Die Menschen wollen nicht wissen, was sie erwartet

Ignoranz triumphiert über Rationalität: Nach einer Umfrage wollen fast 90 Prozent nicht wissen, wann und warum sie sterben werden

No Future hieß einmal die Devise der Punk-Rebellen. Das war als hässlichere Variante des antiken Slogans Carpe Diem gemeint. Beides aber hat wenig gemein mit dem Bild des rational handelnden Menschen, das gerne der Ökonomie zugrundeliegt. Der müsste nicht nur kurzfristig zu seinem Vorteil angesichts von Optionen entscheiden, sondern eigentlich auch langfristig planen. Das aber ist, siehe Umwelt- oder Klimaschutz, aber auch Verbrechens- oder Terrorprävention, nicht gerade eine Eigenschaft der Menschen und auch nicht der von ihnen gewählten Politiker. Individuell plant man höchstens noch die nächste eigene Generation ein, aber nicht mehr den Zustand der Gesellschaft, geschweige denn den der Weltgesellschaft.

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Tatsächlich wollen die meisten Menschen schon gar nicht wirklich wissen, wie ihre eigene Zukunft aussieht. Das ist das Ergebnis einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Granada mit dem Titel "Cassandra's Regret: The Psychology of Not Wanting to Know". Eigentlich nicht sonderlich verwunderlich, man will sich gar nicht vorstellen, was alles an Negativem passieren könnte, zudem steht vor einem, nüchtern betrachtet, alternativlos das Ende, der Tod, womöglich ein leidvoller Abschied vom Leben. Wir verdrängen den Tod, heißt es immer gerne von scheinbar aufgeklärten Realisten, nicht nur den eigenen, sondern auch den der anderen. Aber das Leben im Jammertal, im Gefängnis des sterblichen Leibs, die Melancholie und die nihilistische Reaktion, vielleicht auch der Terrorismus, waren auch immer Positionen, die Menschen und Kulturen eingenommen haben.

Die Wissenschaftler sagen, dass fast alle Menschen, nämlich 85 bis 90 Prozent gar nicht wissen wollen, ob Negatives auf sie zukommt. 40-70 Prozent wollen nicht einmal wissen, ob in der Zukunft Positives zu erwarten ist. Gerade einmal ein Prozent will wirklich Bescheid wissen, was da vorne, gerade um die Ecke, auf sie wartet. Das Ausblenden verspricht aber offenbar kein glücklicheres oder beruhigteres Leben. Wer nichts wissen will, sucht einfach magisch Risiken durch Nichtwissen zu vermeiden. Weil man aber sich doch nur schwer selbst völlig täuschen kann, sind die Zukunftsignoranten auch die Menschen, die sich vermehrt Lebens- und Rechtsversicherungen kaufen. Man kann ja doch nie wissen. Man kann es auch so formulieren: Wer Versicherungen kauft, ist risikoscheuer und will lieber nichts wirklich von der Zukunft wissen.

Gerd Gigerenzer und Rocio Garcia-Retamero, die Autoren der Studie, schreiben, dass Philosophie und Psychologie normalerweise das Wissen und die Vorhersage der Zukunft positiv bewertet haben, aber damit, so würde man aktuell sagen, "alternative Fakten", wenn nicht Fake News verbreitet haben. Zwar würde der technische Fortschritt beispielsweise durch Genanalysen die Grenze zwischen dem Wissbaren und dem Unwissbaren zunehmend in Richtung der Vorhersage verschieben, aber die Frage sei, ob wir tatsächlich wissen wollen, welches Krankheitsrisiko wir haben.

Nett ist, dass ein Verweis auf den Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gemacht wird, der sich nach der Invasion in den Irak damit herumplagen musste, dass dort die von der US-Regierung behaupteten Massenvernichtungswaffen nicht aufzufinden waren. Rumsfeld philosophierte von "unbekannten Unbekanntheiten", auf die man stoßen könne, die Wissenschaftler waren aber nüchternen an bewusstem Nichtwissen interessiert, also daran, dass Menschen Informationen, die ihnen zugänglich wären, nicht wissen wollen.

Um das herauszufinden, führten sie Umfragen in Deutschland und Spanien durch, um zu erfahren, wie viele Menschen aktiv gar nicht über positive und negative Dinge Bescheid wissen wollen. Und sie wollten wissen, ob jemand, der über ein Ereignis X nichts wissen will eher auch nichts über ein anderes Ereignis erfahren will. Dazu gäbe es keine repräsentativen Studien, sagen sie. Das ist in der Tat erstaunlich, sollte es zutreffen, weswegen sie repräsentative Umfragen in Auftrag gaben.

Die Ergebnisse sind gleichzeitig überraschend und erwartbar. Um die 90 Prozent wollen weder heute wissen, wann oder woran ihr Partner sterben wird. "Nur" 87,7 bzw. 87,3 Prozent wollen heute nicht wissen, wann sie selbst bzw. woran sie sterben werden. Und über 86 Prozent haben kein Interesse zu wissen, wenn sie gerade eine Heirat eingegangen wären, zu wissen, ob und wann eine Scheidung geschehen wird. Die Wissenschaftler sagen, dass die Menschen eine negative Antwort bedauern würden. Die Antwort könnte ja auch - relativ - positiv sein, auch wenn man das Ende nicht vermeiden kann, aber natürlich könnte das Wissen um einen schnellen Tod oder eine schnelle Scheidung schon jetzt das Leben vermiesen.

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