Die Retter Griechenlands

Mit 600 Milliarden US-Dollar sollte Griechenland gerettet werden, viele griechische Medien fielen auf die Betrüger herein

Eine Gruppe griechischstämmiger US-Amerikaner hat es fertig gebracht, zum zweiten Mal einen großen Teil der Medienwelt zu narren. Sie versicherten steif und fest, dass sie 600 Milliarden US-Dollar beisammen hätten, um so sowohl Griechenlands als auch mit weiteren 50 Milliarden Zyperns Staatsschulden frei zu kaufen und die Wirtschaft in beiden Ländern zu beleben. So etwas hören die vom Sparkurs geplagten Griechen verständlicherweise gern. Ohne Gegenleistung wollten auch die selbsternannten Wohltäter nicht spenden. Nur mit einer Verfassungsänderung und sofortigen Neuwahlen sollte das Geld fließen.

Am 30. September hatte die Gruppe, die sich E.N.D. (End National Debt) nennt, eine Pressekonferenz im nicht gerade preiswerten Athener President Hotel abgehalten. Der Vorsitzende von E.N.D., der Chirurg Emmanuel (genannt: Manolis) Lambrakis, beklagte sich bitterlich, dass Premierminister Antonis Samaras ihm eine einstündige Audienz verweigern würde, während er andererseits andauernd mit der Kreditgebertroika verhandeln und diese um Geld anbetteln würde. Dabei könne er, Lambrakis, "buchstäblich innerhalb von drei Minuten 600 Milliarden Dollar von der Bank abheben".

Lambrakis erklärte nach und nach, dass er sein Geld keineswegs zu verschenken habe. Vielmehr sei die mythisch erscheinende Summe in Form von US-amerikanischen Staatsobligationen bei einer kanadischen Bank Diamond and Diamond auf einem Spezialkonto hinterlegt worden. Auf das Konto könnte, so Lambrakis, nur zugegriffen werden, wenn bestimmte Vorbedingungen erfüllt seien. Zunächst interessierte sich kaum jemand für die ominösen Vorbedingungen. Denn die Aussicht auf eine sofortige Entschuldung des Staats überdeckte alle Zweifel.

Auf die Tagesordnung brachte die "Nachricht", die sofort von weiteren Medien, darunter auch großen Fernsehsendern aufgegriffen wurde, der Journalist Makis Triantafyllopoulos mit seinem Internetmagazin Zougla.

Never ENDing Story

Aber Moment? Zougla, Triantafyllopoulos, E.N.D.? War da nicht schon einmal etwas? Richtig, vor knapp einem Jahr hatte Triantafyllopoulos entdeckt, dass von einem längst vergessenen Finanzhaus, der Banque D’ Orient noch Wertpapiere im Umlauf sind (Ein Geschenk zur Rettung Griechenlands vor der Pleite). Diese seien, hieß es damals, 670 Milliarden Euro wert.

Welch ein Zufall, könnte man meinen. Doch auch seinerzeit hieß die Organisation, die im Besitz der fraglichen Papiere war, E.N.D.. Auch 2011 fanden sich bei E.N.D. der Vorsitzende Lambrakis, ein Herr Artemis Sorras, sowie der Universitätsprofessor Thodoros Karyotis aus Maryland. Letzterer war, wie von der Parteiführung beschrieben, " als Professor des universitären Systems des Bundesstaats Maryland in den USA, Spezialist für Seerecht und langjähriges Mitglied der PAK (Vorgängerorganisation der PASOK), Gründungsmitglied der PASOK und griechisches Delegationsmitglied bei den Verhandlungen zur UN-Seerechtskonvention" auf Platz vier der Landesliste Kandidat der PASOK bei den zwei Parlamentswahlen 2012. Ins Parlament schaffte es Karyotis, der als persönlicher Freund des Parteichefs Evangelos Venizelos bezeichnet wird, wegen des niedrigen Wählerzuspruchs der PASOK nicht.

Augenscheinlich war für einige Journalisten genug, dass ein Mensch vom Kaliber Karyotis als Vizepräsident der Organisation eine gewisse Seriosität garantierte. Vielleicht hielt sie dies davon ab, nach dem finanziellen Hintergrund der "Wohltäter" zu suchen.

Wer ist der superreiche Grieche Lambrakis?

Niemand stellte sich die Frage, wieso Lambrakis und Konsorten mit ihrer Milliardensumme nicht auf der berühmten Forbes-Liste stehen. Immerhin hat die Nummer drei der Liste, Warren Buffet, nur schlappe 44 Milliarden Dollar Vermögen. Wie kann da eine Handvoll weitgehend unbekannter Griechen 670 Milliarden Dollar kontrollieren? Für einen weiteren Vergleich der Größenordnung sorgt der Hinweis auf den größten Gläubiger der USA. Die Chinesen halten US-Schuldverschreibungen über 1170 Milliarden in Händen.

Noch stutziger wird der Chronist, wenn ein halbwegs fleißiges Bedienen der Suchmaschine Google auswirft, dass Lambrakis in den USA fast schon als chronischer Pleitier gilt. Im Juni 2012 konnte er wegen ein paar Hunderttausend Dollar, die ihm fehlten, eine seiner Firmen nicht mehr retten, im Mai 2012 erging es ihm ebenso und auch im Juli 2010 endete ein Unternehmen des umtriebigen Lambrakis glück- und erfolglos vor US-amerikanischen Insolvenzgerichten.

