Die Nutzung von Facebook macht eifersüchtiger

Die Psychologin Amy Muise über Veränderungen in Beziehungen und Freundschaften durch Facebook

Die kanadische Psychologin Amy Muise erforscht, wie Online-Netzwerke Liebesbeziehungen verändern. In ihrer Studie über Facebook More Information than You Ever Wanted heißt es: "Früher waren Beziehungspartner nicht einer täglichen Kontrolle ihrer Interaktion mit den anderen Mitglieder ihrer sozialen Gruppe ausgesetzt. Die Entwicklung von sozialen Netzwerken wie Facebook hat zu einem tiefgreifenden Wandel dieser Praxis geführt."

Amy Muise glaubt, dass durch social media unter anderem Eifersucht zu einem zunehmenden Problem. Mit zwei Kollegen von der University of Guelph hat sie etwa 300 junge Studierende befragt, drei Viertel davon junge Frauen. Dabei stellte sich nicht nur heraus, dass diese durchschnittlich 39 Minuten am Tag mit Facebook verbringen und erstaunliche 173 Personen auf ihrer Kontaktliste haben, sondern auch, dass die Zeit der Nutzung mit den Stärke von Eifersuchtsgefühlen korreliert. Je mehr social media, desto eifersüchtiger – oder ist es umgekehrt?

Der Untertitel Ihrer Studie lautet "Does Facebook Bring Out the Green-Eyed Monster of Jealousy?" Was haben Sie herausgefunden – weckt das Online-Netzwerk wirklich das Monster der Eifersucht?
Amy Muise: Ich glaube ja! Die Menschen sind im Online-Netzwerk einfach mehr Anlässen ausgesetzt, die Eifersucht erzeugen. Den zusätzlichen Informationen fehlt sehr oft der Kontext, sie sind mehrdeutig. Unser Partner fügt beispielsweise jemanden zu seiner Freunde-Liste hinzu, den wir nicht kennen. Dann schicken sie sich Nachrichten, die wir nicht verstehen. All das sind mögliche Auslöser für Eifersucht oder Unsicherheit.
Aber sind denn soziale Netzwerke nicht eher ein Spiegel als ein Verstärker? Oder anders gefragt: Hat Facebook diese Wirkung auch auf Menschen, die eigentlich nicht zur Eifersucht neigen?
Amy Muise: In unsere Studie haben wir bei der Auswertung versucht, individuellen Persönlichkeitsfaktoren auszuschalten, darunter auch die allgemeine Neigung zur Eifersucht. Trotzdem zeigte sich, dass unsere Probanden umso eifersüchtiger waren, je mehr Zeit sie mit Facebook verbrachten. Weil wir automatisch auf jede Aktivität des Partners, auf jeden neuen Eintrag hingewiesen werden, ist ein fester Vorsatz nötig, um nicht zu schauen, was der Freund oder Freundin gerade machen.
Viele berichteten, dass es für sie geradezu zu einer Sucht wurde, die Internetaktivitäten des Partners zu verfolgen. Es ist so einfach! Und anders als die Jackentaschen zu durchwühlen oder heimlich das Tagebuch zu lesen, birgt es keinerlei Risiko; man kann den Partner unbemerkt überwachen. Dadurch entsteht oft eine Feedback-Schleife: Wer unsicher ist, schaut häufiger auf die Seite des Partners, und dort ist er noch mehr Eifersuchtsauslösern ausgesetzt, er findet weitere Informationen, die ihn unsicher machen. Mittlerweile gibt es hierzulande einen eigenen Ausdruck dafür, einen ziemlich abwertenden übrigens: Facebook-creeping (in etwa: „Facebook–Schnüffelei“, MB). Die Praxis ist immer noch weitgehend stigmatisiert, und viele verschweigen ihrem Partner solche Aktivitäten
Haben Online-Netzwerke Ihrer Meinung nach das Potenzial, die romantische Zweisamkeit zu verändern?
Amy Muise: In gewisser Weise ja. Wir gewöhnen uns daran, diese zusätzlichen Informationen über unseren Partner zu haben. Durch Facebook wird Enthüllung normal. Nicht nur das, die Paare bewegen sich nun in gewisser Weise in der Öffentlichkeit. Selbst wenn einer der Partner dem anderen vertraut, kommt es vor, dass er sich unwohl dabei fühlt, dass die anderen den Eindruck haben könnten, ihre monogame Beziehung sei nicht gesichert. Zum Beispiel machen wir in unserem Profil persönliche Angaben wie „Verheiratet“ oder „In einer Beziehung“. Nach der Trennung wird die Änderung zu so etwas wie eine öffentliche Bekanntgabe, die Freunde fragen nach, was los ist – das Ende der Beziehung lässt sich nicht verheimlichen, nicht einmal für eine kurze Übergangszeit.
Besonders schwierig ist der Umgang mit den Online-Netzwerken nach einer Trennung. Nur wenige brechen die Verbindung über Facebook ganz ab; schließlich wollen sie wissen, wie sich der Partner nun verhält, ob er schnell wieder eine neue Beziehung eingeht, ob er leidet und ähnliches. Gleichzeitig leiden viele unter solchen Informationen.
Ist nicht Vertrauen eine notwendige Grundlage für eine Liebesbeziehung? Was passiert damit, wenn Enthüllung und Kontrolle normal und erwartet wird?
Amy Muise: Gute Frage! Wir haben uns bisher nur mit Studierenden beschäftigt, die mit Online-Netzwerken aufgewachsen sind, sie haben keine früheren Erfahrungen mit sexuell-romantischen Beziehungen. Wir wollen jetzt eine ältere Gruppe bilden und schauen, wie die mit Facebook umgehen.
Vor zwei Jahren hat in Wales ein Mann seine Partnerin umgebracht, nachdem sie ihr Profil von „Verheiratet“ zu „Single“ änderte. Sollten eifersüchtige Menschen sich besser von Online-Netzwerken fernhalten?
Amy Muise: Das würde vielen ziemlich sehr schwer fallen. Gerade für junge Leute sind die Online-Netzwerke ein ganz wichtiger Teil ihres sozialen Lebens. Facebook hat 200 Millionen Nutzer und täglich werden es mehr. Entsprechend steigt der soziale Druck, dazu zu gehören. Mit der Zeit werden wir hoffentlich Wege finden, mit den negativen Effekten der Netzwerke umzugehen. Und die alten Regeln für Beziehungsprobleme bleiben weiterhin gültig: Offen mit dem Partner darüber reden, was uns emotionale Schwierigkeiten macht, absprechen, was im sozialen Netzwerk veröffentlicht werden soll und was nicht.
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