Die Medien und die Berichterstattung über den Irak-Krieg

Nach einer Umfrage unter vorwiegend amerikanischen Journalisten gab es Selbstzensur der Medien, vor allem was grausame Bilder betrifft

Schon im Vorfeld des von der Bush-Regierung lange intendierten und schließlich nach dem 11.9. geplanten Irak-Krieg zum Sturz des Hussein-Regimes wurde der zu erwartende schnelle militärische Sieg als Medienspektakel inszeniert (Der schöne und heroische Krieg). Mit dem Konzept der "eingebetteten Reporter" wurden die Journalisten instrumentalisiert, besonders die willfährigen Sender erhielten die besten Plätze, um direkt von der Front zu berichten und ihre Zuschauer dabei auf dem ersten Platz sitzen zu lassen, wenn die Hightech-Armee der Supermacht die feindlichen Truppen niederschlägt und von den Befreiten jubelnd begrüßt wird. Für die Gunst, ganz vorne beim Militainment mitmischen zu können, haben zumindest die US-Journalisten und -Medien ihre Berichte über die Invasion häufig bereinigt, wie eine von der School of Communications an der American University durchgeführte Umfrage zeigt.

Wir weit der Bericht tatsächlich eine verallgemeinerbare Aussage zulässt, ist schwer zu beurteilen. Angeschrieben wurden via Email Journalisten, die über den Irak berichtet hatten. Insgesamt haben 210 Journalisten, darunter auch Fotografen, Manager oder Produzenten, an der Online-Umfrage anonym teilgenommen. 35 Prozent (73) hatten angegeben, während des Kriegs oder kurz danach im Irak oder in Nachbarländern gewesen zu sein. Die Hälfte davon seien "embedded" gewesen. 85 Prozent derjenigen, die den Online-Fragebogen ausgefüllt haben, waren amerikanische Journalisten. 59 % arbeiteten primär für Printmedien, 26% für das Fernsehen und 12% für das Internet.

Our rules are against anything which might offend our audience, i.e. we are in the realm of taste and decency, which is difficult to quantify. ... on the one hand, I don't want, say, my kids to turn on the TV after tea and see some of the things I have seen in the field. But on the other hand, the effect of this is to sanitize the coverage, and glamorize the conflict.

Kommentar eines Journalisten

Gefragt wurde nach der Berichterstattung zwischen März 2003 und September 2004. Dabei ging es vor allem um Entscheidungen bei Berichten über wichtige Ereignisse, beispielsweise die Veröffentlichung der Fotos über die Misshandlungen von Gefangenen im Abu-Ghraib-Gefängnis, die Bilder über die vier in Falludscha getöteten Söldner oder die von Geiseln in der Hand von irakischen Aufständischen.

As with any death, we tried to make sure the pictures were as 'tasteful' as possible -- not much blood or gore. We ran a front page picture of the four dead contractors in Fallujah, for instance, but from a greater distance than some newspapers, so the bodies were not immediately distinct as corpses. Even so, we drew a large amount of criticism from readers.

Kommentar eines Journalisten

Nach Angaben der Befragten wurde natürlich bei solchen Vorfällen oft intensiv in den Redaktionen über die Folgen diskutiert, die eine Veröffentlichung von Bildern oder Informationen über Folter oder Morde mit sich bringen könnten. Meist hätten die verantwortlichen Redakteure weniger schlimme Bilder gewählt oder manche Informationen lieber nicht auf den Titelseiten veröffentlicht. Allerdings wurden viele der Bilder und Informationen dann doch der Öffentlichkeit nicht ganz vorenthalten, sondern im Internet publiziert. Das hat zumindest ein Drittel der Befragten gesagt. Nur 7% gaben freilich an, dass man im Internet Material veröffentlicht habe, das man für andere Medien als ungeeignet betrachtete.

There is an unspoken rule against publishing images that would be extremely horrifying such as a bloody stump on an amputee or a mangled corpse.

