"Die Napola-Erziehung hat mir in der Marktwirtschaft geholfen"

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NS-Eliteschulen und ihre Folgen: "Herrenkinder"

"Jugend! Jugend!/ Wir sind der Zukunft Soldaten./ Jugend! Jugend!/ Träger der kommenden Taten./ Ja, durch unsre Fäuste fällt/ Wer sich uns entgegenstellt." - Erziehung zu Härte und Schwere, zur Pflichterfüllung und Selbstvergessenheit: An den Napolas (Nationalpolitische Lehranstalten) wurde die Jugend für Hitlers nationalen Sozialismus und für den Eroberungs- und Vernichtungskrieg gedrillt. Was wurde aus den Schülern der Napolas und ihren Werten, die den Krieg überlebten?

"Uns’re Fahne flattert uns voran,/ Uns’re Fahne ist die neue Zeit./ Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!/ Ja die Fahne ist mehr als der Tod!"

Fahnenlied der Hitlerjugend

"Was ich heute noch dieser Erziehung zugute halte: Wir wurden zur Wahrhaftigkeit erzogen, wir wurden zur Lauterkeit erzogen, zu Rechtschaffenheit - und wir hatten ein Ideal."

Theo Sommer

Der Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen war einer von ihnen, Bahnchef und Unternehmer Heinz Dürr, der Industriemanager Hans Günther Zempelin, Unternehmensberater Hans Worpitz, IBM-Manager Heinz Winkler, Siemes-Marketingchef Klaus Montanus, die österreichischen Bundesminister Leopold Gratz SPÖ, und Harald Ofner, FPÖ, der FDP-Politiker Rüdiger von Wechmar, der CSU-Politiker Hans ("Johnny") Klein und DDR-Sportminister Manfred Ewald, der evangelische Bischof Werner Leich, der verurteilte Mörder Udo Proksch, Luftwaffenheld Erich Hartmann, der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr, Hans Poeppel, und der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Europa-Mitte, Leopold Chalupa.

Aber auch die Maler Horst Janssen und Arnulf Rainer, der Schriftsteller Ludwig Harig, der Poona-Jünger Jörg Andrees Elten ("Ganz entspannt im Hier und Jetzt"; "Karma und Karriere"), BILD-Kolumnist Mainhardt Graf von Nayhauß, die ZEIT-Journalisten Theo Sommer, Manfred Sack und Jochen Steinmayr, der "Frankfurter Rundschau"-Chefredakteur Werner Holzer, "Eltern"-Chefredakteur Otto Schuster, und Spiegel-Feuilletonchef Hellmuth Karasek - sie alle besuchten zwischen 1933 und 1945 eine "Napola", eine jener zwischenzeitlich über 40 nationalsozialistischen Internatseliteschulen - offiziell: "Nationalpolitische Erziehungsanstalten", NPEA -, an denen Jungen um die zehn Jahre zur künftigen Herrscherelite des Dritten Reichs, für SS und Wehrmacht und damit zu "Herrenmenschen", Unterdrückern und potentiellen Massenmördern ausgebildet wurden.

"Napola: Elite für den Führer" - so hieß jener Spielfilm von Dennis Gansel (siehe Das Gift des Konformismus), der vor vier Jahren ins Kino kam, und diese Kaderschmieden der Nazis eher verharmloste, in vieler Hinsicht auch verfälschend darstellte. Eduard Ernes und Christian Schneiders Dokumentation "Herrenkinder" zeigt jetzt mehr von den Fakten: Dieser Film handelt von den Zöglinge der NS-"Napolas" und ihre Kindern.

"In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, unerschrockene, grausame Jugend will ich. So kann ich das Neue schaffen."

Adolf Hitler

Die Schüler der Napolas wurden in einem mehrstufigen Prozess ausgewählt. Voraussetzung waren, gute Noten, intellektuelle und körperliche Leistungsfähigkeit, wie auch selbstverständlich ein "Arier-Zeugniss" sowie eine bestimmte charakterliche Disposition: Weder Strebertum, noch Duckmäuserei, sondern Selbstbewusstsein waren gefragt, ein gewisser Hang zum Rebellischen durchaus willkommen.

Prinzipiell standen die Napolas in den Traditionen der preußischen Kadetten-Anstalt und einer britischen Public School. Kadavergehorsam und Pflichterfüllung bis zum Letzten, über den Tod hinaus waren propagierte Ideale. Die aufgenommenen Schüler wurden härtestem Drill und hohen körperlichen Belastungen unterzogen: Frühsport und besondere Hochleistungsübungen - Mutproben, Sprünge vom Zehnmeterturm.

