Die Party ist auch in Deutschland vorbei

In Deutschland und Japan schrumpfte im zweiten Quartal die Wirtschaftsleistung deutlich

Nun werden auch in Deutschland Rezessionsängste größer. Das Statistische Bundesamt hat am Donnerstag eine Schnellschätzung veröffentlicht, wonach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal gesunken ist. Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde ist auch die Gesamtwirtschaft im Euro-Raum erstmals seit Beginn der Datenerhebung geschrumpft und könnte in eine Rezession abgleiten. Ähnlich sieht es auch in Japan aus, musste die japanische Regierung einräumen. Nun stehen neben den USA und Großbritannien praktisch alle großen Wirtschaften vor einer Rezession.

Es kommt, wie es nicht anders zu erwarten war (Auch Deutschland steht der Abschwung bevor). Dass der Kelch der Rezession ausgerechnet am Exportweltmeister Deutschland vorbeigehen könnte, wenn große Volkswirtschaften in die Rezession abdrehen, war ein naiver Traum. Nun ist es amtlich, dass auch die Wirtschaftsleistung in Deutschland im zweiten Quartal ins Minus gedreht hat. Da vieles dafür spricht, dass sie auch im dritten Quartal weiter schrumpfen wird, wären die Bedingungen erfüllt, um offiziell auch in Deutschland eine Rezession zu konstatieren.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat am Donnerstag im Rahmen einer Schnellschätzung mitgeteilt, dass die Wirtschaft zum ersten Mal seit knapp vier Jahren wieder geschrumpft ist: Um 0,5% war das Bruttoinlandsprodukt – preis-, saison- und kalenderbereinigt – niedriger als im ersten Quartal 2008 ausgefallen. Oft wird dieses Ergebnis sogar mit Erleichterung bewertet, da einige noch schlechtere Daten erwartet hatten. Geklammert wird sich bei positiven Interpretationen daran, dass im Jahresvergleich ein Wachstum von 3,1% verzeichnet wurde. Doch schaut man sich an, dass noch im ersten Quartal ein bereinigtes Wachstum von 1,3% zu verzeichnen war, dann ist ein deutlicher Niedergang zu verzeichnen.

Verantwortlich sind dafür vor allem drei Faktoren: der schwache Binnenkonsum, der schwache Export und die Tatsache, dass die Finanzkrise weiterhin für große Verunsicherung sorgt. Der Binnenkonsum leidet an der hohen Inflationsrate von 3,3 % im Verhältnis zum Vorjahr. Die Statistiker haben am Donnerstag ebenfalls die Vorausschätzung bestätigt, wonach die Verbraucherpreise im Juli gegenüber dem Vormonat um 0,6% gestiegen sind. Die Teuerung hat sich nun auf hohem Niveau stabilisiert, nachdem die Jahresteuerung schon im Juni 3,3% betragen hatte, der höchste Stand seit fast 15 Jahren.

Dazu kommt, dass die Exporte nachlassen, weil große Volkswirtschaften wie die USA und Großbritannien schon in der Rezession stecken - und nun hat sich auch Japan auf diesen Kurs begeben. Das prognostizierte Bild einer Welt in der Krise nimmt immer deutlicher Gestalt an. Japan wird seit langem als Kandidat im Rahmen der Domino-Rezession gehandelt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schrumpfte im zweiten Quartal um 0,6 Prozent und damit sogar noch stärker als die in Deutschland. Japan leidet unter den gleichen Schwierigkeiten wie hier. Dass auch die japanischen Exporte in die asiatischen Schwellenländer kräftig zurückgingen, macht deutlich, dass auch dort die Party zu Ende geht. Stärker war das japanische BIP nur im dritten Quartal 2001 geschrumpft, als das Land unter dem Platzen der Dotcom-Blase litt.

Der gesamte Euroraum wird von der Rezession bedroht

Insgesamt droht dem gesamten Euroraum eine Rezession, denn auch hier ist die Wirtschaftsleistung erstmals seit dem Beginn der Datenerhebung 1995 zurück gegangen. Im Vergleich zum ersten Quartal nahm sie um 0,2% ab, gab die Statistikbehörde Eurostat am Donnerstag nach einer Vorrausschätzung in Brüssel bekannt. Im ersten Quartal war noch ein Wachstum von 0,7% verzeichnet worden.

