Die Kultur der Nerds hat einen sehr unreifen Zug

Vincenzo Natali bei den Dreharbeiten zu „Splice“. Alle Bilder: Warner Bros.

"Uns stehen interessante Dinge bevor" - Biohorror, Tier-Mensch-Hybride und Selbstironie: Vincenzo Natali über seinen neuen Film "Splice"

In Splice erzählt Regisseur Vincenzo Natali (Cube, Cypher) die Geschichte eines Wissenschaftlerpaares, das menschliche und tierische Gene miteinander verschmilzt.

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Clive und Elsa (gespielt von Adrien Brody und Sarah Polley) bringen ein Hybrid auf die Welt – heimlich, da sie natürlich gegen alle existierenden Ethikregeln verstoßen –, das sich mit rasender Geschwindigkeit entwickelt. Das von ihnen „Dren“ (ein Anagramm von „Nerd“ – Clive und Elsa verstehen sich als Nerds und haben auch ihre Abteilung so genannt) genannte weibliche Mensch-Tier-Mischwesen (Delphine Chanéac) muss schließlich das Labor verlassen, sie quartieren sie stattdessen auf der alten Farm ein, die Elsa von ihrer Mutter geerbt hat. Dort überschlagen sich die Ereignisse.

Natalis Film ist voller Anspielungen auf klassische Monsterfilme und zugleich eine ambivalente Verbeugung vor der Nerd-Kultur. Auf dem Filmfestival von Gérardmer stellte er Ende Januar seinen Film erstmals in Europa vor; dort ergab sich die Gelegenheit für ein Interview mit Telepolis.

