"Die Menschen haben das zivile, soziale Leben verlernt"

Afghanistan: Warum alle Fraktionen des Widerstandes sich jetzt Taliban nennen, wie die einfachen Leute überleben und die schleichende Islamisierung des Widerstands

“Die Kinder spielen nur noch Krieg. Die eine Gruppe spielt Taliban, die andere Gruppe spielt US-amerikanische Soldaten. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unter solchen Umständen die Zukunft Afghanistans aussieht“ - Matin Baraki beobachtet bei den Besuchen in seinem Heimatland den Verfall des zivilen Lebens und Aspekte der Auseinandersetzungen im Land, die in der herkömmlichen Berichterstattung zu kurz kommen. Telepolis sprach mit dem Afghanistan-Experten und Politikwissenschaftler.

Sie waren vor kurzem im Bereich des Swat-Tals. Wie ist die Situation der Menschen vor Ort?

Matin Baraki: Die Situation ist verzweifelt. Wer kann, flieht. Wer vor Ort Vieh hat oder nicht beweglich ist, harrt aus und wartet auf Gottes Hilfe. Wer noch was zu ernten hat, ernährt sich davon. Wer nichts hat, hungert ganz einfach. Die internationalen Hilfsorganisationen sind ja noch gar nicht anwesend. Zum großen Teil fliehen die Menschen nicht nach der belutschischen Stadt Quetta oder nach Peschawar, sondern sie fliehen in die ganz großen Städte, weil sie sich dort Schutz und Sicherheit erhoffen. Also nach Islamabad oder nach Lahore. Das verschärft zusätzlich die Probleme der pakistanischen Zentralregierung.

Diese Riesenstädte mit ihren gigantischen Slumgürteln sind doch sowieso schon überfordert ...

Matin Baraki: Die Probleme damit, noch sauberes Trinkwasser und medizinische Versorgung zu gewährleisten, werden sich vergrößern. Das kann Epidemien verursachen. Die Arbeitslosigkeit hat Kriminalität zur Folge. Diesen perspektivlosen Slumbewohnern wird es verlockend erscheinen, nolens volens sich dem islamistischen Widerstand anzuschließen. Wenn man nichts zu verlieren hat, macht man alles mit.

Sie waren auch in Ihrem Heimatland Afghanistan. Wie ist die Lage der Menschen dort. Wie ist z.B. die ärztliche Versorgung in Afghanistan?

Matin Baraki: Offiziell ist die ärztliche Versorgung kostenlos. De facto jedoch gibt es keine Behandlung ohne Dollars. In den Siebziger Jahren gab es in Afghanistan insgesamt nur 800 Ärzte für damals etwa 17 Millionen Bürger. Heute konzentrieren sich die Arztpraxen noch stärker als früher in den Städten. Es sind Privatpraxen entstanden, wie Pilze schießen sie aus dem Boden. Dort wird nur gegen bare Dollar behandelt. Viele Ärzte sind zudem ins Ausland abgewandert.

Wer sorgt für Sicherheit und Ordnung?

Matin Baraki: Die offiziellen Polizisten sind fast ausschließlich ehemalige Mudjaheddin, und das bedeutet: sie sind parteilich und selber zum Teil kriminell. Da sie neben Soldaten als einzige Kraft in der Nacht Waffen tragen dürfen, überfallen sie Wohnungen und rauben bzw. töten Menschen, bevorzugt Rückkehrer. Da sie bei ihnen Geld vermuten. Als Verkehrspolizisten verlangen sie z.B. Wegezoll. Wer nicht bezahlt, wird zum Chef gebracht. Da muss er womöglich noch mehr bezahlen.

Die weit verbreitete Angst, grundlos erschossen zu werden

Wie erhalten die Dorfgemeinschaften das Leben aufrecht?

Matin Baraki: Die Dorfbewohner vegetieren eher, als dass sie leben. Sie müssen für ihre Sicherheit selber sorgen. Die wehrfähigen Männer halten die ganze Nacht Wache, um Überfälle und Raub abzuwehren. Trotzdem werden Frauen und Kinder entführt und geraubt. Man spricht heute in Afghanistan von einer regelrechten Entführungsindustrie.

