Die Macht der Innovation

Die soziale Metapher der technokratischen Science Fiction ist das Raumschiff unter militärisch-hierarchischem Kommando. Seine Helden sind kommandierende Offiziere, nicht kooperierende Zivilisten

Innovation ist keine technische Disziplin, wie man heute leicht vermuten könnte, sondern zunächst eine Generierung neuer Ideen. Ideen bestimmen nicht nur, über welche Technologien wir verfügen können, sondern sie bestimmen auch unser Zusammenleben und damit die Voraussetzungen, unter denen Innovationen entstehen. Philosophische und soziale Innovationen sind ungleich mächtiger als technische, denn sie bilden die Grundlage für letztere. Die moderne Science Fiction-Produktion von Jules Verne bis Marvin Minsky oder Ray Kurzweil1 überschlägt sich förmlich in immer phantastischeren technischen Innovationsprognosen, entwickelt aber kaum innovative soziale Visionen. Die soziale Metapher der technokratischen Science Fiction ist das Raumschiff unter militärisch-hierarchischem Kommando. Seine Helden sind kommandierende Offiziere, nicht kooperierende Zivilisten...

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Die Metapher schlägt zurück als „Raumschiff Erde“, das dringend einer schlagkräftigen zentralen Kommandostruktur zur Abwehr immanenter Gefahren bedarf. Gegen solche totalitären Visionen sind auch die sozialen Demokratien nicht gefeit, vor allem wenn sie von „vernünftigen“ Argumenten, wissenschaftlichen „Beweisen“, „realistischen“ Simulationen auf Grundlage von komplizierten Computermodellen oder undurchsichtigen Statistiken legitimiert scheinen. Im Vergleich zu solcher „kollektiver Vernunft“ und geballtem Expertenwissen erscheinen Alltagsvernunft und Durchschnittswissen der Individuen hilflos und hoffnungslos unterlegen – so wird ihnen zumindest suggeriert. So entstehen gewaltige, weltumspannende „Manhattan-Projekte“: Staatlich und sogar zwischenstaatlich organisierte, finanzierte und gesteuerte Großprojekte, die, wie alle solche Projekte in der Geschichte, letztlich als gigantomanische Mahnmale des Größenwahns und staatlicher Selbstüberschätzung enden dürften...

Solche Großprojekte werden nicht über dezentrale Kommunikation, etwa durch einen freien Markt definiert, finanziert und korrigiert, sondern sie verdanken ihre Existenz und Größenordnung in erster Linie der erfolgreichen Lobbyarbeit einiger weniger Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer sowie der Macht der jeweiligen Staaten, ihre Finanzierung zu erzwingen. Von den Pyramiden bis zur bemannten Raumfahrt, von der chinesischen Mauer bis zur Atombombe waren dies nie Projekte im Interesse der produzierenden Menschen, sondern Machtdemonstrationen der Herrschenden auf Kosten der Produzenten.

Was wir heute in den modernen Demokratien zu fürchten haben, sind noch viel gigantomanischere „Innovations“- Projekte, diesmal nicht nur zur Rettung einer einzelnen Nation, sondern gleich des ganzen Planeten... Die Manhattan-Projekte der Gegenwart haben sich nicht weniger als die gezielte Änderung des Klimas (als Rettung vor einer prognostizierten „Klimakatastrophe“), die globale Überwindung der Armut (in Form eines durchregulierten Welthandels) oder die Bewahrung der Natur vor menschlicher Überbevölkerung (durch staatliche Zwangsprogramme a la China) aufs Panier geschrieben. Im Namen der Abwehr größerer Gefahren droht uns ein ökologisch verbrämter Faschismus des globalen Gutmenschentums, der angesichts der heute verfügbaren Technologien die kulturelle, soziale und ökonomische Evolution zum Stillstand bringen könnte. Dem entgegenzuwirken, bedarf es grundsätzlicher Innovationen des Denkens...

Sobald einmal alle Verhältnisse im Flusse sind, ist alles, was (...) geschieht, Neuerung; auch wenn das Alte nur wiederholt wird, ist es, weil es unter den neuen Verhältnissen ganz anders wirkt, in seinen Folgen ein Neues...

Diese Erkenntnis des Ökonomen und Historikers Ludwig von Mises2 gilt in einer evolutionären Welt nicht nur für die Wirtschaft. Alle Verhältnisse sind, wie schon Heraklit bemerkte, im Fluss. Selbst zweimal in denselben Fluss zu steigen, ist uns verwehrt, denn es gibt nicht einmal „denselben“ Fluss...

