Die Machtelite

Zur Machtelite rechnete Mills auch die Joint Chiefs of Staff ("Warlords") als Vertreter des militärischen Establishments. Auch Prominente sind Teil der Machtelite. Bild: DoD

Wer sind eigentlich die Machteliten in einer Gesellschaft? Wer ist in der Lage, Geschichte zu machen und große politische Entscheidungen mitzuprägen?

Man kann die gehobenen Kreise auch als Angehörige einer obersten Gesellschaftsschicht auffassen, als eine Reihe von Gruppen, deren Mitglieder sich untereinander kennen, sich häufig gesellschaftlich und geschäftlich begegnen und deshalb bei ihren Entscheidungen aufeinander Rücksicht nehmen.

Dieser Auffassung entsprechend fühlt sich die Elite als der innere Kreis der oberen "Gesellschaftsschichten" und wird auch von anderen so angesehen.1 Die Elite bildet ein mehr oder weniger festgefügtes soziales und psychologisches Ganzes; ihre Mitglieder sind selbstbewusste Angehörige einer sozialen Klasse, in die man entweder aufgenommen wird oder nicht.

Es gibt hier weniger eine zahlenmäßige als eine qualitative Abgrenzung gegenüber denen, die nicht dazugehören. Wer zur Elite gehört, ist sich dessen auch mehr oder weniger bewusst und benimmt sich gegenüber seinesgleichen anders als im Umgang mit Angehörigen der übrigen Klassen. Man akzeptiert und versteht sich, man heiratet untereinander und neigt dazu, wenn nicht völlig gleich, so doch zumindest sehr ähnlich zu denken und zu handeln.

C. Wright Mills

Wir wollen aber durch diese Definition nicht vorschnell entscheiden, ob die Männer in den Kommandostellen bewusste Mitglieder einer solchen gesellschaftlich anerkannten Klasse sind oder ob die Machtelite vorwiegend aus einer solchen klar und deutlich umrissenen Klasse stammt. Das sind Fragen, die noch zu untersuchen sind. Doch damit wir erkennen können, was wir klären wollen, müssen wir eine Tatsache festhalten, die aus allen Biografien und Memoiren der Reichen, Mächtigen und Berühmten klar ersichtlich ist: Was die Angehörigen dieser gehobenen Kreise sonst auch immer sein mögen, sie sind stets zugleich Mitglieder sich überschneidender "Mengen" und miteinander verflochtener Cliquen. Die, die "auf derselben Terrasse sitzen", üben eine starke Anziehungskraft aufeinander aus, die ihnen - und den anderen - oftmals erst dann richtig bewusst wird, wenn sie sich zu einer Abgrenzung genötigt fühlen, wenn sie plötzlich in gemeinsamer Abwehr von Eindringlingen, in geschlossener Front gegen Außenseiter, begreifen, was sie gemeinsam haben.

Die Vorstellung einer solchen herrschenden Schicht bedeutet zugleich, dass die Mehrzahl ihrer Mitglieder gleichartiger sozialer Herkunft ist, dass sie ihr ganzes Leben hindurch vielfältige informelle Beziehungen zueinander pflegen und dass die Schlüsselpositionen in den Hierarchien des Geldes, der Macht und der Berühmtheit bis zu einem gewissen Grade austauschbar sind.

Dabei müssen wir uns sofort darüber klarwerden, dass sich eine amerikanische Eliteschicht, wenn es sie gibt, aus ganz bestimmten historischen Gründen in ihrer gesellschaftlichen Form und in ihrem Erscheinungsbild von der Aristokratie, die einst, untereinander versippt und verschwägert, über die Völker Europas geherrscht hat, erheblich unterscheiden muss.

Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten niemals eine feudale Epoche durchlebt haben, ist von entscheidender Bedeutung für die Art ihrer Elite wie auch für die amerikanische Gesellschaft als historisches Ganzes. Denn daraus folgt, dass es in Amerika keinen Adel und keine Fürsten aus der vorkapitalistischen Ära gegeben hat, die in scharfer Opposition zum gehobenen Bürgertum standen, was wiederum bedeutet, dass diese Bourgeoisie nicht nur den Reichtum, sondern auch Macht und Prestige monopolisieren konnte. Keine Adelsfamilien konnten je die Schlüsselstellungen des Landes einnehmen, alle gesellschaftlichen Tugenden für sich allein beanspruchen oder gar ihre Vormachtstellung ausdrücklich durch Berufung auf ererbte Rechte begründen. Kein hoher kirchlicher oder höfischer Würdenträger, kein mit zahllosen Privilegien ausgestatteter Großgrundbesitz, keine Adelsschicht mit alleinigem Anspruch auf die Offizierslaufbahn hat sich in den Vereinigten Staaten dem reich gewordenen Bürgertum je widersetzt und ihm, auf Geburt und Vorrecht pochend, den Aufstieg verwehrt.