Gibt es so etwas wie freien Transport und Verkehr von Waren und Personen?

Matin Baraki: Nein. Es gibt überall in Afghanistan Checkpoints. Sowohl eingerichtet von der Regierung als auch von Warlords. Diese Checkpoints kann man nur passieren, wenn man einen Wegezoll entrichtet. Sonst kommt man nicht durch. Noch gefährlicher: Als Zivilist darf man Kolonnen von Militärfahrzeugen der ISAF oder der Operation Enduring Freedom nicht überholen. Wer überholt, wird auf der Stelle erschossen. Man darf ihnen auch nicht zu nahe kommen. Es sind wiederholt Reisende erschossen worden, wobei auch Kinder und Frauen dabei waren. Das sind Gefahren, die Berufstätigen im Pendlerverkehr drohen. Eine weit verbreitete Angst ist, grundlos erschossen zu werden.

Wie ist die Situation von Witwen?

Matin Baraki: Das ist eine sehr traurige Erfahrung, die ich machen mußte. In Kabul, so weit wie das Auge sehen kann, sitzen vor den Moscheen und Heiligtümern, am Rande der Straßen alte Frauen mit ihren Kindern. Frauen, die gar nicht so alt sind, jedoch sehr alt aussehen, betteln. Die jüngeren Frauen prostituieren sich. Allein in Kabul vegetieren etwa 55.000 Witwen. Um diese Menschen kümmert sich niemand. Wenn sie keine Verwandten mehr haben, die für sie sorgen, stehen sie ohne Hilfe da. Renten oder andere soziale Unterstützung gibt es nicht.

Gibt es noch so etwas wie Zivilleben?

Matin Baraki: Die Menschen haben das zivile, soziale Leben verlernt. Innerhalb der Familie, wo man eigentlich gegeneinander immer Achtung aufgebracht hat, steht plötzlich einer auf und erschießt seinen Bruder wegen irgendeines banalen Anlasses. Die Leute tragen ihre Alltagskonflikte immer öfter mit der Waffe aus. Die Kinder spielen nur noch Krieg. Die eine Gruppe spielt Taliban, die andere Gruppe spielt US-amerikanische Soldaten. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unter solchen Umständen die Zukunft Afghanistans aussieht.

Es gibt Leute wie den Korrespondenten der New York Times, Dexter Filkins, die sagen: das Leben in Kabul läuft eigentlich ganz normal ab. Teilen Sie diese Einschätzung?

Matin Baraki: Es gibt eine organisierte abgeschottete Normalität für eine Minderheit der Ameriko- und Euro-Afghanen. Ansonsten gleicht Kabul einem Hochsicherheitstrakt. Das Militär ist überall präsent mit Waffen und Stacheldraht. Jeden Tag gibt es Explosionen. Die Menschen sind Tag und Nacht im Stress, dass ihnen etwas passiert. Eine quälende Unsicherheit, die den Menschen die Psyche zerstört.

Sind die Taliban eine Bewegung?

Die Taliban haben im Swat-Tal eine Landenteignung bei Großgrundbesitzern zugunsten von landlosen Bauern durchgeführt. Wie ist das einzuschätzen?

Matin Baraki: Die Taliban sind bekannt dafür, dass sie sich durch Waffen- und Drogenhandel sowie aus arabischen und Geheimdienstquellen finanzieren. Durch Enteignungsmaßnahmen gegen Großgrundbesitzer wollen die Taliban ihr Image verbessern, indem sie sich für soziale Belange stark machen. Aber davor muss gewarnt werden, den Widerstand in Afghanistan und Pakistan immer mit der Taliban oder Al Qaida zu identifizieren.

Laut Angaben der Vereinten Nationen gibt es alleine in Afghanistan 2.200 verschiedene Widerstandsgruppen. Aber diese herausragende Wahrnehmung der Taliban im Westen als Widerstand bewirkt, dass der Begriff „Taliban“ immer mehr zum Synonym für Widerstand auch in der betroffenen Bevölkerung selber wird. Statt Taliban handelt es sich aber tatsächlich um einen äußerst breit gefächerten Widerstand gegen die Besatzer. Es sind die USA mit ihren Angriffen auf die Zivilbevölkerung an der afghanisch-pakistanischen Grenzregion, die die Zivilisten zu einer Widerstandshaltung zwingen. Islamistische Motive stehen hier zunächst nicht im Vordergrund. Aber islamistisch-radikale Positionen werden durch die Brutalisierung des US-Krieges verstärkt.

