Die Megabitbombe

Von der Verschmutzung der Informationsumwelt und den ausfransenden Rändern des Wissens

Der Titel dieses Essays, der aus dem 1964 erschienenem Buch "Summa Technologiae" übernommen wurde, hat sich im Lauf der Zeit ein wenig in seiner Bedeutung erweitert. Damals dachte ich vor allem an das exponentielle Wachstum der sich aufhäufenden Daten aus der Wissenschaft, vor allem aus den exakten Wissenschaften, also der Physik, Astrophysik, Biologie, Geologie, Anthropologie und so weiter. Schon die ebenso spontane und wohl unumkehrbare wie grundsätzlich unvorhergesehene Entstehung der Computernetze, die die Erde mit unterschiedlicher Verbindungsdichte elektronisch umflechten, gebietet, den lawinenartig anwachsenden Informationsbestand erneut zu betrachten.

Dabei handelt es sich nicht um eine in den Bibliotheken, Universitätsinstituten, militärischen Hauptquartieren oder Börsen und Banken gewissermaßen eingefrorene oder erstarrte Information, sondern eher um Information in permanenter Bewegung, die in den Dickichten der das World Wide Web bildenden Netze, also im Spinngewebe der Kommunikation umherwandert, das ihr Leistungspotential unaufhörlich erweitert. Man könnte eine Taxonomie aufbauen, indem man etwa zwischen den Mikro-, Makro- und Megavarianten oder auch -arten der Information unterscheidet. Die weiter zunehmenden riesigen Mengen der durch die Menschheit gesammelten Erkenntnis haben - sogar in Gestalt radikalster Zusammenfassungen - diegeistige Kapazität eines Individuums längst übertroffen. Die Einfachheit des Zuganges (nicht nur im Netz) zu irgendwelchen Daten hat die Situation der "Wissenshungrigen" keinesfalls verbessert. Die sich verschlechternde Situation wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst.

Die Informationsumwelt wird von einer fürchterlichen Menge an Unsinn und Lügen verschmutzt. Dieser Unsinn verdankt seine Verbreitung den terrestrischen und orbitalen Fernsehnetzen, über die er aus den immer zahlreicheren Satellitenschüsseln ausgestrahlt wird. Es scheint, als würde es in Zukunft entweder zu einer "Zerstückelung" in einzelne Bereiche der Fernsehemission kommen, was ja schon teilweise stattfindet, oder die staatliche Legislative könnte sich gezwungen sehen, eine Selektion der Dummheiten durchzuführen. Gegenwärtig sind lediglich Visualisierungen von einigen als pathologisch und unwürdig geltenden Arten der menschlichen sexuellen Aktivität (mit der Pädophilie an der Spitze) sowie die Veröffentlichung von politischen und militärischen Geheimnisse verboten. Typisch sind dagegen Gaukeleien, angefangen von außersinnlichen Phänomene wie der Telepathie oder Telekinese über das Hellsehen bis zur Astrologie mit ihrer schon oft bewiesenen Fiktionalität der attraktiven Lüge. Dann gibt es noch die Fernsehsendungen aus dem SF-Bereich, die aus den USA stammen. Nach ihnen sollte man das Weltall als einen Raum verstehen, der einfach so von intelligenten, meist jedoch albernen, außerirdischen Zivilisationen angefüllt ist. Werden diese von der Erde bei Konflikten kontaktiert, so kann das leicht zu einem "Krieg der Sterne" führen.

Man zeigt dem irdischen Publikum das Universum ganz allgemein als Hyper-Superschlägerei bei zwischenkulturellen Zusammenstößen, wobei pseudowissenschaftliche Geräte die Rolle der vormaligen unschuldigen, weil einfach als erfunden erkennbaren Requisiten spielen: die "schleppenden" (tractor beam in "Enterprise") und zerstörenden Strahlen sowie die speziell gestalteten Lügenmärchen (Superman, Batman, Spiderman u.ä. mit weiblichen "antisexistischen" Varianten). Daneben gibt es den beliebten Bereich der Kriminalermittlungen, bei denen man "mit der Leiche beginnt" und in denen es um Drogenschmuggel, Überfälle, Geiselnahmen oder die Suche nach Sprengladungen geht, die (oft) ferngesteuert explodieren sollen. Das Repertoire wird völlig von den Einschaltquoten der Zuschauer bestimmt, deren Wünsche wie in Deutschland durch Analysen kontrolliert werden.

