Die Privatisierung des Kosmos

Soll zur "kommerziellen Plattform" werden: ISS. Foto: Nasa/gemeinfrei

Kann der Kapitalismus in den Weltraum expandieren - oder ist dessen Erschließung nur jenseits des Kapitals möglich?

Wer hätte das gedacht! Die Trump-Administration greift nun tatsächlich nach den Sternen, sie erhebt sich mutig in die Weiten des Kosmos - dort, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Trump ist ein mutiger Visionär des Weltraum-Neoliberalismus. Denn tatsächlich ist bislang noch keine Regierung auf die Idee gekommen, ausgerechnet eine Weltraumstation zu privatisieren.

Bis 2024 will das Weiße Haus die Finanzierung der Internationalen Weltraumstation ISS einstellen, um diese in eine "kommerzielle Plattform" zu verwandeln, wie interne NASA-Dokumente belegen, die der Washington Post zugespielt wurden. Die Weltraumbehörde NASA werde in den kommenden sieben Jahren "internationale und kommerzielle Partnerschaften erkunden", um die weitere "Präsenz der Menschheit im niedrigen Orbit der Erde sicherzustellen", hieß es in dem Dokument.

Der Plan, die ISS bald zu privatisieren, werde heftiges Missfallen in der US-Öffentlichkeit hervorrufen, schlussfolgerte die Washington Post, da der amerikanische Streuzahler rund 100 Milliarden US-Dollar in den Aufbau der Weltraumstation investierte. Dennoch loteten gegenüber dem Hauptstadtblatt mutige Republikaner erste Wege in die Privatisierung aus.

Ted Cruz, republikanischer Senator aus Texas, hielt ein Public-Private-Partnership (PPP) auf der ISS durchaus für möglich. Man sei "offen für vernünftige Vorschläge, die kosteneffektiv sind und die Effektivität der getätigten Investitionen maximieren", erläuterte Cruz.

Dabei sollen weitere US-Steuergelder in die Entwicklung einer privaten Weltraumindustrie fließen. Die Trump-Administration habe rund 150 Millionen US-Dollar in ihrem Haushaltsentwurf für die "Entwicklung und Reifung" kommerzieller Möglichkeiten auf der ISS wie auch deren privatwirtschaftlichen Nachfolgeeinrichtungen vorgesehen, berichtete der britische Guardian.

Überdies seien bereits private Unternehmen an der Aufrechterhaltung des Betriebs der ISS beteiligt, erläuterte The Guardian. Die Versorgung der Weltraumstation wurde, nach entsprechenden Erlassen der Bush- und Obama-Administrationen, ausgelagert an die Weltraumunternehmen SpaceX und Orbital ATK.

Dennoch: Der ehemalige Astronaut Mark Kelly erklärte gegenüber der New York Times, dass auch die ISS weiterhin staatlicher Zuschüsse bedürfe, auch wenn es in letzter Zeit einen "Anstieg kommerzieller Aktivität" rund um die Station gegeben hätte. All dies werde aber zum Stillstand kommen, wenn die Trump Administration die Finanzierung der Weltraumstation einstellte, warnte Kelly.

Offensichtlich sind die Weltraumunternehmer, die neue Geschäftsfelder in den unendlichen Weiten des Alls erschließen wollen, weiterhin auf Staatsgelder angewiesen, um bei ihren Unternehmungen profitabel zu sein. Sie versorgen schlicht die staatlich finanzierte ISS - und werden durch Stuergelder entlohnt. Der bekannteste "Weltraumkapitalist", der mit immer neuen PR-Aktionen kräftig die Weltbeitrommel für seinen Konzern SpaceX rührt, ist der Hightech-Milliardär Elon Musk.

Zuletzt schoss sein Unternehmen, das über die leistungsfähigste derzeit einsatzfähige Trägerrakete verfügt, ein Elektroauto in den Weltraum, das Kurs auf den Mars nahm. Es handelte sich um eine reine Marketingshow: Der Tesla Roadster, der Richtung Mars geschossen wurde, wird ebenfalls in Musks Firmenimperium von Tesla Motoers hergestellt. Zugleich demonstrierte SpaceX, dass die neue Trägerrakete Falcon Heavy tatsächlich einsatzbereit ist.