Ein amerikanischer Filmkritiker hat Splice als einen von Charles Darwin umgeschriebenen und von David Cronenberg verfilmten Frankenstein beschrieben.
Vincenzo Natali: (lacht)
Was halten Sie davon, mit David Cronenberg verglichen zu werden?
Vincenzo Natali: Das kann man wohl nicht vermeiden, wenn man den Bereich von Biohorror betritt, dafür hat sich David Cronenberg die Rechte gesichert, und er ist derjenige, der die Pionierarbeit in diesem Subgenre geleistet hat. Natürlich verdanken wir ihm viel, es ist sogar so sehr Teil meiner DNA, dass ich sehr bewusst versucht habe, alles in meiner Regiearbeit zu vermeiden, was an ihn erinnert. Ich wollte auf keinen Fall versuchen das zu machen, was er so wunderbar kann.
So viel Splice Cronenberg auch verdankt, weicht der Film meiner Meinung nach aber doch sehr radikal von seinem Ansatz als Filmemacher ab. Ich glaube, es war wichtig, dass der Film seine eigene Identität hat, unabhängig von ihm. Es ist vor allem seine Welt, und ich bewundere seine Arbeit sehr.
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Ich habe mich gefragt ob Sie sich Gedanken darüber gemacht haben, dass Splice von manchen als Kommentar zu Karrierefrauen verstanden werden könnte.
Vincenzo Natali: (lacht)
Elsa ist schließlich eine Frau, die kein eigenes Kind will, und selbst wenn das daran liegt, dass sie von ihrer Mutter misshandelt wurde, so wird sie schließlich doch stattdessen die Mutter eines Monsters.
Vincenzo Natali: Das ist eine großartige Frage. Für mich ist Splice aber eher ein Kommentar zu meiner Generation. Es geht nicht speziell um Frauen, sondern um Frauen und Männer; und so viel wie der Film David Cronenberg verdankt, verdankt er auch Mary Shelley…
… der Autorin von Frankenstein …
Vincenzo Natali: … und diese Bezüge waren mir auch sehr bewusst. Aber ich wollte den Film ins 21. Jahrhundert bringen, und daher denke ich, dass es sehr wichtig ist, dass die Hauptfigur des Films eine Frau ist, denn wir leben, Gott sei Dank, in einer viel freieren Gesellschaft als Mary Shelley damals.
In dem Film steht Clive in gewisser Weise für mich, und Elsa ist den Frauen sehr ähnlich, die ich mag; ich mag starke Frauen sehr. Ich empfinde große Zuneigung für Clive und Elsa, obwohl sie im Film einige sehr hässliche Sachen machen. Ich halte sie für sehr sympathisch. Sie sind zwar Wissenschaftler, sie sind in meiner Vorstellung aber zugleich auch Künstler: mutig und an der Speerspitze dessen, was vor uns liegt; sie sind furchtlos in ihrem Streben danach. Das finde ich bewundernswert.
Wie viele Leute meiner Generation sind sie immer noch Kinder in ihren erwachsenen Körpern. Zwar haben sie die grundlegenden Bausteine des Lebens absolut im Griff und verstehen genau, wie Leben auf einer mechanischen Ebene funktioniert. Aber ich glaube nicht, dass sie das Wesen des Lebens verstehen.
Das Problem ist meiner Meinung nach nicht, dass sie an DNA herumpfuschen, sondern: Sie sind nicht wirklich darauf vorbereitet, mit dem umzugehen, was sie geschaffen haben. Sie sind einfach nicht reif genug, ein Baby großzuziehen, irgendeines, von einem Mensch-Tier-Hybrid ganz zu schweigen.
Und das ist der Punkt, an dem ich glaube, dass der Film in einer sehr subtilen Weise, als Randbemerkung, ein bisschen eine Kritik an meiner Generation darstellt. Wir sind einfach verwöhnt, wir haben uns niemals mit Krieg auseinandersetzen müssen, bis vor kurzem kannten wir in Nordamerika kein schreckliches Elend, und das Ergebnis ist, dass wir immer noch ein bisschen wie Kinder sind. Und wir wollen das auch nicht loslassen. Wir sind unwillig, erwachsen zu werden.
Würden Sie das mit Nerd-Kultur in Verbindung bringen?
Vincenzo Natali: Ja, genau. Ich glaube, dass die Kultur der Nerds, zu denen ich mich selbst auch zähle, offensichtlich einen sehr unreifen Zug hat. Wir sind immer noch von den gleichen Sachen besessen wie als Kinder oder Teenager, und jetzt sind wir in unseren Vierzigern. (lacht) Damit stimmt etwas nicht. Das ist auf der einen Seite ganz wunderbar. Es ist großartig, weil es schön ist, den Wert von Fantasie anzuerkennen. Und die Nerd-Kultur ist selbstironisch und hat Sinn für Humor, was sie selbst betrifft, das sind alles gute Eigenschaften.
Aber auf der anderen Seite, ach je: werd’ erwachsen, werd’ damit fertig. Wir werden älter (lacht), das Leben geht weiter, und wir können uns nicht davor verstecken.
