Die NATO in den Gründerjahren

Die Gründungsmitglieder der NATO 1949: USA, Kanada, Island, Dänemark (mit Grönland), Norwegen, Großbritannien, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Portugal, Frankreich und Italien

Von der Geschichte eines Bündnisses, das angetreten war, Europas Freiheit und Sicherheit zu garantieren und dabei selbst zum Sicherheitsrisiko wurde

What is the sense of NATO? It is to keep the Americans in, the Russians out, and the Germans down.

Lord Hastings Lionel Ismay, erster NATO-Generalsekretär 1952-1957

"To keep the Americans in"

At a time of chaos, ruin and despair, the birth of NATO inspired hopes for peace, solidarity and shared values.

NATO-Selbstdarstellung

Der Zweite Weltkrieg war in Europa gerade zu Ende, als am 6. August 1945 die japanische Stadt Hiroshima zum traurigen Zeugen eines neuen Zeitalters werden sollte: das Atomzeitalter. Die schrecklichste aller bisherigen Waffen konnte binnen Sekunden Hunderttausende Menschen töten.

Als die USA am 9. August noch eine zweite Atombombe auf Nagasaki abwarfen, war die Machtdemonstration gelungen. Die UdSSR war gewarnt, ihre als Hilfe angebotene Einmischung in Japan zu unterlassen, und Stalin wusste, dass selbst seine riesige Panzerarmee in Osteuropa angesichts der neuen, alles umfassenden Bombe keine Garantie für militärische Überlegenheit mehr bieten würde.

Für kurze Zeit konnte es, so glaubten viele, nur noch mit den USA oder gegen sie heißen. Angesichts dieser Fakten bildete sich in Westeuropa alsbald eine Militärallianz, die nicht nur den Kalten Krieg maßgeblich beeinflusste, sondern die Welt bis heute prägt: die North Atlantic Treaty Organization, kurz NATO.

Video der Zeremonie zur Unterzeichnung des NATO-Vertrags 1949

Gegründet wurde das neue Bündnis am 4. April 1949 in Washington. Es lässt sich bei historischen Vertragsabschlüssen unter Staaten häufig aus dem Ort der Unterzeichnung auf Macht und Einfluss des entsprechenden Landes schließen - 1949 war es jedenfalls so. Im selben Jahr sollten noch weitere bedeutende Gründungen folgen, die sich wiederum auf den neuen Militärpakt bezogen.

Den Anfang machte am 23. Mai die deutsche Westzone, die zur "Bundesrepublik Deutschland" wurde. Analog dazu verkündete der Osten am 7. Oktober die Schaffung der neuen "Deutschen Demokratischen Republik" DDR. Damit war die Teilung Deutschlands im Kontext der Schaffung eines neuen Militärbündnisses endgültig politische Realität.

Und am 1. Oktober des Jahres wurde in Asien ein Staat gegründet, welcher sich der neuen NATO immer wieder entgegensetzen sollte: die Volksrepublik China mit Mao Tse-tung an der Spitze. Damit hatte das bevölkerungsreichste Land der Erde eine Wendung zum Kommunismus vollzogen. Auch wenn China und die UdSSR aufgrund ihrer historischen Konflikte keineswegs der vom Westen propagandistisch verkündeten "kommunistischen Front" entsprachen, eignete sich der kommunistische Sieg im chinesischen Bürgerkrieg doch dazu, in den USA und in Westeuropa ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu bestärken, von dem oft beide, noch öfter aber Washington profitierte.

Die Wurzeln des ideologischen Kitts innerhalb des neuen transatlantischen Raums reichen indes weiter zurück. 1946 hatte der US-Diplomat, Historiker und Russland-Spezialist George F. Kennan sein "Langes Telegramm" aus Moskau verfasst, in welchem er darlegte, dass es keinen Modus Vivendi mit der UdSSR geben könne. Auch wenn Kennan später wiederholt klarmachte, dass sich die Sowjetunion früher oder später von alleine aus Osteuropa zurückziehen werde und dass für Westeuropa keine Gefahr bestünde, wirkte das Long Telegram wie die Zündung für eine neue, anti-sowjetische Politik der USA.

Ein Jahr später, 1947, folgte mit dem Marshall-Plan, an dessen Ausarbeitung Kennan maßgeblich beteiligt war, ein erster und vielleicht bis heute wichtigster Schritt der Westbindung eines Teils von Europa und zugleich die Spaltung des Kontinents, die über 40 Jahre dauern sollte. Im selben Jahr wurde auch das neue außenpolitische Konzept des Containments präsentiert, die Idee, den Kommunismus mit allen Mitteln einzudämmen.

