Die Nagelbombe in der Kölner Keupstraße

Ein türkischer Offizier am Anschlagsort

Als wären das nicht schon genug Ungereimtheiten, kommt eine weitere hinzu: Zum Zeitpunkt der Explosion hielt sich ein pensionierter türkischer Offizier in der Keupstraße auf: Talat T., damals 55 Jahre alt, der in Begleitung seines sechs Jahre älteren Bruders Muzaffer T. war.

Talat T. lebt in der Türkei, Muzaffer T. wohnte in Berlin. Warum waren sie in der Keupstraße? Talat T. war zu Besuch bei seinem älteren Bruder, der ihm ein paar Städte in Deutschland zeigen wollte. Nach Hamburg und Bremen war Köln an der Reihe. Muzaffer soll den Besitzer einer Teestube in der Keupstraße gekannt haben, wie es in den Ermittlungsakten als Erklärung für die Anwesenheit am Tatort steht. Dort in dem Lokal saßen die Brüder an jenem Nachmittag. Der Teestubenbesitzer erinnert sich an sie. Jedoch: Er kannte sie nicht, und er kennt auch keinen Muzaffer T. aus Berlin. Was in den Akten stehe, stimme nicht. Er habe überhaupt keine Bekannten in Berlin.

Etwa eine Stunde saßen die Brüder in dem Lokal. Als sie vor die Tür traten, ging die Bombe hoch. Sie waren nur wenige Meter entfernt. Ihr Auto schützte sie vor den Nagelgeschossen. Muzaffer wurde am Arm verletzt und im Krankenhaus behandelt. Die Polizei stieß darauf, dass Talat T. türkischer Offizier war - und reagierte alarmiert. Ein Militär am Ort eines Bombenanschlages? Obendrein aus einem Land, das zur Nato gehört. Bestand ein Zusammenhang mit dem Attentat? Könnte es umgekehrt ihm als Vertreter des Militärs gegolten haben? Sollte er Zeuge werden?

Talat T. durfte zunächst Deutschland vier Tage lang nicht verlassen und nicht nach Istanbul zurückfliegen. Er wurde ein weiteres Mal ausführlich befragt. In der türkischen Tageszeitung Hürriyet vom August 2013 wird der pensionierte Offizier folgendermaßen zitiert: Er sei in Berlin in der Wohnung seines Bruders von mehreren "Sonderpolizisten", einer Spezialeinheit, die auch den Tatort besuchte, mehrere Stunden lang vernommen worden. Doch anschließend sei die Vernehmungsmitschrift vernichtet worden. Was in den "Stunden" alles gefragt und geantwortet wurde, erfährt man nicht.

In den vorliegenden Ermittlungsunterlagen finden sich ganze eineinhalb Seiten einer Vernehmung mit ihm, erstellt vom Landeskriminalamt (LKA) Berlin einen Tag nach dem Attentat. Eine solche Vernehmuing hätte nur Minuten, nicht Stunden gedauert. Spektakuläres kann man darin nicht lesen. Auch Rechtsanwalt Adnan E., der Talat T. als Nebenkläger im Prozess in München vertritt, kennt kein anderes Vernehmungsprotokoll.

Im Januar 2015 waren Muzaffer und Talat T. vom Oberlandesgericht in München als Zeugen geladen. Muzaffer T. reiste an, bekam aber Kreislaufprobleme und konnte nicht auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen. Talat T., der aus der Türkei einflog, sagte vor dem OLG aus. Er habe damals sofort erkannt, dass es sich um eine Bombe handelte. Insgesamt sei er dreimal vernommen worden, zweimal in Köln, einmal in Berlin von zwei LKA-Beamten. Die fragliche Vernehmung durch vier "Sonderpolizisten", deren Protokoll hinterher vernichtet worden sein soll, kam vor dem OLG nicht zur Sprache. Ebenso wenig das mehrtägige Ausreiseverbot für den Oberstleutnant.

Wer diese "Sonderpolizisten" gewesen sein könnten, bleibt im Unklaren. Richter Manfred Götzl kennt den Sachverhalt nicht, weil er nicht in den Akten steht und konnte somit nicht danach fragen. Aber auch Rechtsanwalt E. stellte keine Fragen in diese Richtung. Ihm war nicht daran gelegen, an diesen Ungereimtheiten zu rühren. Er habe seinem Mandanten geraten, so auszusagen, wie es in den Akten steht, räumte der Anwalt hinterher gegenüber dem Reporter ein. Also nicht so, wie es in der türkischen Zeitung geschildert wurde.

Mit Talat T. selber zu sprechen, war nicht möglich. Sein Anwalt schleuste ihn durch einen Hinterausgang aus dem Justizzentrum. Er gab mir den Rat, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Darauf gebe es sowieso keine Antwort. Auch sein Mandant wolle nicht darüber reden.

Die Bemühungen, den in Berlin wohnenden älteren Bruder Muzaffer T. zu befragen, scheiterten an dessen Gesundheitszustand. Im April 2015 starb er an Krebs.

Warum die Keupstraße?

Warum war die Keupstraße in Köln Anschlagsziel? Die Straße hat eine Geschichte. Sie war lange ein sozialer Brennpunkt, ein Drogenmarkt. Doch dann wurde aus dem Problemfall ein erfolgreiches Integrationsprojekt von Deutschen und Ausländern. Auch das Antidiskriminierungsbüro Köln hat seinen Sitz in der Straße. Andererseits ist nur eine Straße weiter das Amt für Verteidigungslasten angesiedelt.

Die IG Keupstraße hatte Pläne, wollte auf der angrenzenden Industriebrache ein internationales Einkaufszentrum mit Läden, Büros und billigen Wohnungen bauen. Dagegen begann sich Widerstand zu regen. Seit der Bombe wird das Bauprojekt nicht mehr verfolgt, das Gelände liegt bis heute brach.

Wer Migranten treffen wollte, wer gar ein erfolgreiches Beispiel gelungener Integration zerstören wollte, für den konnte die Keupstraße als Anschlagsziel nicht besser ausgewählt sein. Nur: Kannten die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena die Geschichte dieser Straße? Haben sie einen Tipp bekommen? Wurden sie angeleitet? Mordete die NSU-Gruppe etwa im Auftrag? Es stellt sich aber auch die Frage, ob die drei überhaupt die Haupttäter waren.

Der NSU soll insgesamt drei Sprengstoffanschläge verübt haben. Der erste am 23. Juni 1999 in einer türkischen Gaststätte in Nürnberg. Der zweite am 19. Januar 2001 auf ein iranisches Lebensmittelgeschäft in Köln. Der dritte in der Keupstraße müsste aus Sicht der Täter der "erfolgreichste" gewesen sein. Dennoch gab es keinen weiteren Bombenanschlag. Fortgesetzt wurde die Terrorserie mit Kopfschüssen auf Migranten.

Anfang Juli 2016 erfuhr man im NSU-Untersuchungsausschuss von Hessen, dass am Tag der Nagelbombe in Köln ein Verfassungsschutzbeamter aus Kassel in der Domstadt war. Er soll eine Tagung besucht haben. Die Ermittler wissen das seit langem. Sein Name: Andreas Temme. Dieser Mann hängt unmittelbar mit Mord Nummer neun im April 2006 in Kassel zusammen. - Dazu Teil 3 der NSU-Serie. (Thomas Moser)