"Die Macht des Lügendetektors beruht auf dem Glauben an die Macht des Lügendetektors"

Vom DHS veröffentlichte Darstellung der Future Attribute Screening Technology

Der Historiker Ken Alder über Vergangenheit und Zukunft eines Bluffs

Wozu taugen sogenannte Lügendetektoren? Die klassischen "Polygraphen", die unter anderem Blutdruck, Puls und Atemtiefe aufzeichnen, haben unter Psychologen und Juristen keinen besonders guten Ruf. Im Jahr 1998 fand der Bundesgerichtshof in einem Urteil unzweideutige Worte: "Nach einhelliger wissenschaftlicher Auffassung ist es nicht möglich, eindeutige Zusammenhänge zwischen emotionalen Zuständen eines Menschen und hierfür spezifischen Reaktionsmustern im vegetativen Nervensystem zu erkennen." Aber trotz juristischer Bedenken und wissenschaftlicher Kritik ist die Technik nicht totzukriegen.

Mehr noch: Mit der wachsenden Technisierung der Strafverfolgung kehrt die Idee in neuer Gestalt zurück, maschinell mentale Zustände zu ermitteln, um Verbrecher zu fangen. Forschungsprojekte wie Future Attribute Screening Technology (FAST) oder der Avatar-Kiosk suchen nach Methoden, um "bösartige Absichten" ('mal-intent') oder "Glaubwürdigkeit" zu ermitteln.

Der amerikanische Historiker Ken Alder hat ein Buch über die Geschichte der Maschine geschrieben, die zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden soll. Darin zeigt er, wozu der Apparat vor allem eingesetzt wurde: um Verdächtige bei Verhören unter Druck zu setzen und zu einem Geständnissen zu bringen. Dass mentale Zustände von Verbrechern und Lügnern überhaupt maschinell entdeckt werden können, kann er sich nicht vorstellen.