Aber andererseits heißt Leben auch Vorhersagen zu machen, also zu lernen, dass sich Vergangenes wiederholen kann und sich entsprechend darauf einzustellen. Damit sind wir in einem unauflöslichen Dilemma: Wo es nichts Gleiches gibt, wiederholt sich auch nichts. Das statische Bild von der ewigen Wiederkehr des Gleichen erweist sich so gesehen als Illusion. Aber dennoch sagt uns die Lebenserfahrung, dass sich zumindest „ähnliche“ Ereignisse ähnlich wiederholen – und genau darauf baut die Evolution und insbesondere die Anpassungsfähigkeit des Lebens auf: Wir konstruieren Ähnlichkeiten, reduzieren sie zu „Gleichem“ (etwa mithilfe des berühmten Satzes der Logik „A = A“), ordnen sie nach Kategorien und bauen auf dieser Information unsere Prognosen auf.

Was wir folgerichtig „Wissen“ nennen ist im Grunde immer nur Vermutung in einem Universum der Unsicherheit, denn wir haben niemals die „ganze Information“ im Sinne von absoluter Wahrheit. Aber diese prinzipielle Unsicherheit ersetzt die entgleitenden Wahrheiten nicht etwa durch Beliebigkeit, sondern durch eine erhöhte individuelle Verantwortung für notwendige prinzipielle Grundannahmen und Präferenzen. Denn auch wenn jedes Wissen letztlich Illusion ist, dann doch eine durchaus nützliche und notwendige: Sie hilft uns, den Fluss der Welt an- und festzuhalten, Unterschiede zu registrieren, aus relativ stabilen Unterscheidungen „feste Objekte“ zu konstruieren, Neues von Altem, Bekanntes von Unbekanntem zu unterscheiden, „Systeme“ von ihrer „Umwelt“ zu trennen und schließlich Theorien, Modelle, Prinzipien und „Naturgesetze“ zu entwickeln. Die Informationsgesellschaft ist im Grunde nur eine extreme „Vermutungsgesellschaft“, in der Komplexität, Quantität und Dynamik ihrer Messungen, Beschreibungen und Erklärungen eine immer größere Bedeutung erlangen und in der auch die Wissenschaft selbst zunehmend vom Prozess der Arbeitsteilung geprägt wird.

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Innovation erhöht auch die Geschwindigkeit, mit der wir unser Verhalten an veränderte Lebensbedingungen anpassen, aber auch die Umwelt an unsere Lebensbedingungen anpassen. Eine jede solche Anpassung ist eine Innovation. In einem fließenden Universum kann sie niemals eine endgültige Lösung sein, ja selbst die Frage, ob sie auch nur kurzfristig ein Problem löst, ist zunächst Spekulation. Auch diese Erkenntnis hatten Ökonomen lange vor anderen Wissenschaften:

In der in Bewegung befindlichen Wirtschaft ist jede wirtschaftliche Handlung auf ungewisse künftige Verhältnisse eingestellt. Sie ist daher mit einem Risiko verbunden, sie ist Spekulation.

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Komplexe Systeme „im Fluss“ sind prinzipiell nicht vollständig „wissbar“ und daher auch nicht prognostizierbar. Jeder Versuch entspricht dem Kauf eines Lotterieloses. Immer wieder gibt es Gewinner, aber niemand weiß vorher, wer es sein wird. Würden alle Spieler per Abstimmung über die Glückszahlen entscheiden und einen einzigen Repräsentanten mit dem Kauf eines entsprechenden Loses beauftragen, wären seine Chance nicht größer als die jedes einzelnen Spielers. Aber die Chancen der Gemeinschaft insgesamt würden dramatisch sinken. Darum liegt die Stärke eines Systems in komplexer Umgebung in der Verteilung der Spieler, nicht in ihrer Kollektivität. Die Intelligenz des Gesamtsystems wächst mit der Freiheit seiner einzelnen Mitspieler und sinkt mit ihrer Vereinheitlichung.4