Das besagt nun aber keineswegs, dass es in den Vereinigten Staaten keine Oberschichten gäbe. Ihre Herkunft aus einer "Mittelschicht", die keine anerkannte Aristokratie über sich hatte, bedeutet nicht, dass sie Mittelschicht geblieben wären, als ihnen ihre Millionen die zum sozialen Aufstieg erforderliche Überlegenheit gaben.

Herkunft und fehlende Tradition haben die Oberschichten in Amerika vielleicht etwas weniger hervortreten lassen als anderswo. Doch in den Vereinigten Staaten gibt es Macht und Reichtum in einem Ausmaß, von dem die Angehörigen der mittleren und unteren Schichten sehr wenig wissen, von dem sie nicht einmal etwas ahnen. Es gibt Familien, deren ungeheurer Reichtum von dem Auf und Ab der Konjunktur überhaupt nicht berührt wird, während diejenigen, die nur als wohlhabend gelten können, und erst recht die breiten Massen jede Veränderung der Wirtschaftslage deutlich zu spüren bekommen. Es gibt auch mächtige Männer, die in ganz kleinen Gruppen Entscheidungen von ungewöhnlicher Tragweite für die übrige Bevölkerung des Landes treffen.

Die amerikanische Elite trat in die moderne Geschichte als eine Bourgeoisie ein, der praktisch niemand Widerstand leistete. Kein Bürgertum irgendeiner anderen Nation hat je ähnliche Chancen und Vorteile gehabt. Ohne Nachbarn von militärischem Gewicht konnte diese Bourgeoisie einen weiten, von der Welt abgeschnittenen Kontinent, ein riesiges von Rohstoffquellen strotzendes Gebiet, das arbeitswillige Menschen anlockte, leicht erschließen.

Die Grundlagen der Machtentfaltung und eine Ideologie zu ihrer Rechtfertigung waren bereits vorhanden. Gegen merkantilistische Beschränkungen hatten sie den Grundsatz des "laissez faire" mit auf den Weg bekommen. Gegen die Plantagenbesitzer des Südens setzten sie ihren Geist des Industrialismus durch. Der Unabhängigkeitskrieg machte den Kolonialansprüchen des britischen Adels ein Ende. Die englandtreuen Kolonisten flüchteten außer Landes, und viele große Güter wurden aufgeteilt. Unter Präsident Jackson wurde mit den Vorrechten und besonderen Prestigeansprüchen der alten Familien Neuenglands aufgeräumt. Der Bürgerkrieg zerbrach die Macht und damit auch bald das gesellschaftliche Ansehen der aristokratischen Oberschicht, die zuvor in den Südstaaten Anspruch auf höhere Wertschätzung erhoben hatte. Das Tempo der kapitalistischen Entwicklung verhinderte, dass sich in den USA ein erblicher Adel hielt oder bildete.

Keine fest gegründete herrschende Klasse, die im Grundbesitz ihre Wurzeln hatte und durch Kriegsruhm zur Blüte kam, konnte in Amerika das historische Vordringen von Handel und Industrie aufhalten oder die kapitalistische Elite so unterordnen, wie es zum Beispiel in Deutschland oder Japan geschah. Keine herrschende Klasse irgendwo in der Welt konnte sich mit der Amerikas messen, sobald das industrielle Potential und die daraus resultierende Stärke geschichtlich wirksam wurden. Das Schicksal Deutschlands und Japans in den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts legt ebenso deutlich Zeugnis dafür ab wie das Schicksal Großbritanniens und seiner geradezu typischen herrschenden Klasse: New York wurde unausweichlich zum wirtschaftlichen und Washington zum politischen Zentrum der westlichen kapitalistischen Welt.