Auch im Euroraum gibt es bei der Inflation keine Entspannung. Die Statistiker haben die Rekordinflation von 4% bestätigt. Nach Ansicht der Europäischen Zentralbank (EZB) ist trotz fallender Ölpreise eine Entlastung nicht in Sicht, weshalb gerade die Vorhersage für die Teuerungsrate für 2008 auf 3,6 Prozent angehoben wurde. Das Inflationsziel von 2% rückt immer weiter in die Ferne. Wegen der trüben Konjunkturaussichten gehen viele Experten trotz allem davon aus, dass die EZB ihren Leitzins von 4,25 Prozent trotz der Rekordinflation nicht weiter anheben wird, um für Geldwertstabilität zu sorgen.

Psychologie oder Konjunkturprogramme?

Vor allem deutsche Politiker versuchen weiter, der Krise mit Psychologie zu begegnen, die sich am Horizont abzeichnet. Dabei ist diese Strategie im vergangenen Jahr an den Tatsachen der Finanzkrise gescheitert So wird hier nicht von einer drohenden Rezession gesprochen, sondern von einer Wachstumsdelle. "Die Wachstumsabschwächung im zweiten Quartal hatten wir erwartet“, erklärte zum Beispiel Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Dass ist Orwellsches Neusprech. Denn das Wachstum hat sich nicht abgeschwächt, sondern die Wirtschaftsleistung ist geschrumpft. Woher Glos die Zuversicht nimmt, um die Wachstumsprognose unverändert bei 1,7% zu belassen, ist sein Geheimnis.

Angesichts eines Wegbrechens der Exporte und eines schwachen Binnenkonsums, kann kaum eine Besserung erwartet werden. Deutschland liefert etwa 40% seiner Exporte ins europäische Ausland und hier stecken Dänemark, Irland, Spanien, Großbritannien, Frankreich und Italien entweder schon in der Rezession oder stehen kurz davor. Auch im bisher boomenden Osteuropa droht eine harte Landung (China auf dem Weg zu Streikrecht und Tarifverträgen?).

Im hart gebeutelten Spanien, dessen Rekordinflation (5,3%) und Rekordarbeitslosigkeit das Land in die Tiefe reißen (Die Zeit der schlechten Wirtschaftsdaten hält an), hat die Krise der Regierung den Sommerurlaub verhagelt. Eine Krisensitzung jagt die nächste und am Donnerstag wurde ein weiteres Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft beschlossen. Erstaunlich ist, dass dabei nicht den völlig überschuldeten Familien geholfen wird, sondern zum Beispiel mit der Abschaffung der Vermögenssteuer die Steuergeschenke erhalten, die ohnehin genug haben. Das wird den darbenden privaten Konsum nicht anregen, liegt aber ganz auf der Linie, mit der bisher auch die Rekordgewinne der Banken gesichert wurden. Bis zu 20 Milliarden Euro sollen zudem in ein Wohnungsbauprogramm fließen, mit dem die Immobilien- und Baufirmen unterstützt werden, die in der nun geplatzten Immobilienblase in den letzten Jahre sehr viel Geld verdient haben

In Deutschland sind solche Konjunkturprogramme, wie sie auch in Japan aufgelegt werden sollen, bisher noch nicht in der Diskussion. Doch das wird kommen, denn es mehren sich nun die Stimmen, die auch ein negatives Wachstum im dritten Quartal prognostizieren und damit wäre auch für die größte Volkswirtschaft der EU in die Rezession abgetrudelt.

Doch das ist längst nicht alles, denn es wird schon von einer langwierigen Rezession gesprochen. "Die heutigen Zahlen signalisieren echte sich anbahnende konjunkturelle Probleme", kommentierte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, die neuesten Zahlen. Er prognostiziert realistisch, dass sich der wirtschaftliche Abschwung auch in den kommenden Quartalen fortsetzen wird. Für Thomas Mayer, Chefvolkswirt für Europa bei der Deutschen Bank, ist aber entscheidend, "dass es einen breit angelegten Abschwung bis Mitte nächsten Jahres geben wird“. (Ralf Streck)