Freiheit könnte man als die Fähigkeit definieren, Innovationen zu realisieren, d.h. auf kleinster, individueller Ebene auf Grund eigener Information, im eigenen Interesse und frei vom willkürlichen Zwang anderer agieren zu können. Diese Handlungsfreiheit hat sich durch die Sprache und das darauf gründende Selbstbewusstsein beim Menschen um eine völlig neue Dimension erweitert, die wir „Vernunft“ oder „freien Willen“ nennen: In der Sprache, und nur in der Sprache, können wir uns von den evolutionär bedingten Begrenzungen unserer eigenen Spezies ein Stück weit lösen und in der Folge sogar unser biologisch gesetzten operativen Grenzen überschreiten: In dieser neu gewonnenen Denkfreiheit können wir uns als Vögel denken, die fliegen, als Fische, die in die Tiefsee tauchen oder gar als Wesen, die die Schwerkraft überwinden und zu anderen Planeten reisen... Wir können Alternativen entwickeln und uns zwischen ihnen entscheiden, wir können uns Ziele setzen, bewusst planen und uns so besser auf Ereignisse vorbereiten. Wir können schließlich auch unsere Handlungsfreiheit erweitern und statt auf Veränderungen der Umwelt nur zu reagieren, uns gezielt und innovativ neue, künstliche Umwelten schaffen, die wir innerhalb uns zuträglicher Grenzen stabil halten können. Darum können wir heute sogar fliegen, in die Tiefsee tauchen und durch den Weltraum reisen...

Innovation im Tierreich ist beschränkt auf weitgehend „blinde“ Variation und Selektion, ergänzt durch instinktiv begrenztes Lernen. Menschliche Innovation dagegen unterliegt selbst einer Evolution „zweiten Grades“: sprachliche Kommunikation, gezielte Kooperation und Arbeitsteilung bilden ein neues triadisches Beziehungsfeld, das diese Evolution der Evolution vorantreibt. Dieses Beziehungsfeld stabil, offen und dynamisch zu halten, ist das grundlegende soziale Problem.

Die Mechanismen der sozialen Kohärenz unterliegen ebenfalls einem evolutionären Prinzip. Religionen, Kulturen, Traditionen, Riten, Kodexe und Gesetze, aber auch Herrschaftsformen wie Clans, Stammesfürstentümer, Autokratien, Monarchien, Republiken oder Demokratien aller denkbaren Schattierungen sind Ausprägungen dieser Evolution. Sie unterliegen – wie jede Evolution- allerdings keiner teleologischen Gesetzmäßigkeit und damit auch keiner geregelten Abfolge, wie etwa Marx noch glaubte, sondern entstehen und vergehen als „emergente“ Strukturen dynamischer Stabilität, als „seltsame Attraktoren“ im Strom der Geschichte. Höchstens im Rückblick lassen sich Wege und Etappen erkennen, nach vorne ist die Zukunft offen...

Intellektuelle seit Plato haben diese Offenheit immer wieder als Mangel verstanden und davon geträumt, sie zu schließen indem sie ihr jeweiliges „Wissen“ zur Grundlage einer absoluten gesellschaftlichen Ordnung erklärten. Solche Utopien könnte man auch als „pervertierte Innovationen“ beschreiben, denn sie verbinden meist eine bestimmte radikale Innovation mit dem vergeblichen Versuch, jede weitere Innovation als Abweichung von der Wahrheit zu verhindern und die Gesellschaft auf eine gesetzmäßige, von der Utopie im Voraus modellierte Entwicklung festzulegen.

Der Glaube an die totale Beherrschbarkeit sozialer Evolution durch Macht, aber auch die Ahnung, dass gerade dieser Versuch in den absoluten Totalitarismus der Macht führen muss, beherrscht seither die Auseinandersetzung mit der Utopie. Es gibt kaum eine Vision der Informationsgesellschaft, die nicht von totaler Transparenz der Individuen und damit ihrer ebenso totalen Kontrolle handelt. Auch die Träume von der Teleportation („Beam me up, Scotty“) oder des unsterblichen Bewusstseins, das in einem zukünftigen Speichermedium überleben könnte (Ray Kurzweil), sind letztlich totale und totalitäre Kontrollfantasien, denn sie setzen die völlige Transparenz und Manipulierbarkeit von Physis und Bewusstsein voraus. Insofern sind sie keine Utopien der Freiheit, sondern Utopien der Macht.

Die Prinzipien der Freiheit und die Prinzipien der Macht sind inkompatibel: Freiheit gründet sich auf den freien Willen und hat infolgedessen „Frei-Willigkeit“ als Grundprinzip. Macht dagegen gründet auf das Prinzip der Herrschaft durch letztendlich physischen Zwang über andere. Daraus lässt sich auch auf eine prinzipielle Unvereinbarkeit von Innovation und Macht schließen: Macht muss unter allen Umständen Innovation verhindern, vor allem die, der sie sich selbst verdankt. Die Machthaber aller Zeiten hegen deshalb mit vollem Recht ein tiefes Misstrauen gegen jede Innovation, denn sie könnte den Funken bilden, der ihr Haus in Brand setzt und die Machtverhältnisse ändert.

