Die Phantasie der Verschwendung

Bild: © EuropaCorp / Valerian SAS / TF1 Films Production

Geist der Utopie: Luc Bessons "Valerian" ist einer der besten Science-Fiction-Filme seit Jahren

'Wir sind im Einverständnis mit den Humanisten des ganzen Erdteils. Das wäre noch nichts, gesetzt, die Humanisten hätten nur denken gelernt, nicht aber auch reiten und zuschlagen.' - 'Sie können es', versicherten Dequelaure und Du Bartas.

Heinrich Mann: "Die Jugend des Königs Henri Quatre"

Allein schon dieser Anfang: "Space Odity" von David Bowie erklingt, dazu sieht man dokumentarische Bilder der ersten Weltraummissionen, des russisch-amerikanischen Handschlags in der ISS 1975*, dann folgt der Schritt in die Fantasy: In wenigen Minuten erleben wir die schnelle Evolution der bemannten Raumfahrt, schon die Bilder aus dem Jahr 2150 sind großartig, der Film spielt ein paar wunderschöne Augenblicke lang mit der schieren Faszination der Welteroberung und mit dem Stil des Technik-Optimismus der 1960er Jahre.

Immer skurriler, immer weiter geht es, Menschen und Außerirdische, Maschinenwesen und unvorstellbare Chimären begegnen sich in einer Abfolge von immer neuen Begrüßungen; "Ground control to major Tom" - immer stärker koppelt sich dabei alles von der Erde ab, und im Jahr 2370 schickt der Präsident ein riesiges Raumschiff auf die Reise, die Erde ist nur noch einer von vielen möglichen Orten des Universums.

Diese Zukunfts-Vision, die uns einführt in die Welt von Valerian - Die Stadt der tausend Planeten ist friedlich und futuristisch, technikfreundlich und optimistisch. Wie der ganze Film ist dies ein Gegenentwurf zu dem apokalyptischen Bombast, der das amerikanische Science-Fiction-Kino der letzten zwei Jahrzehnte prägt, von wenigen Ausnahmen wie Christopher Nolans "Interstellar" (aber selbst da kommt es zum Weltuntergang) einmal abgesehen.

Die Sechziger, in denen David Bowies Song ebenso entstand wie die bemannte Raumfahrt, waren auch die Geburtsstunde von "Valerian & Laureline" (auf deutsch "Valerian & Veronique"), jener Graphic Novel von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières, die den Film inspirierte. Es sind sehr besondere Geschichten, voller kultureller und politischer Anspielungen und philosophischer Themen. Auch George Lucas ließ sich für "Star Wars" von ihnen anregen - einzelne Figuren, Kostüme und Handlungsstränge des Films sind direkt abgepaust.

Auf diesen Auftakt folgen - "400 Jahre später" - zwei weitere einführende Abschnitte: Ein Wesen erwacht. Zuerst sieht man nur die Augen, das Gesicht, perlmuttartige, irgendwie transparente Haut. Der Morgen beginnt mit einem Perlenbad. Dann Heraustreten auf einen sonnendurchfluteten Inselstrand. Alles hat organische Formen hier auf dem Planeten Mül: muschelartig, schneckenähnlich, orientalisierend. Der Schmuck, die kahlen Schädel und die weiße Haut, auch die von betonten Gesten begleitete Sprache, zu der Worte wie "Miloni", "Makhta Bela", "Mili Mana" gehören, lassen an weiße Massai denken. Dieses menschenähnliche Perlenfischervolk, "Pearl" genannt, lebt in paradiesischen Verhältnissen: weltabgeschlossen, naturnah, selbstbestimmt und ohne Not.

Letzteres haben sie auch den "Convertern" zu verdanken: kleinen, wie buntschillernde Gürteltiere aussehenden Viechern, die man am besten als fleischgewordene Kopiermaschinen beschreiben kann. Gibt man ihnen eine Perle zu fressen, kacken sie Sekunden später einen ganzen Haufen Perlen aus. Dies ist nur das erste Beispiel für eine ganze Reihe von grotesken Einfällen, die diesen Film dominieren.