Diese kann wieder größere Nutzlasten von bis zu 63 Tonnen in den Orbit befördern. Die Kosten für einen Start sollen sich nur auf 90 bis 150 Millionen US-Dollar belaufen - je nachdem, ob Teile des Trägersystems wieder verwendend werden können oder nicht. Damit liegt die Falcon Heavy tatsächlich weit vor der geplanten schweren Trägerrakete der Nasa, deren Start, bei einer Nutzlast von 100 Tonnen, rund eine Milliarden Doller verschlingen soll.

Damit scheint die Marktwirtschaft zu triumphieren. Der private Konzern SpaceX kann nun große Nutzlasten in den Weltraum zum Bruchteil der Kosten befördern, die beim Projekt der öffentlich finanzierten Nasa fällig wären. Und dennoch stellt sich die Frage, was SpaceX dort eigentlich will.

Jenseits der Satellitenbeförderung, die ein seit Jahrzehnten etablierter Geschäftszweig ist, ergeben sich keine neuartigen profitablen Geschäftsfelder für das Trägersystem. Die Eroberung des Weltraums, die Kolonisierung des Sonnensystems, die Musk immer wieder propagiert - sie sind schlicht nicht profitabel.

Die gegenwärtige Weltraummanie, bei der Hightech-Milliardäre wie Musk oder der Amazon-Chef Jeff Bezos neue Märkte in den Weiten des Alls erschließen wollen ist Folge der Überakkumulation an Kapital in der gegenwärtigen kapitalistischen Systemkrise.

Den gigantischen Bergen an anlagewilligen Kapital, über die Konzerne wie Amazon verfügen, stehen kaum noch profitable Anlagemöglichkeiten zur Verfügung - deswegen sinken ja seit Jahren die Investitionsraten in allen kapitalistischen Kernländern.

Angesichts des erreichten Produktivitätsniveaus gibt es schlicht keine profitablen Anlagemöglichkeiten für das Kapital, um Arbeitskraft in nennenswerten Ausmaß in neuen Industriezweigen zu verwerten. Zu den Folgen dieser Überakkumulation zählen, neben den bekannten Finanzmarktblasen, auch solche Tendenzen zur kapitalistischen Durchdringung des Weltraums.

Da die Expansionsbewegung des Kapitals auf der endlichen Erde stockt, soll stattdessen uferlose Verwertungsbewegung in den Weltraum neue Märkte und Industrien erschließen. Deswegen träumt etwa Jeff Bezos von Weltraumfabriken, die Konzerne künftig im Orbit der Erde errichten sollen.

Deswegen will Musk den Mars kolonisieren und dabei Weltraum-Städte für Millionen von Marsbürgern schaffen. Der Verwertungszwang des Kapitals, der auf der Erde zunehmend an seine inneren und äußeren Schranken stößt, wird in der Ideologie des Weltraumkapitalismus einfach den Weltraum erschließen.

Jeff Bezos kann es sich etwa locker "leisten", jährlich Aktien im Wert von einer Milliarde US-Dollar zu veräußern, um das kapitalistische "Wettrennen in den Weltraum" zu finanzieren:

Und selbstverständlich handelt es sich hierbei um kapitalistische Chimären, die niemals "profitabel" sein können: Das Verhältnis zwischen den wahrlich astronomischen "Investitionen", die zum Aufbau einer Weltraumindustrie mit Fabriken und ganzen Produktionsketten notwendig sind, und den eventuellen Profiten, die sich erst nach Jahrzehnten einstellen würden, ist einfach zu ungünstig.

Kein einzelner Kapitalist oder Konzernverband kann die vielen Billionen mobilisieren, die dazu notwendig wären, eine Weltraumindustrie - die von der Ressourcenförderung bis zum Endprodukt aufgebaut werden müsste - aufzubauen, während Dekaden ohne nennenswerte Einnahmen ins Land gehen würden.

Dasselbe gilt für die Idee, den Mars im Rahmen des kapitalistischen Profitkalküls zu kolonisieren: Es sind absurd hohe Kosten, denen auf lange Sicht keine Einnahmen gegenüberstehen. Es wird folglich bei dem Tesla Roadster bleiben, den Musk zum Roten Planeten schickte.

