Die Rechtschreidebatte kommt endlich zur Ruh

Zu viel Umgang mit künstlicher Intelligenz schwächt das menschliche Denkvermögen

Auf der Publizistik Konferenz 2008, die am Wochenende in Anspach zu Ende ging, waren sich die Experten einig: Zu viel Umgang mit PCs ist geistig ungesund. Der Mensch denkt eben anders als die Maschine. Während beispielsweise eine Maschine bei Tippfehlern rausfliegt, zeigen neueste Forschungserbegnisse, dass diese die Menschen eher zum kritischen Nachdenken anregen.

Ehemalige deutschsprachige Kolonien, die an der Konferenz teilnahmen. Auch Vertreter aus dem heute fast in Vergessenheit geratenen Neuschwabenland waren dabei.

Rechtschreibpolitik und Denkstrukturen

Jeder kennt es von Spam: Man verdreht Buchstaben oder nutzt gleich aussehende Zahlen und schon wird "V1agra" am Filter vorbei eingeschmuggelt. Microsoft hat außerdem neulich verkündet, gegen Buchstabenverdreher (typo-squatters) vorgehen zu wollen. Seit einigen Jahren ist auch bekannt, dass der Mensch problemlos Texte lesen kann, in denen alle Wörter falsch buchstabiert sind, solange die Buchstaben am Anfang und am Ende stimmen(Vgl. Unlguailbch!). Bei Computersprachen verursacht aber jeder Tippfehler ein Problem. Die Menschen sind also viel flexibler als die PCs und können abstrahieren.

Auf der Publizistik Konferenz 2008 wurde ausgerechnet Telepolis als besonderes Beispiel kritischen Journalismus hervorgehoben. Die Webseite berichte nicht nur über Themen jenseits des Mainstream, so Günther Freiermut in seiner Keynote-Ansprache, sondern ermutigt die Leser gerade durch den lässigen Umgang mit der Rechtschreibung, Distanz zum Text einzunehmen und selbst eine Meinung zu bilden. Freiermut, Medienprofessor an der TU Berlin und Autor von "Die augenblickliche Erotik", nannte die Rechtschreibdebatte der letzten Jahre eine "überflüssige Manie, die am wesentlichen komplett vorbeigeht".

Das Forschungsteam um Freiermut fand in einer langjährigen Studie heraus, dass die Rechtschreibpolitik von Telepolis genau jene menschlichen Denkstrukturen fördert, die im Computerzeitalter zunehmend vernachlässigt werden. Laut Miriam Weber, Chefin vom Dienst bei Duden, ist das menschliche Denkvermögen in Zeiten zunehmender Digitalisierung gefährdet. In der von ihr geleiteten Paneldiskussion erklärte Frau Weber den Zuhörern, dass ein Wildwuchs in der Rechtschreibung "die Fähigkeit zu kreativem und kritischem Denken" fördere. Das zeige sich unter anderem im Leser-Forum bei Telepolis, wo immer wieder qualifizierte Kommentare zu Inhalt und Form der Telepolis-Beiträge zu finden seien. "Durch eine lockere Rechtschreibpolitik ermuntert man die Leser dazu, Stellung zu den Texten zu nehmen, über unser aller Ausdrucksformen zu reflektieren, und in sich zu gehen".

Vor wenigen Jahrhunderten, so Freiermut, hätten die Menschen in der Aufklärung auch keine Standardschreibweise gehabt, aber das habe sie nicht daran gehindert, den Fortschritt zu beschleunigen. So sei es der Aufklärung gelungen, Hexenverbrennungen zu einem Massenphänomen avancieren zu lassen, ohne dabei selbst in Verbindung gebracht zu werden. Das sah der als "deutsche Mittelalter-Papst" gehandelte Professor Marcel Reich-Ranitzki, der der Konferenz teilhaftig wurde, genau so: "Bei Hexenverbrennungen denken ja die meisten Menschen heute an das Mittelalter, nicht an die Aufklärung".

"stealth spelling"

Dieser Zusammenhang erklärt die Anwesenheit vom ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfield, der gerade von einer geheimen Mission in Mittelamerika nach Deutschland geflogen war, um der Konferenz beizuwohnen. "Miriams Ausführungen werfen ein Licht darauf, was eine flinke, schlagkräftige Rechtschreibung ["stealth spelling" -- A.d.R.] alles übertünchen kann." Auch Rumsfield wünsche sich, dass seine Regierung - wie das Zeitalter der Aufklärung - der Nachwelt liebevoll in Erinnerung bleibt und nicht mit ihren Untaten in Verbindung gebracht werde.

