Die Masse denkt wild

Verschwörungstheorien als Symptom eines theoretischen Vakuums der Kritik?

Interessant an Verschwörungstheorien ist, dass sie Theorien des Volkes, der Masse sind. Jenseits des akademischen Diskurses wuchern sie wild vor sich hin, ohne sich um Kriterien der Wissenschaftlichkeit, um fleißige Aufarbeitung des "Kanon" und Forschungsstandes zu scheren, ohne sich an grundsätzliche Regeln des logischen Organon zu halten, an denen sich Akademiker mehrere Abzeichen verdient haben, die sie gerne stolz blitzend umherzeigen.

Verschwörungstheorien finden statt in jenem rohen, unkultivierten Gebiet außerhalb des akademischen Kosmos, vor dem sich Wissenschaftler nicht unängstlich zurückgezogen haben. Dort, so fürchten sie, dort drüben in der unerschlossenen Fremde, herrscht das Chaos der unerhörtesten Spekulation, dort braut sich der theoretische Urmensch gefährliche Anschauungen zusammen, denen die Stringenz und kühle Schönheit des klaren Verstandesdenkens gänzlich abgeht; Vorstellungen, die nicht die hohe Schule der kritischen Kritik durchlaufen haben; primitive geistige Praxis, der völlig entgangen zu sein scheint, dass einfache Erklärungen in der Gegenwart ohnehin nicht mehr möglich sind, dass die Wirklichkeit "zu komplex", zu "unübersichtlich" geworden ist, die Hybridisierung der alten Dichotomien zu weit fortgeschritten, ein Jenseits der Immanenz der Netze theoretisch unhaltbar.

Und Recht haben die Akademiker damit, dass das Unakademische nicht akademisch ist! Bloß übersehen sie, dass das Akademische nicht mehr theoretisch ist. Oder vielmehr, dass sich die Art und Weise, wie Theorie gemacht wird, schleichend, aber fundamental gewandelt hat: Dass Theorie als Theorie der Dichotomien bedurfte; dass sie im Kern immer Meta-Theorie war, die das Jenseits der Akademie immer wieder neu aufsuchte und besiedelte, die "wilden" Terrains des Außen kolonisierte. Auf diese Weise war auch Kritik noch möglich gewesen. Kritik, die dadurch, dass sie sich auch gegen die eigene Tradition richtete, wesentlich Selbst-Kritik war, gleichzeitig akademisch und anti-akademisch sein konnte, vermittelnd und zurückweisend.

Inzwischen haben die Intellektuellen das wilde Terrain den "Wilden" überlassen. Hier wüten sie nun also, die Barbaren der Dialektik der Aufklärung. Die Massen, lange zufrieden damit, bloß die Phantasieprodukte zu konsumieren, die ihnen vorgesetzt wurden, fangen auf einmal an, diese selbst zu produzieren. Wie stellen sie es an, wenn sie die Regeln nicht kennen? Wie verfahren sie?

Nun, sie "basteln", wie Claude Lévi-Strauss es in La pensée sauvage so schön beschreibt. Sie nehmen dasjenige Material, welches ihnen zur Verfügung steht und arrangieren es neu. Sie konstruieren sich ihr großes Narrativ - von dem die Akademie nichts mehr wissen will - aus Versatzstücken der Moderne, aus dem, was die klassische Theorie hat fallen lassen, wo sie seiner nicht Herr werden konnte, wo sie selbst sich ihre theoretische Impotenz nicht hat eingestehen wollen und so lieber ignorierte, was sie nicht ganz verstand. Aus diesen wieder fallengelassenen Brocken, aus diesen wieder herausgespienen, halbverdauten Klumpen der klassischen Theorie bastelt sich nun die Masse ihr Eigenes. Sie nimmt die Knochen, die ihr hingeworfen wurden.

