Die Malthus-Zombies

Wieso die Angst vor der Überbevölkerung der Welt gerade in Krisenzeiten um sich greift. Krise des Kapitalismus - Teil 9

Sie vermehren sich inzwischen schamlos wie die Karnickel! Die zumindest in Internetforen gleich rudelweise anzutreffenden Verfechter einer Überbevölkerungsthese glauben, ganz genau zu wissen, woran die Menschheit zugrunde geht: an sich selber. Die Überbevölkerung der Welt mit Menschen stelle das "größte Problem der Menschheit" dar, so lautet die an Schlichtheit kaum zu überbietende Kernthese der Überbevölkerungstheoretiker. Auf diese angebliche "Bevölkerungsexplosion" werden dann alle sich derzeit abzeichnenden Krisentendenzen und Verwerfungen zurückgeführt. Armut, Hunger, Ressourcenknappheit und Energiemangel greifen demzufolge nur deswegen um sich, weil es zu viele Menschen auf unserem Planeten gibt.

Teil 8: Kultur der Panik. Die Krise bringt inzwischen ihre eigene Ästhetik hervor und bemächtigt sich der kapitalistischen Kulturproduktion.

Auf dem ersten Blick scheint diese These durchaus schlüssig, da ja tatsächlich die Bevölkerungsanzahl nicht ins Unendliche anwachsen kann, ohne dass irgendwann die Ressourcen unseres Planeten erschöpft wären. Auf zehn bis 15 Milliarden Menschen soll die Gesamtbevölkerung der Welt laut offizieller Prognosen der Vereinten Nationen bis 2100 ansteigen, was vor allem auf das starke Wachstum in der "Dritten Welt" zurückgeführt wird, so die Welt: "Dieses Wachstum wird hauptsächlich von den hohen Geburtenraten in Entwicklungsländern im südlichen Afrika und in Südasien getrieben. Allein in Afrika wird sich die Bevölkerung von heute 1,02 Milliarden auf voraussichtlich knapp 3,6 Milliarden Menschen im Jahr 2100 mehr als verdreifachen."

Dieses Bevölkerungswachstum werde laut der Tageszeitung Die Welt zu einem enormen Problem, da mit der Zahl der Menschen auch "der Konsum, der Energieverbrauch, die Zahl von Autos und die benötigten Flächen für die Landwirtschaft" anwachsen würden. Mehr Menschen gleich mehr Ressourcenverbrauch, so die dieser Argumentation zugrunde liegende Logik, die selbstverständlich Konsum mit Verbrauch gleichsetzt und den Ressourcenverbrauch hierzulande einfach extrapoliert. Die rechtspopulistische Zeitung aus dem Hause Springer teilte ihrer Leserschaft auch praktischerweise mit, wer auf diesen bestechend einfachen Erklärungsansatz für die Gebrechen des Kapitalismus gekommen ist:

Dass das starke Wachstum zu einem riesigen Problem werden wird, ist spätestens seit der Schrift "An Essay on the Principle of Population" des britischen Ökonomen Thomas Malthus aus dem Jahr 1798 bekannt. Auch als Folge einer nicht zu unterdrückenden Passion zwischen den Geschlechtern werde die Zahl der Menschen so weit zunehmen, dass Armut und Elend das unausweichliche Resultat sein würden.

Malthus war tatsächlich schon Ende des 18. Jahrhunderts der Ansicht, dass die Erde überbevölkert sei. Diese These erarbeitete Malthus unter dem Eindruck der enormen Verelendungsschübe in Großbritannien, die aufgrund der gewaltförmigen Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise die damalige Gesellschaft erschütterten. Trotz dieser historisch wohl einmaligen Fehleinschätzung des anglikanischen Pfarrers übt sein Denken - vor allem in Krisenzeiten - immer noch eine enorme Anziehungskraft aus. Mag die Welt im 18. Jahrhundert nicht überbevölkert gewesen sein, so kann dies sehr wohl im 21. Jahrhundert der Fall sein. Die Bevölkerungsexplosion in der "Dritten Welt" wäre somit für die Zunahme von Verelendung und Armut, für Nahrungs-, Ressourcen- oder Energiekrise verantwortlich. Trotz seiner blamablen Diagnose im 18. Jahrhundert würde Malthus somit im 21. Jahrhundert, einem ideologischen Zombie gleich, post mortem dennoch triumphieren.