Die Zahl der tatsächlich untersuchenswerten Rätsel und Geheimnisse wäre sowohl auf der Erde wie auch im All riesig groß, aber sie reizen weder Produzenten noch Drehbuchautoren, weil die Leute sich angeblich nur fliegende Untertassen und verbrecherische Außerirdische wünschen. Weil der Markt den Filmemachern die Vorgehensweise diktiert und auf dem Markt die Kasse Königin ist, werden der Bandbreite des Vorstellungsvermögens der Drehbuchautoren enge Grenzen gesetzt. Alle arbeiten mit dem Blick auf die Kasse und nicht auf den Verstand oder wenigstens auf die unschuldige Märchenmythologie. Das Fernsehen selbst ist zu einem unglaublichen Hai geworden, der ehrwürdige Legenden und Märchen verarbeitet und sie, durch die Vereinfachungszentrifuge geschleudert, in die Umlaufbahnen der Satelliten schickt, die uns damit aus dem Weltall bombardieren. Ich bin der Meinung, dass die schwachen Protestrufe aus dem Munde der wenigen Psychosoziologen nichts bewirken werden. Die Trends der nichtcodierten Sexualisierung hingegen, die mindestens auf Andeutungen mit lüsternem Beigeschmack gründen, besudeln bereits jede Art der Werbung. Die offizielle Losung lautet zwar noch nicht: "Das Fernsehen spornt zum Verbrechen und Unzucht an", aber wir bewegen uns mit zunehmender Geschwindigkeit in diese Richtung.

Überdies liefern die Informationszentralen, die von den Fortschritten der Wissenschaft abhängig und auf dem Markt über die teilweise populärwissenschaftlichen Zeitschriften wie "Science er Vie", "Scientific American", "Discover", "American Scientist" oder "Astronomy" zugänglich sind, Daten, an die man schon deswegen als Leser nicht mit naiver Kritiklosigkeit glauben soll, weil das, was da angeboten wird, oft einen typischen Sensationsbeigeschmack hat, damit es "besser schmeckt". Man kann auf den Seiten dieser Zeitschriften Ideen, Projekte und Hoffnungen oder einfach unter dem Einfluss der Trends der vorübergehenden Modeerscheinung erfundene Phänomene - z.B. den Quantencomputer, der in der "Zeitlosigkeit" arbeitet - begegnen, die ausschließlich in irgendeinem mehr oder weniger fachkundigen Kopf existieren. Hypothesen, die sich seriösen Ergebnissen dieses oder jenes Zweigs der Wissenschaft widersetzen und nicht auf experimentellem Material gründen, sondern aus den Fingern gesaugt oder aus der Luft gegriffen sind, lassen sich in diesen Zeitschriften und mehr und mehr auch im Internet an ihren Quellen finden.

Natürlich muss es neue Hypothesen geben, die fest verankerte wissenschaftliche Ansichten anfechten sollen, aber sie müssen nicht in der Aureole des farbenprächtigen und vermessenen Reklamerummels auftreten, der die experimentellen Sicherheiten durch die Vision der sich wie ein Zauber nähernden Ära der "Postcomputer-Selbsterfüllungen" ersetzt. Vor allem die Ideen, die in Richtung Militäranwendungen gehen, kosmische Gefahren für unseren Planeten, Prophezeiungen, die eine Herrschaft der Roboter vorhersagen, werden uns in die Augen und in die Köpfe wie das Futter gedrückt, das in die armen Gänse hineingestopft wird - diesen, damit ihre Leber pathologisch verfettet wird, und uns, damit wir es anschauen, kaufen, lesen und glauben. Die Zeitschriften nenne ich selbstverständlich schon gar nicht, die ein besonders fragwürdiges Verhältnis zur Wahrheit haben. Dagegen ist immer noch "Priroda", die Monatsschrift der russischen Akademie der Wissenschaften, beachtenswert. Trotz des fatalen Rückgangs der Auflage, die von 80.000 während der UdSSR-Zeit bis auf jetzt 1.000 gefallen ist, die sich die Russen leisten können, ist das Niveau der zur Veröffentlichung zugelassenen Publikationen praktisch nicht gesunken. In der "Priroda" wird sogar die finstere Geschichte der russischen Wissenschaftler und der Wissenschaft in der stalinistischen Ära entblößt, da es mittlerweile erlaubt ist.