Die Masse bastelt zwar, sie stümpert nur aus Abfällen. Aber die Masse denkt! Sollte das nicht hinreichen, Sensation zu machen, wo seit Jahrhunderten die vorgebliche stumpfsinnige Trägheit der Masse allerhand selbsternannten aufklärerischen Volksführern Verzweiflung bereitete? (Aber eben auch die Legitimation für ihre geistige Anführerschaft?) Die Masse denkt in der Tat, es ist nicht zu verleugnen. Sie spekuliert, sie phantasiert, sie fabriziert, sie denkt wild. Und sie hinterfragt. Sie kritisiert zu einem Zeitpunkt, wo Kritik eigentlich nicht mehr möglich sein sollte. Sie beschämt diejenigen, die für die Kritik jahrhundertelang zuständig waren; die es gewohnt waren, dass die Massen ihnen nachlaufen werden. Und sie beschämt sie zu Recht.

Doch die Masse denkt gefährlich, auch dies ist nicht abzutun. Sie denkt spontan, naiv und unvermittelt. Dieses, eigentlich eine Stärke, wird zur Schwäche und zur Gefahr, wo ihr Ausgangspunkt zweite Natur ist, wo ihre Welt stets die Welt ihrer Herren gewesen ist; wo wirkliche Bildung ihr stets verwehrt geblieben ist. Schon wieder tappt sie in die reaktionäre Falle, die der faschistische Zwilling des janusköpfigen bürgerlichen Liberalismus ihr gestellt hat.

Wo die Masse droht auszubrechen, wirklich wild zu werden, kann man darauf zählen, dass sie von rechts abgefangen wird. Die Rattenfänger stehen bereit und halten Sündenböcke parat, irdische Verkörperungen und Personifikationen von abstrakten Prinzipien, die die Masse zwar in sich selbst fühlt, aber von sich weisen möchte, ihre eigenen Teufel, die sie austreiben möchte. Statt sich selbst hiervon auszubrennen und zu verletzen, will sie jedoch lieber opfern, den Weltjuden hängen sehen, den Orientalen. Oder die schreckliche "große Mutter", die ihre Kinder frisst ("Merkel muss weg!").

Zwar ist diese Tendenz keinesfalls absolut. Im Gebiet der Verschwörungstheorien ist viel luftleerer Raum, viel Äther, viel abstrakter Friedens- und Freiheitswille, der sich leider oft selbst verkitscht, auch viel genuine Verzweiflung und Angst, Wut, Machtlosigkeit; dagegen wieder viel abstrakte, spiritualistische, diffuse Hoffnung und Versöhnungsglauben. Doch läuft dieser ätherische Raum an seinen Rändern aus, kann sich nicht hinreichend mit einer adäquaten Materie vermitteln. Woran soll sich körperloser Harmoniewille festhalten? So wird er "rechtsoffen". Von Rechts wird Konkretes geboten.

Die Tragik dabei ist, dass keine linke Linie existiert, die die Grenze zum rechten Rand zöge. Schleichend hat das liberale Bürgertum die Linke aufgesogen und sie vollends entmächtigt, indem es ihr von ihrer Macht abgab. Die Linke selbst ist zerstoben, immateriell geworden, aufgedunsen, aufgegangen, hat Ethos durch Äther ersetzt, verfällt an sich selbst, sinkt in sich zusammen, je mehr sie sich ausdehnt.

Die Intellektuellen vermassen und das Volk denkt

Die Linke, dem Zauber und der Verzweiflung der Postmoderne anheimgefallen, hat sich längst selbst dekonstruiert. Sie hat keine theoretische Heimat mehr - eine solche, die immer diejenige des großen Narrativs war, der Geschichte, die von der großen Trennung erzählte, vom Dualismus von Reich und Arm, Herrschaft und Beherrschten, Subjekt und Objekt. Sie resigniert vor der Postmoderne und kuscht jüngst vor dem, was sich "Nicht-Moderne" nennt, vor einem neuen Materialismus à la Bruno Latour, der den Niedergang erster Natur und aller Beharrlichkeit der Substanz jenseits von Herrschaft schlicht für "old news" erklärt und lieber dem zur neuen Materie aufgedunsenen Geist in der Errichtung seiner schönen neuen Welt folgen will (dass Latour dennoch eine hellsichtige Analyse der Moderne liefert, von der dieser Essay inspiriert ist, soll jedoch nicht verleugnet werden).