No Lie MRI, Inc., bietet einen Lügendetektor mittels Gehirnscans an. Bild: No Lie MRI
Kaum jemand behauptet, dass die Polypgraphie eindeutige und sichere Ergebnisse bringt. Viele Psychologen lehnen sie vollständig ab. Trotzdem sind Lügendetektoren weiterhin in Gebrauch, besonders Polizeibeamte schwören auf das Gerät. Warum eigentlich?
Ken Alder: Der Lügendetektor kann nicht wissenschaftlich besiegt werden, weil er gar nicht aus der Wissenschaft stammt. Vor ein paar Jahren habe ich es in einem Aufsatz so formuliert: Seine natürliche Umgebung ist nicht der Gerichtssaal oder das Labor, sondern das schlecht beleuchtete Verhörzimmer im Polizeipräsidium. So lange Polizisten das Gerät nützlich finden, wird es ihn geben!
Sie sprechen von einer besonderen Verbindung zwischen der nationalen Geschichte der USA und der polygraphischen Technik.
Ken Alder: Als Ermittlungsmethode entstand der Lügendetektor in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts. Sein massenhafter Einsatz begann dann in den 1920er Jahren, als man glaubte, so polizeiliche Verhöre auf eine "wissenschaftliche Art" durchführen zu können. Tatsächlich richteten sich die Befürworter der Polygraphie auch gegen die Willkür, Einschüchterung und Brutalität, mit der Polizisten damals Verdächtige verhörten. Die Technik war eng verbunden mit der Bewegung für eine Polizeireform. Die Ermittlungen sollten objektiv und unbestechlich sein, dazu passte das Gerät angeblich perfekt.
Ausgehend von der Strafverfolgung eroberte der Polygraph dann immer mehr gesellschaftliche Bereiche und wurde beispielsweise bei Bewerbungsgesprächen benutzt. Leonard Keeler, einer der Erfinder des Lügendetektors und sein eifrigster Propagandist, suchte während des Kalten Krieges nach politischer Dissidenz. Angestellte im öffentlichen Dienst wurden massenhaft auf ihre politische Zuverlässigkeit getestet und unter anderem gefragt: "Ist Ihr Sexleben normal?" "Hatten Sie jemals kommunistische Sympathien?" Auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit nutzen Ehepaare den Polygraphen, um herauszufinden, ob einer von ihnen einen Seitensprung gemacht hatte!
In den 1950er Jahren gab es schätzungsweise zwei Millionen Tests jährlich, der größte Teil durch die Polizei. Seit dieser Zeit sind die Zahlen leicht zurückgegangen. 1988 wurde Unternehmen verboten, ihre Angestellten einem Lügendetektor-Test zu unterziehen. Ausgenommen von diesem Verbot ist der öffentliche Dienst, und besonders die Sicherheitsbehörden benutzen den Lügendetektor nach wie vor.
Warum hatte der Lügendetektor gerade in den USA so großen Erfolg?
Ken Alder: Der Polygraph gehört zu einer ganzen Reihe von Technologien, die als wissenschaftliche Antworten auf soziale Fragen und Probleme betrachtet wurden. Wie der Intelligenztest oder das "wissenschaftliche Management" nach Charles Taylor sollte der Lügendetektor individuelle Interpretationen und Werturteile zurückdrängen und so Diskriminierung verhindern. Die Argumentation war: "Hey, dies ist eine Demokratie, hier sind alle gleich! Hier bestimmt kein Angehöriger der Elite darüber, ob du den Job bekommst oder schuldig bist oder gut arbeitest. Lassen wir die Maschine entscheiden!"
Kein anderes Land hat die Ideen von mechanischer Objektivität derart zelebriert. Natürlich verbirgt die maschinelle Form nur oberflächlich die Werturteile, die dann in die Konzeption und den Gebrauch eingehen.
Sie argumentieren, dass die "Software" bei der Lügendetektion viel wichtiger ist als die "Hardware", das eigentliche Messgerät. Wie meinen Sie das?
Ken Alder: Mit Software meine ich das Vorgehen des Polizisten, die Art, wie er seine Fragen stellt, die Einrichtung des Raumes, das ganze Setting. Die Messgeräte sind ganz herkömmliche medizinische Geräte, entscheidend ist die Art der Befragung! Es gibt eine wunderbare Szene in der Fernsehserie The Wire, in der Polizeibeamte der Mordkommission in Baltimore einen verhafteten Jugendlichen zu einer Aussage bringen, indem sie ihm weis machen, ein Photokopierer wäre ein Lügendetektor. Das ist nicht nur lustig, sondern ganz präzise: Die Macht des Lügendetektors ist der Glaube des Verdächtigen an die Macht des Lügendetektors.
Allerdings werden die Tests in fast keinem Land als Beweismittel akzeptiert.
Ken Alder: Das ist richtig, auch in den USA wurden die Ergebnisse nicht als Beweis akzeptiert. Schließlich ist es die Aufgabe der Geschworenen zu beurteilen, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht. Benutzt wird der Lügendetektor als polizeiliche Verhörmethode, mit der man äußerst erfolgreich Geständnisse herbeiführen kann. Ich finde übrigens erstaunlich, dass solche Geständnisse einfach akzeptiert werden, denn bekanntlich geben erstaunlich viele Menschen ein Verbrechen zu, obwohl sie es nicht begangen haben.
