Die Neue Rechte und Marx?

Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Bild: self/CC BY-SA-3.0

Konrad Lotter zur Bezugnahme "neurechter Vordenker" zu Karl Marx

Ausgerechnet die Philosophen der "Neuen Rechten" haben ihre Liebe zu Karl Marx entdeckt. Die aktuelle Ausgabe des Widerspruch widmet sich genau diesem Thema. Telepolis sprach mit dem Redakteur Konrad Lotter.

Herr Lotter, was ist die "Neue Rechte", welche Personen, in welchen Organisationen und Zeitschriften sind dabei involviert?
Konrad Lotter: Als "Neue Rechte" möchte ich in erster Linie die "intellektuellen" Zirkel bezeichnen, die sich im Umfeld von rechten Verlagen (Antaios, Jungeuropa), rechten Zeitschriften (Junge Freiheit, Sezession, Blaue Narzisse) oder dem rechten Institut für Staatspolitik herausgebildet haben. Für gewöhnlich wird die extreme Rechte nur in ihren vulgären Formen wahrgenommen und mit den Gefolgsleuten der NPD, von Pegida, den "Reichsbürgern" oder der "identitären Bewegung" wahrgenommen.
Weniger bekannt sind diejenigen, die sich in der Nachfolge von Armin Mohler oder Alain de Benoist um eine "philosophische" Begründung ihrer rechten Positionen bemühen, sich als "Vordenker" begreifen und Einfluss auf den Kurs der AfD nehmen wollen.
Zum Teil arbeiten sie an Konzepten, die die Rechte auch für die bürgerliche Mitte attraktiv machen soll, zum Teil propagieren sie neuerdings auch die Kapitalismuskritik von Marx, womit sie offenbar unter Gewerkschaftern und Linken für sich werben wollen.

"Auschwitz als Mythos"

Und was unterscheidet die "Neue Rechte" von der alten?
Konrad Lotter: Zuerst versteht sich die "Neuen Rechte" als eine europäische, nicht als rein deutsche Bewegung. Von der alten Rechten unterscheidet sie sich aber vor allem durch ihre Abgrenzung gegenüber den Nationalsozialismus. Diese Abgrenzung geht allerdings mit einer Relativierung und Verharmlosung des Nationalsozialismus Hand in Hand.
Typisch für diese Doppelstrategie ist etwa, dass die 12 Jahre Hitler als "Vogelschiss" bezeichnet werden, sozusagen als Quantité négligeable der deutschen Geschichte, auf die wir doch alle stolz sein müssten. Typisch ist auch, dass Auschwitz nicht mehr geleugnet wird, was innerhalb der alten Rechten verbreitet war, sondern als "Mythos" bezeichnet und heruntergespielt wird: als Mythos, der ungerechtfertigter Weise zum Gründungsmythos der Bundesrepublik hochstilisiert wurde.
Wie halbherzig die Abgrenzung gegenüber dem Nationalsozialismus ist, zeigt sich auch darin, dass bestimmte Ideologeme übernommen und nur wenig abgewandelt und in einer akzeptableren sprachlichen Form präsentiert werden. So etwa wird die "Rassenlehre" durch den scheinbar neutralen Begriff des "Ethnopluralismus" ersetzt, der angeblich keine Vorurteile gegenüber anderen Ethnien beinhaltet, insbesondere dann, wenn diese Ethnien dort bleiben, wo sie herkommen und nicht in Europa oder Deutschland einwandern.
Auch die Kombination von Nationalismus und (demagogischem) Sozialismus zu einem national-sozialistischen "Dritten Weg" wird von der "Neuen Rechten" reaktiviert. Sie erscheint unter dem Label "Querfront".

"Wegbereiter des Nationalsozialismus"