Welche Rolle spielen Stammeszusammenhänge?

Matin Baraki: Die Stammesführer, quer über die Durand-Linie1, solidarisieren sich gegen Angriffe im von den USA geführten Krieg. Dann sind da die Stammesmilizen, die eigentlich nur ihren eigenen Stamm verteidigen sollen, aber durch den Angriff von außen die Verteidigung gegen die USA in den Vordergrund stellen. Und schließlich werden unfreiwillig die vom Krieg direkt Betroffenen zur militanten Reaktion genötigt. Wer Zeuge des gewaltsamen Todes der eigenen Familienmitglieder geworden ist, wird nicht aufhören, gegen die US-amerikanische Militärmaschinerie zu kämpfen.

Wenn ich vor Ort mit den Menschen spreche, die im Widerstand sind, dann frage ich: ‚Bist Du ein Talib2?’, dann antwortet der mit Sicherheit: ‚Nein, ich bin kein Talib, aber wir sind alle Taliban!’. Alle Fraktionen des Widerstandes nennen sich jetzt Taliban, weil Taliban der aktivste und motivierteste Teil des Widerstandes geworden ist. Sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan.

Es muss doch früher eine andere, eigene Identität der Stammesvölker gegeben haben?

Matin Baraki: Die hat es durchaus gegeben. Und gibt es auch immer noch. Diese belutschischen und paschtunischen Stämme beiderseits der Durand-Linie sind völlig autonom. Hier haben weder die Zentralregierungen von Afghanistan noch von Pakistan irgend etwas zu suchen und was zu sagen gehabt. Und die haben diese Regionen nie kontrollieren können. Das wollen sie auch jetzt nicht. Sie wollen die Stämme in Ruhe lassen. Ein Problem entsteht, wenn die USA intervenieren, und auf die beiden Zentralregierungen Druck ausüben, um dort aktiv zu werden. Diese Aktivitäten werden nur die Destabilisierung Pakistans weiter vorantreiben.

Der Krieg, den die pakistanische Armee in Swat-Tal durchführt, wird auf massiven Druck der USA durchgeführt. Obama hat der Regierung in Islamabad mit Krieg gedroht; entweder Pakistan geht gegen den Widerstand vor, oder die US-Truppen marschieren ein.

Neue Staatenordnung?

Bei den Neocons in den USA und in Militärkreisen wird seit Jahren darüber nachgedacht, die Staatenordnung im Mittleren Osten völlig neu aufzuteilen. Große Staaten wie Iran, Pakistan oder auch Afghanistan sollen in kleinere, dafür ethnisch homogenere Staaten aufgeteilt werden. Ist die unverkennbare Destabilisierung Pakistans möglicherweise ein Weg zu diesem Ziel?

Matin Baraki: Für den Irak wurde ja schon vor Jahren eine Dreiteilung ernsthaft erwogen; in einen schiitischen, einen sunnitischen und einen kurdischen Teil. Da hatte allerdings die Türkei massive Einwände, und sie hat mit dem Einmarsch nach Nord-Irak gedroht, weil ein eigener Kurdenstaat womöglich Ansprüche auf türkisches Gebiet erheben könnte. Auch Afghanistan sollte mal aufgegliedert werden in ethnisch neue Grenzen. Dann hätten allerdings neue Staaten wie Paschtunistan oder Belutschistan ebenfalls Ansprüche auf Gebiete in Pakistan und Iran erheben können.

Dann würde es nur zu neuen Konflikten unter ethnischer Flagge kommen. Das ist dann nicht im Sinne der USA. Die USA wollen die Region in ihrem Sinne stabilisieren und kontrollieren, um die Gegend ökonomisch zu nutzen. Die USA wollen den Status Quo bewahren.