Ein Blick auf die regionale Verteilung des Bevölkerungswachstums scheint diese These zu untermauern, da ja tatsächlich die höchsten Wachstumsraten in den Elendsregionen dieser Welt, in Afrika, dem Mittleren Osten, Lateinamerika und Indien zu finden sind. Die entwickelten Industrieländer und China weisen hingegen eine stagnierende oder rückläufige Bevölkerungsentwicklung auf. Dennoch kann von einer "Bevölkerungsexplosion" keine Rede sein, da sich die Wachstumsrate bereits seit etlichen Jahrzehnten immer weiter verlangsamt und inzwischen auch die Bevölkerungszunahme in absoluten Zahlen rückläufig ist. In den 1950ern kamen auf eine Frau durchschnittlich fünf Kinder, jetzt sind es nur 2,5 Kinder. Selbst der Club of Rome - der in seinem berühmten Bericht die "Grenzen des Wachstums" diese Überbevölkerungsdebatte in der Krisenperiode der 1970er Jahre reanimierte - geht in seiner jüngsten Prognose deswegen davon aus, dass im Gefolge der globalen Urbanisierungsprozesse die Weltbevölkerung bereits 2042 ihren Höchststand von 8,1 Milliarden Menschen erreichen wird und danach ein Schrumpfungsprozess einsetzen dürfte.

Entscheidend für die gegenwärtige Argumentation der Malthus-Zombies ist aber, in welchem Ausmaß das gegenwärtige Bevölkerungswachstum in der "Dritten Welt" zur tatsächlich gegebenen Ressourcenkrise beiträgt. Beim Energieverbrauch kann dies eindeutig verneint werden. In Afrika - dessen Bevölkerung rasant ansteigt - stieg der Energiebedarf zwischen 1990 und 2008 um 70 Prozent, während China, dessen Bevölkerung stagniert, eine Zunahme des Energiebedarfs um 146 Prozent verzeichnete. Die Volksrepublik, die trotz stagnierender Bevölkerung zum größten Energiekonsumenten der Welt aufstieg, verbraucht inzwischen drei Mal so viel Energie wie der gesamte afrikanische Kontinent! Einen ähnlich hohen Energiebedarf weisen Europa und die USA auf. Afrika dürfte somit gerade mal ein Zehntel der Energie verbrauchen, die USA, Europa und China jährlich verheizen.

Geradezu pervers wird es, den Konsum von Nahrungsmitteln in der "Dritten Welt" mit der sich abzeichnenden Nahrungskrise in Zusammenhang zu bringen. Der Kalorienkonsum im subsaharischen Afrika hat zwischen 1964 und 1999 nur leicht von 2058 auf 2195 Kalorien zugelegt. In den Industrieländern kletterte er im gleichen Zeitraum von 2947 Kalorien auf 3380 Kalorien. Bei vielen Ressourcen liegt der Verbrauch in den Industrieländern um bis zehnmal höher als in den "Entwicklungsländern", konstatierte eine unter anderem vom Umweltbundesamt kofinanzierte Studie zum globalen Ressourcenverbrauch. Die Einwohner Nordamerikas konsumieren demnach 90 Kilogramm Ressourcen pro Tag, in Europa seien es 45 Kilogramm - und in Afrika 10 Kilo.

Interessanterweise liegt die tägliche Ressourcenentnahme in Afrika bei rund 15 Kilo pro Einwohner. Was passiert mit diesem Förderüberschuss? Mit circa drei Tonnen pro Einwohner und Jahr stellt Europa den "Kontinent mit den größten Netto-Importen an Ressourcen" dar, der von einem "bedeutenden Transfer von Ressourcen aus armen Ländern mit geringem Konsum in Reiche Länder mit hohem Konsum" profitiere, so die Studienmacher. Malthus steht plötzlich Kopf: Anstatt sie selber zu verfeuern, führen die Regionen mit dem höchsten Bevölkerungswachstum (arme Länder) rund ein Drittel ihrer geförderten Ressourcen in die Regionen aus, in denen kein Bevölkerungswachstum vonstattengeht (reiche Länder).