Sie sprachen von philosophischen Begründungen rechter Positionen in der Nachfolge von Armin Mohler oder Alain de Benoist. Was meinen Sie damit?
Konrad Lotter: Was die "Neue Rechte" charakterisiert, ist der angestrengte Versuch, sich ein philosophisches Ansehen zu geben. Ihre bisher favorisierten Referenzen waren diejenigen Autoren aus der Zeit der Weimarer Republik, die Armin Mohler unter den bezeichnenden Begriff der Konservativen Revolution zusammengefasst hat. Dazu zählen Oswald Spengler, Moeller van den Bruck, Ernst Jünger, Otto Strasser und viele andere.
Deren gemeinsames Ziel war es, die von der Französischen Revolution ausgehenden Entwicklungen des Liberalismus und der Demokratie rückgängig zu machen und zu "organischen" (völkischen oder ständisch-gegliederten) Gemeinschaften zurückzukehren. In der Geschichtswissenschaft werden sie als Wegbereiter des Nationalsozialismus dargestellt. Nicht alle Vertreter der Konservativen Revolution sind allerdings (wie etwa Carl Schmitt) den Weg, den sie geebnet haben, bis zu seinem Ende gegangen.
Sogar der Hitler-Attentäter Stauffenberg, der nur den Krieg, aber nicht die Diktatur beenden wollte, gehört zum Kreis der Konservativen Revolution. Unter Berufung auf diesen Kreis möchte die "Neue Rechte" einen gewissermaßen "ideologisch unverdächtigen", das heißt einen "Konservativismus" begründen, der nicht mit dem Nationalsozialismus identisch ist.
Volker Weiß 1 oder Armin Pfahl-Traughber 2 haben die Verbindungen der "Neuen Rechten" zur Konservativen Revolution gründlich erforscht und dargestellt. Wie aus den Beiträgen des Widerspruch allerdings hervorgeht, hat sich das philosophische Interesse der "Neuen Rechten" inzwischen etwas verschoben und auf zwei andere Theoretiker verlagert: auf Martin Heidegger (samt seinen Adepten Botho Strauss und Peter Sloterdijk, deren Verehrung für den "Meister aus Deutschland" auch durch die Veröffentlichen der Schwarzen Hefte nicht erschüttert wurde) und eben - wer hätte damit gerechnet - auf Karl Marx.
Wie kommt die "Neue Rechte" ausgerechnet auf Marx?
Konrad Lotter: Der Startschuss wurde offenbar in Frankreich gegeben. Zum Jahreswechsel 2004 /2005 hat die Zeitschrift Éléments ein Heft mit dem Titel "Befreien wir Marx vom Marxismus" veröffentlicht, in dem ein Gespräch zwischen Alain de Benoist und dem italienischen (Ex-) Marxisten Costanzo Preve abgedruckt war. Die Tendenz dieses Gesprächs ist schon durch den Titel des Hefts bezeichnet:
Marx soll vom Sozialismus, von der Utopie der klassenlosen Gesellschaft, vom Humanismus "befreit" und mit nationalistischem und fremdenfeindlichen Gedankengut amalgamiert werden. In Deutschland wurde diese "Anregung" zuerst von Rolf Peter Sieferle aufgegriffen. Auf der einen Seite hat er für den renommierten Junius-Verlag das Buch Karl Marx zur Einführung3 geschrieben.
Auf der anderen Seite aber auch zwei Bücher über Das Migrationsproblem4 und zuletzt Finis Germania5, in denen er auf neurechte, exaltierte Weise gegen Asylsuchende, gegen das deutsche Schuldbewusstsein und gegen "Rituale" der Vergangenheitsbewältigung hetzt. Wie diese zwei Seiten zusammengehen, bleibt allerdings sein Geheimnis. Denn darüber, wie diese Hetze zur Theorie von Marx steht, wie sich diese Hetze durch Marx rechtfertigen lassen soll, macht Sieferle keine Angaben.Eine solche Rechtfertigung dürfte ja auch in der Tat schwerfallen.
Worin besteht aber dann das neurechte Interesse an Marx? Irgendeine "Amalgamierung" mit rechtem Gedankengut muss es doch geben…
Konrad Lotter: In dem Sammelband Marx von rechts 6 mit Beiträgen von Alain Benoist, Diego Fusaro und Benedikt Kaiser und einem Vorwort von Philip Stein wird man dazu eher fündig, obwohl auch hier nicht leicht zu erkennen ist, wofür man Marx funktionalisieren will. Am deutlichsten wird das Vorwort. Darin wird Marx als Kritiker der Liberalismus und der "weltumspannenden kapitalistischen Vereinzelung" der Menschen in Anspruch genommen.
Dieser Vereinzelung wird dann das Programm einer neuen (völkischen) "Einheit" entgegengestellt, die nicht in der "Versöhnung der Klassen", sondern in der ethnisch-kulturellen Gemeinschaft und unter Ausschluss aller Fremden, Asylsuchenden oder Andersgläubigen besteht.
Benedikt Kaiser begründet sein Interesse an Marx mit der Kritik am "romantischen Antikapitalismus", was eine gewisse Absage an die Autoren der Konservativen Revolution enthält, die ihre "organischen" Gegenbilder zum Kapitalismus in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft suchten.
Auf alle Fälle steht der "Marxismus" der "Neuen Rechten" im Zusammenhang mit ihrer Politik der "Querfront". Er ist geeignet, um auf dem Terrain der Linken zu wildern. Von der Feindschaft, die noch die alte Rechte gegenüber 1968 pflegte, ist inzwischen nicht mehr viel zu spüren.
Im Gegenteil: Die "Neue Rechte" hat von der Linken gelernt, ahmt ihre "subversiven Aktionen", ihre gezielten Regelverstöße nach, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder versucht, in der Nachfolge von Antonio Gramsci, die "kulturelle Hegemonie" zu gewinnen.