"To keep the Russians out"

Schritt für Schritt radikalisierte sich so die politische Atmosphäre: Hatte sich die UdSSR 1946 nicht an der Gründung der Weltbank beteiligt, gleichzeitig aber im Alliierten Kontrollrat - die aus den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, USA, UdSSR, GB und Frankreich bestehende "Regierung" des besetzten Deutschlands - weiterhin kooperativ verhalten, so verschärfte auch sie nun zunehmend ihre Politik. 1947 zwang sie die Tschechoslowakei dazu, ihre Zusage zum Marshall-Plan wieder zurückzuziehen. Im Februar 1948 übernahm die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei auch formal vollständig das Land. Die Situation in Europa sollte sich weiter zuspitzen.

Im Zentrum der Spannungen stand das besetzte Deutschland. Dort hatten die West-Alliierten USA, GB und Frankreich im März 1948 ihre Besatzungsgebiete zur Trizone zusammengeschlossen. Nun, am 20. Juni 1948, trat auch eine Währungsreform in Kraft. Damit war klar, dass die Ostzone sich entweder dem westlichen Wirtschaftssystem öffnen musste oder aber die Teilung de facto besiegelt war. Die Sowjets, die schon im März des Jahres den Alliierten Kontrollrat verlassen hatten, reagierten mit Härte und sperrten die Zufahrtswege nach Westberlin.

Während der Blockade von Berlin werden in Berlin-Tempelhof Pakete entladen. Bild: U.S. Air Force

Die erste Berlin-Blockade dauerte fast ein Jahr (vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949) und führte zur Versorgung der West-Sektoren aus der Luft (im Volksmund "Rosinenbomber" genannt). Hatte der Marshall-Plan bereits Europa geteilt - Staaten, die unter dem Einfluss der UdSSR standen, durften sich nicht daran beteiligen -, so zementierte die Situation des besetzten Deutschland nun diese Spaltung. Schon bald würde die BRD Mitglied der NATO werden, die DDR dem Warschauer Pakt beitreten und Atomraketen innerhalb Deutschlands gegeneinander gerichtet.

Doch nicht nur die UdSSR sollte "draußen gehalten" werden, auch den kommunistischen Einfluss innerhalb westlicher Staaten wollten die USA und die westeuropäischen Eliten bekämpfen. Sowohl in Italien als auch in Frankreich waren zu diesem Zeitpunkt nicht nur linke Gewerkschaften, sondern auch kommunistische Parteien erfolgreich. Diese zu bekämpfen und damit eine Entwicklung wie jene der Tschechoslowakei, die 1948 verfassungskonform kommunistisch geworden war und sich der UdSSR zugewendet hatte, zu verhindern, wurde zu einem Ziel innerhalb der NATO. Vor diesem antikommunistischen Hintergrund konnte der Vorschlag der UdSSR 1954, selbst in die NATO einzutreten, von letzterer nur zurückgewiesen werden.

"To keep the Germans down"

Sicher war für die westdeutschen (Wirtschafts-)Eliten nur, dass die außenpolitische Orientierung an den USA erfolgen sollte, zu deutlich wurde der durch den Stalinismus diskreditierte Kommunismus gesellschaftlich, aber vor allem ökonomisch wegen der befürchteten Vergesellschaftung von Betrieben abgelehnt.

Doch nicht nur die westdeutschen Eliten hatten ein Interesse daran, die Amerikaner in Europa zu halten: Gerade die USA selbst wollten den Fehler von 1919 diesmal nicht mehr wiederholen. Eine Rückkehr zur Monroe-Doktrin, zu partiellem Isolationismus, und eine Abkehr von Europa standen für Washington nach 1945 nicht mehr zur Diskussion. Der "alte Kontinent" war das Spielfeld, auf dem man den Kampf gegen die befürchtete Ausbreitung des Kommunismus zu führen bereit war. Die Gründung der NATO am 4. April 1949 sollte die durch den Marshall-Plan bereits in die Wege geleitete wirtschaftliche West-Bindung nun auch militärisch garantieren.

So trafen sich gleich mehrere Interessen: Die USA wollten mit der NATO ihren Einfluss auf Westeuropa vertiefen. Westdeutschland zog einerseits US-amerikanischen Einfluss dem sowjetischen vor (Adenauer war die Westbindung der BRD zentrales außenpolitisches Anliegen), andererseits hatte es aufgrund der amerikanischen Besatzung auch kaum eine andere Wahl. Doch auch britische und französische Politiker und Diplomaten wünschten sich einen Verbleib der USA in Deutschland und damit innerhalb eines Bündnisses.

Der Grund lag aber nicht nur im gemeinsamen "Bollwerk" gegen Stalins Kommunismus, sondern noch anderswo: Weder Frankreich noch Großbritannien waren direkt nach 1945 wirtschaftlich, politisch und militärisch in der Lage, eine ausreichende Kontrolle über Deutschland auszuüben. Die USA waren nicht nur entscheidend dafür, den Kommunismus einzudämmen, sondern auch, Deutschlands Industriepotential zu kontrollieren und damit ein weiteres Wiedererstarken, das bis zu einem neuerlichen Krieg führen konnte, zu verhindern. Die NATO sollte also nicht nur die Amerikaner drinnen, sondern auch die Deutschen unten halten.

