Die Religionsunternehmer

Bild: Catedral Mundial da Fé, Gottesdienst in Rio de Janeiro/CC BY-SA 3.0

Wie evangelikale Megakirchen mit ihrem fundamentalistischen Kapitalismus-Kult im Brasilien Bolsonaros rapide an Einfluss gewinnen

Mission accomplished? Der neue Präsident Brasiliens wusste ganz genau, wem er seinen Wahlsieg zu verdanken hatte. Seinen ersten öffentlichen Auftritt nach dem gewonnenen Urnengang absolvierte Jair Bolsonaro in der evangelikalen Kirche seines Chefpropagandisten und engen Verbündeten Silas Malafaia. Der charismatische Prediger hat bei dieser Gelegenheit die kommende Amtszeit des rechtsextremen "Tropen-Trumps" in ein göttliches Licht getaucht:

Gott wird das Schicksal dieses Volkes verändern: Die Misere, die Gewalt, die Arbeitslosigkeit, die Korruption, das Elend - im Namen von Jesus Christus, treibe diese Gesandten der Hölle aus Brasilien hinaus!

Jair Bolsonaro

Der nie um Obszönitäten verlegene Rechtsextremist Bolsonaro, der schon mal pornographische Videos auf Twitter verbreitet, gilt als der Kandidat der aufstrebenden, konservativ-fundamentalistischen evangelikalen Bewegung in Brasilien. Während des Wahlkampfes bemühte sich der zweimal geschiedene Katholik Bolsonaro emsig um die Stimmen der gut vernetzten und rasch expandierenden evangelikalen Kirchen.

"Brasilien über alles, Gott über allem"

Schon der zentrale Wahlkampfslogan Bolsonaros, "Brasilien über alles, Gott über allem", war darauf abgestimmt, Nationalismus und Chauvinismus mit christlichem Fundamentalismus zu amalgamieren. Der Hass des brasilianischen Präsidenten auf sexuelle Minderheiten, der ihn immer wieder zu entsprechenden Entgleisungen treibt, bildet genauso einen gemeinsamen Nenner mit den evangelikalen Fundamentalisten wie ein stockkonservatives Familienbild und eine repressive Abtreibungspolitik.

Vor zwei Jahren ließ sich Bolsonaro anlässlich einer Israel-Visite medienwirksam ein zweites Mal im Jordan taufen, was als ein Fingerzeig Richtung der evangelikalisch-fundamentalistischen Wählerschaft diente. Die dritte Frau des rechtsextremen Präsidenten Brasiliens stammte praktischerweise aus der Gemeinde seines evangelikalen Verbündeten Malafaia.

Diese Taktik war sehr erfolgreich, da die evangelikalen Stimmen einen wichtigen Faktor bei dem Sieg des Diktaturanhängers bildeten. Ersten Schätzungen zufolge sollen zwischen 70 und 73 Prozent aller evangelikalen Christen in Brasilien für Bolsonaro gestimmt haben.

Während die Wählerwanderung zur extremen Rechten innerhalb der Katholiken Brasiliens mit fünf Prozent relativ gering blieb und deren Stimmen sich beim vergangenen Urnengang nahezu gleichmäßig auf die Kandidaten der linken und der extremen Rechten verteilten, haben bei den Evangelikalen rund 20 Prozent der Wähler einen Rechtsschwenk vollführt. Bei den vorletzten Wahlen stimmten die Wähler dieser Gruppe noch uneinheitlich ab - ihre Stimmen verteilten sich damals ebenfalls gleichmäßig auf Linke wie Rechte Kandidaten.

Das Wahlergebnis illustriert somit die hohe politische Mobilisierungsfähigkeit der diversen evangelikalen Kirchen und Sekten, die in Brasilien rasch an Einfluss gewinnen. Brasilien war 1970 noch zu 92 Prozent katholisch, doch inzwischen geben bei Umfragen rund 30 Prozent der Befragten an, einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft anzugehören.

Der Einfluss der Neo-Pfingstler

Die zunehmende politische Machtfülle der fundamentalistischen Glaubensbewegung, die ihren Ursprung im erzkonservativen Mittleren Westen der USA, im sogenannten "Bibelgürtel", hat, ist Folge einer langfristigen, historischen Entwicklung. In den vergangenen Jahrzehnten konnten die gut finanzierten und straff organisierten Kirchen der sogenannten Neopfingstler einen beständigen Zustrom an Gläubigen verzeichnen. In den 1980ern wuchs diese Glaubensgemeinschaft im Schnitt um 7,1 Prozent jährlich, in den 1990ern beschleunigte sich das Wachstum der evangelikalen Gemeinde auf durchschnittlich 8.3 Prozent jährlich.

