Die Reichen werden mehr und reicher

Die US-Manager stellen die globale Einkommensavantgarde dar, aber die der anderen Ländern holen auf; weltweit gibt es 8 Mio. Millionäre, die insgesamt 30 Billionen US-Dollar besitzen

Den leitenden Managern der großen multinationalen Konzerne geht es gut, auch wenn die Wirtschaft insgesamt eher vor sich hindümpelt. Am besten scheint es jedoch den amerikanischen CEOs zu gehen. Die Steigerungsraten bei den Managergehältern sind jedenfalls sehr viel höher als die Zuwächse der Unternehmensgewinne, wenn es diese überhaupt gegeben hat. Der Trend scheint in allen Ländern ähnlich und daher unvermeidlich. Allerdings gibt es ein Land, in dem die Managergehälter nicht nur fast bescheiden, sondern sogar gesunken sind. Überdies werden die Reichen weltweit allgemein immer reicher, aber auch ihre Zahl wird größer (vgl. Die "hyper-rich" hängen die Reichen ab).

Dass nicht unbedingt die Leistung oder der Erfolg der Maßstab für die Höhe der Managergehälter ist, dürfte angesichts mancher Pleiten und Misserfolge eigentlich unumstritten sein. Und dass Manager, genau so wie in anderen Berufen, nicht notwendig die klügsten, kreativsten, entscheidungsfreudigsten oder wie auch immer besten sind, ist wohl auch kaum von der Hand zu weisen. Dass es im Gegensatz etwa zum Sport viele und ganz unterschiedliche Gründe sind, warum manche die "chain of command" und damit auch die Einkommensleiter hochgestiegen sind, wird auch niemand bestreiten wollen. Und dass diejenigen, die Milliarden hin- und herschieben, ein anderes Verständnis von angemessener Bezahlung haben, als viele ihrer Angestellten, ist sowieso ebenso klar, wie ihr Verständnis von der eigenen Wichtigkeit.

Aber die Frage muss, mit oder ohne Neid, erlaubt bleiben, aus welchem Grund, wie für einen Bericht berechnet wurde, ein Manager der 350 größten US-Unternehmen im Jahr 2004 ein Einkommen bezieht, das 240 Mal höher liegt als das des durchschnittlichen Angestellten. Anders herum: Das durchschnittliche Einkommen eines Angestellten in der US-Privatwirtschaft beträgt hingegen gerade einmal 0,4 Prozent des Einkommens eines Managers.

Fragen kann man auch schon allein deswegen, weil dieses Verhältnis nicht immer so war. 1980 lag es noch bei 35:1. Leisten also die Manager des Jahres 2004 so viel mehr als die im Jahr 2002, als dieses Verhältnis noch bei 145:1 lag? Inflationsbereinigt sind die Managergehälter zwischen 1980 und 2003 um 480 Prozent gestiegen. Von 2003 auf 2004 wurden es noch einmal 14,5 Prozent mehr. Die Löhne stiegen hingegen nur um einige Prozent, stagnierten teilweise und gingen zurück. Auch 1980 herrschte Kapitalismus, die Wirtschaft dürfte nicht so viel anders gewesen sein, ebenso wenig dürfte sich die Arbeit der Manager heute so sehr von der Arbeit früherer Manager unterscheiden, die im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen der Angestellten sehr viel weniger bekamen.

Im Sicherheitsetui von Millionen lebt es sich anders

Geändert haben sich offensichtlich die gesellschaftlichen Bedingungen, die mit dem Aufkommen der neoliberalen Ideologie nicht wirklich das Unternehmertum, sondern die Managerprofession geadelt haben, so dass jetzt – einschließlich Steuervergünstigungen – unverhältnismäßige Einkommenssteigerungen sowie eine wachsende Einkommenskluft möglich und akzeptabel wurden. Nach dem Untergang des Realsozialismus hat sicher auch die Alternativenlosigkeit des Kapitalismus dazu beigetragen. Und ein ganz wesentlicher Faktor ist, dass nicht das feste Einkommen, sondern vor allem den Zusatzleistungen in Form von variablen Vergütungen wie Aktienoptionen zu der Explosion geführt haben. Die "wirklichen" Gehälter liegen bei den Managern in den USA oft nur bei einer Million Dollar und weniger, die Zusatzeinkommen aber im zweistelligen Millionenbereich.