Das eigentliche Ziel war: Die Verwandlung der Jungen, das Brechen ihrer Persönlichkeit durch absolute physische Erschöpfung. Wenn dieser "Totpunkt" erreicht werde, so das Konzept, könne man die Charaktere danach neu zusammensetzen. Am "Totpunkt" wird jener "neue Mensch" geboren, der der Diktatur vorschwebte: "Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und schnell wie Windhunde." Der Kern der Ausbildung bestand, so der ausgebildete Historiker Christian Schneider, "aus einer paramilitärischen Zurichtung". Zur Napola-Ausbildung gehörten paramilitärische Übungen (Schießen, Handgranatenwerfen, Geländespiele, aber auch Segelfliegen und Motorradfahren). Hinzu kamen regelmäßige Appelle, die die Kinder am Ende in gefügige Kampfmaschinen verwandelten, beliebig verschleißbares Kriegsmaterial.

Gegen Kriegsende gehörten viele der Napola-Jungmannen zum letzten Aufgebot Hitlers, und wurden als Kanonenfutter im "Endkampf" um Berlin gegen die Rote Armee geworfen und verheizt.

Kinder haben wahrscheinlich das Gefühl: Ich will zu den Alphatieren, ich will zur Elite gehören, ich will zu denen gehören, die den anderen sagen, wo es lang geht.

Karasek

Einen Erzählstrang im Film bildet der Alltag in den Napolas - aus der Perspektive der ehemaligen Schüler, die hier ausführlich zu Wort kommen: Unglaubliche Zitate fallen: "Die Elite-Auswahl-Kriterien, die waren ja vielleicht gar nicht schlecht."; "Damals war der Befehl eine heilige Sache". "Herrenkinder" ist ein spannender Film darüber, wie junge Männer im Männerbund desindividualisiert und systematisch schutzlos gemacht werden, um ihnen alle Skrupel zu nehmen. "Es war in gewissem Sinne bis zum Ende ein Existenzkampf." Da ist die Rede von Bettnässern und ihrer Bestrafung. Da geht es um zwanghafte Ordnungsideale - das "auf Kante"-Falten der Uniformen und des Bettzeugs, darum, wie für "Verstöße" Einzelner das Kollektiv bestraft wurde, um Schinderei und "Schliff", da geht es um geheime Aufnahmerituale und Klassenkeile - um kollektiven Sadismus und Sozialdarwinismus als Grundlage von Erziehung und des Funktionierens des Männerbundes.

Vielleicht wird etwas zu wenig klar, dass hier nicht alles 1933 vom Himmel gefallen ist. Dass die Napolas in mancher Hinsicht nur die konsequente Fortsetzung der preußischen Kadetten-Anstalten waren, der Jugendbewegung nach 1900, dass die "Gelobt sei, was hart macht"-Moral mit Frühsport und Kaltduschen eigentlich in der Hygienebewegung und der "Mens sana in corpore sano"-Ideologie des 19. Jahrhunderts wurzelt, und noch in der heutigen Gesundheitsideologie und -politik fröhliche Urständ feiert - so wie die Idee der Kollektivhaftung.

Eine Zeit, die ich 1954 in meiner Bewerbung für eine Schlosserlehrstelle glatt unterschlug, weil es damals noch überhaupt nicht opportun war, so etwas zu erwähnen. Ganz im Gegensatz zu heute, wo die Napola in fast keinem Nachkriegsgrößen-Lebenslauf fehlen darf.

Heinz Dürr

Ich halte Pessimismus für Charakterschwäche und Optimismus für eine moralische Pflicht.

Heinz Dürr

Diese Haltung macht Heinz Dürrs Buch für junge Menschen lesenswert. Hier können sie nachlesen, auf was es im Leben ankommt.

Dieter Stolte

Das bis heute provokative dieser Napolas ist ihr Weiterwirken. Denn in gewissem Sinn haben sie ihr Ziel erreicht: Nach dem Krieg besetzten tatsächlich viele ihrer Schüler führenden Positionen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft - allerdings in der westdeutschen Bundesrepublik: "Die Erziehung in der Napola hat mir später in der freien Marktwirtschaft geholfen, mich durchzusetzen", sagt Graf Nayhauß unverblümt. Wie weit haben die Napola-Erziehungsideale, ihr Sadismus und Darwinismus, ihre Vorstellungen von Pflicht und Erziehung sich nun auf ihr Leben und Tun, auf die Bundesrepublik ausgewirkt?

