Die Moskauer Gelehrtenrepublik

Der Kreml startet eine umfangreiche Modernisierungsoffensive - indem er die Miniatur einer futuristischen Wissensgesellschaft errichten will

Die Würfel sind gefallen. In der Nähe des verschlafenen Dörfchens Skolkowo, nur circa 20 Kilometer westlich des Moskauer Stadtzentrums, soll sich nach dem Willen der Kremloberen Russlands Zukunft entscheiden. Auf der sprichwörtlichen - gerade auftauenden - "grünen Wiese" soll vor den Toren Moskaus eine ganze Hightech-Stadt aus dem Boden gestampft werden, in der die klügsten und begabtesten Köpfe des Landes auf höchstem technologischen Niveau Forschung und Lehre betrieben können. Dieses russische "Silicon Valley" soll nach den Vorstellungen der russischen Führung maßgeblich dazu beitragen, einen Innovationsschub in der russischen Ökonomie auszulösen - und somit den technologischen Rückstand Russlands gegenüber westlichen und asiatischen Industriestaaten aufzuholen.

Dabei scheint dem Kreml die Zeit knapp zu werden: "Wir werden dieses Zentrum dort einrichten, wo der Bau schnell erfolgen kann. Das Tempo ist ja von besonderer Bedeutung. Wir werden in Skolkowo bauen", erläuterte der russische Präsident Dimitri Medwedew, der als einer der entschiedensten Befürworter dieses Vorhabens gilt, am 18. März seine Standortwahl. Tatsächlich ist die russische Volkswirtschaft immer noch hauptsächlich von dem Rohstoffsektor abhängig, der durch die Exporte von Erdgas und Rohöl dem Land die meisten Deviseneinnahmen verschafft. Daneben ist nur noch die russische Rüstungsindustrie international konkurrenzfähig.

Russlands wirtschaftliches Wohlergehen ist somit an die Preisentwicklung auf den Internationalen Energie- und Rohstoffmärkten gekettet. Zudem bietet die Perspektive einer auf Rohstoffexport basierenden Ökonomie angesichts zunehmender Rohstoffknappheit keine längerfristigen Perspektiven. Solange noch die Erlöse aus dem Rohstoffexport üppig fließen, ist Russlands Führung folglich bestrebt, durch eine umfassende - und auch kostspielige - wirtschaftliche Modernisierung auch in anderen Wirtschaftssektoren international konkurrenzfähig zu werden.

Bisher sind ähnliche - halbherzig durchgeführten - Initiativen im Sande verlaufen, doch diesmal scheint es der Kreml ernst zu meinen. Auf einer Fläche von 370 Hektar soll die erste "Forschungsstadt" Russlands seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstehen. An dem Standort wurde mit der Skolkovo Moscow School of Management bereits eines der wichtigsten russischen Zentren zur Herausbildung einer neuen Managergeneration geschaffen, das von dem russischen Staat und den wichtigsten Oligarchien des Landes mitfinanziert wird. Das gesamte Investitionsvolumen bei diesem Projekt soll sich im zweistelligen Milliardenbereich bewegen. Neben Forschungseinrichtungen sollen sich auch Unternehmen rund um diesen Hightech-Cluster ansiedeln, um so eine möglichst effiziente Umwandlung wissenschaftlicher Fortschritte in marktreife Produkte zu gewährleisten.

Die Zielsetzung dieses Projekts besteht in einer möglichst nahtlosen Verkettung von Forschung, Produktkonzeption und Produktion. Die Forschungsschwerpunkte sollen in dieser Wissenschaftsstadt auf der Nano- und Biotechnologie, der Computer- und Telekommunikationsindustrie, den erneuerbaren Energien und Umwelttechnologien liegen.

Mit der Umsetzung dieses ehrgeizigen Vorhabens wurde mit Victor Wekselberg einer der bekanntesten kremltreuen Oligarchien Russlands betraut. Hiermit soll ein Signal gesetzt werden, dass bei diesem wichtigsten Modernisierungsvorhaben Russlands der Staat bewusst auf eine übermäßige Kontrolle und Einmischung verzichten will. Mehr noch, dieser Hightech-Standort soll von dem Einfluss des russischen Staates "isoliert" werden, um die erhofften innovativen Prozesse nicht zu gefährden - so fasste die New York Times die entsprechenden Überlegungen des Chefideologen des Kreml, Wladislaw Jurjewitsch Surkow, zusammen. "Das ganze Land braucht eine Art Durchbruch", zitierte die New York Times Wekselberg, der jüngst 44 Prozent der Schweizer Solarfirma Oerlikon übernahm. Der Aufbau einer Innovations-Stadt vom Grund auf könne laut dem Oligarchen zu einer "Startrampe" für das gesamte Land werden. Diese auf dem Reißbrett geplante Stadt sei "ein Testlauf für künftige Businessmodelle".