Ob in Religionen oder Staaten, stets wird Innovation als die eigentliche Gefahr erkannt. Vom Propheten Mohammad ist der Satz überliefert:

Hütet Euch vor den neuen Dingen, denn jedes neue Ding ist eine Innovation, und jede Innovation ein Irregehen, und jedes Irregehen führt ins Höllenfeuer.

Mohammed, selbst durchaus ein Innovator in seiner Zeit, spricht hier aus, was allen Utopisten der Macht gemeinsam ist: Meine Innovation ist die endgültige Lösung aller Probleme und muss daher die letzte gewesen sein!

Auch die moderne Demokratie glaubte (und glaubt noch immer), die letztgültige Form des sozialen Zusammenlebens zu sein. Bis hin zum neokonservativen „Ende der Geschichte“ teilt sie sich mit Sozialismus und Kommunismus ein chiliastisches Erlösungsmotiv: Wir haben das absolute Naturgesetz der Macht gefunden und werden damit die Gerechtigkeit auf Erden herstellen...

Das Problem dieser Visionen liegt in der Idee der Macht selbst: Macht ist die Negation der individuellen Freiheit, und damit letztlich auch die Negation von Gerechtigkeit. So wie nur das Individuum innovativ sein kann, ist auch Gerechtigkeit nur auf Basis von Freiwilligkeit herstellbar, niemals durch Zwang. Nur Recht lässt sich im Einzelfall erzwingen. Der Grad des Zwangs in einer Gesellschaft (ablesbar nicht zuletzt auch am Umfang seiner Gesetzgebung) ist umgekehrt proportional zum Grad ihrer verwirklichten Gerechtigkeit und Innovationskraft. Beide entstehen nur durch freiwillige Vereinbarung und Kooperation von Individuen, nicht durch ihre erzwungene Kooperation. Freiwilligkeit, also die optimale Realisierung des freien Willens eines jeden Einzelnen, ist Voraussetzung und Bedingung für beide. Wird sie reduziert, so sinken notwendigerweise soziale Gerechtigkeit wie auch die Innovationskraft der Individuen und ihre Motivation zu Kooperation und Arbeitsteilung. Auch dies ist eine in der Wirtschaft immer wieder bestätigte Erfahrung:

Innovation kam noch nie durch Bürokratie und Hierarchie. Sie kommt immer von Individuen.

John Scully

Die Staatstheorie des frühen Liberalismus sah den Staat (in Reaktion auf die Monarchie) noch als parasitäre, nur dürftig legitimierbare Institution im Gegensatz zur Gesellschaft. Die moderne republikanische Staatstheorie dagegen will den Staat dauerhaft, widerspruchsfrei und allumfassend in der Gesellschaft verankern, indem sie den Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft leugnet und stattdessen den Staat als „Selbstorganisation der Gesellschaft“ (Carl Schmitt) interpretiert. Demokratie und Faschismus teilen sich (uneingestandenermassen) diese Staatsauffassung, während Sozialismus und Kommunismus den Staat als klassenspezifisches Herrschaftsinstrument sehen, und von daher die Diktatur propagieren (und praktizieren). Gemeinsam ist allen der Wille zur Kontrolle von Innovation durch Planung.

Individuen planen sinnvoll, indem sie ihre langfristigen Ziele mit ihren kurzfristigen Möglichkeiten harmonisieren und umgekehrt. In der Ökonomie wird dabei die unterschiedliche Zeitpräferenz als Gewichtung von Entscheidungspräferenzen beachtet, also die Vorrangigkeit kurzfristiger oder langfristiger Ziele und Bedürfnisse. Die Grundlage seiner Entscheidungen und Bewertungen ist bei jedem Individuum unterschiedlich und letztlich unergründlich, weil durch viele individuellen und historischen Faktoren beeinflusst. Wenn wir dem Menschen Individualität und Vernunftbegabung unterstellen, müssen wir ihm auch individuelle Rationalität unterstellen, ohne diese jemals allgemeinverbindlich formulieren zu können. Individuelle Rationalität lässt sich auch in kein mathematisches Modell integrieren, sie ist das persönliche, letztlich nicht analysierbare Axiom jedes Individuums. Dennoch versuchen Gesellschaften seit jeher, das Verhalten ihrer Mitglieder durch Erziehung, religiöse, kulturelle, juristische und politische Regeln und Indoktrinationen zu vereinheitlichen. Dass eine solche „Trivialisierung“ (Heinz von Foerster) des Individuums letztlich versagen muss, ist eine alte Lebenserfahrung, die leider nur sehr langsam und in vielen evolutionären Windungen dazu führen kann, das Individuum in seine volle Selbstbestimmung zu entlassen und die Entwicklung gesellschaftliche Kohärenz aus der Freiwilligkeit der Individuen heraus zuzulassen.

