Die Leipziger Sternstunde der Menschheit

Demonstration am 16. Oktober 1989 in Leipzig. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0922-002 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Der 9. Oktober 1989

Würde Stefan Zweig noch leben, hätte er in seinen "Sternstunden der Menschheit" dem 9. Oktober 1989 in Leipzig ein literarisches Denkmal gesetzt. Kein Tag in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eignet sich besser, die historische Zeitenwende auf den Punkt zu bringen. Zweigs schriftstellerische Kunst bestand ja nicht zuletzt darin, aus einem Gewirr von Einzelereignissen die wichtigsten Fäden herauszuziehen, sie "en detail" zu verfolgen und sie so miteinander zu verbinden, dass der Moment, in dem Geschichte kippt, grell sichtbar wird. Der 9. Oktober 1989 war so ein "Zweigscher Moment". An diesem Tag, zwischen 17.00 und 20.00 Uhr, drehte sich Weltgeschichte. Ein bis auf die Zähne bewaffnetes System fiel in sich zusammen und keine einzige Fensterscheibe ging zu Bruch. Am Abend jenes grauen Oktobertages tickten die Uhren der Welt plötzlich anders als noch am Morgen.

Die DDR war schon lange vor 1989 ein schizophrenes Land. Von außen wahrgenommen als uniformer Betonklotz, war sie im Inneren tief gespalten. Auf der einen Seite das System mit seinem Staats- und Sicherheitsapparat, den Parteien und Massenorganisationen (allein die SED hatte über zwei Millionen Mitglieder), auf der anderen Seite diejenigen, die das System grundsätzlich ablehnten. Und dazwischen eine mehr oder minder schweigende Mehrheit, die ihren individuellen Burgfrieden mit der DDR gemacht und sich in der Nische zwischen Neubauwohnung und Trabi, FDGB-Urlaub und Jahresendprämie eingerichtet hatte, die einen mehr ehrlich bemüht, die anderen mehr zynisch frustriert. Die kleinen Freiheiten waren groß, die großen Freiheiten klein, und mehr grummelnd als aufbegehrend nahm man in Kauf, Rom oder Paris wohl erst als Rentner sehen zu können.

Aber selbst die Antipoden waren zerklüftet. Die "Systemnahen" zerfielen seit den 70er Jahren immer nachhaltiger in "Stalinisten", denen es nur um Machterhaltung ging, und "Reformer", die den Traum vom "demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz" weiterträumten. Ebenso waren die "Systemfernen" kein einheitlicher Block. Die einen wollten eigentlich nur raus aus der DDR, die anderen wollten bleiben und das System abschaffen.

Beide Gruppen waren für sich genommen zu schwach für eine Wende. Die "Reformer" hatten es bei ihrem Marsch durch die DDR-Institutionen nicht allzu weit gebracht. Sie bevölkerten einzelne SED-Grundorganisationen, ins Zentralkomitee oder gar ins Politbüro waren sie nicht vorgedrungen. In der SED gab es keinen Dubcek und keinen Gorbatschow. Der Opposition der Bürgerrechtler fehlte eine einheitliche Strategie. Und sie war ohne Führungsfigur. Mal Berlin, mal Leipzig, Plauen oder Dresden, mal Umwelt, mal Menschenrechte, mal Frieden. Es gab weder einen Arbeiterführer wie Lech Walesa noch einen Intellektuellen wie Vaclav Havel.

Demonstration in Plauen am 28.Oktober 1989. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1106-405 / Wolfgang Thieme / CC-BY-SA 3.0

Diese Fragmentierung machte es dem Herrschaftsapparat lange einfach, die Opposition durch Spaltung auf Distanz zu halten. Allzu renitente Oppositionelle wurden eingesperrt und an den Westen verkauft. Für die Anderen gab es ein perfide abgestuftes System von Disziplinierungen mit angedrohten beruflichen oder familiären Nachteilen. Kritik am DDR-System galt als Angriff auf den Friedenskampf der Partei. Und Krieg wollte natürlich keiner. So ging das, weitgehend vom Westen nicht ernsthaft wahrgenommen, die ganzen 80er Jahre lang.

Im Herbst 1989 begann sich die Situation zu verändern. Nicht nur, dass die vielen lokalen kleinen Oppositionsgruppen anzuschwellen begannen, es gab auch einen immer intensiveren Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen, ja selbst zwischen "Systemreformern" und "Systemveränderern" kam die Kommunikation in Gang. "Gorbi" machte es möglich.