Wenn man diese archaische Welt der Pearls betrachtet, kann man sich an die ersten Minuten von "Wonder Woman" (siehe Frieden, Fetisch, Feminismus) ebenso erinnern, wie diese ganze Sequenz auch sehr leicht als Anspielung und subtile Ironisierung von James Camerons "Avatar" verstanden werden kann. Wobei Ironie einem Regisseur wie Luc Besson wohl eher fernsteht.

Was folgt, ist dann auch ganz unironisch die Zerstörung dieses paradiesischen Planeten in einer kosmischen Katastrophe, die Raumschiffe aus dem Himmel stürzen und Kontinentalbomben explodieren lässt.

Die Welle dieser Explosion mündet in das ruckartige Erwachen aus einem Traum. Ein zweites Wesen erwacht. Vielleicht hat es das geträumt, was gerade erzählt wurde ... 30 Jahre nach dem Untergang von Mül. Dieser zweite Auftaktabschnitt stellt die Titelhelden Valerian und Laureline vor, zwei "Raum-Zeit-Agenten" im 28. Jahrhundert. Als eine Art zeitreisende Weltraumpolizei bringen sie Verbrecher zur Stecke und das Universum in Ordnung - ein cooles Paar zweier gleichberechtigter Partner, für dessen halb-ernsten Beziehungskampf Besson witzige "Screwball"-artige Dialoge geschrieben hat.

Während in den Nebenrollen des Films Darsteller-Schwergewichte wie Clive Owen und Ethan Hawke oder Pop-Stars wie Rihanna (in einem atemberaubenden Auftritt als "Gestaltwandlerin" namens "Bubble") zu sehen sind, setzt Besson bei seinen Hauptfiguren auf unverbrauchte Gesichter: Dane DeHaan als Valerian sieht aus wie eine Verschmelzung aus Shia La Boeff und Brad Pitt. Noch souveräner ist Cara Delevingne ("Suicide Squad") als toughe, ihrem Partner an Klugheit wie Empathie immer ein bisschen überlegene Laureline.

Beide sind klassische, geradezu reine Helden, Figuren ohne Abgründe. Das ist es, was gewisse amerikanische Kritiker an ihnen hassen, das ist es, was uns an ihnen bezaubert: Es sind Humanisten, die auch reiten und zuschlagen können, wie der frankophile Heinrich Mann dies für seinen Henri Quatre beschrieb, wehrhafte Aufklärer, wobei man das Wehrhafte nicht einseitig missverstehen darf: Zu Laurelines und Valerians Waffen gehören in erster Linie Intelligenz, Technik und Wissenschaft. Das erst macht sie über ihre ritterlichen Tugenden hinaus überlegen.

Beide müssen hier den überaus wertvollen, letzten Converter in Sicherheit bringen und ein Geheimnis entschlüsseln, das sich erst gegen Ende aufklärt. Zuvor bekommt man auch eine Einführung in ihren Alltag und in das Leben auf dieser Welt: Ein allwissender Computer mit Frauenstimme, aber dem genderneutralen Namen "Alex", ist eine Urenkelin von Cortana und erinnert natürlich auch an den Voice-Service gleichen Namens: "Abflug in 3 Minuten" verkündet sie, zuvor macht Valerian noch einen "Gedächtnischeck", um den merkwürdigen Traum analysieren zu lassen.

Gut zu wissen ist auch, dass es im 28.Jahrhundert eine "Playlist" mit Exfreundinnen gibt - das führt allerdings zum erwartbaren Gender-Trouble, weil das Laureline nicht gefällt. Dann geht es ab in den "ExoRaum".

Das Raumschiff der beiden erinnert zum Beispiel an den "Millennium Falken", so wie der Wüstenplanet, auf dem sie nun landen, in seiner einen Dimension mit dem Schauplatz des letzten "Mad Max" identisch zu sein scheint und in seiner anderen wie die irre Mischung aus der Megalopolis von "Blade Runner" und der von "Das Fünfte Element" wirkt, die ihrerseits "Blade Runner" nachempfunden war.

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