Zumindest bei Karyotis, der sich im englischen Sprachraum Theodore Kariotis transkribiert und sich rühmt, als "the great Greek Professor" bekannt zu sein, stimmen die biographischen Angaben. Der Mann unterrichtet tatsächlich Wirtschaftswissenschaften und er stellt auch Videoaufzeichnungen seiner Vorlesungen samt Literaturhinweisen ins Internet.

Eventuell hätte man aber auch lesen können, dass ein von Zougla.gr präsentiertes staatliches, kanadisches "Dokument" nicht besagt, wie viel Geld die Gruppe zur Verfügung hat, sondern lediglich eine Bestätigung der Echtheit der Unterschrift enthält. Dass auf die gleiche Gruppe zwei gemeinnützige Stiftungen mit dem Namen E.N.D. angemeldet sind, fällt bei der Überprüfung der Beteiligten kaum mehr ins Gewicht. Die griechische Stiftung heißt E.N.D. – Ellas never dies - und die amerikanische E.N.D. – end national debt. Wen wundert es, dass die "Ellas never dies"-Funktionäre im Gegenzug zu ihrer milden Gabe unter anderem die Wiedereinführung des Altgriechischen als verbindliche Amtssprache fordern? Bis vor wenigen Tagen wunderten sich viele Journalisten lieber nicht.

So konnte Lambrakis zusammen mit seinem Kompagnon Sorras am 30.Septermber ohne Widerspruch verkünden, dass "in Toronto in Kanada bei der Zentralbank bereits 600 Milliarden Dollar auf ein Konto der griechischen Republik hinterlegt wurden". Die beiden wollten nicht mehr als 0,5 Prozent Zinsen von Griechenland und für ihre 50 Milliarden Dollar überhaupt gar keine Zinsen von Zypern. Die Kredite, denn als solche stellten sich die patriotischen Wohltaten heraus, sollten eine Laufzeit von fünfzig bis einhundert Jahren haben. Beide hätten bereits bei der UNO im Rahmen einer nicht näher beschriebenen Versammlung über stolze drei Minuten zu afrikanischen Staaten gesprochen und so 24 Kreditanträge für Darlehen mit einer Zinsrate von 0,5 Prozent erhalten.

Folgerichtig argumentierten sie, dass sie im Gegenzug für die Freigabe der Gelder vom griechischen Staat ihre Bedingungen erfüllt haben wollten. Darunter befand sich außer den Neuwahlen und der Verfassungsänderung im Sinn der E.N.D. die Verdopplung von Renten und Löhnen. Wer an den glorreichen Rettern öffentlich zweifelte, musste sich wie bei der vom TV-Sender Extra 3 ausgestrahlten Sendung "Makeleio" live anhören, dass er "ein Judenfreund" sei.

Aus der Traum, "the great Greek Professor" irrte sich

Das griechische Finanzministerium dementierte die Gerüchte über eine 600 Milliarden Dollar Offerte als böswillige Farce, wirklich aufgeklärt wurde der Fall in allen Medien jedoch erst bis zum Wochenende.

Was die Gruppe tatsächlich in Händen hält, sind nicht 650 Milliarden Dollar US-amerikanischer Staatsanleihen, sondern Wechsel über 650 Milliarden Dollar. Diese Wechsel haben sie sich mehr oder weniger selbst ausgestellt, weil sie einige Aktien der Banque D'Orient mit einem Gutachten hinsichtlich deren theoretischen Werts hinterlegt haben.

Das betreffende Gutachten stellte "the great Greek Professor" Kariotis aus. Zerknirscht gestand dieser in einem offenen Brief ein, dass er zu lange gute Miene zum bösen Spiel gemacht habe, aber von den eigentlichen Motiven der Gruppe lange keine Ahnung gehabt hätte . Er habe schließlich nur den theoretischen Wert der Aktie der Bank D'Orient berechnet. Aktien dieser Bank sind übrigens immer noch über eBay erhältlich. Das Papier wird teurer gehandelt als im Vorjahr, heuer sind 267,99 Euro pro Wertpapier fällig, im letzten Jahr waren es nur 7,50 Dollar.

Lambrakis und Soras werden trotzdem wenig Freude am Gewinn ihrer Papiere haben, die beiden halten nach eigenen Angaben mindestens vierzig Aktien, sie hätten demnach auch mit Hilfe ihrer Räuberpistole theoretisch knapp 10.500 Euro Mehrwert für die Wertpapiere generiert. In Griechenland haben sie jedoch unter anderem juristischen Ärger wegen ihres frechen Betrugs und einer Strafanzeige des konservativen Abgeordneten Adonis Georgiadis. In ihrer Heimat, den USA, ist das FBI hinter ihnen her. Die Bundespolizei goutiert nicht, dass eine Handvoll Griechen in der Weltgeschichte herumlaufen und erzählen, dass die USA ihnen 600 Milliarden Euro schuldet.

Makis Triantafyllopoulos Internetpräsenz hat da weniger Probleme. Immerhin bekam der gute Mann, der über einen angeschlossenen e-Shop nanobiotische Wunderjacken vertreibt , durch die Aufregung um die Landesretter mal wieder höhere Klickzahlen. (Wassilios Aswestopoulos)