Die Odyssee nach Europa

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze. Bild: W. Aswestopoulos

Fünf Tage auf der Reise von Griechenland nach Budapest neben, mit und unter Flüchtlingen

Seit dem vergangenen Montag, als gegen 9 h morgens knapp 2.500 Flüchtlinge von den griechischen Inseln per Schiff nach Piräus kamen, begleitete ich für Telepolis den Weg des nicht enden wollenden Trecks nach Europa. Es ist bezeichnend, dass sich seit dem vergangenen Wochenende die Zahl der Menschen, die von der türkischen Küste auf eine der griechischen Inseln übersetzen, immer größer wird. Ungefähr 4.000 Menschen wagen pro Tag und pro Insel die Fahrt in überladenen Schlauchbooten, bei denen zudem oft eine Luftkammer durchlöchert wird, nach Kos, Lesbos, Agathonisi oder Samos.

Anders als in den ersten Monaten wird immer öfter beobachtet, dass die Passagiere ohne Rettungswesten unterwegs sind. Das Ägäische Meer wird dagegen in der Regel nach dem 15. August jeden Jahres immer gefährlicher. Dies lässt befürchten, dass es zu weiteren Dramen mit ertrunkenen Kindern kommen wird. Zu dem berühmten Foto des am Strand liegenden, ertrunkenen Kindes ist zudem zu bemerken, dass es kein Einzelfall ist. Einzigartig ist lediglich die Tatsache, dass es von diesem Unglück ein Foto gab.

Der Interimsmarineminister Christos Zois erklärte in einer Pressekonferenz: "Die Küstenwache hat im Jahr 2015 bereits 50.000 Menschen aus dem Meer geholt. Im Vergleich dazu gab es in den ersten Monaten 2014 insgesamt 17.500 Festnahmen illegaler Grenzübertritte, aber im gleichen Zeitraum 2015 waren es schon 230.000. Allein in den letzten zwei Monaten waren es 157.000."

Gleichzeitig wies der Minister darauf hin, dass der Tourismus auf den Inseln einbrechen werde. Anhand der Buchungszahlen, die bereits vorliegen, kann bei einer statistischen Auswertung erwartet werden, dass die Buchungen im nächsten Jahr zwischen 50 und 70 Prozent niedriger liegen werden als im laufenden Jahr.

Zudem ist eine weitere den Tourismus einschränkende Eskalation des humanitären Dramas zu erwarten. Immer mehr Menschen, ob Syrer, Kurden, Afghanis oder Pakistanis flüchten vor dem Terror des IS und der Taliban. Kaum in Piräus angekommen jubeln sie und loben "Griechenland ist gut!"

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze. Bild: W. Aswestopoulos

Die Glücklicheren von ihnen schaffen es, umgehend einen Platz in einem Zug oder einem Bus gen Norden zu bekommen. Aus Rücksicht auf das nördliche Nachbarland Griechenlands, das nur noch in Griechenland Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien oder in der englischen Kurzform FYROM genannt wird, legen die Fähren mit den Flüchtlingen nicht im nördlichen Thessaloniki, sondern in Piräus an. Die Flüchtlinge haben so statt 80 km aus Thessaloniki knapp 580 km Weg vor sich, ehe sie an die Grenze gelangen. Zwar können sie sich anders als in Ungarn frei im Land bewegen, aber trotzdem ist für viele der Weg zur Grenze mit einem langen Fußmarsch und in jedem Fall mit erheblichen Ausgaben verbunden.

Militär, Polizei und Flüchtlinge in Idomeini. Bild: W. Aswestopoulos

Einmal an der Grenze angekommen, müssen die nach offizieller Version "illegal ins Land" gelangten Menschen weiter illegal bleiben. Sie können folgerichtig nur "illegal" nach dem in aller Welt Mazedonien genannten Nachbarstaat Griechenlands einreisen. Das geht nur durch zwei, exakt 1,50 m voneinander entfernt stehenden Bäumen an der eigentlich für den Bahnverkehr vorgesehenen Grenze beim Dorf Idomeni. Der Bahnverkehr selbst ist für den Personenverkehr vor einigen Monaten eingestellt worden. Es hatten sich regelmäßig Flüchtlinge an die Wagons gehängt.

Bild: W. Aswestopoulos

Nun endet die griechische Personenbahn in Idomeni. Knapp 500 m weiter haben die militärisch uniformierten Gendarmen der EJR Mazedonien mit Holzkonstruktionen einen provisorischen Bahnsteig errichtet. Dieser wird von einem umzäunten Lager umschlossen. In das Lager gelangen Journalisten und Helfer nur mit einer Sondergenehmigung des Innenministeriums der EJR Mazedonien. Geradezu surreal mutet an, dass die Grenzschützer niemanden außer den Flüchtlingen über den Weg durch die Bäume oder gar die Bahngleise herein lassen. Da hilft auch die ministerielle Sondergenehmigung nicht.