Es gibt also immer mehr Information, während gleichzeitig der Trend immer stärker wird, die Feststellungen der exakten Wissenschaften (der Physik, Kosmogonie, Kosmologie) anzugreifen und anzufechten. Wenn es gelingt, ein paar Mäuse, Schafe oder Kälber zu klonen, erscheint auch gleich - ich rüge nicht, sondern berichte - eine selbstsichere Erklärung, dass man bald Menschen und Transplantationsorgane, also "Ersatzteile", die zur Verbesserung dienen, auf den medizinischen Markt bringen wird. In Mode ist auch das Geschwätz über die an unser Gehirn angeschlossenen "Chips", die aus Otto Normalverbraucher verschiedene Arten von Genies machen. Persönlich leide ich darunter, da mir ähnliches dummes Zeug meinen Server versaut. Es ist wahr, dass es keine "elektronische Nase" gibt zur Trennung leerer Behauptungen von denen, die sich als Wahrheit erweisen, weswegen sich jeder von uns bei der Auswahl auf seine eigene Intuition verlassen muss.

Ich kann ein konkretes Beispiel nennen, auf welche Weise eine solche Intuition funktionieren kann, wenn man sie besitzt. Die Genomanalysen haben deutlich gemacht, dass die Strukturgene, die die Synthese von bestimmten Eiweißstoffen erlauben, lediglich einige Prozent aller Gene einer Gattung ausmachen. Also hat man voreilig den Rest von über 90 Prozent als "Junk-DNA" getauft, also als Müll oder als Trittbrettfahrer, der nichts codiert. Mir erschien eine solche Disproportion bei den Genarten von Anfang an als unmöglich: etwas muss doch diesen "Müll" machen, dachte ich. Und in der Tat hat man neuerdings den Namen geändert. Es ist kein "Müll" mehr, sondern jetzt spricht man von "Mikrosatelliten-Genen", die einen mittelbaren und dabei notwendigen Zweck haben: sie steuern nämlich nicht die Entstehung bestimmter Eiweißstoffe (z.B. Enzyme), sondern das Ergebnis ihrer Tätigkeit ist die Fortsetzung der Gesamtheit des Organismus. Als sie noch nicht verstanden haben, wozu dieser "Müll" dient, bezeichneten Russen diese Gene als Elemente der "Konzertevolution", weil die langen ähnlichen oder der Zusammensetzung nach identischen Sequenzen sich in den Genomen wie Leitmotive in einer Sinfoniepartitur wiederholen. Natürlich ist die Voraussicht einer solchen Innovation von Meinungen, die auf Ergebnissen von Experimenten gründet, schwer und man kann kaum die "prognostische Intuition" als etwas verstehen, was sich lehren ließe. Dass da "nicht alles" eine Lügengeschichte ist, scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, jedoch eine ebenso harte, wie eine schwer zu knackende Nuss.

Kurz vor der Jahrhundertwende begannen sich vermehrt völlig neue kosmogonische und kosmologische Hypothesen einzustellen, die nur schwer vom "gesunden Verstand" zu akzeptieren sind. Dieser Verstand wurde jedoch vor fast einer Million Jahren von den ersten Generationen in der Anthropogenese so gestaltet, dass er für das Begreifen des Ganzen nicht geeignet ist. Deswegen nannte ich die mathematischen Methoden, denen wir eine Menge von Umstürzen zu verdanken haben, den "weißen Stock eines Blinden". Es scheint jetzt, dass wir nach vielen Versuchen der Bildung von menschenähnlichen Organismen, die zahlreiche Jahrtausende dauerten, aus den Primaten entstanden sind, d.h. aus der Suprafamilie der Hominoiden. Diese Suprafamilie umfasst Anthropoide und Hominide, aber ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, dass jene von uns geschaffene Taxonomie unumstößlich bleiben wird. Gegenwärtig kann man die Unterschiede zwischen den Gattungen - Neandertaler - Pithekanthropus - Homo habilis - Homo sapiens u.ä. - dank neuer Verfahren einigermaßen genau untersuchen: das Genom lässt sich in Anlehnung an paläontologisch erhaltene, wenn auch versteinerte metamorphe Überreste ausgegrabener Skelette rekonstruieren, auch wenn es Spezialisten gibt, die die Sicherheit der Abstammungsunterscheidungen ausschließlich aufgrund paläontologischer Daten bestreiten.