Im Film gibt es starke Parallelen zwischen Drens Geschichte und der Adoleszenz als Phase, dem Erwachsenwerden. Die ganzen unbeholfenen Entwicklungen, die man durchmacht, Veränderungen, Sexualität, und auch die sich verändernden Beziehungen zu den Eltern. War das als Gegenentwurf dazu gedacht, dass Clive und Elsa nicht erwachsen werden?
Vincenzo Natali: Auf einer bestimmten Ebene dreht sich der ganze Film ums Erwachsenwerden. Es geht um Clive und Elsa, die durch einen Prozess des Wachstums gehen. Und Dren wird offensichtlich erwachsen.
Aber es geht auch um unsere Entwicklung als Menschheit: Wenn uns diese Türen offen stehen, wenn uns die Genetik als Werkzeug zur Verfügung steht, wenn wir unsere Umwelt und womöglich schließlich auch uns selbst verändern, dann, glaube ich, geht es darum, dass die Menschen als Art erwachsen werden.
Das ist wirklich faszinierendes Zeug, gerade angesichts der Tatsache, dass sich die Wissenschaft in der Zeit, die es mich gekostet hat, diesen Film zu machen, exponentiell weiterentwickelt hat. Ich habe angefangen daran zu schreiben kurz nachdem Schaf Dolly geklont wurde. In dieser Zeit haben sie das gesamte menschliche Genom kartiert. Bevor wir anfingen zu drehen, wurde die Erschaffung von Tier-Mensch-Hybriden in Großbritannien legalisiert. Ich glaube, dass die biotechnologische Revolution die nächste industrielle Revolution sein wird. Das ist wirklich die Zukunft.
Und ich glaube, es ist eine gute Sache, das ist der Weg, den wir gehen müssen. Aber man muss sehr vorsichtig damit umgehen.
Sie haben Monsterfilme angesprochen. Ein Film, an den ich erinnert wurde, ist Species von Roger Donaldson.
Vincenzo Natali: Right. (kichert)
Das ist ein B-Movie, ein komplett anderer Film, mit einem ganz anderen Ton, aber die Ähnlichkeiten sind recht offensichtlich.
Vincenzo Natali: Das ist ein Punkt, an dem ich abwehrend werde. Ich habe nichts gegen den Vergleich mit David Cronenberg, denn die Verbindung sehe ich auch. Species ist ein Film – ich will nicht zu schlecht darüber sprechen, aber er ist kein guter Film. Als jemand, der das Monsterkino mag, war ich – nicht beeindruckt. Der Vergleich stört mich aus nur einem Grund: Bevor Splice jetzt gezeigt wurde, haben viele Leute gesagt: „Oh, das ist ein Species-Imitat.“ Und ich habe gesagt, auf keinen Fall, Leute, das ist es nicht. Splice ist so anders, ich nehme euch diesen Vergleich tatsächlich ein wenig übel. Species gibt nicht vor, irgendetwas zu sein, was es nicht ist, und ich bin sicher, dass viele Leute ihn wirklich mögen. Aber Splice versucht woanders hinzugehen.
Glauben Sie mir, dafür habe ich gelitten. Es war nicht einfach, diesen Film zu machen. Es hat mich mehr als zehn Jahre gekostet, und das liegt daran, dass Splice, anders als Species, die moralischen Grenzen dessen, was in einem Film akzeptabel ist, erweitert – und deshalb ist er ein gefährlicher Film. In Species geht es natürlich auch um Sex und so, aber auf eine adoleszente Art, auf eine B-Movie-Weise; daran ist nichts falsch, aber zur Verteidigung meines Films, der als Plagiat von Species bezeichnet wurde, muss ich sagen, wir gehen viel, viel weiter.
Es war keineswegs als Beleidigung gemeint, aber es ist ein Film, an den man leicht denken muss, wenn man Splice sieht.
Vincenzo Natali: Absolut. Und natürlich werden manche Leute diesen Vergleich anstellen. Um ehrlich zu sein, wir haben, als wir versucht haben, die internationalen Filmrechte zu verkaufen, ein Poster erstellt, das die Leute an Species erinnerte. Sie sollten denken, dass der Film ein kommerzieller Film sei, damit er sich besser verkaufte. Ich war daran aktiv beteiligt, dies war ja kein Drehbuch, das mir jemand in die Hand drückte und das ich dann abgedreht habe, dies war etwas, für das ich mit allen Mitteln gekämpft habe.
Unglücklicherweise ist das Poster ins Internet durchgesickert und alle sagten: „Oh, das sieht aus wie ein billiges Imitat von Species!“ Das ist natürlich die Schlussfolgerung, die man daraus ziehen müsste, aber es ging nur um Marketing, darum den Film zu verkaufen, das war nie für die Öffentlichkeit gedacht. Es war nie für jemand anderen gedacht als für die internationalen Einkäufer, die, ehrlich gesagt, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner schauen, wenn sie einen Film einkaufen.