Die kapitalistische Ideologie ist in dem Sinne amoralisch, als sie ähnlich der darwinistischen Theorie die Frage nach der Gerechtigkeit nicht kennt oder diese vermeidet. Wer "besser" ist und mehr "leistet", so die Ideologie vereinfacht auf ihren Kern, hat Erfolg (wenn keine unvorhergesehenen Ereignisse von außen eintreten), wer der Konkurrenz nicht Stand halten kann, geht unter (oder wird entsprechend gering entlohnt). Ganz selbstverständlich sind jeweils die Tätigkeiten höherwertig, die der Kapitalist oder Manager ausführt (der vieles nicht kann und nicht weiß). Es ist eine bestimmte Leistung, die höher bewertet wird als andere Kenntnisse und Fertigkeiten, die allerdings zum Erfolg auch notwendig sind. Manager sind ein Produkt der Arbeitsteiligkeit, also der wechselseitigen Abhängigkeit, allerdings entscheiden sie, wovon Erfolg und Existenz des Unternehmens abhängt.

Allerdings ist die kapitalistische Ideologie auch schon deswegen immer schief, weil es kaum einen wirklich freien Markt gibt. Unternehmer und Manager nehmen gerne Markteinschränkungen, Vorteile und Subventionen in Anspruch (und versuchen die Politik dementsprechend zu beeinflussen), wenn sie Vorteile davon haben. Nur bei Innehaben eines möglichst großen Monopols lässt sich die freie Marktwirtschaft rückhaltlos preisen. Aber wer bereits Zig-Millionen angehäuft hat, kann auch nicht wirklich fallen, sondern läuft nur das Risiko, nicht mehr bekommen. Wer im Sicherheitsetui steckt, weiß nicht, wie es ist, keines zu haben.

Noch zumindest führen die US-Manager den Trend an. Die Manager anderer Industriestaaten müssen sich (noch) mit bescheideneren Einkommen zufrieden geben. Auf durchschnittlich die Hälfte kommen als erstes die Schweizer, mit 42 Prozent ihrer US-amerikanischen Kollegen folgen dann schon die Deutschen, die Kanadier liegen bei 40 Prozent, die Briten und Italiener bei 37 Prozent. An Ende stehen abgeschlagen die japanischen Manager mit 20 Prozent.

In der Supermacht, die nach ihrem Präsidenten gerne diesen amerikanischen Traum weltweit verbreiten würde, sind die Ungleichheiten am größten, zumindest was die anderen Industrieländer betrifft. Legt man nur die Einkommen, nicht die Zusatzleistungen zugrunde, so ist das Verhältnis zum Einkommen des durchschnittlichen Angestellten in den USA 45:1. Bei den anderen Staaten stehen die britischen Manager mit 28 Prozent an der Spitze, die deutschen liegen mit 22 Prozent im Mittelbereich. Mit Abstand bilden unter den reichen Industrieländern die japanischen Manager mit 9:1 am Ende.

In Japan sind in der Zeit von 1988-2003 auch erstaunlicherweise die Managereinkommen um 4 Prozent gesunken (was wohlgemerkt nicht die Optionen und die Pensionsansprüche betrifft). In den USA sind sie im selben Zeitraum um 196 Prozent gestiegen, in Deutschland um 146 Prozent. Aber die US-Manager stellen die Avantgarde dar, die anderen versuchen aufzuholen. So haben die schwedischen Manager, die zuvor bescheidener waren, um 217 Prozent zugelegt und haben damit erst einmal mit den anderen europäischen Kollegen gleichgezogen. Noch stärker haben die Australier mit 308 Prozent zugelegt. Schweizer und deutsche Manager führen allerdings weiterhin das Feld hinter den Amerikanern an.