Politik als Instrument der Staatsmacht muss im Gegenteil darauf bestehen, dass eine solche Selbstbestimmung weder möglich noch praktikabel ist, und sie muss zur Legitimierung dieser These ein pessimistisches Menschenbild pflegen, nach dem der Mensch prinzipiell böse und unfähig ist, ohne Außenherrschaft harmonische und friedliche Sozialbeziehungen zu entwickeln. Von Hobbes über Carl Schmitt zu den heutigen Politikern aller Couleur zieht sich diese negative Anthropologie. (Es wäre zu fragen, ob umgekehrt nicht gerade die Existenz von Staaten eine friedliche Evolution der Sozialbeziehungen be- und verhindert).

Aber auch die Politik weiß natürlich um die Notwendigkeit der Innovation zur Anpassung an veränderte Bedingungen und zur Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands (als einem Produkt aus Arbeitsteilung, Kooperation und Innovation). Da Macht und Politik aber selbst nicht zu Innovation in der Lage sind, versuchen sie sie durch Planung zu ersetzen oder durch Regulierung zumindest zu kontrollieren. Politische Planung unterscheidet sich dabei prinzipiell von individueller Planung:

Individuelle Planung ist unmittelbar durch eigene Erfahrung rückgekoppelt. Dadurch verändern sich nicht nur Erwartungen, sondern auch die Planung selbst, ihre Ziele und Methoden werden fein justiert. Auf sozialer Ebene vollziehen sich diese Justagen kontinuierlich in Form von unzähligen informierten Einzelentscheidungen, Präferenzen und Erfahrungen und im freien Tausch von Meinungen, Bewertungen, Gütern und Leistungen. Dieser „freie Markt“ des Austauschs und der Kommunikation ist die eigentliche Instanz der sozialen Evolution.

Die jeweilige Form der Macht als Herrschaftsgewalt ist in diesem Kontext weniger eine Innovation als vielmehr eine „Gegeninnovation“ – der immer neue Versuch, die gesellschaftliche Innovations- Dynamik, die sich aus Kommunikation und Kooperation entwickelt, zu zügeln, zu bremsen und zu kontrollieren. Die Macht pflegt deshalb ein fundamentales und anhaltendes Misstrauen gegen die freie Kommunikation und die freie Kooperation des Markts. Da Staat grundsätzlich auf dem Gewaltmonopol beruht, also auf der Einschränkung des freien Willens und damit auch der freien Kommunikation und Kooperation, lässt sich dieses Verhältnis auch daran ablesen, dass mit wachsender Totalität des Staates die Innovationskraft einer Gesellschaft zuverlässig abnimmt und umgekehrt: kaum werden die Fesseln der Macht gelockert, entwickeln sich explosionsartig Kommunikation, Kooperation und damit auch Innovation...

Staatliche Planung, selbst da, wo sie „Innovation“ auf ihre Fahnen schreibt, kann in aller Regel nur das Gegenteil bewirken, schon deshalb, weil sie jede (willkürliche) Subvention eines Sektors durch ebenso willkürliche Zwangsbesteuerung eines anderen finanzieren muss. Damit behindert und stört sie aber alle Grundlagen von Innovation: den freien Wettbewerb ebenso wie die freiwillige Kooperation und Arbeitsteilung oder die freie Nachfrage und Bewertung durch die Konsumenten. Diese selbstorganisatorischen Prozesse sind der eigentliche Motor jedes Innovationsprozesses, der eben nicht „von oben“ initiiert und gesteuert werden kann, sondern der sich optimal nur selbst durch die Handlungen aller Marktteilnehmer steuert.

