Die NPD, Barack Obama und die Juden

Ein Fall für den Staatsanwalt?

Jürgen Gansel ist 34 Jahre alt. Doch wer liest, was Jürgen Gansel schreibt, und hört, was Jürgen Gansel spricht, der ahnt: Der studierte Historiker und Politikwissenschaftler wäre gerne 50 Jahre älter. Denn in diesem Fall hätte er die Epoche, die er vermutlich für die größte der deutschen Geschichte hält, hautnah erleben und vielleicht sogar ein wenig mitgestalten können. Da sich die biologischen Uhren nun aber nicht zurückdrehen lassen, sitzt Jürgen Gansel unzeitgemäß im Sächsischen Landtag und versucht bis auf weiteres, wenigstens verbal einen ideologischen Bogen vom Heute zum Gestern zu schlagen.

Zu diesem Zweck schreibt Jürgen Gansel offizielle Pressemeldungen für die NPD - auch und mit besonderem Eifer aus Anlass der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Als Barack Obama in der vergangenen Woche zum Sieger des Urnengangs erklärt wurde, hielt Gansel die Zeit für gekommen, sich an diesem Beispiel noch einmal grundsätzlich zu seinen Lieblingsthemen Volk und Rasse zu äußern.

Mit der Wahl von Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA hat sich das wahre Wesen des amerikanischen Molochs im 21. Jahrhundert enthüllt. Das weiße, von europäischen Auswanderern getragene Amerika befindet sich durch Einwanderung und Rassenmischung in Auflösung und hat mit dem Afrika-Sprößling seinen symbolischen Totengräber ins Präsidentenamt gewählt.

Jürgen Gansel

Schon das weiße Amerika sei "eine kulturelle Zumutung" für die gesamte Welt gewesen, weil es anderen Völkern sein "multirassisches und damit rassenvernichtendes Gesellschaftsmodell" aufgezwungen habe. Ein nicht-weißes Amerika müsse jedoch als "Kriegserklärung an alle Menschen" verstanden werden, "die eine organisch gewachsene Gemeinschaftsordnung aus Sprache und Kultur, Geschichte und Abstammung für die Essenz des Menschlichen halten".

Doch Gansel ging noch weiter. Am 6. November 2008 phantasierte der "Alte Herr" der Burschenschaft Dresdensia-Rugia, der im Januar 2005 mit der gesamten NPD-Fraktion den Sächsischen Landtag verlassen hatte, um nicht an einer Gedenkminute für die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen zu müssen, über die "amerikanische Allianz von Juden und Negern".

Denn Gansel sah in den USA einmal mehr "die alte Selbstbehauptungsstrategie des Judentums" am Werk, der es um die Durchsetzung ihrer Minderheitenrechte und die Einebnung ethno-kultureller Unterschiede gehe. Ihre Interessen deckten sich mit denen "aller Minderheiten, Mischlinge und Entwurzelten im Schmelztiegel Amerika". Die Abneigung gegen den Kapitalismus amerikanischer Prägung und die Hoffnung auf eine baldige Gegenreaktion des Sozialstaats habe aber auch "konservative weiße Arbeiter" bewogen, Obama zu wählen. Menschen also, die nach Gansels fester und heimlich Beifall klatschender Überzeugung "sonst nicht einmal einen Neger in ihrer Nachbarschaft akzeptieren würden".

Es ist tragisch, daß von dieser antikapitalistischen Welle kein bodenständiger weißer Isolationist ins weltwichtigste Amt getragen wurde, sondern ein entwurzelter „Homo multiculturalis“, der der Welt mit seiner Charme-Offensive und seinem Versöhnungsgerede schon bald gehörig auf die Nerven gehen wird.

Jürgen Gansel

Man wundert sich ein wenig, warum der Verfassungsschutz den Autor derart plumper Hasstiraden in seinem aktuellen Jahresbericht zu den "intellektuellen Vorreitern" der NPD zählt. Doch offenbar reicht die Fähigkeit, wissenschaftlich völlig unhaltbare Rassetheorien zu zitieren, im großen Stil Geschichtsklitterung zu betreiben und antisemitische Parolen in immer neuer Form aufzubereiten, bereits aus, um sich statusmäßig von den Parteifreunden und Gesinnungsgenossen zu unterscheiden, die Gansels Theorien lieber gleich in die Tat umsetzen.

Das waren, allein in diesem Jahr, etwa 800, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor wenigen Tagen auf der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Pogromnacht.

Wir dürfen nicht schweigen, wenn antisemitische Straftaten begangen werden. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres waren es bundesweit 800. Wir dürfen nicht schweigen, wenn antisemitische Vorurteile auftauchen – ob klar erkennbar oder immer häufiger auch verdeckt, (...). Bei all dem dürfen wir nicht schweigen, denn Antisemitismus und Rassismus bedrohen unsere grundlegenden Werte: Die Werte der Demokratie, der Vielfalt und der Achtung der Menschenrechte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel am 9. November 2008

Als die Bundeskanzlerin die wehrhafte Demokratie so entschieden zum Widerstand gegen Rassismus und Antisemitismus aufrief, war Gansels neuestes Pamphlet schon wieder drei Tage alt. Nach Informationen der Chemnitzer Zeitung Freie Presse rief sein Text denn auch tatsächlich die Staatsanwalt auf den Plan, die möglicherweise prüfen will, ob "Afrika erobert das Weiße Haus" den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Immerhin sind gegen Gansel bei der Dresdner Staatsanwaltschaft bereits zwei Anklagen, u.a. wegen Verunglimpfung des Staates, anhängig.

Nicht nur die Beobachter vom NDP-Blog sind skeptisch, ob diese Überprüfung juristische Schritte nach sich zieht. Schließlich hat Gansel, von diversen anderen Ausfällen abgesehen, einen Großteil seines rechtextremistischen Arsenals bereits vor zwei Jahren in der Handreichung Argumente für Kandidaten & Funktionsträger gebündelt. Hier gibt der NPD-Funktionär "allen Kameradinnen und Kameraden", die sich entweder "im politischen Nahkampf mit den antideutschen Kräften" befinden oder gerade das "werbende Gespräch mit dem Normalbürger" führen, diverse "Hilfestellungen für die intellektuelle Aufrüstung". Doch der Staat, der nicht schweigen will, schwieg trotzdem.

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