Zur Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung müssen die 500 m zur provisorischen Bahnstation über die Fahrt von Idomeni in die fünf Kilometer östlich entfernte Grenze für den Auto- und Personenverkehr in Evzonoi zurückgelegt werden. Von dort geht es dann durch das Grenzstädtchen Gevgelija wieder fünf Kilometer westlich hin zum Lager. Es liegt in der militärischen Logik, dass auch von hier aus der "illegale" Grenzübertritt nach Griechenland verboten ist.

Noch sind die erheblich angestiegenen Flüchtlingsströme von den griechischen Inseln noch nicht an der nördlichen Grenze angekommen. Wenn dies so weit ist, werden durch den 1,5 m breiten Spalt täglich ungefähr 20.000 Personen gehen müssen. Um den schmalen Durchlass herum ist überall rasierklingenscharfer NATO-Stacheldraht.

Die Grenzer der EJR Mazedonien hatten zu Beginn der massenhaften illegalen Grenzübertritte sogar Gummigeschosse eingesetzt. Die ununterbrochene Medienpräsenz hat dieses Procedere mittlerweile verhindert. Allerdings bestehen die Behörden immer noch darauf, dass die Flüchtlinge in Gruppen von 50 Personen einzeln durch den Spalt marschieren. Das sorgt natürlich immer wieder für Krawall unter den Flüchtlingen. Dabei treten oft nationale Animositäten hervor. Die Afghanen und Syrer sind sich selten wirklich grün.

Bild: W. Aswestoupolos

Sobald es geschafft ist, auf die andere Seite zu gelangen, beginnt die Warterei von vorn. Es gibt planmäßige Sonderzüge am Morgen und am Abend. Weil diese jedoch immer nur ungefähr 1.600 Personen transportieren, gibt es weitere Züge gibt, sobald die Menge der Wartenden die kritische Messgröße von knapp 1.500 Personen erreicht hat. Der Begriff Flüchtlingsstrom beschreibt in diesem Zusammenhang treffend das Handeln der Behörden, obwohl er in eher unmenschlicher Weise verschweigt, dass es sich um eine dramatische Häufung von zehntausenden Einzelschicksalen handelt.

Bild: W. Aswestoupolos

Für die EJR Mazedonien endet das als "europäisches Problem" bezeichnete Drama bereits in Gevgelija. Nachdem sie 10 Euro für knapp 190 Kilometer Eisenbahnfahrt nach Serbien bezahlt haben, werden die Flüchtlinge komplett von dem übrigen Geschehen im Land abgeschirmt. Obwohl es viele versuchen, gelingt es keinem, sich aus dem Pulk zu lösen. Die Züge, aber auch Busse fahren ohne Kontakt zur übrigen Bevölkerung durchs Land. Außer den Sonderzügen stehen für zahlungskräftige Kunden Extrabusse, aber auch Taxen bereit.

An keinem Rastplatz entlang der Autobahn, weder in Mazedonien noch in Serbien, gibt es Flüchtlinge. Die Tankwarte kennen das Drama nur noch aus dem Fernsehen. Hier unterscheidet sich der Nachbarstaat von Griechenland, in dem die Omnipräsenz der Flüchtlinge für Animositäten innerhalb der Bevölkerung sorgt.

Weiterfahrt nach Serbien. Bild: W. Aswestopoulos

Einmal nach Serbien gelangt, erleben die Reisenden ein ähnliches Schauspiel. Wieder werden sie meist mit offiziellem Segen, aber immer als "Illegale" vom Staat durchgeschleust. Die erste Anlaufstelle für die richtigen, gewerbsmäßigen Schleuser gibt es wieder am Bahnhof in Belgrad. Das mag vor allem damit zusammenhängen, dass die Passage nach und durch Ungarn derzeit alles andere als einfach oder sicher ist.

Für die Reise durch Griechenland, die EJR Mazedonien und Serbien zahlen die Flüchtlinge im Schnitt ungefähr 95 Euro. Dabei sitzen sie in zum Teil sehr verdreckten Eisenbahnwagons. Zum Vergleich dazu kostet eine direkte Busreise in komfortablen modernen Bussen von Novi Sad, dem ehemaligen Neusatz an der serbisch-ungarischen Grenze, nach Athen 65 Euro, nach Thessaloniki wären es 55 Euro.

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