"To keep the Europeans down"

Als die UdSSR am 29. August 1949 ihre erste Atombombe zündete, war die US-amerikanische Vormachtstellung nach nur vier Jahren schon wieder Geschichte. Der Weg zur sowjetischen Wasserstoffbombe 1950 sowie der Ausbruch des Koreakriegs im Juni desselben Jahres sollte damit alle Transatlantiker darin bestärken, dass das dringlichste Ziel einer West-Allianz darin lag, die Sowjets vom eigenen Wirtschafts- und Sicherheitsraum draußen zu halten. Zu diesem Zweck wurde die NATO umgehend mit einer eigenen Kommandostruktur ausgestattet und damit "fit" für den Kalten Krieg gemacht.

Modell der ersten sowjetischen Atombombe im Polytechnischen Museum Moskau. Bild: Sergey Rodovnichenko / CC-BY-SA-2.0

Schon von Beginn an spiegelten sich im Führungsdualismus die wahren Machtverhältnisse: Erster militärischer NATO-Oberbefehlshaber in Europa wurde der spätere US-Präsident General Dwight D. Eisenhower, den Posten des ersten Generalsekretärs übernahm, anfangs durchaus nicht begeistert davon, der britische Lord Hastings Lionel Ismay. Bis heute stellen die europäischen Verbündeten mit dem Generalsekretär den ranghöchsten politischen NATO-Beamten, während die USA stets den höchsten militärischen Beamten für sich reklamieren.

Zugleich waren schon anfangs der 1950er Jahre Amerikaner und Europäer in der Frage der Verteidigung (West-)Europas oft unterschiedlicher Ansichten. Allerdings gelang es Washington immer wieder, diverse Pläne zur Etablierung einer eigenen, von den USA unabhängigen europäischen Verteidigungsarmee zu verhindern (wobei innereuropäische Differenzen oft ihren Teil zum Scheitern der Pläne beitrugen). Selbst das längste dieser Projekte, die 1954 von Großbritannien, Frankreich, der BRD, Italien und den Benelux-Staaten gegründete und 2011 aufgelöste Westeuropäische Union WEU (ein kollektiver militärischer Beistandspakt), fristete stets ein Schattendasein.

"To keep the Americans in" wurde so mit der Zeit zu "The Americans want to stay in", und "keep the Germans down" erweiterte sich zu "keep the Europeans down". Einzig "keep the Russians out" blieb mit unterschiedlicher Intensität die Konstante. Das ist wenig überraschend, bildet Russland doch selbst nach dem Ende der UdSSR als große Atommacht immerhin noch eine gewisse Glaubwürdigkeit als Kontrahent. Um einen solchen, das zeigen die Folgejahre nach dem Ende des Kalten Kriegs, war und ist man in Brüssel/Washington froh, eignet er sich doch als Rechtfertigung zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der eigenen Strukturen.

Dass diese schon seit langem nur noch teilweise mit Sicherheit und häufig mit Intervention und der Wahrnehmung außenpolitischen Einflusses zu tun haben, zeigt die Wandlung der NATO nach dem Ende des Kalten Kriegs. Für ihre Gründungszeit kann der Selbstdarstellung der Allianz auf ihrer Homepage allerdings durchaus noch einiges abgewonnen werden:

It is often said that the North Atlantic Treaty Organization was founded in response to the threat posed by the Soviet Union. This is only partially true. In fact, the Alliance’s creation was part of a broader effort to serve three purposes: deterring Soviet expansionism, forbidding the revival of nationalist militarism in Europe through a strong North American presence on the continent, and encouraging European political integration.

NATO

Allerdings sollte addiert werden, dass eine politische Integration Westeuropas den ökonomischen Absichten Washingtons wesentlich entgegenkam. Anders gesagt, nur ein wirtschaftlich wiedererstarktes Europa konnte der dringend benötigte Handelspartner für die US-amerikanische Überproduktion sein. Und nur eine politische Integration Europas konnte die handelshemmenden Nationalismen entscheidend einschränken.

Mit dem Anlaufen des European Recovery Programs (Marshall-Plan) zeigte sich rasch, dass die wirtschaftliche und später auch politische Integration nicht nur den USA nutzte, sondern den Westeuropäern selbst. Der Kern der US-amerikanischen Europa-Politik ist diesbezüglich bis heute konstant geblieben: Der "alte Kontinent" sollte erstarken, damit er nicht in die Hegemonie der UdSSR geraten konnte, aber zugleich nur so weit, dass er Washington nicht ernsthaft herausfordern konnte. Jeglicher diesbezüglichen Ambition begegnen die USA bis heute nach dem Motto "keep the EU down".

Lesen Sie im zweiten Teil: Die NATO im Kalten Krieg. Von atomarer Abschreckung, Gleichgewicht des Schreckens, Rüstungsspirale, Doppelbeschluss und Mauerfall bis zum Ende des Warschauer Pakts und der Sowjetunion - die NATO gewinnt den Kalten Krieg.

(Kurt Gritsch)