Die Kunst, das Lernen zu optimieren

Erstes Zentralabitur NRW - eine Nachlese von Schülern

Das erste Zentralabitur 2007 für die gymnasiale Oberstufe in NRW ist gelaufen. Es gab einige Pannen im Verfahren, Proteste und Panik im Vorfeld. Doch insgesamt scheinen Schüler, nicht nur an einer Gesamtschule, die Vorbereitung, den Verlauf und die Ergebnisse eher positiv zu bewerten. Allerdings sehen die Schüler, ähnlich wie die beteiligten Lehrer, zukünftige Lerngenerationen im Zugzwang, sich noch zielgenauer und sachgemäßer vorzubereiten. Dabei stellt sich auch die Frage nach der Präzision und dem Spielraum der oft kaum oder nur sehr pauschal von Düsseldorf angedeuteten oder in letzter Sekunde eingeführten Vorgaben.

Die Standards für die erforderliche Zielgenauigkeit werden in unterschiedlichen Fächern derzeit erst entwickelt und oft ruckartig eingeführt, indem man typische Fragestellungen und Themen zu etablieren versucht. Sie werden mit entsprechenden, zum Teil auch fragwürdigen Punktekonten ausgestattet, nach denen Lehrer dann relativ objektiv, leider aber auch blind und als Zweitkorrektor an einer anderen Schule anonym Noten vergeben sollen. Gerade in den sprachlich-literarischen und den "sachkundlichen" Fächern sollten die Lehrer ihre Kompetenzen vertreten und folgende Aspekte nicht vernachlässigen:

  1. die fachliche Autonomie einer sinnvollen und eigenständigen Interpretation von Prüfungstexten,
  2. mit dem Ziel, die geforderten und die tatsächlichen Schülerleistungen jeweils für sich nachvollziehen und einschätzen zu können,
  3. die Reflexion auf Schwierigkeitsgrad, Logik, Widersprüchlichkeit und mögliche Inkonsequenz von Aufgabenstellungen,
  4. die mangelnde Erläuterung und Klärung von Aufgabenformulierungen, Fremdworten und wichtigen Gelenkstellen in Texten,
  5. die Problematik sinnentstellend gekürzter Texte,
  6. die oft begrenzte Logik der Punktezuordnung zu bestimmten Teilleistungen,
  7. die aus den Klausur-Samplings auch für den Zweitkorrektor ersichtlichen Unterrichtsprofile, die ein Stück weit vor willkürlichem Konkurrenzdenken und Notendumping gegenüber der Schülerleistung bzw. der ersten Korrektur schützen.

Schematisches Grundwissen und einfache Lösungs- bzw. Aufsatzschema sind Vergangenheit

Unterhalb der offiziellen und scheinbar objektiv bepunkteten Themen-, Aufsatz- und Lösungsmodelle, die vielen Schülern jetzt wie eine Quelle objektiver Qualitätsentscheidungen anmutet, liegt noch eine andere Dimension, die viel greifbarer ist. Den Schülerinnen und Schülern liegt vor allem ein klares und intensiveres Coaching am Herzen, die konkrete Unterstützung bei der Bewältigung von vorausgesetzten Basis- und Hintergrund-Informationen, der exakteren Gestaltung von konkret trainierten mündlichen und schriftlichen Beiträgen.

Das Schritt für Schritt beigebrachte und erprobte "Wie" steht dabei vielleicht noch stärker im Vordergrund als das pure, bloß im Kopf erlernte "Was". Schematisches Grundwissen und einfache Lösungs- bzw. Aufsatzschema scheinen vorerst der Vergangenheit anzugehören. Denn es waren und sind durchaus unterschiedliche Wege im Leistungsspektrum von zum Teil freier angelegten Aufgabenstellungen möglich. Das Zentralabitur in NRW arbeitet nicht mit eindeutigen Lösungsvorgaben oder Musteraufsätzen, sondern mit Punktekonten, die relativ flexibel in den Text- und Interpretationsfächern mit der Eigenleistung der Schüler verbunden sind.