So werden auch staatlich privilegierte und subventionierte Industrien und Unternehmen nur scheinbar und kurzfristig gestärkt. Mittel- und langfristig führt Privilegierung stets zur Vernachlässigung von Innovation und damit zum Zurückbleiben im Wettbewerb, wovor letztlich nicht einmal ein staatlich garantiertes Monopol bewahren kann. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von solchen Beispielen. Zudem behindert die Intervention der Macht auch neue innovative Ansätze: zum einen haben sie weniger Chancen im Kampf gegen Subventionen und Privilegien, zum andern finden sich kaum noch risikobereite Investoren, weil staatliche Interventionen auch den Markt für Risikokapital unterminieren, indem sie durch Marktverzerrung zusätzliche Risiken aufbauen.

Staatliche Planung muss notwendigerweise von der Behauptung ausgehen, die bestmögliche Evolution einer Gesellschaft sei wissbar und die Zukunft daher planbar. Aber die Vorstellung, der Staat müsse Gesellschaft und damit auch das Leben der Individuen „gestalten“, ist nicht nur unvereinbar mit dem Ethos und Grundrecht individueller Freiheit, sie ist auch eine absurde Hybris.

Die zugrunde liegende Theorie einer naturgesetzlich ablaufenden und damit vorhersehbaren und planbaren Entwicklung der Gesellschaft ist im Grunde die säkulare Variante einer Theologie des „Intelligent Design“: Wie diese konstatiert sie eine zielgerichtete, vorgegebene und erkennbare Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Entwicklung im Gegensatz zum Prinzip der Evolution. Während Evolution immer prinzipiell offen (im Rahmen struktureller Grenzen) ist, hat die teleologische Entwicklung sowohl definierten Ursprung wie Ziel und Ende. Sie nimmt einen meist stufenweisen Verlauf, der sich in jedem Schritt als „Fortschritt“ verorten lässt. „Progressiv“ sind danach diejenigen, die sich auf dem rechten Weg „nach vorn“ wähnen, „rückschrittlich“ der Rest. Innovation kann es in dieser Vorstellung eigentlich nicht geben, da die Zukunft nicht offen, sondern vorbestimmt ist. Es gibt vielleicht noch Dinge zu entdecken, aber kaum Neues mehr zu erfinden...

Die soziokulturelle und die wissenschaftlich-technische Evolution unterscheiden sich von der natürlichen und insbesondere der biologischen Evolution vor allem dadurch, dass das Zusammenspiel von Variation und Selektion „informiert“ erfolgt. Der Prozess der Variation ist kein „blinder“, sondern ein bewusst reflektierter Prozess der Forschung und Erfindung. Der Prozess der Selektion wird vor allem durch Nachfrage und Bewertung auf dem freien Markt mit seinen vielen individuellen Intelligenzen und deren lokalen Information optimiert und wiederum im Variationsprozess der Produktion reflektiert. Dadurch verläuft diese Evolution nicht nur schneller, sondern auch effizienter, wobei auch die Richtung selbst wieder vom Markt variiert und selektiert wird. Dadurch erhält der freie Markt seine Innovations-treibende aber auch -korrigierende Kraft.

Kein einzelner Teilnehmer kann dabei alle Informationen besitzen, die der Markt von allen Teilnehmern aggregiert. Diese „unsichtbare Hand“ kann durch kein Einzelbewusstsein repräsentiert oder kontrolliert werden, auch nicht durch Fachgremien von Experten oder Planungskomittees von Politikern. Sie lässt sich auch nicht durch Computermodelle simulieren, weil diese Modelle keinen einzigen individuellen Bewusstseinszustand erfassen können – schon gar nicht die vielen der jeweils unterschiedlichen Marktteilnehmer.

Innovation entsteht paradoxerweise durch Ausblendung von Information ebenso wie durch Fokussierung auf einen engen Fleck der Aufmerksamkeit. Erfinder sind bekanntlich nicht selten Eigenbrötler, die sich schwer in die Gesellschaft integrieren lassen und ihre Intelligenz stattdessen lieber voll auf ein Thema, ein Projekt, ein Ziel konzentrieren. Sie gelten oft als egozentrisch und sozial unangepasst – und damit diametral entgegengesetzt zu den Erziehungszielen der staatlichen Bildungsanstalten.