Deswegen versucht Musk beispielsweise, eine Nachfrage auf der Erde nach der Kolonisierung des Mars zu schaffen. Dies macht er vermittels der Prognose eines baldigen zivilisatorischen Zusammenbruchs.

Die kapitalistische One World sei dem Untergang geweiht, argumentieren die Weltraumkapitalisten wie Musk oder Bezos, deswegen solle nicht etwa der Kapitalismus überwunden, sondern in den Weltraum exportiert werden. Die Kolonisierung des Mars oder des Mondes stelle dieser Ideologie zufolge eine letzte Überlebenschance für die Menschheit dar - da die Überwindung des Kapitalismus für die "Visionäre" des Weltraumkapitalismus schlicht nicht vorstellbar ist.

In der Vorstellungswelt eines Musk würden die megareichen "happy few", die es sich leisten können, die im Chaos versinkende Erde, der ein "extiction event" bevorstehe, verlassen und ihr neues Reichenghetto auf dem Mars beziehen. In dieser Ideologie des Weltraumkapitalismus schafft somit die Krise des Kapitals die Nachfrage nach der Kolonisierung von Himmelskörpern.

Es wird bei diesen luftigen Fantasiegebilden bleiben: In der eingangs skizzierten Realität sind die visionären Weltraumkapitalisten - die Weltraumstädte und die Apokalypse prognostizieren - weiterhin auf öffentliche Gelder angewiesen, um im Weltraum Geld zu verdienen, indem sie etwa als Dienstleister für die öffentlich finanzierte ISS tätig werden. Im Rahmen des kapitalistischen Verwertungszkalküls ist der Weltraum nicht zu erobern.

Hinzu kommt noch die extreme Verschwendung von Ressourcen, indem konkurrierende Weltraumkapitalisten dieselbe Infrastruktur mehrmals aufbauen. Schon jetzt verwandele sich der erdnahe Weltraum in einem "Müllplatz für Milliardäre", wie The Guardian warnte, da die Raketenstarts bei infantilen PR-Aktionen "milliardenschwerer Playboys" zunehmende ökologische Schäden verursachten und etwa zum Schwund der Ozonschicht beitrügen.

Eine ernsthafte Expansion in den Kosmos scheint indes nur jenseits des Kapitals möglich - in einer Weltgesellschaft, die ihre Reproduktion bewusst gestaltet, anstatt sie der blinden Markt- und Verwertungsdynamik des Kapitals auszuliefern.

Erst nach der Überwindung der kapitalistischen "Vorgeschichte der Menschheit" (Marx) kann der globale Kraftakt gewagt und organisiert werden, den Weltraum zu erobern. Das globale Projekt eines ernsthaften, postkapitalistischen Aufbruchs in den Kosmos würde auch eine neue, postkapitalistische Identität ausformen: "Ich bin Mensch."

Der Weltraumkommunismus, der in der Science-Fiction am ehesten von Star Trek Filmen eingefangen wurde, erfordert tatsächlich den Aufbau einer Weltraumindustrie, die aber - aufgrund der besagten gigantischen "Investitionen" - nicht mehr im Rahmen des Profitkalküls realisiert werden kann.

Allein schon die Herstellung von Raumschiffen, die für sehr lange Weltraumreisen geeignet wären, kann gar nicht auf der Erde bewältigt werden (diese müssten gegen Weltraumstrahlung isoliert sein), da hier die Gravitation zu stark ist, um die erforderlichen Lasten in den Weltraum zu heben.

Deswegen sind Überlegungen zur Kolonisierung und Industrialisierung des Mondes im Rahmen einer stellaren Expansion der Menschheit so populär.

Hier, angesichts der auf dem Erdtrabanten vorhandenen Ressourcen könnte ein kosmisches Sprungbrett entstehen, auf dem eine ganze Produktionskette für die Herstellung von Raumfahrzeugen entstünde. Die niedrige Gravitation, gepaart mit hoch automatisierten Fördertechniken und Fabriken, eröffnete die Möglichkeit, Großschiffe für die bemannte Raumfahrt im gesamten Sonnensystem zu fabrizieren.

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