Die Anreize, die der russische Staat seiner Hightech-Stadt gewähren könnte, sind jedenfalls enorm. Die rund um diesen Cluster entstehenden Start-Ups sollen bis zu 10 Jahre von den meisten Steuern ausgenommen werden. Diese Hightechunternehmen würden zudem bei staatlichen Ausschreibungen eine bevorzugte Behandlung erhalten. Überdies ist eine staatliche Mitfinanzierung bestimmter Unternehmungen im Gespräch.

Diese großzügigen staatlichen Subventionen sollen es Wekselberg erleichtern, privates – auch ausländisches - Kapital anzulocken. Des Weiteren ist vorgesehen, einen renommierten ausländischen Manager als Kodirektor der Forschungsstadt zu gewinnen, um den internationalen und kosmopolitischen Charakter dieses Unterfangens zu betonen. Als wissenschaftlichen Leiter des Innovationszentrums in Skolkowo konnte der Kreml den russischen Nobelpreisträger Jores Alfjorow gewinnen.

Von der russischen Außenwelt abgeschirmte Elitestadt

Letztendlich geht es den Machern dieses Projekts darum, die russische Realität vor den Toren dieser Stadt zu lassen, um - ausgehend von diesem Modernisierungsprojekt - Russland ändern zu können. Die in Russland allgegenwärtige Korruption und die Dominanz autoritärer Vorstellungen wie Strukturen sollen "draußen" bleiben. Es soll eine abgeschirmte, aber freie, liberale Atmosphäre in diesem Elitestädtchen herrschen, die zur Beförderung des nächsten russischen Modernisierungsschubs auch von den Kremloberen als unabdingbar erachtet wird. Nicht ohne Ironie paraphrasierte beispielsweise der britische Economist entsprechende Äußerungen Surkows, die er in einem Zeitungsinterview gemacht hat:

Stell dir eine Stadt oder eine Siedlung von 30.000 Menschen vor, wahrscheinlich in der Nähe Moskaus. Ihre Hightech-Laboratorien und ultramodernen Glashäuser lassen Kaliforniens Palo Alto alt aussehen. Sie hat eine größere Konzentration von Wissenschaftlern als irgendwo anders auf der Welt. Die Atmosphäre in der Stadt ist frei, kosmopolitisch und kreativ, bei Zeiten fast anarchistisch. Die Polizeipräsenz ist minimal … Schläger und Säufer aus den umliegenden Ortschaften werden durch die strengen Sicherheitsvorkehrungen auf Distanz gehalten. Die Straßen sind sauber, die Geschäfte gefüllt mit Bio-Nahrung, die das Hirn stimulieren soll. Hier, in dieser Zone dar speziellen Aufmerksamkeit, extrahiert der Staat die kreative Energie der russischen und ausländischen Wissenschaftler, die das Land auf dem Pfad der Modernisierung und Innovation antreibt.

Economist

Was der russischen Führung hier vorschwebt, ist praktisch eine abgeschlossene Gelehrtenrepublik, die entgegen ihrem literarischen Vorbild nicht in den Rossbreiten, sondern vor Moskau entstehen soll – und erst aufgrund ihrer Isolierung von den russischen Realitäten ihr innovatives Potential voll entfalten würde. Es scheint, dass keine Dystopie absurd genug angelegt werden kann, um nicht irgendwann von der Realität eingeholt zu werden.

Neu ist dieses Konzept in Russland allerdings nicht, wie beispielsweise die ehemals "verbotene" Stadt Lesony verdeutlicht. Dabei unterscheidet nur die angestrebte "freie Atmosphäre" dieses Projekt von den noch zu Sowjetzeiten aus dem Boden gestampften "geschlossenen Städten", die oftmals ebenfalls als Wissenschaftszentren (damals für den Militärisch-Industriellen-Komplex) fungierten. In dem Fall der vor Moskau projektierten Gelehrtenrepublik soll nun die Miniatur einer "offenen" Wissenschaftsgesellschaft sorgsam vor den störenden Einflüssen der Außenwelt abgeschirmt werden.