Die Mathematik ist dennoch - nicht nur nach meiner Auffassung - keine Ermittlungsmethode, die fähig wäre, uns zur "definitiven Wahrheit" zu führen. Tatsächlich werden weder die 61 Elementarteilchen erklärt, da sie sich aus keiner einzigen Theorie "herausschälen" lassen und zuletzt auch das Neutrino "vervielfacht" wurde, z.B. gibt es bereits ein "Neutralino". Noch weiß man nicht, ob die Suche nach einer einzigen Theorie eine Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Zimmer darstellt, wobei man nicht weiß, ob sich die Katze überhaupt dort aufhält. Auch das bereits klassische Modell der Kosmogonie mit dem Big Bang und der Phase der inflatorischen Ausdehnung ist Schwierigkeiten begegnet. Man kann am Rande des Ringens der Kosmologen mit der Problematik des "Anfangszustandes" bescheiden bemerken, dass das Mathematisieren, auch wenn es erlaubt, mit struktureller Genauigkeit Phänomene vorauszusehen, die erst eintreten werden, keine Wahrheitsgarantie geben muss, weil man Approximationen mathematisieren kann, die manchmal auch prognostisch fruchtbar sind. Sie können allerdings auch prädiktiv, aber nur teilweise fruchtbar sein, und weitere Fortschritte können sie sie zu Anachronismen machen. Ein Beispiel: die Welt Newtons vs. die Welt Einsteins. Ich sehe kein Ende dieses Weges, d.h. ich sehe kein Ende der Wissenschaft.

Darüber hinaus kommen uns in die Quere:

a) die nichtlineare oder wenig lineare Chaostheorie (aus einer kleinen Anfangsabweichung entsteht eine unerfassbar große (End-)Streuung)
b) die bereits kontroverse Katastrophentheorie
c) die immer wieder durch Verbesserungen ergänzte neodarwinistische Theorie der natürlichen Evolution.

Gewicht hat der nachfolgende Schluss aus diesen Umstürzen: Die Menschen gingen stets von einer möglichst einfachen und ästhetisch vertretbaren Annahme aus und wurden dann bei der Fortsetzung des Erkenntnismarsches immer wieder gezwungen, das angenommene Ursprungsbild zu komplizieren. Die Komplexität wächst kontinuierlich in allen Bereichen der Wissenschaft, manchmal so langweilig und karg wie die geisteswissenschaftlichen "Moden". Neulich schaute ich mir mit Staunen das Gespräch eines Philosophen mit einem Theologen an, die überlegten, woher das individuelle menschliche Identitätsgefühl, woher das "Ich" kommt. Die Neurologie, unterstützt durch pathologische Untersuchungen, kann bereits viel, wenn auch nicht alles zu diesem Thema zu sagen. Jedoch schienen die beiden Gesprächspartner die empirischen Erkenntnisse zu diesem Thema völlig zu übersehen. Thomas Aquin könnte mit vollem Verständnis ihrer frühmittelalterlichen Rhetorik folgen. Unterdessen beginnt die Seele langsam dem erosiven Naturalismus zu unterliegen, der der medizinischen, neurologischen und psychiatrischen Pathologie ähnlich ist. Offen naive Prahlereien stellen dagegen die immer öfter publizierten Erklärungen dar, dass demnächst ein Roboterkater gebaut wird, von dem aus der Weg hin zum vernunftbegabten Roboter nicht mehr schrecklich weit sein soll. Das ist nicht wahr. Ein Roboterkater wird sicherlich nicht hinken, aber aus den Mäusen, die er nicht fangen wird, wird keiner eine Pastete machen. Unsere Gegenwart liebt merkwürdigerweise möglichst billige Lügengeschichten und eine dürftige Kunst, wie z.B. das Verpacken von Kathedralen, Türmen und Brücken. Wenn man alles als Kunst präsentieren kann, dann kann man die Kunst nirgends mehr finden.

