Die Qualität der Informationsmedien nimmt ab

Ein Zustandsbericht der Schweizer Medien, der auch auf andere Länder übertragbar sein dürfte, ist Besorgnis erregend, Online-Medien sind keine Ausnahme

In der Schweiz wird nicht nur die Nutzung von Informationsmedien (Presse, Fernsehen, Radio, Online) durch den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft/Universität Zürich (fög) erfasst, sondern erfreulicher Weise ist auch die Qualität der Medien Gegenstand der Analyse. Die Ergebnisse der diesjährigen Untersuchung findet man im Jahrbuch 2011 Qualität der Medien - Schweiz Suisse Svizzera - und einige Erkenntnisse dürften nicht nur für die Schweiz Geltung haben.

Der Zustand und die Entwicklung der Informationsmedien, die, wie hervorgehoben wird, für die Demokratie unabdingbar seien, können nach dem Befund durchaus als Besorgnis erregend gelten. Es hat sich nicht nur ein "Quantensprung" der Pressekonzentration 2010 ereignet, die Informationsmedien würden auch zunehmend weniger genutzt. Besonders betroffen sind die Informationsangebote im Fernsehen. Auch die Nutzung der Nachrichtensites würde nach einem deutlichen Wachstum bis 2009 nur noch gering ansteigen, zudem sinkt die Benutzungsdauer. Gegenüber Radio, Presse und Fernsehen ist die Abdeckung der Online-News noch immer gering. Wer nur Informationen zu bieten hat, fährt schlecht: "Die wesentlichen Newssites aus den traditionellen Pressehäusern hinken weit hinter der Nutzung von Onlineportalen her, die neben Information vor allem Dienstleitungen anbieten (Replay, Agenturticker, Mailservices usw.)."

Während sich der Anteil der Softnews gegenüber den Hardnews in allen Medien, besonders aber Online und in den Gratiszeitungen, vermehrt, habe auch der "einordnende Journalismus" gegenüber der "episodischen-kurzfristigen Berichterstattung" an Bedeutung verloren. Bei Gratiszeitungen sei die Einordnungsleistung gar gegen Null gegangen:

In den Gratismedien erscheint die Welt als ein in Einzelereignisse zergliedertes Universum. Ursachen werden kaum noch aufgezeigt, Phänomene nicht mehr eingeordnet und erklärt. Dasselbe gilt auch für die privaten Radiosender. Die geringen einordnenden Anteile der Gratiszeitungen off- und online werden nur noch von den Newssites der Boulevardzeitungen unterboten.

Deutlich zugenommen habe die "personalisierende Betroffenheitsberichterstattung im Zusammenhang mit Katastrophen, Unfällen und Kriminalität sowie eine intensivere Personalisierung von Rollenträgern in Politik und Wirtschaft. Offenbar schwindet das Interesse an sachlicher Hintergrundinformation, könnte man meinen. Das aber kann man so offenbar nicht sagen, meinen die Autoren, weil eigentlich die "moralisch-emotionale Berichterstattung" abgenommen und ein "sachlich-argumentativer Stil" stärker geworden sei. Das müsse aber relativiert werden, weil die Medien sich gerne bei sachlich gehaltenen Agenturmeldungen auch bei episodischen Kurzmeldungen bedienen.

Die Sachlichkeit ist also unbeabsichtigte Folge einer Textübernahme, wobei beispielsweise die Meldungen der Schweizer Nachrichtenagentur sda, wie sich mit einer Plagiatssoftware erkennen ließ, "zu einem erheblichen Ausmaß" ohne Nennung der Quelle durch "Copy&Paste" verwendet wurden. Auch hier kommen die Newssites neben den Gratiszeitungen wieder schlecht weg:

Speziell bei den Onlinemedien und den Gratiszeitungen zeigt sich eine Tendenz, Agenturmeldungen mit wenig Aufwand moralisch-emotional aufzuladen und sie mit reißerischen Titeln anzureichern.

Auch wenn Informationen aus Mitteilungen und PR-Maßnahmen von Unternehmen stammen, neigt man in den Medien gerne zur Intransparenz und macht die Herkunft nicht explizit. So können die Unternehmen ihre Werbung unmittelbar in den Medien kostenlos fortsetzen:

"Zum einen wird nicht weniger als 40% der untersuchten Unternehmensberichterstattung durch PR-Aktivitäten ausgelöst, zum anderen in 56% die Deutungsperspektive der Unternehmen einfach übernommen."

Ernüchternd ist auch die sicher zutreffende Erkenntnis, dass Medien Verstärker des "politischen Populismus" sind, wenn diese provokant auftritt. Was man in Deutschland mit Sarrazin erfahren konnte, der in allen Medien seine Meinungen verbreiten durfte, war in der Schweiz etwa mit der Minarett- und der Ausschaffungsinitiative der rechten SVP zu erkennen:

Da das politisch Inkorrekte über einen hohen Nachrichtenwert verfügt, erzielen die provokanten Paid-Media-Kampagnen zur Minarett- und zur Ausschaffungsinitiative eine hohe Medienresonanz. Es gelang diesen Kampagnen aber auch, die mediale Auseinandersetzung mit der Thematik zu verschieben: Statt eines Konflikts zwischen befürwortenden und ablehnenden politischen Parteien dominiert ein solcher zwischen den Trägern der Initiativen und den problematisierten Fremdgruppen.

Allgemein schneiden hinsichtlich aller Qualitätsmerkmale das Öffentliche Radio und die großen überregionalen Abonnementszeitungen wie die NZZ oder Le Temps am besten ab. Dann kommt das öffentliche Fernsehen, während es bei den Online-, Boulevard- und Gratismedien die größten Mängel gibt. Bei den Online-Medien vermuten die Autoren, dass hinter dem Qualitätsverlust die "beschleunigte News-Produktion im Internet" stünde.

Es stimmt trotz der Online-Medien noch weitgehend, was der Soziologe Niklas Luhmann konstatierte: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Und offenbar wissen wir, trifft der Trend allgemein zu, der in der Schweiz beobachtet wurde, von der Gesellschaft und der Welt immer weniger. (Florian Rötzer)