Klaus O. Thälerweit, langjähriger Technikkritiker und Vorstand des Vereins Deutsches Liedgut, unterstützte das Vorhaben von Telepolis in seiner Ausklangansprache: "Künftige Generationen werden zunehmend erwarten, dass ihre Mitmenschen so wie PCs und Spielkonsolen reagieren: Input/Output auf Knopfdruck. Bei Menschen müssen wir uns aber in Geduld, Irrationalität, und Ungenauigkeit üben -- fragen Sie doch meine Ex!"

Zweifelfisch

Sebastian Sig, Autor der berühmten Sprachkolumne "Zweifelfisch", wies in seiner Pausenbrotrede darauf hin, dass Shakespeare in seinem Testament seinen Namen auf verschiedene Weisen geschrieben habe, und keine der Schreibweisen sei die von heute, was seine Werke auch nicht davon abgehalten habe, mehrfach und unterschiedlich ins Deutsche übersetzt worden zu sein. In ihrer "Welcome in Germany"-Ansprache rief Bundesbildungsministerin Dschavan die internationalen Teilnehmer aus der Schweiz, Österreich, Ost-Belgien und den ehemaligen deutschen Kolonien in Erinnerung: "Auch Göthe hat seinen Namen falsch geschrieben", was ihn freilich nicht am Entwurf seiner Farbenlehre gehindert habe. Dschavan möchte nun einen Ausschuss ins Leben rufen, um zu untersuchen, ob man das Fach Deutsch bundesweit in den Schulen am besten ganz abschaffen sollte, denn es sei "heute wichtiger, schlechtes Englisch zu können als richtiges Deutsch". Ein ähnliches Programm hat Dschavan als Bildunsgministerin in Baden-Würtemberg aufgestellt; in Anspach meinte Dschavan dazu, sie habe "noch nicht realisiert, wie erfolgreich das Projekt ist".

Göthens Farbenlehre

Die nun enthüllte Philosophie von Telepolis ist seit der Konferenz auf breite Zustimmung gestoßen, z.B. bei Helmut Marquardt, Gründer des Magazins Fokus, dessen Motto "Facts, FAQs, Fax" zeigt, wie zentral die Buchstaben bei Fokus schon immer waren. johannes lorenz, chefredakteur von der "zeit", meinte, seine wochenzeitung würde mitmachen, solange die großschreibung aufgegeben wird. Miroslav Klosemann von der Finanziellen Times Germany sagte, durch den Wegfall der Rechtschreibabteilung könne die FTG Kosten einsparen, was in Zeiten steigender Preise für pinkfarbenes Papier notwendig sei.

Suchmaschinentreffer

Aber nicht alle sehen nur Vorteile. So befürchten die Betreiber der zwei größten Suchmaschinen Juchhe! und Goggle, der Wildwuchs an Schreibweisen könne Trefferquoten schmerzlich treffen. Der ehemalige deutsche Torwart Oliver Kaan mischte sich als Gast bei Joachim B. Kärnter in die Diskussion ein: "Man gießt Wasser, man begießt Pflanzen". Und Kai Deckelmann, Chefredakteur des einflussreichen Tagesblatts Graphix, bezweifelte, ob seine Leserschaft mit einem Rechtschreibwirrwarr klarkäme: "Wir setzen in Zukunft eher auf Fotomanip... er, Montagen! Ja, Montagen...".

Auch die EU-Kommissarin Viviane Redding warnte, die Aufgabe der Rechtschreibung könne die Vorratsdatenspeicherung durcheinander bringen. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Scharr meinte, das sei gut so.

Heinz-Hans Heise sagte selbst, sein Verlag überlege sich angesichts der Mehrdeutigkeit menschlicher Sprachen, zumindest für iX ganz auf Computersprachen umzusteigen, damit noch weniger Leute das Magazin verstehen. Bei heise online und c't scheiterte der Umstieg auf eine künstliche Sprache bereits vor Jahren, weil sich die Redaktionen nicht auf eine gemeinsame Computersprache (C+, C++, oder C#?) einigen konnten. Die deutsche Technology Review verhandelt seit der Konferenz mit dem Bildungsministerium, um Zuschüsse für eine schlechte Rückübersetzung ins Englische zu bekommen.

Sobald sich alle interessierten Parteien bis zur Rechtschreibuntersuchungskammer (kurz: 'Ruh') in Karlsruhe durchgeklagt haben, wird die Rechtschreidebatte endlich ein Ende haben. Noch ist aber unklar, wie sich die Ruh verhalten wird. Auf der Konferenz gab Hans-Jürgen Papier, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zur Verfassungskonformität des Vorstoßes von Telepolis lediglich die wenig aussagende Meinung zu Protokoll, die Aussprache sei wichtiger als die Schreibweise. (Craig Morris)