Das alles aber hätte noch lange nicht gereicht, um aus dem 9. Oktober 1989 eine "Sternstunde der Menschheit" zu machen. Diese erwuchs erst aus dem unaufhaltsamen Szenarium der 89er Herbsttage.

Am Samstag, dem 7. Oktober 1989, die DDR-Führung feierte den 40. Geburtstag, hatte es in Berlin vor dem "Palast der Republik" gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gegeben. Am nachfolgendem Sonntag, dem 8. Oktober 1989, gab es am Dresdner Hautbahnhof Wasserwerfer, Tränengas und Knüppel. Und nun schauten alle auf die Leipziger Nikolaikirche, in der seit 1983 an jedem Montag um 17.00 Uhr das "Friedensgebet" stattfand. Es war wie bei "12 Uhr Mittags": Die Uhr tickte und von beiden Seiten rasten die D-Züge völlig ungebremst aufeinander zu. Am Morgen hatte in der "Leipziger Volkszeitung" ein Kampfgruppenkommandeur angekündigt, zum "Schutz der Errungenschaften der Arbeiterklasse" gegen die "Rowdys" von St. Nikolai mit "Waffengewalt" vorzugehen. Eine klare Ansage. Was nun? Was tun?

Nikolaikirche. Bild: Dirk Goldhahn

Schon gegen Mittag begann sich die Nikolaikirche (und später vier weitere Leipziger Kirchen) zu füllen, und zwar nicht nur mit Bürgerrechtlern, die immer wieder trotzig "Wir bleiben hier" riefen, sondern auch mit SED-Mitgliedern, Block-Freunden und Stasi-Leuten. Die meisten "Systemnahen" waren von ihren Parteileitungen geschickt worden, um die Mehrheitsverhältnisse in der Kirche zu kippen. Aber unter denen gab es eine große Gruppe von "Reformern", die sich mit den Bürgerrechtlern einig waren, dass in diesem Land etwas passieren muss, dass die Geduld, noch länger auf Reformen, Demokratie und Menschenrechte zu warten, aufgebraucht ist und dass man keine Frage mittels Gewaltanwendung lösen kann. Was sich also an diesem Montagnachmittag in der Nikolaikirche für einen kurzen historischen Moment konstituierte, war eine Art Regenbogenkoalition, die mit einem Mal eine politisch relevante kritische Masse bildete, die die Mehrheitsverhältnisse in der Tat kippte, aber nicht so, wie sich das die "Stalinisten" noch am Morgen vorgestellt hatten.

Das einigende Band der "Regenbogenkoalition" manifestierte sich vor allem in zwei Losungen, die seit dem frühen Nachmittag durch den Nikolaikirchhof hallten. Die erste war "Lasst die Steine liegen, keine Gewalt". Auch das war eine klare Ansage. Nicht Rowdys, die die "Errungenschaften der Arbeiterklasse" bedrohen, sind im Nikolaikirchhof zu Gange, sondern Bürger, die von ihren in der DDR-Verfassung und den von der DDR-Regierung unterschriebenen UN-Menschenrechtskonventionen und dem in der KSZE-Schlussakte verbrieften Recht auf Versammlungs- und Meinungsäußerungsfreiheit Gebrauch machen wollten. Daraus entstand die zweite Losung. Immer wieder wurde gerufen "Wir sind keine Rowdys". Das klang gut, aber es fehlte die zweite Zeile. Wenn man kein Rowdy ist, was und vor allem wer ist man dann?

Montagsdemonstration am 23. Oktober 1989 in Leipzig. Bild: Bundesarchiv/, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Bei der Suche nach der "zweiten Zeile" passierte es. Der Blitz schlug ein, der Funke sprühte. Plötzlich war da, was die Geschichte drehte: "Wir sind keine Rowdys, wir sind das Volk." Das Volk! Das saß. Das war der Sargnagel für die DDR-Führung. Immer wieder hatte sie behauptet, sie würde eine "Politik zum Wohle des Volkes" betreiben. Und nun sagte das Volk, dass es sich selbst vertritt. Hier war er, der Moment der Wahrheit, der Akt der Selbstbefreiung, der Aufbruch zur Selbstbestimmung. Das war der Beginn vom Ende der DDR.

