Die Medienstrategie der Nato

Der Nato-Generalsekretär will die Truppen in Afghanistan medial aufrüsten und ist überzeugt, mit Videos im Web Punkte im Medienkrieg machen zu können

Der frühere Verteidigungsminister Rumsfeld hatte sich immer einmal wieder beklagt, dass die islamistischen Gegner der USA den Medienkrieg gewinnen würden. Es war natürlich auch ein Argument, das erklären sollte, warum die militärische Strategie oder der Globale Krieg gegen den Terrorismus zwar viele Milliarden Dollar und zahlreiche Menschenleben kostet, aber keine großen Erfolge erzielte. Offenbar scheint man nun auch in der Nato angesichts der unerfreulichen Situation in Afghanistan dieses Arguments bedienen zu wollen. Man will nun auch aktiv in den "Medienkrieg" eintreten und der Weltöffentlichkeit im Internet Videos von den Grausamkeiten zeigen, die die Taliban begehen.

Die Strategie, vielmehr die dahinter stehende Ideologie wird gerne verwendet – nicht nur beim Militär oder in der Politik. Wenn Probleme auftreten, dann hat das nichts mit dem zu tun, wie man handelt, sondern lediglich damit, dass man dies nicht richtig "kommunizieren" kann. Könnte man richtig kommunizieren, also die eigenen – natürlich an sich von allen verstehbaren und prinzipiell gerechtfertigten – Gründe der Öffentlichkeit vermitteln, dann wären alle überzeugt, dass man Recht hat, während die Opponenten falsch liegen. So simpel gestrickt sind nicht nur wir normalen Einzelpersonen, die gerne die Schuld auf andere schieben, sondern eben auch Organisationen – zumal, wenn es nicht so gut läuft.

Die Nato will anscheinend nun nachholen, was das Pentagon bereits ohne merklichen Erfolg einige Zeit praktiziert (Der YouTube-Channel des Pentagon). Auch das deutsche Außenministerium hatte sich diesen Sommer während der Geiselnahme des deutschen Ingenieurs von den "Falschmeldungen" beeindruckt gezeigt, die die Taliban verbreiten und damit angeblich auch die deutschen Medien beeinflussen. Die Taliban wurden von Martin Jäger, Sprecher des Auswärtigen Amtes, zu "Zeremonienmeistern des Terrors" und Medienprofis aufgewertet ("Zeremonienmeister des Terrors"). In den von diesen entfesselten "Medienkrieg" wolle man nun eintreten: "Dem müssen wir mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen."

"Warum sind wir hier"?

Das will nun die Nato machen. Nachdem die Schwierigkeiten größer werden, die Nato-Partner noch länger für den Nato-Einsatz in Afghanistan engagieren oder sogar die Beteiligung vergrößern können, meint Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer offenbar, dass die Nato mit ein paar Videos die Bilder und Vorwürfe der Gegner entkräften kann. Beim Treffen der Verteidigungsminister der Nao-Mitgliedsländer letzte Woche räumte er ein, dass die "strategische Kommunikation" verbessert werden müsse. Besonders wichtig sei dabei die Beantwortung der Frage: "Warum sind wir hier?" Hoop Scheffer, der fürchten muss, dass das Afghanistan-Engagement weiter nachlässt, sagt auch die Antwort, die aber vermutlich die Afghanen nicht unbedingt überzeugen wird:

Weil die Vereinten Nationen und der Sicherheitsrat uns gebeten haben, dort zu sein, um Afghanistan wieder aufzubauen, und, drittens, weil Afghanistan eine Front gegen den Terrorismus ist. Diese Botschaften, die Menschen vor der Brutalität zu schützen. Den afghanischen Staat aufzubauen und als Nato aktiv im Kampf gegen den Terrorismus zu sein, sind drei überzeugende Argumente, aber wir müssen unsere strategische Kommunikation in dieser Hinsicht verstärken.

Hoop Scheffer verweist dabei darauf, dass er vor kurzem einige Vorschläge zur Verbesserung der strategischen Kommunikation in Kopenhagen gemacht habe. Dort hatte er als Ergebnis der Gespräche mit der dänischen Regierung u.a. festgestellt, dass sich die "Informationswelt tiefgreifend gegenüber der Situation vor 10 Jahren" verändert habe. Das betreffe nicht nur die Technik, sondern auch "Geschwindigkeit, Zugang, Publikum und wer Nachrichten produziert". Die Nato habe sich darum zu wenig gekümmert, weswegen man nun Probleme in Afghanistan, aber nicht nur dort habe.

Wenn man wie Hoop Scheffer keinen Zweifel an der Berechtigung und unveränderten Weiterführung des einmal eingeschlagenen Weges hat, dann ist interessant, worauf das Scheitern im Medienkrieg zurückgeführt wird, der die Stimmung in Afghanistan und in manchen Nato-Ländern negativ beeinträchtigt. Weil die meisten Menschen ihre Nachrichten aus dem Fernsehen beziehen, so das Ergebnis der Analyse, wird man nicht gesehen oder gehört, wenn man keine Videos bieten kann. Zudem sei das Web nicht nur zu einer Informationsquelle, sondern auch zu einem "Informationskampfgebiet" geworden: "Weblogs, Chaträume, YouTube und Facebook haben einen riesigen Einfluss."

Schwierigkeiten bereitet auch aus der Sicht der Nato, dass die Informationserhebung sich "demokratisiert" hat:

Jeder im Einsatz befindliche Soldat hat ein Kamerahandy und eine Webseite. Bloggers decken wirksamer auf, was in Burma geschieht, als die BBC, die nicht ins Land kann. Regierungen und Medien kontrollieren die Informationen nicht mehr.