Wer sind eigentlich die Machteliten in einer Gesellschaft? Wer ist in der Lage, Geschichte zu machen und große politische Entscheidungen mitzuprägen? Auf Fragen wie diese geht der US-amerikanische Soziologe C. Wright Mills in seiner epochalen Studie "The Power Elite" ein. Mills hat 1956 eine fundamentale Kritik am demokratischen System seines Landes abgeliefert, die bis heute nachhallt. Die gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die aktuell in den USA zu beobachten sind, sind das Produkt schwerer politischer Fehlentwicklungen, die bis in die Zeit Mills' zurückgehen. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die Machtelite", das nun in deutscher Sprache neu veröffentlicht wurde.

C. Wright Mills: "Die Machtelite, herausgegeben von Björn Wendt, Michael Walter und Marcus B. Klöckner, 576 Seiten, Westend Verlag.

Wer Vorteile hat, will meist nicht wahrhaben, dass er nur zufällig Vorteile genießt

Die Elite, die die Schlüsselstellungen Amerikas einnimmt, kann als eine Gruppe angesehen werden, deren Angehörige im Besitz von Macht, Reichtum und öffentlichem Ansehen sind: als Oberschicht einer kapitalistischen Gesellschaft. Sie kann auch nach psychologischen und moralischen Merkmalen beschrieben werden: als Auslese hervorragender Persönlichkeiten, als Menschen von überlegener Wesensart und größerer Tatkraft.

Der Humanist beispielsweise würde "Elite" nicht als soziologische Kategorie, nicht als Gesellschaftsschicht verstehen, sondern nur als wenige Einzelne, die über sich selbst hinauszuwachsen versuchen, also edler, tüchtiger und aus besserem Holz geschnitzt sind als die anderen. Ob sie reich oder arm sind, spielt dabei keine Rolle, auch nicht, ob sie eine hohe oder niedrige Stellung bekleiden, ob man sie verehrt oder verachtet. Sie zählen einfach zur Elite, weil sie eine bestimmte Art von Menschen sind. Alle anderen gehören dieser Auffassung nach zu der trägen, in armseliger Mittelmäßigkeit dahindämmernden Masse.2

Eine solche Auffassung ohne sozialen Bezug versuchen neuerdings einige amerikanische Schriftsteller mit konservativen Neigungen zu entwickeln. Die meisten ethischen und psychologischen Auffassungen von der Elite sind weit weniger hochtrabend: Sie gehen nicht vom Einzelmenschen aus, sondern von der Schicht als ganzer. Solche Gedanken tauchen stets in einer Gesellschaft auf, in der einige mehr besitzen als die übrigen.

Wer Vorteile hat, will meist nicht wahrhaben, dass er nur zufällig Vorteile genießt. Viel lieber sieht er sich als einen Menschen, der solcher Vorteile wert ist, der verdient, was er besitzt. Er glaubt dann sogar, er gehöre "von Natur aus" zur Elite, und nimmt schließlich an, dass seine Besitztümer und Vorrechte nur die natürlichen Zugaben sind, die sich aus seiner Zugehörigkeit zur Elite sozusagen von selbst ergeben. In diesem Sinne liegt dem Gedanken, dass die Elite aus Menschen vornehmen Wesens und höherer Moral besteht, eine Ideologie zugrunde, welche die Elite als privilegierte, herrschende Klasse begreift, wobei es gleichgültig ist, ob diese Ideologie von der Elite selbst stammt oder eigens für sie von anderen erfunden wurde. […]

In jeder der mächtigen Institutionen der modernen Gesellschaft gibt es eine Machtabstufung. Kein Straßenhändler hat in irgendeinem gesellschaftlichen Bereich so viel Macht wie der Chef eines großen Konzerns. Kein Leutnant an der Front ist so mächtig wie der Stabschef im Pentagon. Kein Hilfssheriff hat so viel Autorität wie der Präsident der Vereinigten Staaten.

Um die Machtelite definieren zu können, müssen wir also zunächst entscheiden, auf welcher Stufe der Macht wir die Grenze ziehen wollen. Setzen wir sie zu tief an, so wird die Elite so umfangreich, dass sie aufhört, eine Elite zu sein. Setzen wir die Grenze zu hoch, dann wird der Kreis der Auserlesenen zu klein. Wir wollen deshalb erst einmal eine vorläufige, sozusagen erst mit Bleistift angedeutete Linie ziehen und die Machtelite ganz grob als diejenigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gruppen umschreiben, die als kompliziertes Gebilde einander überschneidender Kreise an allen Entscheidungen von zumindest nationaler, wenn nicht internationaler Tragweite teilhaben. Wenn Entscheidungen von solcher Tragweite gefällt werden, ist also jedes Mal die Machtelite im Spiel. (C. Wright Mills)