der Urne abgelehnt. Die Gegner der Vorlage, die eine weitere Verschärfung des Asylrechtes verlangte, organisierten und äußerten sich sehr geschickt auf Facebook. Das Nutzen der Plattform war ein zentraler Bestandteil ihrer Kampagne-Strategie und Grund für den alle überraschenden Erfolg gegen die scheinbar übermächtige SVP.
Wie könnte es den traditionellen Medien denn gelingen, diejenigen Leser, die ihnen kein Vertrauen mehr entgegenbringen, zurückzugewinnen?
Michael Marti: Indem wir uns Gedanken machen über unsere Beziehung zu den Leserinnen und Leser. Diese muss grundsätzlich geprägt sein von Interesse und Transparenz. Und hierzu ist eine offene Analyse und Verwertung von qualifizierten Leserfeedbacks und Nutzerdaten, so wie wir dies besprochen haben, ein probates Mittel.