Die anfängliche Ablehnung des politischen Lebens durch die Pfingstler wurde von den Neo-Pfingstlern schon Ende der 1980er Jahre, nach der Überwindung der Diktatur, aufgegeben. Damals gaben viele evangelikale Gemeinschaften ihre politische Zurückhaltung auf - und ersetzten sie durch einen neuen Grundsatz: "Bruder wählt Bruder". 1987 zogen folglich die ersten 33 evangelikalen Politiker in das brasilianische Parlament ein.

Inzwischen gehören rund 15 Prozent der Abgeordneten im brasilianischen Parlament dem evangelikalen Block an, 2010 waren es nur acht Prozent. Dieser evangelikale Block agiere geschlossen, er würde "systematisch mit konservativsten Abgeordneten" abstimmen, mit "Leuten aus dem Agrobusiness etwa oder der Waffenindustrie", klagte ein progressiver Abgeordneter des brasilianischen Parlaments gegenüber dem Deutschlandfunk.

Diese straff organisierte parlamentarische Front, die bei Bedarf Zweckallianzen mit konservativen katholischen Parlamentsgruppen eingeht, verschaffte somit der brasilianischen Rechten ein hocheffizientes politisches Werkzeug. Der Einfluss der Neo-Pfingstler macht sich auch in der Personalpolitik Bolsonaros bemerkbar: Die evangelikale Pastorin Damares Alves ist von dem Rechtsextremisten zur Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte ernannt worden.

Die politische Macht der Evangelikalen Brasiliens fußt auf einem breiten ökonomischen Fundament, da viele der Neo-Pfingstkirchen eine rege wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Die Grenzen zwischen Kirche und Firmenkonglomerat, zwischen Religion und Business, verschwimmen in der evangelikalen Bewegung zunehmend. Laut der US-Zeitschrift Forbes zählt etwa Edir Macedo, der Gründer der "Universal-Kirche des Reich Gottes", mit einem Vermögen von einer Milliarde US-Dollar zu den reichsten Evangelikalen der Welt.

Einfluss wird über Medien ausgeübt: Der zweitgrößte Fernsehsender Brasiliens, Record TV, ist Eigentum der Universal-Kirche des Reich Gottes. Diese Medienmacht wurde für den Wahlsieg Bolsonaros instrumentalisiert. Record TV diente im Wahlkampf "als politische Plattform für Bolsonaro", so der Deutschlandfunk.

Reichtum als Zeichen der Gunst Gottes

Neben den Einkünften aus dem Fernsehgeschäft, aus Verlagen, Zeitungen, Radiosendern, Reiseagenturen, Banken und Immobilien ist es der Zehnte, den alle Sektenmitglieder an Macedo abführen müssen, der der Universal-Kirche den finanziellen Spielraum verschafft, enormen politischen Einfluss zu gewinnen.

Die Neo-Pfingstler pflegen eine aggressive Spendenkultur, die die Gläubigen verpflichtet, mindestens zehn Prozent ihrer Einkünfte an die Kirchenführung abzugeben. Hinzu kommen "weitere Opfer", zu denen die Gläubigen immer wieder aufgefordert würden, berichteten US-Medien. Die oft mit Einschüchterungen angereicherten Spendenaufforderungen können demnach bis zu einem Drittel der Zeit eines Gottesdienstes in Anspruch nehmen.

Es würden Bibeln herumgereicht, die von den Gläubigen mit "Bargeld, Schecks, Uhren, Juwelen" bedeckt werden müssten. Das Ganze gleiche oft einer religiös verbrämten "Erpressung", so ein Insider. Gläubige würden bei Exorzismen Satan mit tiefer Stimme imitieren, um die Höllenqualen für all diejenigen auszumalen, die nicht genug Opfer gebracht hätten. In dem in São Paulo befindlichen Hauptquartier der Universal-Kirche befände sich praktischerweise ein Förderband, das die während der Gottesdienste erbrachten frommen Gaben direkt in einen sicheren Raum transportieren würde.