8,3 Millionen High Net Worth Individuals

Nach dem Reichtumsbericht von Capgemini und Merrill Lynch & Co. ist im letzten Jahr der Reichtum der Reichen, die mehr als eine Million US-Dollar besitzen (high net worth individuals - HNWIs), das Wohnhaus allerdings nicht mit eingerechnet, wieder angestiegen, nämlich um 8,2 Prozent. Damit besitzt diese Gruppe, der weltweit 8,3 Millionen Menschen angehören, über 30 Billionen US-Dollar. Allerdings ist im letzten Jahr auch die Zahl der Millionäre um 7,3 Prozent oder 600.000 Menschen angestiegen.

Am meisten neue Millionäre gab es in Singapur, Indien, Australien und Hongkong. Die europäischen Länder sind, mit Ausnahme von Großbritannien und Spanien, mit einer Zunahme von nur 4 Prozent zurückgefallen, vor allem Deutschland, Frankreich und Italien, die die Hälfte der Wirtschaftskraft der EU ausmachen. Nordamerika überholte 2004 erstmals mit 2,7 Millionen HNWIs die Europäer mit 2,6 Millionen Millionären. In Afrika gibt es 100.000, aber mit über 13 Prozent die größte Zunahme an HNWIs. Mit über 28 Prozent ist der Reichtum durch den Anstieg der Ölpreise im Mittleren Osten am stärksten gewachsen.

Der Bericht konstatiert, dass es die Mittelschicht der Millionäre mit einem Besitz zwischen 5-30 Millionen US-Dollar derzeit schwer hat, ihren wachsenden Reichtum zu verwalten. Angesichts der Komplexität wenden sie sich vermehrt an Spezialisten, die für sie ihr Geld anlegen sollen. Das drücke zusammen mit den wachsenden Kosten, ihren Lebensstil aufrechtzuerhalten, auf die Erwartungshaltung, was dabei herauskommen soll. 2004 hatte es weltweit das größte Wirtschaftswachstum seit 20 Jahren gegeben, die nächsten Jahre werden die Zuwachsraten nach dem Bericht geringer mit durchschnittlich 6,5 Prozent ausfallen. Der Reichtum der HNWIs würde dann bis 2009 auf 42 Billionen anwachsen.

Wie ein anderer Bericht zeigt, haben zumindest die reichen US-Amerikaner Angst vor der Zukunft oder um ihren Wohlstand. Eine repräsentative Befragung von Menschen, die zu den reichsten einem Prozent der US-Amerikaner gehören, erbrachte das Ergebnis, dass erstmals nicht mehr wie seit dem 11.9. 2001 die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Terrorismus vorherrscht. 81 Prozent äußerten die Sorge, dass es die nächste Generation schwieriger als die jetzige haben werde, ihre finanziellen Ziele zu ereichen, was wohl bedeutet dürfte, zumindest den Reichtum zu wahren oder ihn zu vermehren. Man sorgt sich auch darum, dass die Ausbildungskosten und die Inflation steigen und die Aktieneinkünfte sinken könnten.

Nach dieser Umfrage legen die reichen US-Amerikaner durchschnittlich 36 Prozent ihres Vermögens in heimischen und 5 Prozent in internationalen Aktien an, 19 Prozent gehen in heimische festverzinsliche Wertpapiere und 17 Prozent in Geldanlagen. Der Rest steckt in Immobilien, im Geschäft, in Hedgefonds oder im Venture-Kapital. Bei der anderen Umfrage unter den Millionären kam heraus, dass 34 Prozent des Vermögens in Aktien, 27 Prozent in festverzinsliche Anleihen und 12 Prozent in Geldanlagen gesteckt werden. Hier heißt es auch, dass die Reichen besonders von der Steuerreform der Bush-Regierung profitiert haben. (Florian Rötzer)