Die Reicheren sind stolz auf sich, die Ärmeren wenden sich eher Anderen zu

US-Psychologen haben untersucht, wie sich das Haushaltsvermögen in unterschiedlichen positiven Gefühlen niederschlägt

Menschen aus armen und reicheren Schichten unterscheiden sich nicht nur im Hinblick auf das Vermögen und die Gesundheit. Bekannt ist, dass arme Menschen im selben Land eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als reiche. Bekannt ist auch, dass reiche Menschen selbstbezogener sind, sie können sich gewissermaßen Zuwendung kaufen, während ärmere Menschen eher auf ihre Mitmenschen ausgerichtet und angewiesen sind. Wissenschaftler haben nun eine Umfrage in den USA ausgewertet, um zu sehen, wie das Haushaltsvermögen mit positiven Gefühlen und letztlich mit Glück zusammenhängt.

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Geld macht nicht glücklich, heißt es. Zumindest das hören die Ärmeren gerne, die sich mit ihrer Lage abfinden müssen und man mit Neid und Grämen über das eigene Unglück auch nicht zufriedener lebt. Allerdings wird kaum jemand behaupten, dass Geld an sich unglücklich macht. Zumindest was die Lebenszufriedenheit angeht, scheint es reichen Menschen denn auch besser zu gehen.

Nach Studien sei bekannt, so Paul Piff und Jake Moskowitz von der University of California, Irvine in ihrem Beitrag für die Zeitschrift "Emotion", dass sich Menschen aus den reicheren Klassen oder der Oberschicht durch ihren Wohlstand einer größeren Autonomie und einer geringeren Aussetzung an sozialen und Umweltgefährdungen erfreuen, wodurch sie stärker nach innen gerichtet und selbstbezogen sowie weniger abhängig von anderen sind. Menschen aus der Unterschicht sind mehr Gefährdungen wie Kriminalität oder schlechten Schulen ausgesetzt. Weil sie weniger Mittel haben, etwas dagegen zu unternehmen, sind sie stärker extrovertiert und achten intensiver auf den sozialen Kontext und ihre Abhängigkeit von anderen.

Menschen aus sozioökonomischen Oberschicht neigen, wenn es um positive Gefühle geht, eher zu Stolz und Selbstgenügsamkeit, diejenigen aus der Unterschicht eher zu Mitleid und Liebe. Diese gegensätzliche Neigung zum Selbstbezug bzw. zum Bezug auf Andere wollten die Wissenschaftler mit der Umfrage überprüfen, in der einerseits nach Stolz und Selbstzufriedenheit (Selbstbezug) und andererseits nach Liebe und Mitleid (Bezug zu Anderen) gefragt wurde. Zum Test wurde nach Schichtenunterschieden bei "epistemiologischen", informationshaltigen Gefühlen gesucht: Vergnügen wie bei einem Witz, Ehrfurcht und Begeisterung. Die Versuchspersonen wurden gebeten, Aussagen über selbsteingeschätzte positive Gefühle auf einer Skala von 1 bis 7 zu bewerten. Zur Liebe wurde etwa die Aussage vorgegeben: "I develop strong emotions toward people I can rely on", zum Vergnügen ("Many things are funny to me") oder zur Selbstzufriedenheit ("I feel satisfied more often than most people"). Dazu wurden sie aufgefordert, ihr Haushaltseinkommen, ihre politische Haltung und ihre religiöse Orientierung anzugeben.

Die Auswertung ergab keine großen Unterschiede zwischen den Schichten, aber sie waren ähnlich ausgeprägt wie bei anderen Untersuchungen. Zudem liege eine national repräsentative Umfrage unter vielen Personen vor, so dass die Ergebnisse vertrauenswürdig seien, so die Wissenschaftler. Ähnlich wie in anderen Untersuchungen sind die Angehörigen der reicheren Schichten stärker selbstorientiert, sie zeigen mehr Stolz und Selbstzufriedenheit, aber auch ein höheres Maß an (selbst zugeschriebenem) Vergnügen, während die Ärmeren eher stärkere Gefühle gegenüber Anderen, also Mitleid und Liebe, zeigen. Aber sie schätzen sich auch als begeisterungsfähiger ein. Die positiven Gefühle der reicheren Menschen, so deuten die Wissenschaftler, könnte dem höheren Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit entsprechen. Die Ärmeren könnten stärker harmonische, wechselseitige Bindungen eingehen, weil ihnen dies hilft, mit ihrer eher unwirtlichen Umgebung zurechtzukommen.

Die Deutung klingt seltsam. Die Ärmeren werden als die Schwächeren gezeichnet, die sich in Beziehungen und Zuwendungen flüchten. Bei den Reicheren taucht in der Studie so ein negativer Unterton nicht auf, wenn gesagt wird, dass sie nach Unabhängigkeit oder Selbstgenügsamkeit streben. Man könnte auch sagen, dass ihnen Gemeinsamkeit, Mitgefühl und Herzlichkeit fehlt und sie eher auf Durchsetzung in der Konkurrenz ausgerichtet sind.

Die Wissenschaftler wollen als Quintessenz eher sehen, dass die nach Einkommen bestimmten sozialen Schichten verschiedene Formen des Glücks haben, also dass Glück - hier kommt die Moral wieder ins Spiel - nicht nur den Reichen eigen ist. Reichere finden mehr Glück "in ihren Leistungen, in ihrem Status und ihren individuellen Erfolgen", Ärmere trösten sich gewissermaßen in der Gruppe und finden ihr Glück in Beziehungen, in denen sie für andere sorgen oder sich mit diesen verbinden.

Ist alles also schön ausgewogen, jeder findet nach seinem Geld das seiner Schicht eigene Glück? Die Autoren, vermutlich Angehörige der reicheren Schicht, neigen dazu, wenn sie sagen: "Diese Ergebnisse legen nahe, dass Menschen mit weniger Einkommen Wege entwickelt haben, um zurechtzukommen, Bedeutung, Glück und Freude in ihrem Leben trotz der relativ weniger günstigen Bedingungen zu finden." (Florian Rötzer)

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