Die sehr erfolgreiche, religiös verbrämte Ideologie, die den evangelikalen Religionsunternehmern immer neuen Schäfchen zutreibt, wird als "Theologie des Wohlstands" oder "Theologie der Prosperität" bezeichnet. Der wirtschaftliche Erfolg eines Gläubigen, sein Reichtum und seine Machtfülle, sie werden als Zeichen der Auserwähltheit durch Gott gedeutet. Die Akkumulation von Reichtum durch die Gläubigen wird folglich aktiv gefördert, so das Wirtschaftsmagazin Forbes.

Persönlicher Reichtum wird somit als diesseitiges Zeichen der Liebe Gottes gedeutet. Und wer bei dem Gottesdienst viel spendet, der kann sich seiner Gottesgefälligkeit versichern - Gott müsse den Reichen Gönner auserkoren haben, so das Dogma. Religion sei "schon immer ein profitables Business" gewesen, kommentierte Forbes dieses religiöse Geschäftsmodell. "Und wenn du ein evangelikaler Prediger in Brasilien bist, dann sind die Chancen, den himmlischen Jackpot zu knacken, derzeit ziemlich hoch."

Für viele Brasilianer scheint diese "materialistische" Religion eine hohe Anziehungskraft zu genießen, da hier praktischerweise das diesseitige und jenseitige Wohl des Gläubigen in eins fallen: das übliche Streben nach Reichtum im kapitalistischen Diesseits und das ewige Leben im Jenseits. Die evangelikale Sängerin Aline Barros fasste laut Forbes diese religiösen Überzeugungen, die sich perfekt in den kapitalistischen Produktivitätskult einfügen, in folgenden Appell:

Was hast du für das Königreich Gottes getan? Was hast du für Gott produziert? Wenn du noch lebst, wenn du noch den Atem des Lebens verspürst - produziere!

Aline Barros

In solcher Ideologie schient der Kapitalismus als eine Art säkularisierter Religion zu sich zu kommen. Die Politikerin Monica Francisco erläuterte gegenüber dem Deutschlandfunk diese diesseitigen Reize der "Wohlstandtheologie" im verarmten Brasilien:

Der Wunsch, sozial aufzusteigen, der Misere zu entfliehen, das greifen die auf mit ihrem Wohlstandsevangelium, das perfekt zum kapitalistischen System passt. Es geht nicht um Nächstenliebe, nicht darum, das Leben der Gemeinschaft im Hier und Jetzt zu verbessern oder gegen soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen, sondern um den persönlichen, auch finanziellen Erfolg. Je mehr man besitzt, je mehr man verdient, umso höher steht man in der Gunst Gottes.

Monica Francisco

Raffen für Mammon - das scheint der schnöde Kern der Geldreligion erfolgreicher evangelikaler Kirchen in Brasilien und in anderen Ländern des globalen Südens zu sein. Dabei sind selbstverständlich nicht alle evangelikalen Gemeinden den Weg des schnellen Geldes gegangen. Monica Francisco engagiert sich beispielsweise in den Favelas von Rio - und sie ist Mitglied einer evangelikalen Gemeinde, die das Evangelium des Wohlstandes ablehnt und sich an der Theologie der Befreiung orientiert.

Obwohl die meisten evangelikalen Politiker stockkonservativ seien, gebe es auch eine kleine, aktive Gemeinschaft progressiver Evangelikaler, berichtete das Magazin Foreign Affairs. Diese Gruppen, die sich im Wahlkampf aktiv gegen Bolsonaro positionierten, verfügten nicht über die "finanziellen Ressourcen", um ihre politischen Forderungen wirksam zu propagieren.

Gruppen und Zusammenhängen wie "Linke Christen" oder "Christen gegen Bolsonaro" sei es nicht gelungen, gegen das Narrativ in den Massenmedien anzukommen, wonach alle Evangelikalen dieselben konservativen Ansichten bei kontroversen sozialen Fragen teilten. Deswegen würden diese progressiven Evangelikalen derzeit "am Rand des religiösen politischen Aktivismus" verbleiben.

Mammon hat das Diesseits nun mal so eingerichtet, dass diejenigen, die an ihn alltäglich anbeten, auch über die "finanziellen Ressourcen" verfügen, um ihre Sicht der Dinge im Massenbewustsein zu etablieren - nicht nur in Brasilien.