Die Mafia als PR-Gag?

Viel Getöse um polizeiliche Ermittlungen: Die NRW-Landesregierung muss sich fragen lassen, ob sie zu großen Wert auf Selbstdarstellung legt

Eines ist sicher: Nordrhein-Westfalen (NRW) bleibt weiter bevorzugter Aktionsraum der italienischen Mafia und steht auch auf Rang eins bei der Bekämpfung der Clan-Kriminalität (Die Heimat ist der Clan). Erst vor wenigen Wochen hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) eine der größten Razzien der Landesgeschichte angeordnet. Im Fokus: Das Ruhrgebiet.

Nun, alle Naslang gibt es neue Hiobsbotschaften aus der kriminellen Szene - behördlich autorisiert. Die NRW-Regierung tut augenscheinlich viel bei der Bekämpfung von Mafia & Co. Und sie ist flott dabei, das alle wissen zu lassen.

Zu viel Selbstdarstellung?

Zu flott, meinen einige. Vom Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK) kommt gerade Kritik an der Landesregierung. Deren "Selbstdarstellung" im Zusammenhang mit den polizeilichen Ermittlungen hält Sebastian Fiedler, Vorsitzender des BDK, für problematisch, wie der Kölner Stadt-Anzeiger (KStA, Land und Region, 8.2.2019) zu berichten weiß. Fiedler wird da so zitiert: Berichte über verdeckte Ermittlungen dienten oft dazu, "Minister in Szene zu setzen". Das komme nicht sonderlich gut an. Und diene auch nicht der Sache.

Die Anzahl der Ermittlungsverfahren allein sage auch wenig über die tatsächlichen Erfolge der Fahnder aus.

Futter für die Presse: Marihuana im Keller, Schusswaffen in der Shisha-Bar

Publikumswirksam fördern die polizeilichen Ermittlungen unterdes weitere Einzelheiten zutage. Neben Essen zählt Duisburg bekanntermaßen zu den Hochburgen der Clan-Kriminalität. Die Behörden zählen aktuell 70 Großfamilien, die hier vor allem mit Drogenhandel viel Geld verdienen. Shisha-Bars dienen als Treffpunkte und sind beliebte Umschlagplätze für Drogen und geschmuggelten Tabak.

Der Duisburger Norden gilt als ganz besonderer Fall. Zwei Sonderstaatsanwälte haben allein dort innerhalb von acht Monaten 258 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es gab 19 Festnahmen, 655.000 Euro wurden sichergestellt. In einem Keller in Duisburg-Hamborn stieß die Polizei auf eine Marihuana-Plantage und stellte an die 1.300 Pflanzen sicher. Bei der Aktion fanden Beamte unter anderem scharfe Schusswaffen und weitere Hinweise auf Diebstahl und Betrugsdelikte, darunter Sozialbetrug: Man fährt Porsche, kassiert aber Stütze.

Fleißige Mafia und ein neues Polizeigesetz für die Ballungszentren

Dem Innenausschuss des Landtags liegt derweil ein Bericht vor, der zu Aktivitäten der Mafia in NRW Stellung nimmt. Demnach gehören den vier wichtigsten Verbrecherorganisationen aus Italien derzeit 122 Mitglieder in NRW an. Mit 71 Mafiosi ist die kalabrische 'Ndrangheta am stärksten in den Gebieten an Rhein und Ruhr vertreten. Platz zwei hält die Cosa Nostra mit 36 Mitgliedern. Bundesweit geben die Behörden die Zahl der Akteure mit 530 an, jedoch dürfte das nur die offizielle Version sein; etliche Mafia-Kriminelle sind in diesen Angaben wahrscheinlich gar nicht erfasst.

Im Hintergrund läuft derweil eine grundsätzliche Gesetzesnovellierung. Der Ballungsraum an Rhein und Ruhr als Schnittpunkt zahlreicher Autobahnen, Wasserwege, Eisenbahnverbindungen und Flugrouten ist eng verbunden mit den wichtigen Wirtschaftsräumen in Europa (Beneluxländer, Südostengland, Nordfrankreich). Bei der gerade anstehenden Überarbeitung des Polizeigesetzes NRW will man daher den Erscheinungsformen grenzüberschreitender Kriminalität besondere Beachtung schenken. Aber auch die Alltagskriminalität in den Ballungszentren soll verstärkt unter die Lupe genommen werden.

Kriminalstatistik 2018 - Falsche Polizisten kassieren Rentner ab

Am Mittwoch wurden in Düsseldorf und Köln die Kriminalitätszahlen für 2018 vorgestellt. Die Zahl der Straftaten in NRW ist 2018 demnach insgesamt gesunken. Die Polizeiliche Kriminalstatistik für die Stadtregion Köln und Leverkusen weist auf ein Problem hin, das indes deutlich anwächst: Trickbetrügereien vor allem an älteren Menschen (Zunahme um 34,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr).

In den vergangenen Wochen sei die Stadtregion regelrecht mit Anrufen falscher Polizisten überschwemmt worden. Hunderte älterer Mitbürger fielen 2018 auf die Finte herein, für die Täter äußerst lukrativ: In Köln wurden dabei 1,5 Millionen Euro Beute gemacht, in Leverkusen 200.000 Euro. Die Täter operierten von türkischen Call-Centern aus.

Haupt-Strippenzieher vermutet die Kölner Polizei in Mitgliedern einer Untergruppe der Kölner Hells Angels. Deren ehemaliger Rockerboss Erkan A., nach dem seit Jahren wegen Mordes gefahndet wird, soll in die Türkei geflüchtet sein und von dort aus den Trickbetrug per Telefon betreiben. Kuriere holen das Geld bei den Opfern ab. Zwischen deutschen und türkischen Ermittlern gebe es neuerdings ein Abkommen, um gemeinsam gegen die Täter vorzugehen. (Arno Kleinebeckel)