Kommentar eines Journalisten

Schon vor Beginn der Berichterstattung wurden in vielen Redaktionen Regeln für den Umgang mit sensiblen Bildern oder Informationen aufgestellt. Dabei ging es vor allem um eine ambivalente Rücksichtnahme auf das Publikum. Allerdings gaben nur 14% an, dass sie oder ihre Redaktionen die Veröffentlichung von Bildern toter Soldaten der USA oder anderer Koalitionstruppen begrenzt hätten, genau soviel sagten, dass sie selbst solche Veröffentlichungen eingeschränkt haben. Andererseits behaupteten 42%, dass sie davon abgehalten worden seien, Bilder von toten Amerikanern zu zeigen, bei 17% gab es ein explizites Verbot. Ähnlich war dies bei Bildern von Geiseln (36 und 3%).

15% der Journalisten, die aus dem Irak berichtet hatten, sagten, ihre Redaktionen hätten die Berichte überarbeitet, so dass sie nicht mehr genau das ursprünglich Berichtete wiedergaben. Weitere 20%, die vom Irak berichtet hatten, aber nicht im Land selbst waren, notierten dasselbe.

Das Web, so ein Ergebnis der Umfrage, diente nicht nur dazu, Material, das die Redaktionen den Lesern der Zeitungen oder den Zuschauern der Fernsehsender lieber nicht zeigen wollten, doch zu veröffentlichen, sondern eben auch die unbegenzten Veröffentlichungsmöglichkeiten des Web für Fotoreportagen, lange Interviews oder Hintergrundberichte auszuschöpfen. Die Hälfte der Befragten erklärten so, dass sie im Internet Material veröffentlichen konnten, das Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer nicht zu Gesicht bekamen. Kaum verwunderlich meinten 29%, dass das Internet eine umfassendere Berichterstattung ermögliche.

Selbstverständlich müssen Medienvertreter sich überlegen, wie sie über schreckliche Ereignisse wie Kriege oder Terroranschläge berichten und vor allem auch welche Bilder sie zeigen wollen oder verantworten können zu publizieren. Zu grausame Bilder würden nicht nur Kinder verstören können, sondern auch der Kritik anheimfallen, dass auf Kosten der Opfer mit blutigen Spektakeln Leser oder Zuschauer gewonnen werden sollen oder der Krieg verherrlicht werde. Auf der anderen Seite ist die Ausblendung der grausamen Wirklichkeit, wie die Journalisten in der Umfrage auch sagen, eine Weise, die Menschen hinter das Licht zu führen und einen sauberen Krieg zu zeigen, der das Kriegführen erleichtert. Das mehr oder weniger ausgesprochene Verbot, tote amerikanische Soldaten zu zeigen, dient wohl weniger dazu, die Angehörigen zu schonen, als den Schrecken des Krieges in der Heimat zu mindern.

Die Wirklichkeit des Krieges oder des Terrors zu zeigen, ist Aufgabe der Medien, wenn sie nicht parteiisch sein wollen, aber die Angabe von allgemeinen Regeln, was wann gezeigt werden kann oder nicht, dürfte kaum möglich sein. Eine gewisse Selbstzensur oder aber eine gelegentliche Überschreitung der Tabus werden mithin nicht zu vermeiden sein. Die Verantwortung der Medien liegt eben auch in diesem Abwägen des Notwendigen und des ethisch Gebotenen. Aber eine generelle Schonung des Publikums ist wohl nicht zu rechtfertigen, wenn das Streben nach Objektivität nicht aufgegeben werden soll und man nicht eine Scheinwirklichkeit aufbauen will, die stets auch politischen Interessen gehorcht (Bilder von Kriegsopfern unerwünscht). Dass zumindest für die eingebetteten oder vor Ort anwesenden Journalisten die Gefahr groß ist, selbst möglicherweise auch gezielt zum Opfer zu werden, wie dies im Irak-Krieg geschehen ist, verschärft die Situation natürlich. (Florian Rötzer)