Kreativität und Innovation erfordern die freiwillige Konzentration eines freien Willens – manchmal auch unter Missachtung gesellschaftlicher Umgangsformen und Standards. Eine von staatlicher „Ordnungsmacht“ beherrschte Gesellschaft duldet solche individuellen Abweichungen selten und sucht sie so früh wie möglich durch entsprechende Erziehung zu unterbinden. Wir sind uns heute kaum mehr bewusst, wie sehr das sozialstaatliche Konzept der „Daseinsvorsorge“ und „Daseinsfürsorge“ die Innovationskraft der Individuen und damit der Gesellschaft behindert. Diese Perspektive der sozialen Demokratie ist letztlich identisch mit der schon von Carl Schmitt beschriebenen Perspektive des „totalen Staats“ mit all seinen Konsequenzen...

Die Macht der Innovation besteht deshalb auch in der Infragestellung der Macht: Jede Innovation ist ein Beweis für die Überlegenheit des Prinzips der Freiheit und die Unfähigkeit der Macht, sie zu verhindern. Die eigentliche Innovation der Macht wäre also nicht ihre Perfektionierung oder immer effektivere Neuerfindung, sondern ihre Abschaffung. Das Prinzip der Herrschaftsgewalt ist kein spezifisch menschliches Charakteristikum, sondern allenfalls evolutionäres Relikt unserer tierischen Vergangenheit: Im Rudel herrscht noch der Stärkere, seine Autorität gründet sich auf physische Gewalt, nicht primär auf Kooperation. Der Mensch, der des Menschen Wolf ist, ist noch nicht völlig im Menschsein angekommen. Das Prinzip von Macht und Herrschaftsgewalt ist es, das ihn in diesem Zwischenzustand festhält indem es ihm daraus Vorteile verspricht.

Wenn durch Sprache erlangtes Selbstbewusstsein, wenn Vernunft und freier Wille den Menschen als Menschen ausmachen, also seinen „Naturzustand“ darstellen, der ihn von den Tieren unterscheidet, dann entspricht nur freiwillige Kooperation dieser menschlichen Natur. Indem wir uns vom Zwang, und damit von der Macht und ihren Instrumenten emanzipieren, realisieren wir unsere Natur und eröffnen ihr die Perspektiven einer neuen, durch Sprache, Kooperation und Arbeitsteilung potenzierte Innovationskraft.

Jede Innovation beginnt mit einer neuen Idee. Neue Ideen eröffnen neue Perspektiven und Denkweisen, und ermöglichen dadurch wiederum Innovationen. Sie verändern Kommunikation, Verhalten und schließlich die Kultur insgesamt. Die Vorstellung, man könne oder müsse Kulturen vor Veränderungen bewahren, ist ebenso illusionär wie totalitär. Sie erfordert nichts weniger als einen Stillstand der Ideen, das Einbinden nicht nur der Füße, sondern auch der Köpfe.

Immer wieder entstehen Ideologien, Religionen und Doktrinen, die ein solches Einfrieren versuchen – manchmal sogar relativ erfolgreich. Die westliche romantische Idee des „edlen Wilden“ verklärt die kulturelle Stagnation vor allem der „Naturvölker“, bei denen der geringe Grad von Arbeitsteilung und kulturelle Isolation oft steinzeitliche Lebensbedingungen konservierte und die kulturelle Evolution verzögerte. Die Vorstellung der „Schutzbedürftigkeit“ von Kulturen ist ebenso arrogant wie die Vorstellung der „Überlegenheit“ einer bestimmten Kultur über eine andere. Jede Kommunikation verbreitet neue Ideen und verändert Kultur. Was daran „gut“ oder „schlecht“ ist, kann nur jedes Individuum für sich entscheiden.

Neue Ideen bewirken neue Lebensweisen, schaffen neues Bewusstsein, neue Werte und neue Ziele. Sie sprengen das Korsett der alten Kultur und schaffen sich ein neues, „passenderes“. Welche der alten Werte darin bewahrt und „aufgehoben“ werden, welche sich als unpassend und überholt erweisen, das unterliegt letztlich der individuellen Präferenz.

Die Idee, dass Herrschaftsgewalt prinzipiell weder notwendig noch legitimierbar ist, wurde explizit wohl erstmals um 1550 von Étienne de La Boëtie in seiner Schrift Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen artikuliert. Sie wurde in dieser Radikalität erst wieder im 19. Jahrhundert von den Anarchisten und den Laissez-Faire-Liberalen aufgenommen, während der klassische Liberalismus noch vor der letzten Konsequenz, der De-Legitimierung des Staates insgesamt, zurückschreckte. Der „romantische“ Anarchismus eines Proudhon oder Kropotkin musste an seinem Unverständnis von der Bedeutung des Eigentums für die Freiheit scheitern: statt im Eigentum des Menschen an sich selbst und seiner Arbeit die eigentliche Grundlage von Freiheit und Menschenrecht zu erkennen, versteht der klassische Anarchismus Eigentum als Diebstahl und läuft damit in eine selbst gestellte Paradoxiefalle: Diebstahl bedeutet ja eine unberechtigte Enteignung von Eigentum, setzt also den Eigentumsbegriff als grundlegende Rechtsnorm schon voraus.