Und dann kommt da noch die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung hinzu, die sich "exponentiell" beschleunigt hat. Aus der Sicht der Nato mit ihren Hightech-Truppen medienstrategisch kaum zu bewältigen. Hoop Scheffer führt als Beispiel an, dass es in Afghanistan zu einem Kampf gekommen sei, worauf die Taliban schnell verbreiten, dass viele Zivilisten dabei ums Leben gekommen seien:

Die Nachrichtenagenturen greifen das auf, dann die Fernsehsender, dann das Web. Das geht in Minuten um die Welt. Bis wir ein Team vor Ort geschickt, die Lage untersucht und die Ergebnisse durch unser Freigabesystem gebracht haben, vergehen Tage, wenn wir Glück haben. Dann haben wir die Medienschlacht schon total verloren.

"Aber keine Propaganda, natürlich nicht!"

Um die Medienschlacht nicht zu verlieren, kündigte Hoop Scheffer einen "Aktionsplan", der vor allem vorsieht, dass die Truppen bei ihren Einsätzen – gleich den Terroristen und Aufständischen? – Filme machen und diese im Web veröffentlichen. Eine Million habe Dänemark zur Verfügung gestellt, damit die Nato-Truppen die zum Filmen notwendige Medienausrüstung erhalten. "Public Affairs", also Propaganda – aber natürlich nur die pure Wahrheit, da "unsere Glaubwürdigkeit unbezahlbar ist" -, müsse als militärische Aufgabe verstanden werden. Man müsse zeigen, was die eignen Truppen machen, mehr aber noch, was die Gegner machen. Hoop Scheffer nennt als Beispiel folgendes Video:

I have seen video of a man walking in a crowd of women and children, carrying an AK-47, and just before firing on NATO troops, pulling a burkha over his head. That video is classified because it was filmed from a military platform. We need to declassify that video, show it to the people so they know what is happening.

Auch bei einer Pressekonferenz während der letzten Nato-Konferenz greift Hoop Scheffer wieder auf dieses Video als einziges Beispiel zurück, das ihn offenbar sehr beeindruckt hat, um zu demonstrieren, "wie unsere Feind in Afghanistan aussieht, was sie machen". Dass sich auf dem Video – er betont, dass es nicht manipuliert sei, als ob man dies bereits voraussetze – ein bewaffneter Mann hinter einer Burka versteckt und dann auf Leute – Zivilisten oder Soldaten? - schießt, scheint Hoop Scheffer als besonders verabscheuungswürdig zu sehen. "Unsere Feinde", so fährt er fort, begehen bekanntlich "die schrecklichsten Menschenrechtsverletzungen". Das ist wohl wahr, aber das Beispiel dürfte nicht jeden überzeugen, schließlich kämpfen in einem asymmetrischen Konflikt schwächere und stärkere Fraktionen mit unterschiedlichen Mitteln. Die oft nur mit einfachen Waffen ausgestatteten Aufständischen werfen hingegen den Hightech-Truppen Feigheit vor, wenn sie von Flugzeugen aus und gut geschützt (vermeintliche) Gegner bombardieren - und damit eben auch oft "Kollateralschaden" verursachen. Terroranschläge in Afghanistan richten sich meist gegen militärische Ziele, aber nehmen auch keine Rücksicht auf Zivilisten.

Hoop Scheffer denkt sicherlich nicht an differenzierte Berichterstattung, sondern an Videos, die die Sache der Truppen in den Augen der Zuschauer stärken sollen. Er sagt: "Aber keine Propaganda, natürlich nicht!" Propaganda ist aber nicht nur, wenn etwas direkt manipuliert wird, sondern auch, wenn etwas nicht gezeigt wird. Wird die Nato also nicht nur die Anschläge und Angriffe der Gegner sowie deren Folgen zeigen oder die "sauberen" Aktionen der eigenen Truppen, sondern auch die Folgen der Bombardierungen, wenn es einmal die Falschen trifft?

Die Idee hinter dem medialen Aufrüstungsplan ist wohl ziemlich simpel. Würde man die Grausamkeit und Fiesheit der Gegner, hier der Taliban, dokumentieren, so wäre nach dem Glauben der Terrorbekämpfer alles in Ordnung, da ja jeder sehen würde, wer der Bessere ist Aber sie bedenken anscheinend nicht, dass der asymmetrische Konflikt auch in den "Medienkrieg" hineinreicht. Wenn zwei Parteien dasselbe machen, ist das nämlich nicht dasselbe. Die Nato ist – wie die USA im Irak – in den Augen vieler Afghanen Besatzungsmacht und vertritt explizit das "Gute": Recht und Ordnung, Freiheit und Demokratie. Die "Bösen", die natürlich auch das "Gute" hinter sich vermuten und im Auftrag der Religion handeln, haben hingegen den Vorteil, dass sie als Befreiungsbewegung auftreten, die Inkonsistenzen der Rhetorik kritisieren und sich stets darauf berufen können, als David dem Goliath unterlegen zu sein und daher auch andere Mittel verwenden zu dürfen. So können sie, wie die Aufständischen im Irak, durchaus auch "Hitparaden" von Anschlägen, mit Musik untermalt, als Video verbreiten. Ähnlich wie bei Terroranschlägen können die "Unterlegenen" mit Bildern von Gewalttaten werben, um ihre Macht zu demonstrieren, während Bilder einer ungerechtfertigten oder willkürlichen Gewalt seitens der Überlegenen stets negativ wirken. (Florian Rötzer)

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