"Eine Reihe von Parallelen"

Falls Sie die fehlende Behandlung von sozialen Klassen, beziehungsweise von Klassenherrschaft in diesen Beiträgen monieren: Auch die neue Marx-Lektüre von Michael Heinrich und Ingo Elbe sowie die Werttheoretiker um Robert Kurz tun sich mit diesem Thema ebenfalls schwer. Was unterscheidet diese Ansätze vom neurechten Denken?
Konrad Lotter: Die Vertreter der Neuen Marx-Lektüre, die Sie genannt haben, erhöben wahrscheinlich lauthals Protest dagegen, in die Nähe der neurechten Marx-Interpreten gerückt zu werden. Tatsächlich gibt es aber eine Reihe von Parallelen. Zuerst die von Benoist erhobene Forderung, Marx vom Marxismus zu befreien, die sich in der gleichen Weise auch bei Slavoj Žižek oder den Vertretern der Neuen Marx-Lektüre findet.
Damit wird nicht nur der Marxismus der alten KPs, sondern auch die Utopie der klassenlosen Gesellschaft oder der Marxsche Humanismus verabschiedet. Dann die von Benedikt Kaiser erhobene Forderung, wieder "auf direkten Wege zum Text [von Marx]" zurückzukehren, die offenbar auf das Selbstverständnis der Neuen Marx-Lektüre anspielt. Schließlich das auf die ökonomische Theorie zentrierte Interesse, das mit einer Herabsetzung von Friedrich Engels einher geht.
Allerdings hält die Neue Marx-Lektüre, die auf Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt zurückgeht, den "akademischen Raum" für das "bedeutendste Wirkungsfeld marxistischer Theoriebildung" (Elbe). Sie hat ein wesentlich wissenschaftliches Anliegen, das sich von der Politik fernhält. Dagegen erhebt die Neue Rechte den dezidierten (wenn auch absurden) Anspruch, rechte Politik mit marxistischer Theorie zu begründen.
Schickte die Neue Marx-Lektüre den Arbeiter als Subjekt der Geschichte in Rente, so möchte die "Neue Rechte" diese Rolle offenbar auf den deutschen Vaterländer übertragen. Dabei erhebt sie Anklage gegen "wesentliche Teile" der Linken, "kein Interesse mehr an einer Marxschen ‚Expropriation der Expropriateure‘" mehr und "Ihren Frieden mit dem Kapital" geschlossen zu haben.

"Rhetorik, die von wenig Sachkenntnis zeugt"