Eine Gesamtschule schneidet nach Kriterien und Vorgaben besser ab als die nachbarschaflichen Gymnasien

Die Schüler bestätigen auf ihre Weise die angedeuteten Erfordernisse. Fabian Kurz führt einen relativ überraschenden Vergleich zwischen „Gesamtschule und Gymnasium“ an. Aufgrund der eigenen gymnasialen Herkunft und seinem Wechsel an die Oberstufe einer Gesamtschule kennt er sich in beiden Systemen aus. Den Hauptfaktor für Enttäuschungen mancher Gymnasiasten und für Erfolgserlebnisse einer nicht geringen Zahl von Gesamtschülern im schriftlichen Abitur sieht er in der Vorbereitungsintensität. Sie sei zum Teil auf die Anstrengung bestimmter Lehrkräfte zurückzuführen, durch Coaching an der Gesamtschule das Leistungsniveau "stärker anzuziehen". Fabian im Wortlaut:

Mit Bezug auf die Ergebnisse des ersten Zentralabiturs in NRW, lässt sich folgendes festhalten:

  1. Eine Gesamtschule hat im Vergleich zu den umliegenden Gymnasien sehr gut abgeschnitten. Allein 18% der Schülerinnen und Schüler haben eine "1" vor dem Komma.
  2. Die Zahl derjenigen, die an der Gesamtschule in die Nachprüfungen müssen, ist äußerst gering bzw. fällt nicht aus dem Rahmen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Schüler nicht zu gut - wie gerne behauptet - vorbenotet waren. Eher wurden die errechneten Durchschnittsnoten voll erreicht, wenn nicht sogar überstiegen.
  3. Im Vergleich zu einem mir gut bekannten Gymnasium, steht die Gesamtschule gut da. Dort müssen 1/3 aller Schüler und Schülerinnen in die Nachprüfungen und das in den seltensten Fällen, weil sie zu schlecht, sondern weil sie zu gut vorbenotet waren. Die Abweichungen waren teils atemberaubend (7 und mehr Punkte).
  4. Das Argument, in der so genannten Qualifikationsphase bekomme man an der Gesamtschule die Punkte geschenkt, ist hinfällig; ebenso das Argument, am Gymnasium arbeite man auf einem ganz anderen - selbstredend, viel höheren - Niveau. Wäre das faktisch der Fall, hätten die Ergebnisse an "den Gymnasien" sensationell ausfallen müssen. Sind sie aber nicht; im Gegenteil.
  5. In diesem Kontext sollte man sich ebenfalls die Frage stellen, warum die Gesamtschulen durchaus mithalten, wenn nicht sogar besser waren. Dies liegt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit daran, dass die Arbeitsweise wesentlich unkomplizierter und trotzdem stringent ist. Hierzu gehört auch, dass die Lehrer sich von lästigen, den Schülern nervenden Unterrichtmethoden verabschiedet haben. Unsere Sowi-Lk Lehrerin bekam zudem bestätigt, dass unsere Klausuren einfach besser waren als die der Gymnasiasten (was wohl auch an der Vorbereitung liegt); aber auch die unkonventionellen Methoden im Deutsch-Unterricht bestätigen dies.

Eine Aufgabe in Biologie musste vor Beginn der Klausur noch schnell korrigiert werden

Katrin Schäfer erläutert zunächst die Anforderungen in den Fächern am Beispiel Biologie und Englisch. Sie macht aber deutlich, dass im allgemeinen Fächervergleich keineswegs immer die Kontinutität der typischen Aufgabenstellungen zwischen der Vorabiturklausur und dem Abitur gewahrt wurde, sondern dass es zu Brüchen aus Schülersicht kam.

In Deutsch (Leistungs- und Grundkurs) ist das Thema "Romananfänge" im Abitur relativ überraschend eingeführt worden. Mit relativ textlastigen Vergleichen zwischen der Romanvorgabe Fontane "Irrungen, Wirrungen" und Rilke "Aufzeichnungen von Malte Laurids Brigge" bzw. Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen". Die Probeklausuren hatten eher vergleichbare Szenen aus Dramen der Aufklärung und Klassik als Pendant zu Lessings "Emilia Galotti" vermuten lassen. Oder Briefe, Rezensionen, Theorieansätze zur Form und Wirkung des Dramas oder der Epik. Die Auswahl der Themen im Deutsch Grundkurs wirkte eher zusammengestoppelt und zum Teil anspruchsvoller als im Leistungskurs.