Der Lügendetektor ist eine Maschine der Einschüchterung. Die Methode funktioniert umso besser, je mehr der Befrager an die Wirksamkeit des Apparats glaubt oder wenigstens den Befragten überzeugen kann, dass die Maschine tatsächlich herausfinden kann, ob er lügt. In meinem Buch beschreibe ich, wie der Erfinder Leonarde Keeler den Glauben an die Effektivität des Detektors bestärkte. Keeler nutzte dazu zum Beispiel einen Kartentrick: Die Verdächtigen mussten abstreiten, dass sie eine bestimmte Karte gezogen haben, wenn er die richtige Karte aufdeckte - angeblich mit Hilfe des Lügendetektors, in Wirklichkeit, weil er die Karte markiert hatte.
Aber den Lügendetektor als Placebo zu bezeichnen, heißt nicht, ihn für wirkungslos zu halten! Pillen ohne Inhaltsstoff wirken ja bekanntlich auch, nur eben aus anderen Gründen als Ärzte und Patienten annehmen.
Ken Alder: Nein, er ist äußerst effektiv. Bei den Archivrecherchen für das Buch habe ich festgestellt, dass in den 1930er Jahren die Polizei in 60 Prozent der Fälle, in denen sie Verdächtige mit einem Polygraph-Ergebnis konfrontierten, Geständnisse bekam. Die Polizisten zeigten auf den Detektor und sagten: "Wir wissen, dass du es warst!" Wie hoch die Zahl der falsch positiven Ergebnisse war, ist natürlich schwer zu sagen. Heute kommen Physiopsychologen bei Laborstudien auf Erfolgsquoten bis zu 90 Prozent - aber das sind Experimente, von denen für die Versuchspersonen nichts abhängt. Im wirklichen Leben, wenn jemand wirklich etwas verbergen will, ist die Erfolgsrate viel kleiner und liegt kaum über dem Zufall.
Die Ironie ist, dass die menschliche Interpretation, die durch die Apparatur eigentlich ausgeschaltet werden sollte, hinterrücks wieder ins Spiel kommt. Die vehementesten Befürworter der Polygraphie geben zu, dass die Fähigkeiten des Anwenders darüber entscheiden, ob es funktioniert oder nicht. Man könnte schließlich auch einen Computer die Daten interpretieren lassen, aber eine vollständige Automatisierung lehnen sie ab. Leute aus dem Verteidigungsministerium haben mir gesagt, dass sie bei Verhören die Computer abstellen und lieber selbst interpretieren.
Welche Rolle spielte die Modernität der Technik für diesen Placebo-Effekt?
Ken Alder: Ich denke, diese Modernität spielte eine ganz entscheidende Rolle. Mit der Zeit nutzt sich das ab, und das ist einer der Gründe, warum in jüngster Zeit die Lügendetektion mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) so populär geworden ist. Die technische Ausstattung samt Bildgebung wirkt einfach überwältigend!
Das amerikanische Ministerium für Heimatschutz arbeitet an einer Reihe von Projekten, die sogar Vorhersagen über das Verhalten der Probanden machen sollen. Dazu messen Sensoren nicht nur Puls und Atmung, sondern unter anderem auch die Bewegungen der Pupille und Schwankungen in der Stimme und der Sprechgeschwindigkeit. Für die Future Attribute Screening Technology könnten sogar chemische Sensoren eingesetzt werden, um Pheromone zu messen. Wie erfolgversprechend sind solche Ansätze?
Ken Alder: Zunächst einmal funktioniert der Polygraph am besten, wenn sich zwei Personen gegenüber sitzen - ein Befrager versus ein Verdächtiger. Für ein Massenscreening taugt die Methode nicht. Ich bin Historiker, kein Physiopsychologe, daher kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten. Aber ich vermute, dass das grundlegende Problem nicht durch mehr Sensoren und Daten oder bessere Modelle gelöst werden kann. Die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge kann sehr schmal sein! Die Lüge ist nicht einfach das Gegenteil der Wahrheit; sie hat viele Formen und entspricht vielen körperlichen Zuständen.
Letztlich gehen alle Versuche der Lügendetektion davon aus, dass es eine Entsprechung zwischen der subjektiven Wahrheit des Befragten und seinem körperlichen Zustand gibt. Das gilt auch für die Versuche mit fMRI. Die Sauerstoffmenge in bestimmten Hirnarealen soll dem Wahrheitsstatus einer Aussage entsprechen, weil angeblich wahre Aussagen stärker auf Erinnerungen zurückgreifen und falsche Aussagen auf Imagination, was sich dann an der Aktivität der unterschiedlichen Hirnareale zeigen soll. Aber Lügner benutzen sehr wohl ihre Erinnerung, nämlich um die wirkliche und die falsche Version der Geschichte gleichzeitig widerspruchsfrei parat zu haben.
Jedenfalls scheint der Lügendetektor nicht totzukriegen zu sein. Wie wird es weitergehen?
Ken Alder: Es gibt eine Nachfrage nach dieser Technik, deshalb wird es sie auch in Zukunft geben. Wir lachen über den Idioten in der Szene aus The Wire, der sich mit einem Photokopierer reinlegen lässt. In Wirklichkeit geht dieser Witz auf Kosten von uns allen. Wir als Gesellschaft verlassen sich uns auf ein Placebo, um zu entscheiden, wer ins Gefängnis kommt und wer nicht.
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