So also verwandelt sich die beschleunigte Detonation der Megabitbombe vor meinen entsetzten Augen in eine Giga- oder Terabitexplosion, bei der die kleinen Stücke der "unwiderlegbaren Wahrheit", z.B. die Sterblichkeit der Menschen, wie Seifenblasen in den Himmel emporsteigen. Einhundert Milliarden von Neuronen sollen beim Menschen das "Wesentliche" auffangen. Und das ist der zauberhafte Spiegel, in dem sich die ganze Welt reflektieren soll. Niemand muss sich mehr wegen der Ignoranz grundlegender Daten schämen, vor allem kein Philosoph, der sich in der tiefen Vergangenheit unserer Spezies versteckt. Die demografische Bombe immerhin wird nicht explodieren, weil die Geburtenrate in der Welt sinkt. Die informationstechnologische Bombe ist dagegen bereits explodiert und befindet sich im vollen Splitterflug. Das Kommunikationsnetz wird nicht weiter helfen. Und "Artilekte" (Bauen wir Götter oder unsere möglichen Exterminatoren?)? Die durch neue Bezeichnungen oder Spitznamen geschmückte künstliche Intelligenz existiert, wie wir bemerken, noch nicht, und wenn sie entstehen wird, dann schnell in einer Vielzahl von Varianten. Vielleicht ist es besser, dass es sie zur Zeit nicht gibt.

Wir könnten eine neue Ausgabe des Werkes unter dem Titel Encyclopaedia of Ignorance als einen Führer durch die Hauptrichtungen der Wissenschaft dringend gebrauchen: die erste Ausgabe, die übrigens nicht ganz veraltet ist - aus den 70er Jahren - habe ich auf dem Tisch. Hier wurden Fragen erörtert, auf die wir noch keine Antwort haben, oder es gab Fragen, die falsch gestellt wurden. Aber es sind auch die Probleme, die völlig beseitigt wurden, beachtenswert, weil man aus Fehlern lernen kann. Ich habe früher einmal den fehlerhaften Beweis der "Transcomputability" (Transberechenbarkeit) für Computer beliebiger Rechenleistung von H. Bremmerman erwähnt: diese Unmöglichkeit, die er, durch die Konstanten der Festkörperphysik und durch eine solide Mathematik besiegelt, für bewiesen hielt, wurde von der biogenomischen, also von einer aus der natürlichen Evolution stammenden Algorithmisierung widerlegt. Manfred Eigen sagte mir, dass man in der Wissenschaft "niemals nie sagen sollte". Man kann aber über die Unzerstörbarkeit dessen sprechen, was in abstracto möglich ist. Ich glaube, dass sich die Menschheit nie vereinigen wird, und dies wäre die notwendige Vorbedingung für die Idee, welche der Dominikaner P. Dubarle 1948 in "Le Monde" nach dem Erscheinen der "Kybernetik" von Norbert Wiener aufgriff, nämlich für den Bau einer Maschine "zum Regieren der gesamten Welt" (Kreuzwege der Information). Mit so einem Herrn der Erde wären weder gewöhnliche Menschen noch a fortiori die Politiker einverstanden, für die die Komplexität des menschlichen Daseins über ihr Denkvermögen und ihre Führungsqualitäten hinausgewachsen ist. Was weder ihre Ambitionen noch ihren Wunsch zu regieren im Geringsten verringert hat.

Das 21. Jahrhundert wird anders sein, als die zahlreichen Prophezeiungen es heute voraussagen, die mit Juwelen seltsamer Ideen geschmückt sind. Es wird vielleicht auch grausamer als das blutige Jahrhundert sein, das wir gerade verlassen haben. Was global die Macht übernehmen wird, lässt sich nur schwer vorausahnen - wie der Zerfall der UdSSR, die Triumphe der Biotechnik oder die kommunikative Vernetzung der Welt. Vielleicht hat die Welt tatsächlich keine Ränder, wir selbst werden jedoch die Abgründe, also auch die Ränder schaffen.

Aus dem Polnischen von Ryszard Krolicki (Stanislaw Lem)

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