Also, ich bin da etwas empfindlich. (lacht) Aber natürlich ist das Konzept von sexy Monstern nicht neu, es gab das in der Vergangenheit, und sicher war eines der Dinge, das mich an der Idee zu Splice so angezogen hat, dass es ein Konzept ist, das uns schon seit Tausenden von Jahren begleitet. Der mythologische Archetyp des Tier-Mensch-Hybriden geht zurück auf die ältesten Mythologien, quer über den Erdball, und auch die Vorstellung davon, sich in eine solche Kreatur zu verlieben, ist allen Kulturen gemein. Ich glaube, das ist sehr tief in unserem Unterbewussten vergraben, und das ist gerade jetzt so faszinierend, weil die Wissenschaft die Mythen einholt. In der Tat existieren diese Wesen, die ja oft als Chimären – eine Kreatur aus der Mythologie – bezeichnet werden, schon heute in unserer Welt und werden sich weiterentwickeln. Uns stehen interessante Dinge bevor.
Das Setting des Films verändert sich sehr stark im Laufe des Films. Die Veränderung geht von einem sehr modernen Schauplatz in einem Labor – gewissermaßen der Platz für eine moderne Version des Mad Scientist – hin zu einem sehr klassischen Monsterfilmsetting, Elsas Farm, die deutlich als ein Gebäude aus einem Gruselfilm präsentiert wird. Im letzten Teil des Films scheint mir recht offensichtlich, dass Sie eine Hommage an klassische Monsterfilme im Sinn hatten.
Vincenzo Natali: Der Film ist auf mehreren Ebenen zweigeteilt. Die erste Hälfte spielt in einem Labor, die zweite auf einer Farm, näher an der Natur. Ich selbst halte, ehrlich gesagt, die zweite Hälfte für interessanter. Natürlich erinnert dieser Teil auf visueller Ebene, auf der Ebene des Handlungsortes, stark an Gruselfilme, mit denen wir schon vertraut sind. Auf einer psychologischen Ebene aber bewegt sich der Film an einen neuen Ort. Hier geht es in dem Film mehr um die Beziehungen der Figuren untereinander und weniger um die Wissenschaft, und hier sehen wir auch das Monster in unseren Protagonisten wachsen, in den menschlichen Figuren.
Das ist mir vor allem sehr bewusst geworden, als ich tatsächlich vor Ort war. Sobald wir anfingen, die Szenen im Stall und im Wald zu drehen, wurde mir klar, dass ich mich ins Gebiet von James Whale …
… dem Regisseur von Filmen wie Frankenstein (1931) mit Boris Karloff oder The Invisible Man (1933) …
Vincenzo Natali: … vorwagte; das ließ sich nicht vermeiden, das musste ich mir zu eigen machen.
Der andere Grund für diesen Wechsel aber ist, dass ich dachte, dass Clive und Elsa schließlich Mutter Natur Rede und Antwort stehen mussten. Wenn sie in ihrem Labor sind, das ist ihr Gebiet, da haben sie das Sagen, da haben sie die Kontrolle. Aber wenn die Kreatur schließlich aus dem Labor herausgebracht und in diesem Stall abgesondert werden muss, da beginnen sie die Kontrolle zu verlieren: über sich selbst, über die Kreatur, über alles. Der letzte Teil des Films spielt ja im Wald, und da sieht man diese Leute, die die Kräfte des Lebens beherrschen, als eigentlich gänzlich hilflose kleine Kreaturen: jetzt ist der Spieß umgedreht. Als Menschen der Gegenwart sind sie völlig unvorbereitet darauf, nachts im Wald zu sein, und sie unterliegen der Natur.
Es ist eine klassische, sehr, sehr klassische Szenerie, dass wir zwar glauben, ganz die Kontrolle über die Natur zu haben, aber das Gegenteil wahr ist – und indem wir unsere eigene genetische Struktur ändern, folgen wir eigentlich der Kraft der Natur.
Ich glaube dass ich in meinem Denken ein wenig vom üblichen Paradigma darin abweiche, dass ich glaube, es ist unsere Aufgabe, das zu tun. Ich glaube das ist der Plan der Natur – wir sind nicht von der Natur abgetrennt, wir sind Teil eines viel größeren Ganzen, das einschließt, dass wir unsere DNA verändern, vielleicht sogar bis zu dem Punkt, an dem wir unser eigenes Aussterben bewirken und etwas weiter Entwickeltes aus uns entsteht, sei das nun eine Künstliche Intelligenz oder sei es eine künstlich genetisch modifizierte Kreatur. Ich glaube dass es das ist, wohin wir uns bewegen, und das ist sicher der Ort, an dem Clive und Elsa am Ende des Films ankommen.
Wir entwickeln uns also zu einer Rasse von Drens?
Vielleicht ja, auf einer bestimmten Ebene. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass alle Körpermodifikationen, wie etwa alle Formen von Piercings und so weiter, auf einem unterbewussten Level eine Art von Vorbereitung darauf sind. Früher oder später werden wir Maschinen und Fremdmaterialien in unsere Körper inkorporieren. Es erscheint mir unvermeidbar.
Vincenzo Natali: Natürlich haben wir bereits damit begonnen.
Es ist erstaunlich für mich, dass das, was ich als Kind für Science Fiction hielt, jetzt einfach Realität ist. Das ist ja nicht mal eine kontroverse Aussage, das ist einfach Fakt.

(Rochus Wolff)

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