Der I-Punkt, den diese Losung setzte, wurde untermauert durch den Aufruf der sechs Leipziger unter Führung von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur. Sie baten inständig darum, auf Gewalt zu verzichten und den Dialog zu suchen. Der kurze Text wurde noch am Nachmittag über den Stadtfunk verlesen und in alle Kirchen gebracht. Unterzeichnet hatten ihn auch drei Sekretäre der Leipziger SED-Bezirksleitung. Damit stellten sich hochrangige Parteifunktionäre am Nachmittag des 9. Oktober öffentlich gegen den Aufruf des Kampfgruppenkommandeurs vom gleichen Morgen. Deutlicher konnte die Spaltung in der SED nicht sichtbar werden. Was galt nun? Waffengewalt oder Dialog?

Um 17.00 Uhr begann das Friedensgebet. In der Kirche war eine unglaubliche Spannung, gepaart mit furchtbarer Angst. Von außen hallte immer wieder Lärm in das überfüllte Gotteshaus. Jeder wusste, dass die "chinesische Lösung" - der Einsatz von Panzern gegen die Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 3. Juni 1989 - eine vom Politbüro erwogene Option war. Was würde passieren, wenn sich die Kirchentüren öffnen? Panzer? Schießen? Der Blutmontag des 20. Jahrhunderts?

Als sich die Predigt dem Ende neigte, segnete Pfarrer Führer alle, die in der Kirche saßen - die Bürgerrechtler wie die Stasi-Leute -, und betete mit allen für Gewaltverzicht und Dialog. Und dann öffneten sich die Türen der Kirche. Im fahlen Mondlicht über den Nikolaikirchhof breitete sich eine gespenstische Stille aus. Keine Panzer, keine Kalaschnikows, keine Armee. Wie das? Als sich Zehntausende auf dem damaligen Karl-Marx-Platz ganz langsam zu einem Demonstrationszug zu formieren begannen und Richtung Hauptbahnhof bewegten, wusste noch niemand so richtig, was das bedeutete. Lauern sie weiter unten? Oder wo? Und wann?

Mittlerweile aber waren diejenigen, die noch am Mittag die Möglichkeit des Waffeneinsatzes prüften, in mindestens zwei Punkten für den Moment schachmatt gesetzt: Es waren keine Rowdys, die man hätte angreifen müssen, sondern es war "das Volk", das da marschierte. Und man hätte die "eigenen Leute" mit getroffen. Auch für Stasi, Armee und Polizei galt die Führungsrolle der Partei. Drei Bezirkssekretäre hatten "Nein" gesagt. Man konnte auf keine sowjetischen Panzer hoffen. Und in Berlin, wo die letztendliche Befehlsgewalt lag, herrschte Schweigen. So blieb es am Hauptbahnhof friedlich, auch wenn in den Nachbarstraßen Mannschaftswagen voller Bewaffneter stationiert waren.

Die 'Runde Ecke', Hauptquartier der Bezirksverwaltung der Stasi. Bild: Wikimedia Commons Das Bild "Runde-Ecke-Leipzig.jpg" und steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland". Der Urheber des Bildes ist Bettenburg..

Damit war das "Wunder von Leipzig" aber noch nicht vollendet. Der kritischste Punkt nahte, als sich der Demonstrationszug vom Hauptbahnhof weiter Richtung Brühl und Thomaskirche bewegte und dabei die "Internationale" sang mit der berühmten Zeile "Erkämpft das Menschenrecht". Zwischen Brühl und Thomaskirche musste der Zug um die "Runde Ecke", dem Hauptquartier der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Was wäre passiert, wenn in diesem Moment, wie 1789 beim Sturm auf die Bastille oder 1917 auf das Winterpalais, das Stasi-Gebäude angegriffen worden wäre? Natürlich wäre zurückgeschossen worden. Das Blutvergießen hätte seinen Lauf genommen. Es waren aber die Demonstranten selbst, die sich unterhakten, die "Runde Ecke" absperrten und weiter skandierten "Lass die Steine liegen, keine Gewalt". Hätte es damals einen "schwarzen Block" gegeben, die Weltgeschichte wäre anders verlaufen.

Als die Menge hinterm Neuen Rathaus auf dem Leuschner Platz angekommen war, herrschte zögerliche Nachdenklichkeit. Kein Jubel, keine Entspannung. Nur wenige gingen zur Straßenbahn, um heimzufahren. Die meisten liefen zurück ins Stadtzentrum. Auf dem Burgplatz, in der Petersstraße, auf dem Alten Markt bildeten sich riesige Diskussionstrauben. Alles wurde diskutiert: Reisefreiheit, Medienfreiheit, Wahlen, Wirtschaftsreformen, Umweltschutz. Der Dialog begann. Ein stiller Zuhörer sagte plötzlich: "Das Volk macht das Maul auf. Jetzt geht's los." Und so langsam dämmerte es, dass es kein Zurück mehr gab. Das Kartenhaus war in sich zusammengefallen. Von nun an würde es nie mehr so sein wie vorher.