"Das Heranziehen des Elite-Nachwuchses führt zu einem neuen Typus Wirtschaftsführer, dem Typus der leitenden Angestellten", so Christian Schneider. Nicht die politische Propaganda war die Indoktrinierung, sondern die autoritären, antidemokratischen Strukturen selbst wirkten indoktrinierend. Sie wirkten weiter in Form eines "unanstößigen" Katalogs von scheinbar unpolitischen Sekundärtugenden wie Pflichterfüllung, Pünktlichkeit, Selbstbehauptung und Selbstüberwindung, gebündelt dann in späteren Jahren der Bundesrepublik zu einem neuen Preußentum.

Schon die oben aufgestellte Liste einiger prominenter Napola-Schüler zeigt einerseits, dass man von einer einfachen, primitiven Übernahme von NS-Werten keineswegs sprechen kann. Die Nachwirkung ist komplexer und für viele Ex-Napola-Schüler viel belastender. Die Beiträge von Helmuth Karasek, die im Gegensatz zu jenen von Theo Sommer zu den klügsten Passagen des Films gehören, machen da einiges deutlich: Als "Stockholm-Syndrom" und Identifikation mit dem Aggressor beschreibt Karasek seinen seinerzeitigen Seelenzustand, wie dessen Folgen.

"Herrenkinder" ist ein spannender Film darüber, wie junge Männer im Männerbund desindividualisiert und systematisch schutzlos gemacht werden, um ihnen alle Skrupel zu nehmen. Dabei ist der Film keineswegs auf eine rein historische Dokumentation reduzierbar. Zwar geht es deutlich auch darum den Nationalsozialismus als die große Jugendbewegung zu verstehen, der er auch war. Und um die verblasenen Ideale, die dem zugrunde lagen. Aber es geht noch um zweierlei sonst: Zum einen beschreibt der Film das Hineinwirken der Napolas in die bundesrepublikanische Gesellschaft und anhand von zwei Beispielen die Folgen, die eine Napola-Mitgliedschaft für die betroffenen Familien haben konnte.

"Wir wurden gefordert - was jungen Menschen gut tut."

Eine anonyme Stimme im Film

Deutschland, du wirst leuchtend stehn/ Mögen wir auch untergehn.

Fahnenlied der Hitlerjugend

Zugleich ist dies ein Beitrag zu jenen aktuellen Debatten, in denen über Elite geredet wird. Denn längst ist es bekanntlich wieder chic geworden, gegen Gleichheit zu sein - und darüber auch zu reden. Ein Lob der Ungleichheit wird angestimmt, Menschen erklären sich selbst zu Eliten. Man vergisst dabei vor allem, dass Elite immer mit Abgrenzung zu tun hat. Und dass es Eliten nur geben kann, wenn es einen großen Rest gibt, der nicht zur Elite gehört. Wer von "Elite" redet, sagt damit, dass es andere gibt, die draußen bleiben sollen und müssen, und dass das gut so ist.

Allenfalls drückt man es dann mitunter lieber vornehmer aus: Statt "Elite" sagt man dann "Leistungsträger". Aber was tragen diese Leistungsträger denn eigentlich? "Leistung"? Das wäre unsinnig - aber das schlechte Deutsch spiegelt unbewusst die Verdruckstheit und Unoffenheit der dahinter liegenden Gedanken. Oder tragen sie "Die Fahne". Oder den selbstgesetzten Anspruch zum "führen" und herrschen geboren zu sein? Zur "Verantwortung". Sie "tragen Verantwortung". Immerhin Alfred Herrhausen drückte es etwas unverblümter aus: "Natürlich haben wir Macht. Es ist nicht die Frage, ob wir Macht haben oder nicht, sondern die Frage ist, wie wir damit umgehen, ob wir sie verantwortungsbewusst einsetzen oder nicht." Herrhausen propagierte "Staatsbejahung, Selbstsicherheit und Zukunftsoffenheit", er sprach von einer "gesellschaftspolitischen Mission" des Managers, stellte aber auch die "Fixierung auf Wachstum" infrage.

"Ein Wall von Leibern schützt unser Land./Geliebte Väter und Brüder/ Sie kämpfen und ringen, das Schwert in der Hand, /Und mancher kehrt niemals wieder./ Die Lücken zu schließen, wir wachsen heran./ Ihr schirmt unser Wachsen und Reifen./Einst werden wir dann Mann für Mann/Euere Waffen und Pflichten ergreifen", schreibt Alfred Herrhausen 1943 in einem Gedicht an seine Eltern. Später sagte er dann einmal:

Ich habe aus diesen Jahren keinen Schaden, sondern eine Menge an preußischen Tugenden mitgenommen, die mir im Leben weitergeholfen haben.

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