Die Linke glaubt selbst daran, dass in einer "komplexen" Welt die alte Erzählung nicht neu erzählt werden kann, dass diese sich in viele Geschichten aufspalten muss, um der Aufspaltung der Welt gerecht zu werden. Sie hat es bisher nicht gewagt, wieder verstehen zu wollen, wie die große Spaltung mit den vielen neuen Spaltungen zusammenhängt, wie beide koexistieren, wie die kleinen Spaltungen nur Fortsatz der großen sind, wie diese Vermittlung zustandekommt.

Latour hat sehr Recht, wir sind nicht mehr modern. Oder: Wir sind es erst jetzt geworden, haben die Prozessualität der Moderne, die den Dualismus noch denken konnte, hinter uns gelassen. Die Moderne droht, das Versprechen ihrer Totalität endlich doch wahr zu machen, allen Widerstand denkunmöglich werden zu lassen. Sie droht sich, jetzt erst, wirklich zu setzen, festzusetzen, zu positivieren.

Notwendig ist, dass die akademische Linke sich endlich besinnt und wieder groß denkt. Dass sie in die Außenbereiche sich vorwagt; eine Meta-Position endlich wieder einnimmt - gerade jetzt, wo es möglich geworden ist, die Moderne als ganze zu reflektieren. Und gerade jetzt, wo sie zumindest materiell dabei ist, mit der Masse der Menschen zu verschmelzen.

Die Rede ist vom akademischen Prekariat - doch längst entsteht das akademische Proletariat. Es sind längst nicht mehr nur die Wohlsituierten, die zu Bildung kommen, längst nicht mehr die Ungebildeten, die den finanziellen und existentiellen Abgrund kennen und mit ihm leben. Die Akademiker kennen selbst die große Spaltung als existentielle Spaltung, warum reflektieren sie diese nicht? Warum reicht ihr Kleinmut nur zur Pseudo-Reflexion? Verkehrte Welt!, möchte man ausrufen, die Intellektuellen vermassen und das Volk denkt! Warum nicht aus dieser "Hybridisierung" etwas theoretisch schaffen?

Die Intellektuellen müssen sich nicht länger zum Volk philantropisch-gönnerhaft herabbeugen, sie müssen nur ihre eigene Geschichte erzählen; nicht länger so tun, als hätten sie Teil am herrschenden Geist, wo sie um diesen, in der Realität, doch bloß schleimend umherschwänzeln, indem sie die adipösen Füße ordentlicher Lehrstühle küssen; bloß sich geistig anbiedern an einen Geist, der sie zwar noch treten und beherrschen kann, in seiner Theoriebildung aber bloß anämisch dahinsiecht.

Wild denken

Keine akademischen Führer müssen mehr die Massen erlösen. Es reicht hin, wenn endlich die Akademiker sprechen, die längst selbst in der Masse untergehen. Wenn sie sich endlich trauen wieder zu denken, wild zu denken; ihrer materiellen Verwilderung endlich theoretisch entsprechen.

Die hundertste Marx-Exegese reicht nicht hin. Die Intellektuellen müssen vom Glauben abfallen. Sie müssen ihren eigenen Verfall reflektieren; sie müssen verstehen, was sich im epistemisch im 21. Jahrhundert auch für sie verschoben hat. Sie müssen sich fragen, warum die Masse denkt, während sie Wissen verwalten und sich selbst zu formalistischen Apparaten abrichten. Sie müssen sich ihre materielle Impotenz eingestehen, die sich längst theoretisch niedergeschlagen hat - es aber nicht muss.

Die Intellektuellen müssen sich endlich wieder desjenigen Begriffs von "Begriff" besinnen, der das Ganze einbegreift. Sie stehen ja nicht länger materiell auf der Seite der totalitär Begreifenden! Längst sind sie es, die genauso umgriffen werden. Nicht länger ist der Begriff bedrohlich; die Begreifenden denken nicht mehr, die Masse denkt!

Wenn sich die Intellektuellen eingestehen, dass auch sie inzwischen zur Masse gehören, so können sie weiterdenken; können jene Linie von links begrifflich ziehen, ohne sich vor ihrer eigenen bedrohlichen Macht und Privilegiertheit zu fürchten. Sie haben keine Macht mehr, sie sind nicht länger privilegiert! Wo der Apparat das Denken übernimmt, wird nicht mehr gedacht. Denken ist nicht länger Macht. Es könnte es wieder werden. (Magdalena Frey)