"Die Oberschicht ist die einzige Klasse, die noch wirklich kollektiv und solidarisch funktioniert"

Bling-Bling: allzu schrille Beziehungen zwischen der politischen Klasse und den alten wie neureichen Familien in Frankreich - ein Räderwerk, das eigentlich im Verborgenen arbeitet

Mit dem Einzug von Nicolas Sarkozy in den Präsidenten-Palast wurde in Frankreich ein neues kennzeichnendes Schlagwort gefunden: „Bling-Bling“. Es steht nicht nur für das Funkeln der Rolex am Handgelenk des neuen Mannes im Elysée, die der Präsidentschaftskandidat gelegentlich liebevoll erwähnt hatte, sondern für eine neue politische Kultur, in der gute Verbindungen zu höheren und reichen Kreisen offen zur Schau gestellt wurden. Glamour, zuvor Monopol von Lebemännern, wenigen illustren Geschäftsmännern („Tycoons“) und der schillernden Bohème, strahlte nun auch vom photoshop- und fitnessathletikgeschönten Körper des neuen Präsidenten, der sich den Paparrazzis auf Yachten seiner betuchten Freunde und an anderen Orten des schönen, reichen Lebens präsentierte.

Seit Mai 2007 hat sich einiges verändert. Höhepunkt des Gala-Lebens Sarkozys war die Hochzeit mit der Sängerin und Ex-Modell Carla Bruni, Staatsgast-Auftritte der beiden sind Restlichter des schönen Festes. Eine lange Reihe von Skandalen haben lange und nachhaltige Schatten über diese Blüte geworfen, „Bling-Bling“, ohnehin nicht der Glanz, den man ersehnt, wird in Frankreich längst mit Obszönität assoziiert. Mit dem Kabinenausspruch des französischen Fußballstars Anelka, der seinem Trainer auf schmutzig-derbe Weise beleidigte, werden auch derbe Gassensprüche Sarkozys noch einmal hervorgeholt und „Bling-Bling“ galt nun einer ganzen Schicht von egoistischen, unkultivierten, verdorbenen Neureichen, welche nicht zufällig während der Präsidentschaft Srakozys Oberwasser haben und das Image der einstigen Kulturnation beschädigen.

Dass zur selben Zeit, als die Diskussion über das beschämende Scheitern der Fußballelf die Medien und Öffentlichkeit dominierte, Skandale von Regierungsmitgliedern bekannt wurden, die sich an Staatsgeldern bereicherten, um sie beispielsweise in Form von teuren kubanischen Zigarren elegant in Luft aufgehen zu lassen, wurde ebenfalls nicht als zufällig gewertet, sondern als typisch für den Bling-Bling-Geist der Zeit. Und Srakozy kommt nicht zur Sommerruhe: Schon schrillt der nächste Skandal und gibt Bling-Bling-Zeichen, die Affäre „Woerth-Bettencourt“. Diesmal könnte es ernster werden.

Im Mittelpunkt der jüngsten Fortsetzung von Geschichten, die von einer engen Kooperation zwischen der politischen Klasse und der Schicht der reichen Eilte erzählen, steht eine extravangante, steinreiche Dame, Liliane Bettencourt, geschätztes Vermögen 17 Milliarden Euro, und der französische Arbeitsminister Eric Woerth, früher Haushaltsminister. Geschichten und Skandale, die sich schon seit längerem um die eigenwillige Erbin des L'Oréal Gründers Eugène Schueller versammeln, sind so zahlreich wie unzerstörbare Shampoo-Flaschen, die in den Weltmeeren schunkeln (kurz gefasster Überblick etwa hier).

Dazu gehören seit jüngstem etwa Tonbandaufzeichnungen, die ein Bediensteter dem französischen Internetmagazin Mediapart übergab, die auszugsweise auch schon ins Englische übersetzt wurden. Das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Betencourt und ihren Günstlingen (Grafik) hat Knotenpunkte, die zu Sarkozys engerer Umgebung führen und zu ihm selbst. Sarkozy soll nach Angaben von Mediapart schon in seiner Zeit als Bürgermeister in Neuilly und später als Prsidentschaftskandidat gut gefüllte Briefumschläge von Bettencourt erhalten haben.

Im Mittelpunkt der Debatte steht aber (noch) insbesondere der frühere Haushaltminister Eric Woerth, dessen Frau Florence bei einem Unternehmen Bettencourts in leitender Position arbeitete - bei der Vermögensverwaltung. Besonders pikant in diesem Zusammenhang ist die 30 Millionen Steuerückzahlung vom Mai 2008, die Liliane Bettencourt erhielt – zu Zeiten als Woert als Haushaltsminister für die franzöischen Finanzen und dessen Frau für Bettencourts Finanzen zuständig war. Woerth, dessen Zustimmung als Minister für eine derartige Rückzahlung nötig war, versucht sich derzeit mit großer Mühe herauszureden. Die unmittelbaren politischen Folgen dieser Affäre könnten Sarkozy gefährlich werden, wie dies heute auch in größeren deutschen Medien dargestellt wird.