Die eigentliche, noch zu vollziehende Innovation der Macht liegt in der bewussten Verbindung von Freiheitsnormen mit selbstorganisatorischen ökonomischen und sozialen Prozessen, also von individueller Freiheit mit freiem Markt und freiwilliger Zivilgesellschaft. Diese seit Mitte des 19. Jh. von radikalen Liberalen und Markt-Anarchisten (z.B. Lysander Spooner, Frederic Bastiat, Gustave de Molinari) angedachte Perspektive wurde erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts systematisch erforscht und entwickelt.5

Noch immer erscheint den meisten Menschen eine reine Zivilgesellschaft als schwer vorstellbar und kaum realisierbar. Die Idee, der Mensch sei im Grunde doch des Menschen Wolf und bedürfe den Staat zum Schutz vor sich selbst, klebt an unserem Bewusstsein wie Lehm an den Schuhen. Aber die gerade heute wieder besonders aktuelle Tendenz der Ausweitung der Staatsintervention auf fast alle Bereiche des Lebens zeigt immer deutlicher das Dilemma des modernen demokratischen Sozialstaats: Um seine Vorsorge- und Fürsorgefunktionen zu erfüllen, durch die er sich legitimiert, muss er sich immer mehr zum Totalstaat entwickeln. Eingezwängt zwischen Erwartungen sozialer Gleichheit und Sicherheit, die er selbst zum Zwecke des Stimmenfangs geweckt hat einerseits, und zwischen schwindender wirtschaftlicher Produktivität, der er durch massive Umverteilung und Intervention selbst geschaffen hat andererseits, sieht sich der Staat einem stetig wachsendem Druck ausgesetzt, den er selbst erhöht.

Alternative Staatsformen sind weitgehend ausgeschöpft und diskreditiert: die absolutistischen wie die konstitutionellen Monarchien ebenso wie die nationalistischen, liberal-merkantilistischen, sozialistischen und faschistischen Republiken. Sie endeten alle in Katastrophen und Zusammenbrüchen. Die sozial-liberale Demokratie hat zwar unbestreitbar die Herausbildung relativ stabiler, vor allem auch ziviler Institutionen begünstigt, Grundlagen einer freien Marktwirtschaft ermöglicht (nicht ohne sie in wesentlichen Bereichen gleich wieder einzuschränken) und eine Entwicklung der Menschen zu größerer Eigenverantwortung und unternehmerischer Eigeninitiative toleriert, aber sie hat diese Prozesse meist nur widerwillig zugelassen, durch Regulierung oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und nur selten befördert. Trotzdem sieht sich der moderne Mensch der postindustriellen Informationsgesellschaft zunehmend als eigenverantwortlich entscheidendes und handelndes Individuum, als freier, mündiger und selbstinitiativ unternehmerischer Akteur, und keineswegs mehr als unmündiger Untertan, der auf Anweisungen und Verhaltensregeln „von oben“ wartet und keinerlei Abweichung innerhalb seiner sozialen Umwelt wagt oder toleriert.

Die alte konfuzianische Regel, dass „der hervorstehende Nagel eingeschlagen werden muss“, gilt zumindest für den modernen westlichen Menschen heute eher umgekehrt: Jeder will sich als Individuum erkennbar von anderen unterscheiden. Er ist damit nur noch einen kleinen Schritt von der Idee entfernt, dass seine Angelegenheiten am besten von ihm selbst, in freier Assoziation mit anderen, völlig ohne Staat und Zwang, nur auf der Grundlage freiwilliger (also auch kündbarer) Kontrakte und Kooperationen bewältigt werden können, und dass nur ein solcher Zustand der Abwesenheit von Herrschaftsgewalt dauerhaft seine Freiheit sichern und ein friedliches Zusammenleben ermöglichen kann. Von dieser Innovation trennt ihn, wie bei fast allen innovativen Ideen, nur noch der Mut, sie zu wagen.... (Peter Krieg)

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