Die Menschheit am Kipp-Punkt

Der Amazonas-Regenwald ist nur eines von mehreren Kippelementen im Klimasystem. Foto: Amazônia Real / CC-BY-2.0

Amazonas, Grönlandeis, Antarktis, Afrika: Die Wissenschaft schlägt anlässlich der Klimakonferenz COP26 in Glasgow erneut Alarm

Es sind beunruhigende Fakten, die die Wissenschaft den Klimaverhandlern in Glasgow auf den Tisch legt: Eine große, internationale Studie kommt zu dem Schluss, dass der Amazonas-Regenwald unmittelbar vor dem Kippen steht. Kippen bedeutet: Statt der Menschheit beim Klimaschutz zu helfen, wird der Urwald quasi selbst "zum Menschen" - und produziert Treibhausgase, die die Erde aufheizen.

Bislang baut der Amazonas-Regenwald Dank der Photosynthese auf 5,5 Millionen Quadratkilometern Kohlendioxid in Holz um. Das Ökosystem im Herzen Südamerikas ist der größte Kohlenstoffspeicher der Welt, ein sich selbst versorgendes Phänomen. Angetrieben von der Sonne, verdunsten die Bäume riesige Mengen Wasser, aus denen Wolken entstehen, die dann abregnen und den Wald so mit frischem Wasser zum Wachstum versorgen.

Allerdings fallen durch die Politik von Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro immer mehr "Verdunster" aus: Seit Beginn seiner Regierungszeit wird wieder mehr Regenwald gerodet, es entsteht somit weniger Regen. Eine australische Studie kommt zu dem Schluss, dass die Entwaldungsrate unter der aktuellen Regierung um 61 Prozent größer ausfällt, als in den zehn Jahren zuvor.

Die zunehmenden Brandrodungen sorgen dafür, dass kleine Rußpartikel freigesetzt werden. Diese werden dann vom Sonnenlicht absorbiert, was die lokale Erwärmung erhöht, schreiben die Autoren dieser großen, internationalen Studie. Dadurch werden Niederschlagsmuster verändert, wodurch der Wald weiter austrocknet und abstirbt. "Das Abbrennen des Waldes stört seine Kohlenstoffaufnahme", erklärte Kristofer Covey, Professor für Umweltstudien am Skidmore College in New York und einer der Hauptautoren. Weniger Bäume, weniger Verdunstung, weniger Regen, mehr abgestorbene Bäume, die als "Verdunster" ausfallen - ein Teufelskreislauf.

Mittlerweile ist der Effekt sogar messbar. Zwar ging die Verbrennung von fossilen Energieträgern im vergangenen Jahr pandemiebedingt weltweit um 5,6 Prozent zurück - und damit auch die menschgemachte Produktion von Treibhausgasen. Trotzdem verzeichnet die Weltwetterorganisation WMO einen Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre, der stärker ist, als im Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2020. Grund dafür ist auch der Amazonas-Regenwald, wie eine Langzeitbeobachtung von 2010 bis 2018 an vier verschiedenen Standorten zeigt: Dort hat der Regenwald nicht nur als Kohlenstoff-Sauger nachgelassen, er ist mittlerweile selbst zu einer CO2-Quelle geworden.

Diese Erkenntnis sei "eine klare, wissenschaftliche Botschaft für die Verhandlungsführer des Klimawandels auf der COP26", erklärte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas: "Bei der gegenwärtigen Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen werden wir bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen Temperaturanstieg erleben, der weit über den Zielen des Pariser Abkommens von 1,5 bis 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegt."

Insgesamt 16 Kippelemente

Der Amazonas-Regenwald ist nur eines der insgesamt 16 Kippelemente. Auch andere Systeme drohen zu kippen. Selbst wenn jetzt strenger Klimaschutz betrieben würde - das Phänomen der Eisschmelze und damit des Meeresspiegelanstiegs wird über das Jahr 2100 hinaus andauern, warnen Forscher in einer Studie. "Die CO2-Konzentration ist heute um 50 Prozent höher als 1800, die durchschnittliche Oberflächentemperatur der Erde bereits um 1,1 Grad Celsius gestiegen", sagt Ben Strauss, Hauptautor der Studie und Präsident der Organisation Climate Central.

Damit sei klar, dass der Meeresspiegel um fast zwei Meter ansteigen wird, "egal ob es zwei oder zehn Jahrhunderte dauert". Angetrieben wird dieser Anstieg durch das Tauen der Gletscher und Eisschilde: Der Grönländische Eispanzer ist in der Spitze 3.300 Meter hoch, wenn er anfängt abzutauen, schmilzt er von oben nach unten in immer wärmere Schichten - ein Prozess, den man, einmal ausgelöst, nie wieder stoppen kann. Im August wurden in Nordostgrönland 23,4 Grad gemessen, wo es im langjährigen Mittel normalerweise nur knapp über null Grad warm geworden ist.

Es braucht wenig Phantasie, um sich das Schmelzen anno 2021 auf Grönland vorzustellen. Taut der Eispanzer komplett ab, steigt der Meeresspiegel um sieben Meter weltweit an. Emden liegt nur ein Meter über dem aktuellen Meeresspiegel.

Nicht nur am Nordpol drohen solche Eisschilde unumkehrbar abzuschmelzen, auch am Südpol. Eine Studie der britischen Northumbria-Universität kommt zu dem Schluss, dass das Abschmelzen einer der wichtigsten Gletscher der Antarktis nicht mehr aufzuhalten sei: Das Schmelzen des Pine-Island-Gletschers ist bereits unumkehrbar, als Konsequenz wird ein meterhoher Anstieg des Meeresspiegels erwartet.

Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, müssten die Klimaschutzpläne der Länder deutlich ambitionierter werden, zeigt eine Auswertung des UN-Umweltprogramms UNEP: Demnach würde sich mit den versprochenen Treibhausgasemissionen die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um 2,7 Grad erwärmen.

Und "versprochen" heißt längst nicht, dass das auch gehalten wird: Länder wie Deutschland liegen schon heute weit hinter ihren Reduktions-Versprechungen. Um den Zielen des Pariser Klimaabkommens gerecht zu werden, müssten die Staaten 55 Prozent mehr Klimaschutz betreiben, so das Gutachten. UNEP-Chefin Inger Andersen: "Der Klimawandel ist kein Problem der Zukunft. Es ist jetzt ein Problem."

Afrika emittiert am wenigsten und leidet am meisten

Besonders betroffen werden die sein, die am wenigsten zum Problem beigetragen haben: Das Gros der Menschen in Afrika emittiert nur minimale Mengen von 0,1 bis 0,3 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Jeder Deutsche ist dagegen im Durchschnitt für gut neun Tonnen verantwortlich. Trotzdem wird der afrikanische Kontinent unter dem menschengemachten Klimawandel besonders stark leiden, wie eine Analyse der Weltwetterorganisation WMO zeigt: Überschwemmungen, Dürren oder Erdrutsche werden in Afrika stärker zu spüren sein als im weltweiten Durchschnitt.

Es ist übrigens einfach, anderen die Schuld am Problem zu geben, Brasiliens Präsident Bolsonaro zum Beispiel: Ein Fünftel des Soja, das Brasilien als Futtermittel für die Massentierhaltung in die EU liefert, stammt von Waldflächen, die erst kürzlich illegal gerodet wurden, zeigt eine weitere Studie. Bei den Fleischimporten liegt die Quote bei 17 Prozent. Es ist eine auch hier verbreitete Lebensweise, die weltweit das Klimasystem durcheinander bringt. (Nick Reimer)