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Die Mafia-Gas-Pipeline

Geplanter Verlauf der TAP. Grafik: Genti77. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Proteste gegen TAP in Süditalien

In San Basilio di Melendugno (Apulien) protestierten vorletzte Woche an die 500 Umweltaktivisten gegen die Bauarbeiten der 45 Milliarden Euro teuren TAP (Trans Adriatic Pipeline, das Endstück des sogenannten Southern Gas Corridors). Es ist ein Schlüsselprojekt für Europas Gasversorgung, da sie ab 2020 Gas aus dem Aserbaidschan nach Italien und Europa transportieren und damit Westeuropa autonomer und vom russischen Gazprom-Erdgas unabhängiger machen soll. Dazu sollen tausende alte und sehr wertvolle Olivenbäume samt Wurzeln gerodet und nach Abschluss der Bauarbeiten an ihrem ursprünglichen Standort wieder eingepflanzt werden.

Doch dieses Projekt birgt angeblich viele Leichen im Keller und steht im Zusammenhang mit einem Netzwerk von Managern und Mafiosi, Geldwäschern, russischen Oligarchen und Politikern aus der Schweiz, wie ein Bericht der Wochenzeitung L‘Espresso offenbarte. [1] Das hat eine Delegation der Partei Sinistra Italiana (SI) dazu bewogen, bei der Staatsanwaltschaft von Lecce Beschwerde einzureichen. Vorerst wurden die Bauarbeiten gestoppt.

Umwelt als Vorwand?

211 Olivenbäume wurden bereits ausgegraben, doch der Gouverneur Apuliens, Michele Emiliano, und mehrere Bürgermeister aus der Gegend, die das Komitee "No TAP" gegründet haben, halten das für "vollkommen illegal". Rom sieht allerdings die TAP für Italiens Energieversorgung als strategisch notwendig an. Diese Verordnung und die Seveso-III-Richtlinie verhindern de facto eine Umverlegung der Rohre nach Brindisi, wie von den Umweltaktivisten gefordert. Sie befürchten eine Verunstaltung der Landschaft durch die Bohrungen im Meeresboden und eine Belästigung der Meeresschildkröten in ihrer Eiablage.

Dieser Protest der Umweltschützer ist indes etwas seltsam, weil Erdgas von den fossilen Brennstoffen die Umwelt doch am wenigsten belastet: kein Vergleich zu Erdöl oder Kohle, die sowohl die beiden extrem umweltverschmutzenden Stromkraftwerke in Brindisi als auch Europas größten Stahlhersteller, Ilva, speisen, ein Werk, das recht unkontrolliert alle möglichen Karzinogene und Dioxine in die Luft ausstößt.

Eigentlich war seit einigen Jahren eher das Bakterium Xylella der Hauptfeind der Olivenbäume in dieser Region und weniger die Gas-Pipeline. Michele Emiliano hatte selbst ein 38 km langes Aquädukt von der Basilikata bis zum Salent eingeweiht, das mit der provisorischen Rodung von 2500 Olivenbäumen einherging. Ganz abgesehen von den zahlreichen, illegalen Mülldeponien unter freiem Himmel in der ganzen Region, die nun wirklich die Umwelt viel mehr vergiften als der Mikrotunnel für ein Rohr mit einem Durchmesser von 90 cm, das in 10 Meter Tiefe verlaufen und 8 km von der Küste entfernt im Inland enden wird. Zugegeben, bis zum Anschluss an das nationale Gasnetz sind es dann weitere 55 km, weshalb dann insgesamt an die 10.000 Olivenbäume gefährdet wären.

Autoritäre Regierungen

Ein stichhaltiges Argument der TAP-Gegner ist, dass die Pipeline die autoritären Regierungen in Aserbaidschan, aber vielleicht durch eine zukünftige Gas-Pipeline auch in Turkmenistan unterstützen würde, wo täglich Grundfreiheiten verletzt werden.

Wer ist eigentlich am Bau dieser Pipeline interessiert und wer nicht? Wer hat den Verlauf der Pipeline entschieden? Warum wurde ein Schweizer Privatkonzern mit einem so teuren und umstrittenen Projekt beauftragt, das die europäischen Behörden für strategisch erklärt haben? Müssen tatsächlich Milliarden Kubikmeter Gas herrliche Strände und Jahrhunderte alte Olivenhaine durchqueren?

Recherchen und aufschlussreiche Antworten der Wochenzeitung L’Espresso wurden hierzu am 2.4.2017 veröffentlicht. L'Espresso konnte vertrauliche Dokumente der Europäischen Kommission einsehen, die die entscheidende Rolle eines bisher unbekannten Mutterunternehmens aufzeigen, das die TAP geplant hatte. Es heißt EGL Produzione Italia, wird aber von der Schweizer Gruppe Axpo kontrolliert, deren CEO der Schweizer Raffaele Tognacca, alias Mr TAP, ist.

Die Eidgenossenschaft und die Ehrenwerte Gesellschaft

Auch die heutige Präsidentin der Schweiz, Doris Leuthard, war mehrere Jahre lang ein Vorstandsmitglied. Tognacca soll durch seine Holding Viva Transfer schmutziges Geld für die kalabrische Mafia und südamerikanische Drogenhändler gewaschen haben, was während einer Anti-Mafia-Untersuchung als eine beispielhafte Aktion internationaler Geldwäsche bezeichnet wurde.

EGL hatte für die TAP in den Jahren 2004 und 2005 zwei nicht rückzahlbare Finanzierungen der EU über mehr als drei Millionen für Machbarkeitsstudien und Projektplanungen erhalten. Die Einsicht weiterer Dokumente soll den Journalisten des Espresso von der Kommission aus Gründen des Datenschutzes und zur Sicherheit der multinationalen Unternehmen allerdings verweigert worden sein.

Im Jahr 2009 wurde die TAP Asset AG, eine weitere Tochtergesellschaft der Axpo mit Sitz in Rom, der neue Zahlungsempfänger der Restdarlehensgewährung, was die Europäische Kommission akzeptierte. Neben der Schweizer Gruppe sind auch die British Petrol, die italienische Snam, die belgischen Fluxys, Spaniens Enagas und der aserbaidschanische Az-tap Aktionäre der TAP AG.

Lukoil und die Russen

Der russische Riese Lukoil ist mit 10 Prozent in die Holding mit eingestiegen, die von BP und dem aserbaidschanischen Unternehmen Socar geleitet wird. Italienische Abhörungen sollen die Existenz geheimer Vereinbarungen mit anderen russischen, Putin-treuen Unternehmen bezeugen - so viel zur anti-russischen Funktion der Pipeline.

Angeblich sollen ebenfalls Manager mitverstrickt sein, die in engen Beziehungen zu Politikern auf höchster Ebene standen, wie etwa zum ehemaligen Ministerpräsidenten Massimo D’Alema; so wie Protegés des für Mafia-Verbrechen verurteilten, ehemaligen Senators von Forza Italia Marcello Dell’Utri.

Eine reine Weste soll auch der wichtigste Manager der TAP AG, Zaur Gahramanov, nicht haben. Der in Aserbaidschan geborene Bevollmächtigte spielt in allen wichtigen Unternehmen der Maxi-Pipeline eine entscheidende Rolle - und auch er soll sehr viel schmutziges Geld versteckt haben.


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Links in diesem Artikel:
[1] http://espresso.repubblica.it/inchieste/2017/03/31/news/tap-mafia-e-soldi-sporchi-dietro-il-gasdotto-1.298585