Die Abiturprüfungen im 1. und 2. Fach (bei mir Biologie und Englisch) waren meiner Meinung nach nicht zu anspruchsvoll.

In Biologie mussten wir vor Beginn der Klausur einige Korrekturen an den Aufgaben und Punkten vornehmen. Das hätte auch vor Versenden an die Schulen korrigiert werden können. Die Abiturklausur in Biologie war ähnlich wie die Vorabiklausur, was Art und Weise der Aufgabenstellung, etc betrifft. In den anderen Fächern waren die Aufgabenstellungen eher unterschiedlich. Besonders in Biologie waren halbjahresübergreifende Aufgaben gestellt worden.

In meinem 3. Fach (Sozialwissenschaften) war ein umfangreiches Wissen zu Unterrichtsinhalten nötig.

Die mündliche Prüfung in Deutsch war gut. Die Sonette zu analysieren und zu vergleichen und den verschiedenen Epochen zuzuordnen, war mit etwas Vorbereitung und mit Berücksichtigung von Tipps nicht allzu schwer.

Meine Empfehlung ist, egal für welches Fach, früh genug mit dem Lernen zu beginnen, sich Ziele zu setzen, bis wann man bestimmte Themen behandelt/gelernt haben will, und zwischendurch auch Pausen zu machen und dann einfach mal mit Freunden ins Kino zu gehen oder ähnliches.

Eigentlich ist es unmöglich, eine einzige Prüfung auf alle Schulen, Lehrer und Schüler anzuwenden

Jana Hesse war zunächst durchaus kritisch gegenüber dem Zentralabitur eingestellt und legt aber auch dar, dass dies keineswegs ein Nachteil für die Lern- und Lehrmotivation sein muss.

Im Fach Kunst schätzt sie die individuelle Aufgabenstellung durch ihren Fachlehrer positiv ein, während sie in Mathematik die zentrale Aufgabenstellung wegen ihrer größeren Klarheit vorzieht.

Zuerst muss ich sagen, dass ich keinesfalls ein Vertreter des Zentralabiturs bin, da ich es unmöglich finde, eine einzige Prüfung auf alle Schulen anzuwenden, denn Lehrer sind verschieden und unterrichten deswegen auch auf verschiedene Weise. Außerdem sind auf einer Gesamtschule zukünftige Oberstufenschüler und spätere Haupt- und Berufsschüler von der Klasse 5 bis Klasse 10 zusammen, und ich finde, es kann von ihnen nicht erwartet werden, dass sie auf dem gleichen Stand wie die reinen Gymnasiasten sind.

Ich selbst habe meine erste Prüfung im Fach Englisch als nicht überraschend schwierig empfunden, habe aber trotzdem ein schlechtes Gefühl. Ich fand, die Themenauswahl und die Texte waren jedoch nicht sehr gut gewählt, da sie es für den Schüler nicht einfach machten, mit Interesse und einer eigenen Meinung zu schreiben.

Meine zweite Klausur in Kunst war nicht zentral, da ich mich für das praktische Thema entschieden habe, welches von unserem Lehrer gestellt wurde. Die zentralen theoretischen Prüfungen schienen auf den ersten Blick sehr uninteressant.

Das dritte Fach, Mathematik, war das, wovor ich am meisten Angst hatte. In Mathe kann ich jetzt zwar noch nicht sagen, wie mein Ergebnis ist, aber ich war überrascht, wie viel mehr ich bearbeiten konnte als bei den Klausuren, die von unserem Lehrer gestellt wurden. Die Mathe-Prüfung war von den Aufgabenstellungen einfacher zu verstehen und war strukturierter aufgebaut.

Beim vierten Fach Philosophie hat es mir so wie bei Kunst nichts ausgemacht, etwas zu lernen, da ich mich für beide Fächer sehr interessiere. Die mündliche Prüfung habe ich im nachhinein als sehr angenehm empfunden.

Ich fand es sehr fair und angemessen den Schülern gegenüber, dass sich die Lehrer in den Fächern Deutsch und Englisch die Zeit genommen haben, uns noch mal außerhalb der offiziellen Unterrichtsstunden besser auf die Prüfungen vorzubereiten.