Offensichtlich tragen somit nicht die unterentwickelten Länder mit dem höchsten Bevölkerungswachstum zur Ressourcenkrise bei, sondern die entwickelten Industrieländer, die ein Vielfaches an Ressourcen - die zum guten Teil aus der "Dritten Welt" importiert werden - verballern. Die drohende Hungerkrise in den Entwicklungsländern ließe sich schnell lindern, wenn etwa nicht Nahrung zur Herstellung von "Biokraftstoffen" missbraucht würde. Rund die Hälfte des weltweit produzierten Getreides wird zur Produktion von Kraft- und Futterstoffen verschwendet. Zudem weisen gerade die Länder besonders hohe Steigerungen des Energieverbrauchs auf, die eine kapitalistische "Modernisierung" durchlaufen, wie etwa China. Offensichtlich ist der steigende Ressourcenverbrauch nicht an das Bevölkerungswachstum, sondern an das Wirtschaftswachstum gekoppelt - das wiederum nur den volkswirtschaftlich wahrnehmbaren Ausdruck der Akkumulationstätigkeit von Kapital darstellt. Es ist somit nicht das Bevölkerungswachstum, sondern das Wachstum des Kapitals vermittels dessen Selbstverwertung (Die äußere Schranke des Kapitals), was zur sich abzeichnenden Ressourcenkrise hauptsächlich beiträgt. Kapital kann sich nur durch den permanent steigenden Einsatz von Ressourcen auf immer höherer Stufenleiter reproduzieren.

Angesichts der offensichtlichen Unsinnigkeit und Absurdität der Thesen der Überbevölkerungsideologen stellt sich hingegen die Frage, wieso dieses archaische Denken des 18. Jahrhunderts ausgerechnet jetzt in der gegenwärtigen Krisenperiode um sich greift. Malthus formulierte seine Thesen in einer Phase ungeheurer Massenverarmung, die mit der Durchsetzung des Kapitalismus in England einherging. Die Arbeitslosen und massenhaft von ihrem Grund und Boden vertriebenen Menschen, die der Kommerzialisierung der Landwirtschaft weichen mussten, wurden als "überflüssiges Menschenmaterial" in die Städte gespült, wo sie die Reservearmee der industrialisieren Revolution bildeten, oder sie irrten auf dem Land umher, wo sie permanenter Repression ausgesetzt waren. Dieser langfristige Prozess der "Einhegungen", der mit massiven Vertreibungen einhergehenden Etablierung von Privatbesitz an Grund und Boden fand gerade zur Lebzeiten von Malthus seinen historischen Höhepunkt. Malthus ideologisierte die desaströsen sozialen Folgen der "Kommerzialisierung" der Landwirtschaft zu einem "natürlichen" Prozess der Überbevölkerung. Die Opfer dieser "Einhegungen" wurden so durch Malthus zu den Tätern gemacht - und das verbrechen, das sie begangen haben, bestand einzig in ihrer Existenz.

"Schafe fressen Menschen", so fasste Thomas Morus diesen historischen Prozesses der Etablierung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse bereits an seinem Beginn zusammen. Die Folgen dieser brutalen Enteignung und Zerschlagung der Allmende, die Malthus stupide als eine natürliche Tendenz der Unterschichten zur unkontrollierten Vermehrung deutete, empörten Morus noch aufs Äußerste:

So umgibt ein einziger unersättlicher Prasser, ein scheußlicher Fluch für sein Vaterland, einige tausend zusammenhängende Äcker mit einem einzigen Zaun, die Bodenbebauer werden hinausgeworfen, entweder gewaltsam unterdrückt oder mit List umgarnt, oder, durch allerlei Unbilden abgehetzt, zum Verkauf getrieben. So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer, Weiber, Kinder, Ehemänner und Gattinnen, Waisen, Witwen, Mütter mit kleinen Kindern, mit einer zahlreichen dürftigen Familie, da der Ackerbau vieler Hände bedarf — sie wandern aus, sage ich, aus ihren altgewohnten Heimstätten, und finden kein schützendes Obdach; ihren ganzen Hausrat, für den ohnehin nicht viel zu erzielen ist, müssen sie, da sie ausgetrieben werden, für ein Spottgeld hergeben, und wenn sie dann diesen Erlös binnen Kurzem bei ihrem Herumschweifen aufgebraucht haben, was bleibt ihnen schließlich übrig, als zu stehlen und danach von Rechtswegen gehängt zu werden, oder als Bettler sich herumzutreiben? Dann werden sie als Landstreicher in's Gefängnis geworfen wegen müssigen Herumtreibens, während sie doch niemand in Arbeit nehmen will, obwohl sie sich höchst begierig anbieten. Denn wo nicht gesät wird, da ist es mit dem Ackerbau nichts, den sie doch allein erlernt haben. Ein einziger Schaf- oder Rinderhirt nämlich genügt, das Land von den Schafen abweiden zu lassen, das mit Sämereien zu bestellen viele Hände erforderte.

Die "Bodenbauer" sind im Rahmen der sich damals etablierenden Kapitallogik tatsächlich "überflüssig" geworden, da ein einziger "Schaf- oder Rinderhirt" genügte, wo zuvor "viele Hände" erforderlich waren. Der Pauperismus der frühen Neuzeit, den Malthus als einen augenscheinlichen "Beweis" für seine Überbevölkerungsideologie anführte, war somit eine Folge der Durchsetzung des Kapitalismus, der in seiner Genese eine riesige Masse an ökonomisch "Überflüssigen" und ausgestoßenen Menschen schuf, die erst im Zuge des 19. Jahrhunderts in die kapitalistische Industrieproduktion größtenteils aufgesogen wurden. Malthus lieferte mit seiner Ideologie aber die Rechtfertigung für die drakonischen und terroristischen "Arbeitsgesetze" der damaligen Zeit, wie auch für die massenmörderische Politik der Briten im von Hungersnöten geplagten Indien der viktorianischen Ära.

Eine ähnliche weltgeschichtliche Situation entfaltet sich auch gegenwärtig, da derzeit krisenbedingt immer mehr Menschen aus der Lohnarbeit herausgeschleudert werden. Diese Krise wird noch potenziert durch die Ressourcenkrise, die - wie dargelegt - aus dem unersättlichen Ressourcenhunger der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie resultiert. Die Arbeitslosenquoten in Südeuropa nähern sich inzwischen dem Niveau in der "Dritten Welt" an, doch es findet zugleich gerade kein massiver Verfall der Rohstoffpreise statt, der für Rezessionen eigentlich charakteristisch ist. Während die globalen "Wohlstandsinseln" immer weiter abschmelzen und Verelendung, Marginalisierung, Obdachlosigkeit und Massenarbeitslosigkeit um sich greifen, gewinnt der Reflex an Intensität, diesen Pauperismus zu einem "natürlichen" Phänomen zu ideologisieren. Dieser Reflex ist die Ausgeburt eines Denkens, das nicht fähig ist, die eigene, als "natürlich" imaginierte Gesellschaft kritisch zu hinterfragen.

Die innerhalb der kapitalistischen Akkumulationsbewegung überflüssige Bevölkerung soll abermals zur Ursache der Krise erklärt, die bloße Existenz dieser Ausgestoßenen des Kapitalismus zum eigentlichen Problem halluziniert werden. Die unlösbaren und sich in der Krise zuspitzenden Widersprüche des Kapitalismus erhalten so den Anschein natürlicher Phänomene der "Überbevölkerung". Letztlich dient auch die gegenwärtige Reanimierung der malthusianischen Ideologie dazu, deren Träger gegen das um sich greifende Elend zu immunisieren, und sie die kommenden Verwerfungen im globalen Süden zu legitimieren.

letzten Teil: Am Scheideweg - Wir befinden uns in einer weltgeschichtlichen Transformationsphase, deren Verlauf und Ausgang durch unser Handeln bestimmt werden wird.

(Tomasz Konicz)

Anzeige