Doch wird es auch mittelbare Auswirkungen auf das Zusammenspiel zwischen der französischen Oberschicht und dem politischen Milieu um Sarkozy geben, die führenden Familien könnten auf mehr Abstand zum Bling-Bling-Präsidenten gehen, folgern Kenner der schwer zugänglichen Schicht. Was die in Frankreich bekannten Beobachter der Oberschicht, das Soziologenpaar , Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot im InternetmagazinRue89.com an Einblicken zu Verhaltencodizes, Ambitionen, Verbindungen und Zielen der höheren Klassen im Nachbarland äußern, gehört zu den interessantesten Beiträgen zur Affäre Woerth-Bettencourt.

So räumen die beiden mit der Sichtweise auf, diesen Fall, wie andere auch, im Rahmen von Geschäft und Gegengeschäft zu lesen. Das ganze Milieu würde sich über einen permanenten Austausch definieren und auch so zusammenhalten, man erweise sich ständig Gefallen, ohne auf ein Gegengeschäft zu spekulieren. Da man sich ständig und überall treffe, sei es auf Emnpfängen, am Pool, in den Häusern, in der Öffentlichkeit, laufe das anders: Nicht A, der B einen Gefallen erweist, damit B sich im Gegenzug „revanchiert“, sondern A erweist B einen Gefallen und B an C und C an E und E möglicherweise an A: „Das ist ein permanenter Austausch, der das ganze Milieu integriert.“

Zu denken, dass man für einen Gefallen einen Gegendienst erwarte, sei geprägt vom Denken der individualistisch orientierten Mittelschicht und der Intellektuellen. Im Gegensatz dazu so spitzt Monique Pincon-Charlot zu, sei die Klasse der Mächtigen die einzige, die tatsächlich auf kollektive und solidarische Weise funktioniere. Weil man sich so verstehe und motiviert ist: für uns und gegen die anderen.

Die politische Klasse habe schon vor Sarkozy der Bourgeoisie angehört. Ein wirklich neues Phänomen sei die gegenwärtige Abschottung der politischen Klasse von den größeren, populären Schichten, das zeige sich allein daran, dass bei den Regionalwahlen mehr als zwei Drittel der Arbeiter nicht wählen gegangen sind, dass Null Prozent der Arbeiter im Parlament sitzen und nur 1 Prozent der Angestellten, so Michel Pincon. Das zeige sich auch in der Haltung der Neureichen, die es absolut vermeiden, Sozialwohnungen in der Nähe zu haben.

Mit Sarkozy, der als besonders effektive Vertreter des Neoliberalsimus gekennzeichnet wird, habe sich eine neue Durchlässigkeit in der Schicht der alten Elite gezeigt. Man habe sich geöffnet für mehr Austausch zwischen der Geschäftswelt und der Politik. Zwar seien am Wahlabend die alterwürdigen Familien bei der Feier nicht anwesend gewesen, „kein Mitglied der Rothschilds oder Wendel“, das Was heiße aber nicht, dass sie ihn nicht unterstützt hätten.

Es gebe gewisse Grundregeln, welche die „Neuankömmlinge“ in der obersten Klasse, die sich in den vergangenen Jahren auffrischen wollte, zu berücksichtigen hätten: der Reichtum müsse in eine Familiendynastie integriert werden. Die Distinktion über Geld sei zweitrangig, den ersten Platz nimmt die „Dynastie“ ein. Der dazugehörige Ethos stamme von dem ab, was der der Adel vor der Revolution vorgemacht hatte: „Excellence social“ und das auf längere Zeit, über das persönlcihe Leben hinaus. Die Privilegien müssen in der Klasse bleiben, ist ein weiterer Grundsatz. Ein anderer der, mit dem Sarkozy seine Schwierigkeiten habe: Das Verbergen des Räderwerks.

Glücklich leben heißt abgeschirmt, im Verborgenen leben, so laute die Maxime der alten Familien. Damit die Macht funktioniert, darf sich auch das Räderwerk nicht zeigen. Das habe sich mit den Neureichen verändert und mit Sarkozy der, wie die Affäre Bettencourt zeige, das „Funktionieren der Oligarchie“ offenlege und damit auch die ältere Elite ausstellt. Die Äffare wird ganz vorne in den Medien präsentiert. Das könnte ein Faktor sein, der eine bestimmte Bourgeoisie älterer herkunft dazu bringen könnte, sich von einer anderen, jüngeren zu distanzieren, da deren Kapital effizienter Politik sich langsam auflöse.

Die Öffentlichkeit begreife, dass es eine „symbolische Gewalt“ in Kreisen gebe, die alles dürfen. Die Opposition kann daraus keine hoffnungsvolle Impulse ziehen und die Vernebelungstaktik, mit der Wirtschaftsmacht und politische Macht darüber hinwegtäuschen wollen, dass sie am selben Tisch dieselben Interessen verfolgen, bietet große Lücken zum Durchblick, wenn es etwa heißt „Schluss mit dem Steuerparadies“ (Woerth) und dann das 30 Millionen Steuergeschenk offenbar wird.

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