Die Kritik eines Unbekannten

Bild: Ferdinand Pauwels/gemeinfrei

Ein modernes Märchen aus aktuellem Anlass

Es war einmal ein Papst, ein päpstlicher Sekretär und ein nicht anwesender unbekannter Mönch.

Eure Heiligkeit, ein unbekannter hat Mönch mehrere Thesen an eine Kirchentür genagelt.
Papst: An welche Kirche?
An eine Kirchentür zu Wittenberg.
Papst: Wittenberg? Wo ist das?
In Deutschland, Eure Heiligkeit.
Papst: In Deutschland! Das ist doch weit weg, warum belästigt man mich damit?
Es handelt sich um Kritik an Eurem Pontifikat.
Papst: Ich wusste nicht, dass es da etwas zu kritisieren gibt.
Ich auch nicht, Eure Heiligkeit.
Papst: Na also, dann haben wir soeben beschlossen, dies großzügig zu ignorieren.
Ich fürchte, das geht nicht so einfach, Eure Heiligkeit.
Papst: Wieso?
Die Thesen wurden gedruckt und verbreitet, und der Mönch hat schon viele Follower.
Papst: Follower? Was ist das denn?
Es sind Leute, die seine Schriften lesen und zum größten Teil auch noch gut finden.
Papst: Wie viele sind das?
Wir haben noch nicht die Mittel, dies herauszufinden, aber es scheinen unzählige zu sein.
Papst: Ich wusste nicht, dass so viele Leute Latein können.
Er schreibt nicht in Latein. Er schreibt in der Sprache des Volkes.
Papst: In der Sprache des Volkes? Haben wir das erlaubt?
Nein, Ihr habt es nicht erlaubt, aber auch noch nicht verboten.
Papst: Da müssen wir etwas ändern. Ab sofort, muss jede gedruckte Schrift von uns genehmigt werden.
Mit Verlaub, Eure Heiligkeit, dies könnte einen großen Aufwand erfordern.
Papst: Ach was. Jeder Buchdrucker soll schon mal eine Vorabprüfung machen. Wenn die Schrift eine Kritik an unserem Pontifikat enthält, dann darf er es nicht drucken, sonst wird seine Druckerei geschlossen.
Mit Verlaub, Eure Heiligkeit, es könnte zu Kollateralschäden bei den lateinischen Druckerzeugnissen kommen.
Papst: Welche Schäden soll es da geben?
Nun die Buchdrucker können möglicherweise kein Latein oder nur sehr schlecht. Sie werden vorsichtshalber jedes Buch, das das Wort "Papst" enthält, nicht drucken, denn es könnte ja Kritik an Eurem Pontifikat enthalten.
Papst: Das glaube ich nicht. Wer sollte es wagen ein Buch, das unser Pontifikat kritisiert, in lateinischer Sprache zu verfassen, wenn wir das verboten haben. Was habe ich nur für einen Bedenkenträger vor mir!
Aber was machen wir nun mit den Thesen, die schon in Umlauf sind?
Papst: Unser Sekretariat soll eine Erwiderung schreiben.
Mit Verlaub, Eure Heiligkeit, in unserem Sekretariat wird nur Latein gesprochen. Wir haben niemand, der die Sprache des Volkes spricht.
Papst: Dann schreibt es in Latein und lasst es zu gegebener Zeit übersetzten, falls dies dann noch nötig sein sollte.
Eure Heiligkeit, dies könnte zu lange dauern. Man könnte Euch bis dahin abwählen.
Papst: Abwählen? Was soll das soll das heißen? Man kann uns nicht abwählen, unser Amt besteht lebenslang.
Im Umfeld dieses Mönchs gehen Gerüchte um, man bräuchte Euer Amt nicht mehr und käme auch ohne Euch aus.
Papst: Nein, das ist ja unerhört! Unser Amt gibt es schon seit Generationen und wird es auch noch in künftigen Generationen geben!
Ich zweifle nicht daran, aber wie sollen wir dies der jetzigen Generation beibringen?
Papst: Stopfen wir diesem Mönch einfach das Maul!
Er beruft sich aber auf Euren Vorgänger, und der berief sich auf seine Redefreiheit.
Papst: Mein Vorgänger soll sich auf die Redefreiheit berufen haben? Welcher Vorgänger war das?
Es war der Apostel Petrus, wie es in der Apostelgeschichte geschrieben steht.
Papst: Ja und? Was beweist das? Sicher haben wir als Nachfolger des Apostels Petrus die Redefreiheit. Aber ein gewöhnlicher Mönch, um nicht zu sagen Mensch, untersteht unserer Jurisdiktion. Und die Gesetze machen immer noch wir. Außerdem gab es zur Zeit der Apostel noch keinen Buchdruck. Diese neue Technik bedarf der Regulierung. Da kann nicht jeder einfach drucken, was er für richtig hält. Wir verbieten ihm, weitere Schriften zu verfassen!
Ich werde alles Nötige veranlassen.

Sekretär geht ab und sagt zum Publikum gewandt: Wenn das nur gut geht!

Und da dies ein modernes Märchen ist, endet es so: Weil sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. (Robin Moebius)