Die Herausforderung sind die Vorgaben, nicht das Zentralabitur

Sinem Öztürk beschäftigt sich eingehend mit der Lernlogik ihrer Prüfungsfächer. Noch böte die Pionierphase des Abiturs Spielräume in den Vorgaben. Ob diese Möglichkeiten vielleicht in Zukunft verschwinden?

1.Die schriftlichen Prüfungen im Zentralabitur fand ich persönlich nicht besonders schwer. Alle Aufgaben waren zu bewältigen, wenn man sich auch wirklich nach dem vorgegebenen Bereichen (die Themenbereiche in NRW-Learnline) vorbereitet hat. Besonders gut fand ich, dass es z.B. im Fach Deutsch vier Klausuren zur Auswahl gab und jeder Schüler sich seine eigene Aufgabe aussuchen konnte. So kann dieser sich seinen eigenen Schwerpunkt festsetzen und seinen eigenen „stärksten“ Bereich wählen.
Im Fach Kunst als zweites Leistungskurs fand ich dann auch die Auswahl zwischen zwei theoretischen und einer praktischen Klausur toll. Hier bekamen z.B. die in künstlerischen Bereich schwachen Schüler die Gelegenheit, sich eine theoretische Klausur zu wählen und anders herum, die im künstlerischen Bereich starken Schüler die praktische Klausur, die auch von dem eigenem Kunstlehrer gestellt wurde. Mathe als drittes Fach, fand ich soweit auch ganz in Ordnung, jedoch was es hier nicht genug gab, war ZEIT! Die Schüler, und damit hoffe ich, dass ich für alle schreibe, denn mir erging es so, fühlten sich bestimmt unter Zeitdruck und hätten vielleicht auch nur eine halbe Stunde zusätzlich gebraucht. Ich konnte z.B. meine Ergebnisse nicht überprüfen und musste immer von einer Aufgabe, zur nächsten springen, um weiter voran zu kommen.

2. Wie die mündliche Prüfung war: Ich muss im voraus sagen, dass Philosophie als 4. Fach gar nicht so einfach war, wie es zu Beginn schien und das würde ich auch anderen Schülern mit auf den Weg geben. Mein erster Gedanke z.B. war: „Ach, Philo! Das wird gar kein Problem!“. Es ist wirklich so, dass vermutet wird, es sei eine reine Lernsache, aber dennoch muss man das, was man lernt, auch verstehen und begreifen, und hierin besteht auch die Schwierigkeit.

Für mich war es schon recht verwirrend, die einzelnen Sichten der jeweiligen Philosophen zu verstehen und diese jeweils von den anderen zu trennen, denn es gab und gibt viele Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede zwischen den jeweiligen Positionen. Ich habe sehr oft Philosophen miteinander vertauscht, aber dennoch muss ich sagen, dass es mir mit Philosophie als 4. Fach leichter gefallen ist, als es der Fall gewesen wäre, wenn ich Mathe gewählt hätte. Der Unterschied zwischen den beiden Fächern ist dieser, dass jeder in der Philosophie seine eigene Position, seine eigene Meinung äußern darf, denn dies ist hier erlaubt. In Mathematik sollen feststehende Fälle erläutert werden, deren Lösungen vorliegen und so kann man auch nicht noch zusätzliche Punkte „ergattern“.

3. Was wir jeweils erwartet haben und was anders war: Das Zentralabitur ist so an sich nicht wirklich eine Herausforderung gewesen. Aber das wirklich Schwierige ist, ob man den Erwartungen in den Vorgaben entspricht. Man kann nicht genau einschätzen, ob es nun richtig oder falsch gewesen ist, sich nur auf die vorgegebene Quelle oder auf andere zu beziehen. Aber im Großen und Ganzen, denke ich, war das ganze machbar und nicht so schwierig wie erwartet.

4. Was wir dem nächsten Jahrgang in den Fächern Deutsch und Philosophie oder anderen Fächern empfehlen: Macht immer gut im Unterricht mit, passt gut auf, macht euch zu allen Themen Notizen und das wichtigste: Fangt DIREKT schon im Unterricht an, etwas zu lernen (d.h. das Verstehen und Nachvollziehen in allen Themen)!!!!

Wenn das kein Wort ist. (Peter V. Brinkemper)

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