Die Opferzahlen des deutschen Klassismus

Armut und Corona sind Zwillingskrisen, die gesellschaftlich ausgeblendet werden. Bild: wolfeosti, Pixabay

Die Armut in Deutschland führt in jedem Jahr zu vorzeitigen Todesfällen in sechsstelliger Zahl. Die anteilsmäßige Verantwortlichkeit Deutschlands für die Opfer der globalen Armut liegt im siebenstelligen Bereich

Keines der in den letzten anderthalb Jahren aufgestellten Narrative aus Politik und Standard-Medien steht auf so wackligen Füßen, wie der missbrauchte Solidaritätsbegriff. Seine eigentliche Bedeutung wurde zuletzt kurzerhand auf die folgsame Akzeptanz verordneter Corona-Maßnahmen reduziert.

Trotzdem kann seine willkürliche Überstellung in den Dienst der Corona-Politik nicht verschleiern, dass die Solidaritäts-Verweigerung gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen unvermindert fortbesteht, und von der gleichen Politik und unterstützt von den gleichen Medien aktiv betrieben wird.

Ein wichtiger Teil der linken rechtsstaatlich begründeten Kritik an der Corona-Politik muss an diese diskriminierten Menschen erinnern und jetzt erst recht konsequente Solidarität mit ihnen einfordern.

Eine große Gruppe dieser von Staats wegen Diskriminierten bilden die als arm geltenden Menschen in Deutschland. Deren dauerhaft problematische Existenzbasis setzt ihrem Leben weit vor der durchschnittlichen Lebenserwartung ein Ende. Und wie sieht es mit der Armut und deren Ursachen auf internationaler Ebene aus?

Der Begriff Klassismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft und/oder der sozialen und ökonomischen Position. Klassismus ist der versteckte große Bruder des Rassismus, oder wie der US-Ökonom Chuck Baron sagte: der "arme Vetter der Diskriminierungsformen".

In Deutschland ist der Begriff bislang wenig gebräuchlich, was wohl hauptsächlich daran liegen mag, dass alle politischen Strömungen den Unterschied zwischen Arm und Reich immer noch als eine Art natürlichen Zustand ansehen, der sich nicht ändern lässt.

Statt die Existenz stabiler Armut auf breiter Basis in der Gesellschaft als eindeutigen Beweis dafür anzuerkennen, dass das herrschende Wirtschaftssystem als Modell zur solidarisch ausgewogenen Versorgung dieser Gesellschaft völlig untauglich ist, werfen strukturkonservative und wirtschaftsliberale Politiker den Diskriminierten noch vor, selbst für ihr Schicksal verantwortlich zu sein.

Auch aufseiten der politisch Linken in den Parlamenten ist der Klassismus allenfalls ein Pflichtthema in Überschriften ohne schlüssige Konzeption und zielorientierte Absicht, für das man nun einmal die Kernkompetenz beansprucht, aus welcher jedoch selten Schlaueres herauskommt als Forderungen nach mehr Geld für die Betroffenen.

Unter den gesetzten linken Intellektuellen und studierten Linksliberalen redet man über die Gründe von Armut nicht gerne, weil die betroffenen Menschen in der eigenen Klasse so gut wie nicht vorkommen, weil man über die tatsächlichen Alltagszustände "da unten" gar nicht Bescheid weiß und weil man die Leute dort überdies verdächtigt, Rechtspopulisten zugeneigt zu sein.

Diese Zuneigung mag bei einigen sogar stimmen, jedoch besteht sie wohl deshalb, weil Angehörige von klassistisch benachteiligten Schichten sich in keiner öffentlich wahrnehmbaren politischen Gruppierung wirklich beheimatet finden.

Sie wählen, wenn überhaupt, rechte Parteien nur aus einer Täuschung heraus, denn eine Partei, so meinen sie als gesellschaftlich "Ausgestoßene", die sich ebenfalls als ausgestoßen inszeniert, könnte ihre Interessen vertreten.

Bei genauerem Hinsehen ist ihre eventuelle Neigung nach rechts vor allem auf das Versagen der Linken zurückzuführen. Von der Linkspartei, über die SPD bis hin zu Grünlinken und Linksliberalen ist man weit von Vorschlägen entfernt, die das Problem struktureller Armut an der Wurzel packen.

Ja, man ist sogar weit davon entfernt, sich die realen Alltagsprobleme jener Millionen Menschen überhaupt vorstellen zu können, die jeden Tag sehen müssen, wie sie zurechtkommen und wie sich mit unzureichenden finanziellen Mitteln und anderen Defiziten, aus dem chronischen Mangel an allem ein Leben zusammenbasteln lässt.

Eventuelle "gut gemeinte" Kommentare linker Intellektueller dazu wirken oft gestelzt, abstrakt und distanziert und erinnern irgendwie an widerwilliges Anfassen von etwas Ekligem mit heruntergezogenen Mundwinkeln und spitzen Fingern.

Statt mit sozial benachteiligten Menschen befasst man sich dann doch lieber mit den in eigenen "moralisch coolen" Kreisen populären "Nebenwidersprüchen" (wie sie Karl Marx nannte), wie Rassismus, Sexismus und Diskriminierung geschlechtsspezifischer Minderheiten.

Diese Themen sind ohne Zweifel wichtig. Ihre Herausstellung bleibt aber bloße Heuchelei, wenn der Klassismus, durch den im Gegensatz zu den Nebenwidersprüchen viele Tausend Menschen vorzeitig zu Tode kommen, nicht den ersten Rang im Engagement bekommt.

So diskutiert man hier gerne, laut und enthusiastisch, empört sich bräsig auf vertrautem Niveau der eigenen Blase, ändert klassische Erzählungen wie von Astrid Lindgren, Otfried Preußler und anderen in der Wortwahl, schleift Denkmäler, mobbt in Shitstorms bekannte Personen für eine "politisch inkorrekte" Äußerung, übertüncht Sinnsprüche an Universitätsgebäuden, schreit konservative Professoren von der Bühne und steigert sich in andere Seltsamkeiten des eigenen Unvermögens, Solidarität jenseits von übernommenen, vorgegebenen Wertungen zu definieren.

Dabei erfährt man viel verbale Unterstützung vonseiten der herrschenden Strukturen, denn für die Kämpfe gegen die Lieblings-Ismen der Nebenwidersprüche sind keine einschneidenden Änderungen des ökonomischen Ordnungsrahmens nötig. Warum sollte man sich unter Linksliberalen um mehr kümmern, wenn auch mit rein verbalen Reformen, wie der autoritären Einführung des Gender-Sprechs, die selbstgesteckten Ziele in puncto Solidarität erfüllt sind?