Wie Sie ja ausgeführt haben, verstärkt und radikalisiert das Auftreten der USA und der unter ihrem Druck handelnden Zentralregierungen von Afghanistan und Pakistan immer aufs neue den islamistischen Widerstand. Die Militärpräsenz zementiert also den Kriegszustand und das damit verbundene Chaos. Installieren sich die USA- und NATO-Streitkräfte also möglicherweise im Mittleren Osten gegen einen noch mächtigeren Gegner, z.B. gegen China?

Matin Baraki: Henry Kissinger hat in einem Artikel in der „Welt“ vor einigen Jahren China als möglichen Kriegsgegner der USA genannt. Man beachte: jetzt sind deutsche AWACS-Flugzeuge nach Afghanistan geschickt worden, die an der afghanisch-chinesische Grenze spionieren. Kein Militärfachmann würde unterschreiben, dass diese AWACS-Maschinen zur Aufspürung von Widerstandsnestern geeignet sind.

Diese Flugzeuge patrouillieren regelmäßig an den Grenzen von Afghanistan. Ihre Sensoren reichen weit in chinesisches, iranisches, indisches und pakistanisches Territorium hinein. Die westlichen Mächte bekunden eindeutig, dass sie langfristig in der Region bleiben wollen. Von daher kann man gut verstehen, dass die USA kleinere oder größere Konflikte in der Region brauchen. Die Staaten der Region werden als Geiseln genommen.

In Afghanistan sind demnächst Präsidentenwahlen. Wie schätzen Sie die Chancen des amtierenden Präsidenten Karzai ein, wieder gewählt zu werden?

Matin Baraki: Abdul Hamid Karzai versucht, die ethnische Karte auszuspielen. Da er selber zur Gruppe der Paschtunen gehört, hat er jetzt den ehemaligen Verteidigungsminister Abdul Qasim Fahim, einen Warlord, zu seinem Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten gemacht, denn Fahim gehört zur Volksgruppe der Tadschiken. Ich sehe trotzdem die Chancen von Karzai, die Wahlen zu gewinnen, als äußerst gering ein. Er ist in Afghanistan sehr unbeliebt. Er ist zum Einen ein Mann der Neocons ...

... und damit auch in den jetzigen Regierungskreisen in Washington nicht unumstritten ...

Matin Baraki: Obama möchte möglicherweise in der Mittelostpolitik einen neuen Anfang wagen. Zumindest lassen das seine Verlautbarungen so erscheinen. Aber in seine Administrarion hat Obama viele Männer des neokonservativen Lagers aufgenommen. Wer immer auch in Afghanistan Statthalter wird: er wird die Interessen der USA zu vertreten haben. Da Karzai in der afghanischen Bevölkerung äußerst unbeliebt ist, polemisiert er im Moment gegen die USA, weil US-Truppen afghanische Zivilisten töten. Aber das ist leicht zu durchschauen als Wahlkampfrhetorik.

Werden die Wahlen rechtmäßig durchgeführt?

Matin Baraki: Ich glaube nicht. Es ist gängige Praxis, dass Stammesführer, Dorfälteste und einflussreiche Persönlichkeiten Geld bekommen, und dann ihre Stammesmitglieder usw. verdonnern, geschlossen einen bestimmten Kandidaten zu wählen. In der Vergangenheit wurden zudem Wahlzettel vorher ausgefüllt und diskret in Wahlurnen eingefüllt. Missliebige Kandidaten werden massiv unter Druck gesetzt. Oder konkurrierende Kandidaten bekommen Geld, um ihre Kandidatur zurückzuziehen und die Wahl eines anderen Kandidaten zu empfehlen.

Gibt es einen Kandidaten, den Sie für einigermaßen glaubwürdig halten?

Matin Baraki: Nein.

Dr. Matin Baraki ist 1947 in Afghanistan geboren und dort aufgewachsen. Heute hat er Lehraufträge an der Universitäten in Marburg und Kassel im Fach Politik. Baraki publiziert regelmäßig in verschiedenen deutschasprachigen Zeitungen zum Themenbereich Naher und Mittlerer Osten. Als Buch erschienen ist z.B. Matin Baraki: „Kampffeld Naher und Mittlerer Osten“, Heilbronn 2004. (Hermann Ploppa)