Dabei ist dieses Projekt nur das wichtigste Flaggschiff eines ganzen Bündels von Maßnahmen, die darauf abzielen, Russlands Wirtschaft zu modernisieren, ohne dabei das politische System wie auch die staatskapitalistischen Wirtschaftsstrukturen anzutasten. Alle Modernisierungsmaßnahmen werden unter Kontrolle des Staates oder in Kooperation mit staatstreuen Oligarchien durchgeführt.

Eine hohe Priorität kommt bei dieser jüngsten Modernisierungsoffensive des Kreml dem russischen Automobilbau zu. Anfang März kündigte das russische Industrieministerium an, innerhalb des Jahrzehnts umgerechnet sechs Milliarden US-Dollar in die Fahrzeugindustrie zu investieren. In diesem Zusammenhang steht auch die Ankündigung des Oligarchen Michail Prochorow, in der wirtschaftlich schwer angeschlagenen Autostadt Togliatti, wo der berühmte russische Lada hergestellt wird, die Produktion von Hybridfahrzeugen in Angriff zu nehmen, die sowohl mit Benzin wie auch mit Flüsiggas betrieben werden können. Hierbei handelt es sich ebenfalls um ein Pilotprojekt, dass in enger Kooperation zwischen dem Oligarchen und staatlichen Stellen ausgearbeitet wurde und in einer ersten Phase eine Produktionskapazität von 10.000 Fahrzeugen erreichen soll.

Modernisierung mit Zuckerbrot und Peitsche

Die Modernisierungsbemühungen werden zentral von der Regierung koordiniert und die einzelnen Maßnahmen dirigistisch angeordnet. Anfang März kündigte beispielsweise der russische Ministerpräsident Wladimir Putin an, dass die Technologiekommission der Regierung mit weiteren Vollmachten ausgestattet werden würde: "Das Ausmaß der Ziele, die erreicht werden müssen, verlangt nach einer Erweiterung der Autorität" dieses für die Modernisierungsbemühungen maßgeblichen staatlichen Gremiums.

Die Aufwendungen für Forschungsprojekte sollen massiv aufgestockt werden und in diesem Jahr laut Putin "mehr als zehn Prozent" aller Haushaltsmittel umfassen. Seine Administration habe umgerechnet 36,8 Milliarden US-Dollar für "Grundlagen- und angewandte Forschung, Studienprogramme und Medizinforschung" zur Verfügung gestellt, so Putin. Mit massiver Kreditvergabe sollen auch sogenannte Cluster innovativen Unternehmen in bestimmten Regionen von gefördert werden, erklärte das russische Wirtschaftsministerium am 5. März. Bis Mitte März konnten die russischen Regionen entsprechende Konzeptvorschläge in Moskau einreichen, die dann bewertet und gegebenenfalls finanziell gefördert werden sollen.

In bewährter Arbeitsteilung gingen Präsident Medwedew und Premier Putin auch daran, weite Teile der russischen Privatwirtschaft zur Teilnahme an der jüngsten Modernisierungskampagne zu motivieren. Während Medwedew Anfang Februar führende Unternehmer höflich zur Präsentation konkreter Modernisierungspläne aufforderte, packte Putin nur zwei Wochen später die Peitsche aus, als er am 24. Februar vier Oligarchen saftige Geldstrafen und sogar Strafverfolgung androhte, sollten diese nicht stärker in den von ihnen kontrollierten, maroden Elektrizitätssektor http://www.nytimes.com/2010/02/25/business/global/25ruble.html investieren. "Wir zählen darauf, dass die Besitzer verantwortlich handeln", erklärte Putin, "leider haben bei weitem nicht alle Verantwortungsbewusstsein gezeigt."

Dennoch kommt vor allem der russischen "Gelehrtenrepublik" eine herausragende Bedeutung bei dieser Modernisierungsoffensive zu, soll doch durch die enge Verzahnung von Lehre, Forschung, Produktkonzeption und Produktion ein altes Problem der russischen wie sowjetischen Ökonomie überwunden werden, das die New York Times folgendermaßen umriss:

Russlands reiche wissenschaftliche Traditionen und die schwachen Ergebnisse bei der Umwandlung von Ideen in vermarktbare Produkte sind unbestritten, sie werden als Ursachen für den Kollaps der Sowjetunion und die erdrückende Abhängigkeit von Bergbau und Rohöl genannt. So ist es nicht überraschend, dass seine Führer sehnsuchtsvoll nach Silicon Valley blicken.

New York Times

(Tomasz Konicz)

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