"Die Linke kämpft hierzulande lieber für die Freiheit von Burkinis"

Hamed Abdel-Samad. Foto: Droemer Knaur

Hamed Abdel-Samad über den Koran, den Islam und die deutsche Linke

In seinem neuen Buch widmet sich der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad den unterschiedlichen und widersprüchlichen Stellen in der religiösen Verlautbarungsschrift, die sowohl in eine progressive wie auch in eine dogmatische Richtung interpretierbar sind.

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Herr Abdel-Samad, welchen Stellenwert hat der Koran in der islamischen Religion und wie regelt dieses Buch das Leben der Muslime?
Hamed Abdel-Samad: Der Koran gilt als das letzte Wort Gottes, die letzte Botschaft, die Gott an die Menschen direkt geschickt hatte. Der Prophet Mohammed soll dieses Buch vom Erzengel Gabriel empfangen haben. Das Buch beinhaltet eine Gesellschafts-, eine Rechtsordnung und eine politische Weltordnung. Die Muslime werden im Koran aufgefordert, das Wort Gottes in die Tat umzusetzen. Das Buch gilt also nicht nur als allgemeiner Ratgeber, sondern als eine Rechtsordnung: Diejenigen, welche sich nicht nach den Koran richten, werden darin als Ungläubige bezeichnet.
Der Koran ist also nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Schrift?
Hamed Abdel-Samad: Die Schrift ist höchstpolitisch, denn sie beschreibt auch die politische Entwicklung von Mohammeds Gemeinde in einem Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren und dokumentiert dessen Agieren und Reagieren: Seine Kriege und Friedensabkommen, seinen Ringen mit Ungläubigen, Juden und Christen. All das ist in den Koran mit eingeflossen und da es sich dabei um Gottes Wort handeln soll, besitzen all diese Stellen allgemeingültigen Charakter.
Der Koran widerspiegelt auch Mohammeds Funktionen, er war ja nicht nur Prophet, sondern auch Feldherr, Finanzminister, Gesetzgeber, Richter und Polizist zur gleichen Zeit. Das heißt, alle politischen Aufgaben, die einem Mann im Staat zukommen können, hat Mohammed erfüllt und sind somit in den Koran mit hineingeflossen und gelten als Maßstab für politische Orientierung und die Gesetzgebung. Hierin liegt der Sprengstoff des Buches.
Ich nehme an, dass im Koran recht divergierende Passagen enthalten sind: Wie werden diese denn normalerweise interpretiert?
Hamed Abdel-Samad: Der Koran ist in der Tat voller widersprüchlicher Stellen zu Krieg und Frieden, Toleranz und Intoleranz, Vorzüge und Fehler von Frauen, Christen, Juden und Sexualität und Homosexualität. Der Koran ist aber weder thematisch noch chronologisch eingeteilt. Das heißt, er ist eine Sammlung von Texten, in der auch Momentaufnahmen und lose Passagen stehen.
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Ein normaler Moslem kann hier gar nicht wissen, was zuerst kam und was gilt und was nicht. Ich vergleich den Koran gerne mit einem Supermarkt, in dem unsortiert alle möglichen Produkte ohne deutlich sehbares Verfallsdatum angeboten werden. Ich versuche gewissermaßen in meinem Buch, die Passagen zu sortieren und das jeweilige Verfallsdatum zu zeigen.
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