Kann man überhaupt von einem eigenständigen Marx-Verständnis der "Neuen Rechten" sprechen?
Konrad Lotter: Wenn man liest, wie sich Benoist gleichermaßen gegen den "obsessiven Antimarxismus" der Konservativen und den "dogmatischen Marxismus" der alten KPs abgrenzt, wie er sich auf Robert Kurz, Moishe Postone oder Alfred Sohn-Rethel beruft, für einen ökologischen Marxismus plädiert, so glaubt man fast, den Vertreter einer linken Erneuerungsbewegung vor sich zu haben.
Kein Zweifel: Er verfügt über gründliche Kenntnisse des Marxschen Werks. Damit steht er, wie auch Rolf Peter Sieferle, im Gegensatz zu anderen "Marxisten" der "Neuen Rechten". Benedikt Kaiser etwa wirft den Linken vor, sie hätten Marx nur "selektiv" und durch die jeweilige Parteibrille rezipiert, während die Rechte "auf direktem Wege zum Text" zurückkehre und "unbefangen" von Marx lerne. Das ist eine Rhetorik, die von wenig Sachkenntnis zeugt.
Fusaro, ein Schüler Costanzo Preves, wirft Marx vor, er hätte - im Gegensatz zu Hegel, der die Wahrheit als Prozess der fortwährenden "Aufhebung" fasst, wodurch er die Kritik des "Falschen" mit der Aufbewahrung des "Richtigen" verbindet - nicht zwischen Genesis und Geltung unterschieden. Stattdessen hätte er die Geltung der Ideen auf die geschichtliche Epoche ihrer Genese begrenzt. Das ist natürlich Unsinn. Tatsächlich hebt Marx bei aller Kritik der französischen Aufklärung, an Adam Smith, an Hegel oder Feuerbach doch stets das über ihre Genese hinaus Geltende ihrer Gedanken in seiner Theorie auf.
Wie steht denn die AfD zur "Marx-Begeisterung" ihrer "Vordenker"?
Konrad Lotter: Das Grundsatzprogramm der AfD enthält ein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft, zum sog. Ordoliberalismus von Walter Eucken, Alfred Müller-Armack, Wilhelm Röpken und Ludwig Erhardt. Privateigentum und Markt werden als "zentrale Prinzipien" genannt, jede Form staatlicher Planwirtschaft zurückgewiesen. Alice Weidel, eine der Vorstandsvorsitzenden der Partei, arbeitete bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors als Vermögensberaterin. Zwischen den Theoretikern und den Praktikern der Rechten gibt es offenbar "Klärungsbedarf", um es mal vorsichtig zu sagen.

"Die Rechten hatten einen Punktsieg gelandet"

Zuletzt noch einmal zum Verhältnis der "Neuen Rechten" zu 1968. Lassen sich zwischen "Neuen Rechten" und "Neuen Linken" auch Parallelen entdecken?
Konrad Lotter: Die These von Thomas Wagners Buch Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten7 lautet ja: Die Studentenrevolte ist die Geburtsstunde der "Neuen Rechten" und nur als Spätfolge von 1968 lasse sich die AfD oder die "identitäre Bewegung" richtig begreifen. In dieser Form erscheint mir die These zumindest übertrieben, wenn nicht falsch. Auf der Oberfläche gibt es natürlich Parallelen, wie etwa das Interesse an der Marxschen Theorie, wobei das rechte Interesse an Breite und Tiefe doch Lichtjahre hinter dem linken Interesse zurückbleibt. Genauso steht es mit den Formen des Protests.
Die sogenannten "subversiven Aktionen" wurden im "Münchner Untergrund" von Dieter Kunzelmann und Frank Böckelmann entwickelt, die sich dabei auf den Situationisten Guy Debord, auf Sigmund Freud und Adorno beriefen und deshalb als Linke wahrgenommen wurden.
Tatsächlich waren es "Antiautoritäre", die mit ihren Provokationen nur gegen gesellschaftliche und staatliche Autoritäten protestierten, ohne zugleich auch gesellschaftliche Alternativen aufzuzeigen. Die Formalität des Protests war die Bedingung dafür, dass diese Formen unmittelbar von den Rechten in Form der "konservativen subversiven Aktion" (Götz Kubitschek) übernommen werden konnten.
Das "Antiautoritäre" von Böckelmann oder Bernd Rabehl, die sich als bloße "Angstmacher" betätigten, war offenbar auch die Bedingung für ihren reibungslosen Wechsel ins rechte Lager. Mit ihrem Versuch, die "kulturelle Hegemonie" zu erringen, war die "Neue Rechte" zumindest in ihrer Polemik gegen die "Lügenpresse" nicht erfolglos.
Peter Sloterdijk sprach noch vornehm vom "dominanten linksliberalen Feuilleton"; bei den Anhängern von AfD, Pegida und andere wurde daraus der Aufschrei gegen den "grün-linksliberal versifften Mainstream", der rechte Ansichten unterdrücke oder sie verzerre. Nahezu alle großen bürgerlichen Zeitungen haben das Thema aufgenommen.
Plötzlich hatte, wie eine Umfrage ergeben hat, die Mehrheit der Deutschen den Eindruck, ihre Meinung nicht mehr frei äußern zu können (und unter linker Vormundschaft zu stehen).Wenn dieser Eindruck auch unbegründet und völlig falsch war, so hatten die Rechten damit doch einen Punktsieg gelandet.