Die "Regenbogenkoalition", die den 9. Oktober 1989 möglich machte, hatte keinen Bestand. Ihr fehlten demokratische Legitimation, eine konzeptionelle Basis und eine gemeinsame Vision. Das wurde am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz und später an den "Runden Tischen" sichtbar. Noch viel mehr aber als die Differenzen zwischen "Systemreformern" und "Systemveränderern" war die wachsende Ablehnung der großen schweigenden DDR-Mehrheit gegenüber allen Formen neuer gesellschaftlicher Experimente. Die Mauer war weg. Warum sich auf das Abenteuer eines dritten Weges begeben, wenn in Nachbars Garten all das zu haben ist, was man sich 40 Jahre lang gewünscht hatte?

Montagsdemonstration am 8. Januar 1990 in Leipzig. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0108-033 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Und während die neuen politischen Gesichter am "Runden Tisch" begannen, Politik zu lernen, sich um beste Argumente, innovative Ideen und kreative Visionen stritten, hatten etablierte Polit-Profis die Lage schnell erfasst. Dem Patrioten und Machtmenschen Helmut Kohl war spätestens im Dezember nach seiner Rede vor der Dresdner Frauenkirche, von Zehntausenden umjubelt, klar, dass er hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte: Als "Kanzler der Einheit" in die Geschichte einzugehen und mit den Millionen Wählern aus der DDR die Ende 1990 anstehende Bundestagswahl zu gewinnen. Um letzteres zu erreichen, musste bei den anstehenden freien Wahlen in der DDR eine möglichst unsperrige Regierung ans Ruder kommen, die sich auf Kohls Fahrplan eintakten lies.

Und das funktionierte. Anfang Januar 1990 erklärte sein Generalsekretär Volker Rühe die Ost-CDU zur Bruderpartei. Natürlich waren die "Blockflöten" moralisch diskreditiert, aber sie hatten eine organisatorische Basis, die man für einen erfolgreichen Wahlkampf benötigt. Zur gleichen Zeit trennte sich die SPD von den SED-Reformern, mit denen sie fünf Jahre einen "Dialog" geführt hatte. In den Augen der SPD-Führung waren die Reformer wegen ihrer Systemnähe unhaltbar. Die neue Ost-SDP war sauber, hatte aber keinen Parteiapparat.

Im März 1990 gewann die von der CDU geführte "Allianz für Deutschland" die ersten und letzten freien Wahlen in der DDR. Am 1. Juli 1990 kam die D-Mark in den Osten. Im August 1990 schwor Kohl am Wolfgangsee DDR-Ministerpräsident de Maiziere und den ostdeutschen Verhandlungsführer Krause auf seinen finalen Zeitplan ein. Im September 1990 gaben die vier Siegermächte des 2. Weltkriegs ihren Segen zur deutschen Vereinigung. Und am 3. Oktober 1990 trat der Einigungsvertrag in Kraft.

Das war gerade noch rechtzeitig, um zum letztmöglichen grundgesetzkonformen Termin Bundestagswahlen in West und Ost anzuberaumen. Schon zwei Wochen später hätte es mit einer gemeinsamen Wahl nicht mehr geklappt. Dann wäre im Dezember 1990 allein in der alten Bundesrepublik gewählt worden. Die dann neue Bundesregierung hätte mit de Maiziere und Krause weiter über den Einigungsvertrag verhandeln müssen. Ob Kohl und Schäuble noch die West-Verhandler gewesen wären, steht in den Sternen. Wie das Duell Kohl (CDU) vs. Lafontaine (SPD) unter rein westdeutschen Bedingungen ausgegangen wäre, kann keiner wissen. Geschichte stellt keine Fragen wie: "Was wäre wenn?" Der Strom der Zeit hatte sich schon im Oktober 1989 gewendet. Nun floss er weiter durch die gesamtdeutsche Tiefebene. Was bleibt, ist eine gewaltfreie und friedliche "Sternstunde der Menschheit".

Der Autor saß am 9. Oktober 1989 in der Nikolaikirche. Er lehrte damals am Institut für Internationale Studien der Karl Marx Universität Leipzig. Seit 1998 ist der Professor für Internetpolitik und -regulierung an der Universität Aarhus.

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